30.06.2006

RL ARCHIVE JUL 06 +++ Franco Cinelli – Argentina Sunrise








“Wir sind bereit”

Weite. Unglaubliche Weite. Raum. Der sich von der einen Seite des Kontinentes zur anderen erstreckt, dazwischen die Unendlichkeit, die sich zunächst imposant erhebt, dann sanft wellt, um schließlich in sagenhaften Flachlandabschnitten zu verlaufen. Ein Fluss, der sich einer gigantischen Mündung entgegen windet. Ein riesiger funkender Kristall, von diesigen Schlieren überzogen, die das Flimmern der Lichter verschwimmen lässt. Buenos Aires. Delirium. Doch halt. Lassen wir alles vorm Inneren Auge noch einmal zurückspulen und verweilen, sanft über das Land gleitend, flussaufwärts in einer etwa dreihundertfünfzig Kilometer entfernten Region, in der sich eine weitaus kleinerere Stadt befindet.

Rosario. Rosenkranz der Spanier, die hier auf dem Weg zum in den Hochlanden von Peru und Bolivien befindlichen Golde vor über fünfhundert Jahren eine Mission nach der nächsten gründend auf Zwischenstation niederließen. Hier ist Franco Cinelli zuhause, der heute in den Flieger steigt und nach Spanien fliegt, um dort seine Mission anzutreten: Die Menschen in Europa wissen zu lassen, dass sich in Argentinien eine kleine, aber ernstzunehmende Gruppierung von DJs und Produzenten zusammengefunden hat, die lange Zeit an ihrer eigenen Definition von minimalen Technotraumhouseundsphärenklängen gefeilt hat und nun bereit ist. Mehr als bereit. Das Internet und ein wacher Geist haben dafür gesorgt, dass die elektronische Musikszene in Argentinien, wenngleich auch völlig unbeachtet vom Rest der Welt, seinen eigenen Advent hatte.

“Ich bin für alles offen”

Doch nicht nur deutsche Artists und Labels, sondern auch Künstler wie Sutekh, Mikael Stravostang, Bern, Johan Skugge und Andreas Tilliander haben hier ihre Spuren hinterlassen. Und so hat die eigene Pionierarbeit – der 27-jährige Franco ist seit neun Jahren als professioneller DJ aktiv – dafür gesorgt, dass sich hier eine Produzentenszene mit Künstlern wie Elephant Pixel, Violet, Boing, Emisor oder Marcelo Fabián geformt hat, die alles andere als proghousetrancig, nach wie vor der dominierende Clubstyle, produzieren. Was dazu geführt hat, dass es in Rosario nun den Listen-Club gibt, mitbegründet von Franco. Das Konzept: keine DJs, sondern nur Livesets. Ein weiterer Schritt nach vorne. Argentinien kommt.

“Ich bin bereit.” sagt Franco. Hat alles eingepackt, was er braucht. Seine Sounds und Loops, seine Platten und Files, für den Gig in Barcelona zum Sónar und seinen Auftritt in München. Drei Monate Europa. “Ein Konzept habe ich aber nicht. Ich plane nicht. Auch, was ich in meiner Zeit in Europa produzieren werde, kann ich nicht sagen. Ich bin für alles offen.” Franco Cinelli. Ein Mensch, der mit seiner ruhigen, fähigen Art nach Vorne steuert, direkt ins Bewusstsein der Europäer, für ihn das Mekka der elektronischen Musik. “Europa hat einfach eine andere Infrastruktur als Argentinien, Leute, die innerhalb der Subkultur an etwas arbeiten, was dazu beiträgt, dass Dinge möglich sind, sich etwas bewegt. Eine unabhängige Szene, Labels, die autonom arbeiten und dafür sorgen, dass ein Nährboden für Artists exitiert, und Clubs, die durch die Auftritte dieser Künstler für eine direkte Verbindung mit dem Publikum sorgen. Das alles gibt es hier in Argentinien in so professioneller Form nicht.” Noch nicht. Hört man die neuesten Produktionen und die Livesets in Listen, hat man das Gefühl, bei der Geburt von etwas ganz Neuem, Großen dabeizusein.

Text>
kat@planetkat.com

KLinks>
www.francocinelli.com.ar
www.sumodehouse.com/sss
http://igloo-rec.com.ar
www.mosferry.de


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