29.06.2006

RL ARCHIVE JUL 06 +++ Outpost Transmissions From The Toolshed: Was machen eigentlich… 808 State?








Die eigentliche Forte der Formation lag ganz klar im gezielten Manipulieren einer Maschine der Techno-Generation, dessen Sound die Welt für immer verändern sollte: Mit den rohen, säurehaltigen Acidbleeps der 303 und den bösen Beats der 808 schufen sie den perfekten Soundtrack für die aufkeimende Raveszene, die 1987 im Club Hacienda das Licht der Welt erblickte... Fünfzehn Jahre später dann der Untergang: Ein Wechsel von Label und Management hat zur Folge, dass das letzte Album, “Outpost Transmissions”, fast gar nicht wahrgenommen wurde, und 808 State zum ersten Mal richtig vom Radar verschwanden… Für immer? fragte sich Raveline und forschte nach…

The Only Drummachine That Bites

Durch die Musikalität der einzelnen Mitglieder schafften 808 State es, einen zeitlosen Sound zu kreeieren, der über die Modeerscheinung der ersten Ravesignale hinausging und der viele ihre Tracks zeitlos erschienen lässt, wie auch ihre Live-Auftritte beweisen, die nichts an Originalität eingebüßt haben. Was auch Aphex Twin Richard James befand, der das erste Album sowie ein aus sintflutlichem Tapematerial zusammengebastelten Pre-Album 2004 auf seinem Rephlex-Imprint rereleaste, die nicht nur von der IDM-Gemeinde als die Bahnbrechendsten gefeiert werden. Doch sind da neben “Newbuild” und “Prebuild”, auch noch die unvergesslichen Alltimeklassiker “90”, das einstmals selbst herausgebrachten “Quadrastate”, “Ex:El”, recorded mit New Orders Bernard Sumner und Björk, und die Jubiläumskompilation, einem “Best Of 808 State”-Album namens “808:88:98”, die für immer und ewig den unvergleichlichen Spirit einer total dem eigenen Sound verpflichteten Kombo reflektieren: “Wir hätten jeden Morgen ein 808-State-Morgenappell gefahren, wäre dies zur Eigenmotivation nötig gewesen. War es aber nicht,” sagt Graham Massey heute.

Und? Was macht die Kombo heute? Nun, um die Wahrheit zu sagen, eigentlich nichts. Und zugleich doch sehr, sehr viel. Dazu später mehr. Zur Zeit liegt das Projekt nämlich eigentlich auf Eis. Unfreiwillig. Dazu ebenfalls später mehr. Dennoch sind die einzelnen Mitglieder in anderen Bands und Gruppierungen aktiv und somit keineswegs untätig oder weg vom Fenster, wie man meinen könnte, wenn man in Betracht zieht, dass diese Legende einer Live-Band bereits vor über siebzehn Jahren Trends setzte. Hier ein kleiner Rückblick auf die Karrierehighlights der Manchesteraner Band, die sich 1988 in einem Plattenladen zusammenfand und deren Outings seit jeher freigeistige Spielereien ernsthaft aktiver Musiker waren.

“Wir lieferten die Vorlage, wie eine Technoband aussehen konnte – das Vorbild einer neuen Techoband-Generation, die sich bedeutend besser vermarktet hat als wir.”

Seit 1992 besteht die Band aus drei Kernmitgliedern, und seitdem hat sich die Konstellation auch nicht wesentlich geändert, wenn man von den Drummern, heute Pat Illingworth, und Bassisten, zur Zeit Paddy Steer, absieht: Graham Massey, der uns für diesen Artikel Rede und Antwort stand, sowie die beiden Spinmasters Darren Partington und Andrew Barker, heute nach wie vor als DJs aktiv. Verflossene Mitglieder: Martin Price, der bereits 1992 vor der ersten großen US-Tour völlig unerwartet ausstieg, und Gerald Simpson, weitaus bekannter unter seinem “Voodoo Ray”-Moniker A Guy Called Gerald, der heute in Berlin lebt und unter anderem auf K7! releast, der bereits 1989 einen Karriereschwenk einlegte und 808 State verließ.

“Wir hatten auch durch unsere verschiedenen Backgrounds jede Menge rohe Energie, die wir ins Studio miteingebracht haben,” erzählt Graham. “Ähnlich wie Pink Floyd zu ihrer Zeit schafften wir mit relativ progressiven Sounds den Sprung ins Bewusstsein der Masse. Wir nahmen uns selbst nicht so ernst, und damit haben wir die Leute überrascht. Sie haben Kraftwerk erwartet – geboten wurde Comedy. Mit unseren Liveauftritten schufen wir die Basis, wie eine Technoband aussehen konnte – und dienten somit als Vorbild für eine neue Generation, die sich bedeutend besser vermarktet hat als wir: die Chemical Brothers und The Prodigy zum Beispiel… und dienten als Soundclash-Rivalen für The KLF, was sich auch in unseren Videos widergespiegelt hat.”

“Wir haben die Leute überrascht. Sie haben Kraftwerk erwartet – geboten wurde Comedy”.

Um 1993 stabilisierte sich die Szene und formierte sich um die Aktivitäten der DJs, was ein wenig Einfluss darauf nahm, dass 808 State, deren Stücke sich niemals um ein DJ-freundliches Format scherten, ins Hintertreffen gerieten. Dennoch: dank dieser mangelnden Bereitschaft, für den Floor zu produzieren, schufen sie einige der zeitlosesten Klassiker der elektronischen Musikgeschichte. Heute würde wahrscheinlich kein Label die Aktivitäten der musikalischen Tausendsassas supporten, wie Massey selbst eingesteht, aber zu ihrer Zeit wurden die einzelnen Mitglieder für Remixangelegenheiten und Kollaborationen mit Dance-Superstars wie UB40 und Blue Pearl herangezogen – mit entsprechendem Chartsuccess. Was beweist, wie viel Spielraum in dieser Sturm-und-Drangzeit der elektronischen Musikgeschichte existierte – der sich auch für alle Beteiligten auszahlte.

Dennoch: fast fünfzehn Jahre nach der Geburt der Band schoss man mit dem Wechsel von Label (und anschließender Pleite des selben) und Management ein marketingtechnisches Eigentor, was zur Folge hatte, dass das 2003 releaste “Outpost Transmissions”, das letzte Album der Band, so gut wie gar nicht wahrgenommen wurde und durch den finanziellen Rückschlag zur Auflösung des Studios führte. Zur Zeit hoffen die Northerners auf ein Rerelease ihres letzten Albums und geben sich derweil eine vielleicht wohlverdiente Auszeit. “Wir haben den Spirit und die Lust an 808 State niemals verloren, und somit ist klar, dass das Projekt irgendwann wieder auferstehen wird.” In der Zwischenzeit werkeln die Madchesteraner, nach wie vor Teil einer der experimentellsten und musikalisch offensten Musiker-Gemeinde Englands, weiter in ihrer Werkstatt, dem Toolshed, und kreeieren in variablen Outfits Sounds, die irgendwo zwischen organischem Bandethos und industrieller Experimentalelektronik anzusiedeln sind und die von Artists wie Autechre oder Add N To X aufgegriffen werden. Ein unter dem Moniker ein Massonix produziertes Album von Graham Massey wird im Oktober auf Manchesters Skam Records erscheinen, und auch sonst ist einiges in der Pipeline. Drin ist alles, vom Blaserkonzert bis zum Filmprojekt. Was uns zum Schluss kommen lässt, dass wahre Musiker eben einfach nicht totzukriegen sind. Recht so.

Das Transkript des gesamten Interviews könnt ihr bald – in Englisch – hier auf Planetkat.com auschecken.

Text> kat@planetkat.com
Thanks> Graham. Yeah!

KLinks>
www.808state.com – mit unzählige Livesets, unreleased Tracks und Bootlegs zum Downloaden für umme.
www.tool-shed.com – mehr zum Thema crazy Musikerkommune

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