02.06.2006

RL ARCHIVE NOV 2002 +++ State Of Chaos: Rebel Against A Cause







I like the hard bass drums slamming down on me

Wütend lehnten sie alle geläufigen Werte ab, ohne wirkliche Lösungen zu offerieren oder irgendetwas am bestehenden System ändern zu können – die Punks von Damals. Auch heute, über 25 Jahre später, machen zwei Menschen ihrem Ärger und ihren Frustrationen Luft und zerstören, was sie zerstört, nämlich falsche Hoffnungen und Engstirnigkeit, ein glamourös rebellischer Akt. Da kann man sich zum Auftakt die Frage wirklich nicht verkneifen, ob Johannes jetzt zum Beatnik geworden ist. So heißt auch, nach einem archetypischen Jo-Heil-Intro mit verspultem Synapsen-Knapsen, der Auftakttrakt, in dem zum ersten Mal Simon Wuttons wütende Stimme zu hören ist. “Nein, zum Beatnik bin ich nicht geworden”, sagt Johannes am Telefon, “aber abgetaucht bin ich. Verschiedene Sachen produziert hab’ ich. Und zwar, was ich schon immer machen wollte, mich aber nicht getraut hab’. Ich habe mir selbst die Freiheit gegeben, alle Dogmen zu brechen. Alles, was auf mir gelastet hat, wenn es darum geht, was man darf oder was nicht darf, ist weg! Alles scheißegal!” Johannes kichert. “Das Album ist so etwas wie der erhobene Mittelfinger. Kritiker, die sich von der Oberfläche blenden lassen, und Leute, die mich in ‘ne Schublade stecken, haben den auf jeden Fall verdient. Und ‘n Vogel gezeigt. Die ganze Palette, hähä!” Hört, hört – Johannes ist zum rotzfrechen Punker mutiert. “Nee, ich hab einfach gelernt, dass es das Beste ist, bei der Wahrheit zu bleiben. Manchmal muss man einfach sagen, was man denkt.”

Why does it seem that I have no chance of lifting myself?

Schnell die politischen Messages hinter sich lassend postulierten Punkmusiker Anfang der Siebziger Jahre ihren Sound als Transportmittel für ihre jugendliche Frustration – denn derjenige, der sich nicht anpasst, wird vom System plattgemacht– die Gradwanderung zwischen Individueller Selbstfindung und destruktiver Fuck-You-All-Haltung ist oft ein ein selbstzerstörerischer Trip. Dabei ist das Album irgendwie gar nicht so abgewichst und radikal wie damals, als sich die Kids Sicherheitsnadeln durch die Backe stachen und nach Anarchie in the UK strebten. Anti-Establishment zu sein war ursprünglich eine powerlose Revolte gegen die verkrusteten Strukturen des Post-kolonialen Common Wealth, das, unter dem erbarmungslosen Szepter der soeben gekrönten Queen der Verrottung entgegensiechte. Massenarbeitslosingkeit, Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit. No Future. Das Geschrei der kleinkarierten Techno-Puristen schon klar in den Ohren stellte Johannes Heil auf Durchzug und machte mal wieder genau das nicht, was Hardcore-Fans von ihm erwarten. Dabei hielten sich Simon Wutton und sein Partner in Crime zwar stylemäßig lose an eine Vorlage – eine Prise Kinks, etwas The Clash, einen Hauch Sex Pistols und ein bisschen The Stranglers finden sich bei den beiden Digital-Punks wieder –, haben aber dennoch schlichtweg ihre eigene Revolution angezettelt.

Fire – you are the king. Fire – Is what I will be

Simon Wutton, eigentlich gebürtiger Engländer, ist ein Freak, der per Postbote in Johannes’ Leben trat. Dieser trug eine schwarze Box nach Bad Nauheim, die Johannes dermaßen faszinierte, das er mit Simon in Verbindung trat und ein Projekt mit ihm in Angriff nahm, das aber phantomhaft blieb und nie wie geplant Gestalt annahm. Stattdessen begannen die beiden, E-Gitarrenklänge zu synthetischen Sounds umzubauen und Sequenzen so modulieren, bis sie wie E-Gitarren klangen. “Ich wollte keine neue Musik neu erfinden”, erklärt Johannes: “Aber ich habe auf jede einzelne Spur, die du da hörst, so doll und anarchistisch drauf geschissen, das das Ergebnis schon wieder Perfektion im Chaos ist. Weder Simon noch ich sind richtig Punks. Aber wir haben eben manchen Dingen gegenüber eben doch ‘ne ruffe Attitüde, und haben diese Emotion eben ‘reingesteckt. Jeder einzelne Song hat für uns ‘ne spezielle Bedeutung. Wir haben irgendwie Bedrohung empfunden.” Die Struktur des Albums, ein Konzept von Anfang bis Ende, ein linear aufgebauter Verlauf, ist dabei mehr Johannes Heil als er selbst zugeben will: “Mein Geschmack drängt sich mir eben immer auf”, lacht er. Die Geschichte von “Across The Nation” spannt den Bogen vom ersten Aufmucken eines Individuums und das Durchlaufen sämtlicher Höhen und Tiefen bei dem Prozess das Aufbegehrens gegen eingefahrene Strukturen – von der Ursuppe aus Wut und Angst bis zum Knall am Ende.

Mirror on the wall – who is the sickest of them all?

Am meisten identifiziert sich Johannes mit dem Track “Fire”, obwohl ihm der Track “Hot Spot” – es geht um die zügellose Auslebung von Sexualität und das Sich-Selbst-Kennenlernen – auch sehr zusagt und er auch genüsslich ausführt, was Simon und er sich dabei gedacht haben. “Feuer brennt,” führt er aus, “damit ist ja wohl alles gesagt. Die lodernde Leidenschaft des Lebens, an dem man sich auch verbrennen kann. Wohl eines am häufigsten benutzen Abstraktionen der Rockmusik.” Obwohl es auch noch weitere Platten gibt, nach denen man Ausschau halten solte, wie die bald erscheinende “20,000 Leagues Under The Skin”-EP auf Kanzleramt, ist State OF Chaos mit “Across The Nation” das zur Zeit wohl spannendste Projekt. Eine Tour ist auch geplant, wo man sich den genial dichteten Simon Wutton und seinen Kollegen Johannes live reinziehen und stagediven kann, getreu nach dem Motto: “Live fast and die young – bye Mum!”

Bla: Katrin Richter. Cheers: Romy und Henning. Respekt: Heiko.

KLinks:
www.lado.de
www.kanzleramt.com


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