01.06.2006 RL ARCHIVE JUN 04 +++ Dr. Motte: “Ich will, dass ihr glücklich seid!” |
Obwohl eigentlich ein Interview auf einem Flokati in einer schwedischen Möbelhaus-Filiale geplant war, aus dem Motte in drei einfachen Arbeitsschritten das perfekte Puschelfell-Stulpenoutfit für die diesjähre Love Parade – Motto: “Love Rules” – basteln wollte, finden wir uns ziemlich gemäßigt auf dem Boden der Tasachen wieder und unterhalten uns daher über solch elementare Dinge wie Liebe, Respekt und Frieden – einfache, grundliegende Prinzipien, die den geistig jung gebliebenen und zugleich weise wirkenden Motte niemals wirklich verlassen haben. Die Gedanken, die er im Zusammenhang mit Techno und Feiern hat, sind immer noch die selben Werte, die er uns seit seiner ersten Stunde zu vermitteln sucht. Jetzt, nach vierzehn Jahren, ist vielleicht endlich der Zeitpunkt gekommen, wo dies angesichts der immer weiter schwindenden Popularität von Techno eine durchschlagende Brisanz und Relevanz wie selten erreicht hat. Leset diese Bilanz und merket, dass die Zeit gekommen ist. Die Zeit für etwas Gutes. Der Klang der Familie Es ist eine Ironie des Schicksals, dass der Mensch, der damals, zusammen mit einem Haufen Freunde, ausgezogen war, “Friede, Freude und Eierkuchen” als grundlegendes Hauptmerkmal einer ganzen Generation unter die Leute zu bringen, damit tatsächlich solchen Erfolg hatte, dass er die ganze Welt mobilisierte. Sie von unten auf revolutionierte. Menschen dazu brachte, auf die Straßen zu gehen. Und zwar nicht, weil sie gegen etwas protestierten, sondern weil sie für etwas waren. Das ist bis heute ein einzigartiges Konzept geblieben und zeigt, wie neu und wie anders Techno damals war und was für eine Faszination die damit verbundene Unity auf Millionen von Menschen ausübte. Es ist immer noch faszinierend, wie einfach es tatsächlich war, etwas hervorzubringen, was Deutschland in einer solchen Form noch nie erlebt hatte. Und dabei war das Konzept so simpel: Hundert fröhliche Birthdayparty-Feierleute hatten schlicht und ergreifend eine ganz einfache Idee und setzten sie erfolgreich um. Sie nutzen das aus dem Horror des Dritten Reiches geborene, im Grundgesetz unseres Staates verankerte demokratische Recht auf Meinungsfreiheit und meldeten ihren kleinen Umzug als Demonstration an. Und so zügellos und fröhlich hat im zynischen, verängstigten und bisweilen destruktiv dekonstruierenden Deutschland niemals wieder eine Feier an der reinen Freunde des Lebens stattgefunden. Bis heute ist die mittlerweile zur Tradition herangereifte Love Parade das einzige Event, zu dem Menschen aus der ganzen Welt reisen, um sich davon zu überzeugen, dass sich Hunderttausende von Fremden und doch so vertrauten Mitmenschen genauso am Leben erfreuen wie sie selbst. Treibendes Element von Stunde Null an war die elektronische Musik und die vielleicht genauso vereinende Liebe zur solchen. Die Familie des Kommerz Groteskerweise war der Erfolg der Idee zugleich ihr Niedergang. Nicht, dass sich dies in den ersten Jahren, im hedonistischen Taumel der Glückseeligkeit, irgendwie bemerkbar machen wollte. Denn wer wollte schon das Negative an etwas so Wunderbarem bemerken? Und wann fing es eigentlich an? Jedes Jahr von Neuem übertrafen sich die Schöpfer von Neuem. Immer mehr Menschen schienen zu verstehen, schienen zu begreifen, dass menschliches Miteinander auf so unglaublich einfacher Basis möglich war, dass Energien frei wurden, von denen nie jemand geahnt hatte, dass sie überhaupt vorhanden waren. Immer mehr Menschen ströhmten nach Berlin. Immer mehr anders denkende Menschen wurden auf die Love Parade aufmekrsam, und immer glaubten an ihr schöpferisches Potential. Als Motte mutmaßte, dass im Jahre 2020 die ganze Welt im Feierkuchen-Fieber befände, ging ein Aufjauchzen durch die mittlerweile aufmerksam gewordenen Medien: Genial, gigantisch, gut! So und nicht anders sollte es sein! Sich immer wieder selbst zu übertreffen wurde zum Credo der Bewegung. Jedes Jahr wurden es mehr. Der Ku’Damm, Berlins schwelgerische Prachtmeile, wurde zu eng. Fernsehsender ravten, Pornomacher ravten, Parteien ravten, Schlagerstars ravten. Sie alle waren sich einig: Je mehr Leute mitmachten, desto besser. Denn das war die ursprüngliche Idee. Ausgeschlossen wurde niemand. Dass Leute – im Zuge der allgegewärtigen Boomzeit von Techno – anfingen, auf die zahlreichen Wägen aufzuspringen, selbst wenn sie für Mottes muntere Marotten und seine fidel feiernden Freedomfighters nur ein müdes Lächeln übrighatten, verzieh der Meister der Integration stets mit einem milden “Music Is The Key” und weiteren massenkompatiblem Sprüchen. Kommerz und Konsequenzen Und in jedem Jahr, in dem die Menschen, die seine Message tatsächlich verstanden, seinen Ruf wirklich gehört hatten, die ursprünglichen Werte immer mehr im Hintergrund verschwinden sahen, wurden die Schreie des Protestes lauter. Sie wurden erst gehört, als die Konsequenzen des multimedialen Liebes-Laissez-Faire unübersehbaren Schaden gebracht hatten, und wirkliches Einlenken gab es auch nach derbster Kritik von allen Seiten – Naturschützer, Rentner und Nörgler glücklich vereint – nicht. Denn niemand, am allerwenigsten Motte, konnte tatsächlich verstehen, was eigentlich falsch gelaufen war. Hatte man nicht beste Absichten gehegt? Wollte man nicht die größte und beste Party der Welt, umsonst und draußen, friedlich und fröhlich, frei und demokratisch, durchziehen? Wollte man den Menschen nicht auf einfachste Art und Weise vermitteln, wie gut es sich anfühlen konnte, gleucklich zu sein? Aber das Glück der einen schien das Unglück der anderen. Und zwar in einem solchen Ausmaße, dass man sich gezwungen sah, Einhalt zu gebieten. Und zwar, wenn notwendig, in letzter Instanz, vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Und Justitia richtete im Jahre 2001. Die Love Parade war eine Party, mehr nicht, der Entzug des Demonstrationsrechtes schien gerechtfertigt. Punkt. Die Revolution war vorbei. Aber sie fraß ihre Kinder nicht. Das göttliche Kind, Dr. Motte, sitzt immer noch in Berlin und feilt an seiner nächsten Rede, die – voller Bedeutungslosigkeit für viele, bedeutungschwanger für andere – gefüllt mit Visionen von einer besseren Gesellschaft für die Besserung der generellen Umstände plädiert. Die Klangkunst des Körpers Da schwingt er sich, der junge alte Mensch, auf den Stuhl, der an einem Biergartentisch stehend nur auf ihn gewartet hat, und strahlt mit seiner ganzen Autorität Antiautorität aus. Vereint in sich die Weisheit eines Philosophen, die Spiritualität eines Gurus, die Debilität eines Idioten, die Unschuld eines Kindes und die Gewitztheit eines Gauners – und ist doch ganz normal. Ein Mensch, der immer noch, nach all den Jahren, kein bisschen anders scheint, als er früher mal gewesen sein muss. Immer noch voller Tatendrang an die Mission glaubt, dass es möglich sein muss, Menschen mit Klang zum Gleichklang zu bringen. Und sei es nur für wenige Stunden, dass Tanzen zu treibenden Beats uns zur es Erkenntnis führt, dass wir uns im Kern alle ähnlich sind. “Jeder Mensch”, sagt Motte, “sehnt sich tief im Inneren seines Wesens nach Harmonie, nach Liebe und Akzeptanz – und fürchtet sich vor Schmerz und Verlust.” Daran hat sich sein Äonen von Jahren nichts geändert, und seiner Ansicht nach sind es diese elementaren Grundbedürfnisse, die uns, von Pakistan bis nach Pegnitz, von Peking bis nach Plauen, vereint. “We Are Different” – und sind doch alle gleich. Das Erleben von Musik ist für Motte stehts ein Weg zu sich selbst gewesen, und das hat er im Laufe der Jahre immer weiter propagiert, auch wenn der Weg sich in unserer Gesellschaft sich längst nicht so individuell gestaltet, wie er eigentlich sein sollte. Aber Motte wäre nicht Motte, wenn er nicht wieder auf primitivste Weise an den gesunden Menschenverstand appellieren würde, der auf dem verschütteten Grund aller fehlgeleiteten Seelen schlummert: Eine kürzlich ins Leben gerufene Initiative namens “Wir für ein besseres Jetzt” bildet ihn in vorteilhaft dynamischer Pose ab. Der Klang des Kosmos “Bewege dich und dein Leben. Dann wirst du wachsen und deine Möglichkeiten, die du jetzt hast, nicht vergeuden”, sagt sein lächelndes Konterfei. Motte, das Vorbild. Sein “Jetzt” und seine “Möglichkeiten”, die er hat, hält Motte in festem Griff: Zur Zeit arbeitet er an einem Licht- und Klangkunstwerk, das im Rahmen der “Kunst oder König”-Projektreihe in der alten Friedenswarte aus DDR-Zeiten in Brandenburg an der Havel zur Schau gestellt wird. Die Friedenswarte, ein Relikt eines untergegangenen Regimes, das keine Einsicht zeigte, weil seine Visionen nicht den Vorstellungen der Menschen entsprach, wurde ursprünglich zu Ehren der örtlichen Stahlarbeiter errichtet, die in Brandenburg für eine bessere Gesellschaft malochten. Außerdem war den Machthabern das alte Bismarckdenkmal ein Dorn im Auge. Nun erstrahlen die zahlreichen Ebenen des Ausblicks in den bunten Spektralfarben des Regenbogens. Nachdem im letzten Jahr einfach nur Lichter in Layers gestaffelt über die Landschaft leuchteten, hat Motte in diesem Jahr das Doppelhelixartig gedrehte Treppenhaus als Basis für sein Lichtkonstrukt genommen, das sich nun in allen Farben gen Himmel windet. Die Farben wurden außerdem – auf einer Theorie von MDMA-Molekül-Vertoner Hans Custo basierend – in Klänge umgewandelt, und die dadurch entstandenen Soundspektren erklingen ergänzend zum visuellen Spektakel in den ansonsten leeren Räumen. Die Installation wird vom 4. bis zum 20. Juli im Rahmen der Love Parade zu sehen sein und dann im nächsten Jahr in ein permanentes Kunstwerk verwandelt. Die verschiedenen Ebenen in Mottes Kunstwerk der Friedenswarte stellen dann die Chakren, die tantrischen Energiezentren des Körpers, dar. In Kontakt mit dem Kosmos Auch musikalisch entwickelt sich Motte permanent weiter und hat nun auf DJ-Sets mit Namtrak aka Namito produzierte Platte namens “Bushfire” herausgebracht, die voller Breakbeats den Elan der Unverbesserlichkeit versprüht. Ungebrochen ist auch noch wie vor sein Engagement für die Love Parade, Traum und Sorgenkind zugleich. Immer mehr Hindernisse stellen sich in den Weg, immer teurer wird die Ausrichtung, immer weniger Symphatien bringen die gleichen Medien, die sich einst begeistert überschlugen, nun dem Lebenswerk des Dr. Motte entgegen. Sorgengefältelt und grauhaarig sitzt Motte da und lächelt verschmitzt, denn er wird nicht aufgeben. Warum sollte er? Eine letzte Frage drängt sich auf: Wird Motte solange weitermachen, bis nur noch hundert Leute über die Straßen ziehen? Und wäre das nicht ein Erfolg? Würde das nicht beweisen, dass Menschen, die ihren Prinzipien bis zum Ende treu bleiben, das Richtige getan haben, weil sie daran geglaubt haben? Ist denn Dr. Mottes Motto tatsächlich so antiquiert? Oder sehnen wir uns nicht immer noch danach, in tiefer Selbstversunkenheit kosmische Einheit mit dem Hier und Jetzt zu erlangen, den Moment festzuhalten und damit bis zur Ewigkeit zu verlängern? Oder ist der Moment der “One Happy Family” schon lange verstrichen? Sind wir jetzt viele Familien? Und wer sind unsere Kinder? Niemand wird uns irgendeine Entscheidung abnehmen. Auch Motte nicht. Text: Kat Richter. Pics: Nils Jacobi. Thanks: Mrs. Jacobi. Special thanks: Motte KLink: www.drmotte.de |