10.04.2006 RL ARCHIVE JAN 03 +++ Jack Your Body – 12 Stunden mit Jack de Marseille |
Jack de Marseille - halb Franzose, halb Italiener - vereint viele Gegensätze, und das spiegelt sich auch in seinen genreübergreifenden Sets wider: mediterrane Rassigkeit und afrikanische Drums, die Abgedrehtheit von Acid und Ekstase von Rave, der Sex von House und die Intelligenz von Techno werden von ihm in einem flinken Wechselspiel zu einem komplexen Urbeat zusammengeflochten. Obwohl Jack sich bisher nur durch einen genialen Remix von The Advent auf Mëlmak Records und eine Handvoll Eigenproduktionen hervortat, hat er sich durch Auftritte auf der Love Parade und der Mayday auch hierzulande eine kleine, aber feine Fanbase erspielt, die seinen eigenständigen Style zu schätzen weiß. Abgesehen davon ist Jacques Garotta ein unbeschriebenes Blatt – obwohl er seit zehn Jahren der Oberliga angehört, wurde er noch nie von einem deutschen Musikmagazin interviewt. Vielleicht ist es deswegen so herzerfrischend natürlich? Das Raveline-Action-Squad versucht, in zwölf Stunden mehr über den Marseillianer herauszufinden. In einem Coffeeshop wurde dann ausführlich diskutiert – in Französisch. Na súper. Das Amsterdam-Syndrom Heute ist Club Risk im Club More angesagt: Einer der renommiertesten Veranstaltungen Amsterdams meldet sich nach der Sommerpause mit Resident Jack de Marseille zurück. Wozu braucht man also ein Hotelzimmer, wenn man die ganze Nacht unterwegs sein wird? Es gibt sowieso keine mehr. Die beiden Reporter Hervé und der unergründlich picasso-eske Guillaume, die Jack de Marseille für 48 Stunden begleiten sollen, um dann darüber für Trax, Frankreichs größte Zeitschrift für elektronische Musik, eine Story zu schreiben, stehen also auf der Straße. Das Chaos ist perfekt. Mittendrin saust Jack, ein schlanker Mann mit asketischen Gesichtszügen, Chinamann-Kinnbart und einem Wuschelhahnenkamm herum und erklärt sich großzügigerweise spontan bereit, sein Zimmer mit uns allen zu teilen. Erleichtert auf einer Wellenlänge surfend beschließen wir daher, das Interview gemeinsam im legeren Laissez-Faire-Style in Angriff zu nehmen. Guillaume war noch nie in Amsterdam, also ziehen wir los, und es folgt der obligatorische Pflichtbesuch in einem Coffeeshop. Jack, der mindestens einmal im Monat in Amsterdam auflegt, kennt sich gut aus – er führt uns zu seinem Stammlokal, einem russisch aufgemachten gemütlichen Kifferlädchen mit einer Katze vor der Tür, die Jack leidenschaftlich anmiaut. Dieser ist sofort ganz ergriffen. Als Miss Kittins leidenschaftlich langweilige Stimme ”sniffing cocaine in the V.I.P. area” leiert, stöhnen die Franzosen genervt auf. “Sie ist mittlerweile echt total eingebildet”, meint Hervé und steckt sich eine Tüte an, bevor wir uns unserem Súperstar zuwenden. Jack gibt zu, dass er mittlerweile 36 ist. Angesichts der Energie, die er versprüht, ist dies überraschend, denn er gehört zu den Menschen, die wegen ihrer grenzenlosen Agilität alterslos erscheinen: Außerdem freut er sich, dass sein Haarstyle ganz klar schon vor David Beckham und DJ Hell in Frankreich für Furore gesorgt hat. Keine zwei Minuten später muss der etwas verstockte Guillaume vor der holländischen Ware kapitulieren und begibt sich mit Hervé auf einen Spaziergang um den Block. Endlich eine Möglichkeit, etwas mehr über Jack zu erfahren. Da wäre ja als erstes der Name, meint Jack: “Lustigerweise wird ‘de Marseille’ von den Promotern immer übersetzt, deswegen scheine ich keinen einheitlichen Namen zu haben. In Spanien heiße ich ‘Jack de Marseilla’, in Italien ‘Jack de Marsillia’, in England ‘Jack de Marseilles’.” Über meine Übersetzung, “Jack aus Marseille”, freut er sich sehr. Auch darüber, dass er sein Album endlich abgeschlossen hat. Laut Jack war dazu eine Menge Disziplin und noch mehr Pétard, das französische Wort für Smoke, notwendig. „Seitdem es allerdings die ganze Computersoftware zum Musikmachen gibt, ist es viel einfacher geworden“, gibt Jack zu, „aber der Sound von analogem Equipment ist viel wärmer, deswegen kombiniere ich beides.“ Check 1-2-1-2 Spricht‘s und grölt in das Mikrophon des Diktiergerätes: „1-2-1-2. This is just a test.“ Dieser Mann ist intensiver, als er selber wahrnimmt. Jack de Marseille ist ein Profi darin, er selbst zu sein, in seiner Selbstvermarktung tut er sich dagegen schwer. Jack erzählt ohne Zusammenhang von seiner Musik, streichelt die Katze und singt und trommelt nebenher: „Wenn ich mich in meine Musik vertiefe und das Feedback von der Crowd fühle, dann liebe ich meine Arbeit, weil ich die Verbindung spüren kann. Ich wähle etwas für die Leute aus, weil ich fühle, was sie wollen. Emotion. Ich brauche mich nach so langer Zeit nicht mehr so auf die Technik zu konzentrieren, also kann ich eine Verbindung mit den Leuten eingehen. Ich liebe es, wenn Menschen tanzen, wenn sie sich von der Musik tragen lassen. Deutschland ist kein besonders funkiges Land, aber Amsterdam hat den Funk. Aber am meisten liebe ich Afrika – denn die Leute dort wissen, wie man einen echten Trancezustand erreicht! Die Füße sind der Rhythmus, der Körper sind die Emotionen, dein Herz und deine Seele und dein Verstand vereinen sich durch die Bewegung. Man hat die Kontrolle der Musik überlassen…Ich versinke in Trance, wenn ich auflege: Die Bewusstseinserweiterung fühlt sich an wie ein Blitz!“ Mit Jus de Couille – Red-Bull-Hodensaft – und Bioskunk vergeht die Zeit im Nu. Real House Music ist heute Nacht angesagt, und obwohl Jack de Marseille mehr aus dem härteren TechHouse-Kontext bekannt ist, lässt Jack sich nicht festlegen: “Club Risk ist housig, daher spiele ich auf jeden Fall nicht so hart, aber mein Spektrum beschränkt sich nicht nur auf einen Style – ich haue auch Breaks rein!” Zuletzt habe ich Jack in Belgien auflegen hören, wo er den Ravern eine hart treibende, deeptrancetechige Schickung ins Jenseits gab. Heute abend geht die Reise in langsamere Gefilde, spiralartig werden die Tänzer immer mehr in einen tiefen Ekstase-Zustand versetzt. Pumpende Deepness, perkussive Elemente und trancige Flächen dominieren. Unendlich sexy ist der Sound: Die Feiernden scheinen dicht aneinandergeschmiegt zu verschmelzen, für ein paar Momente lang verschwimmen die Grenzen von Zeit und Raum und wir glauben, die Wahrheit gespürt zu haben: Die ureigenen Emotionen, die durch rhythmische Bewegung freigesetzt werden und in Trance harmonisch an die Oberfläche treiben, wo wir sie mit anderen teilen können. Dance to Trance Später im Hotel betrachtet Jack den Sonnenaufgang und kommt wieder auf sein Album zu sprechen: “Am Anfang ist es mir schwergefallen, im Studio genau alles so hinzubekommen, wie ich es gerne wollte. Da musste ich ganz von vorne anfangen. Deswegen habe ich meine ersten Produktionen erst nach sechs oder sieben Jahren herausgebracht.” Nachdenklich fügt Jack hinzu: “Ich produziere jetzt schon seit einigen Jahren, und die Tracks haben sich gehäuft. So langsam war für mich der Zeitpunkt gekommen, wo ich so eine Art Showcase der von mir produzierten Musik für richtig hielt – ich wollte mit meinem Sound nach Außen treten. Das Album ist ganz klar für den Club produziert. Weiter bin ich noch nicht, was meine Fähigkeiten betrifft. Ich sehe die Tracks als eine Art Rückblick und Zusammenfassung an, denn der Sound hat meinen Style über zehn Jahre lang geprägt, und meine Roots spiegeln sich ganz klar in den einzelnen Stücken wieder. Manche sind ganz klar oldstylig, aber mit moderner Technik produziert.” Mittlerweile hat sich mein Ohr an die weichen Klänge des Französisch gewöhnt, und ich gebe mich entspannt der Illusion hin, alles zu verstehen. Die drei Jungs reden über ihre Kindheit. Jack sollte eigentlich Tierarzt werden, aber als er mit sechzehn auf die Oberschule geschickt wurde, kristallisierte sich langsam heraus, dass Jack lieber Tennistrainer werden wollte. Wäre da nicht dieser Drang gewesen, sich in den Clubs von Marseille herumzutreiben, die andere Seite von sich kennenzulernen und auszuleben. “Du musst dir vorstellen, dass ich niemals geplant habe, zu werden, wer ich heute bin”, sagt Jack ergreifend: “Tanzen war meine Welt. Die Musik aus Detroit, besonders die von Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson, und der Chicago-Sound hat mich von jeher fasziniert, also habe ich einfach irgendwann angefangen, Platten zu kaufen und ein bisschen aufzulegen. Ein paar Jährchen habe ich in Marseille in einem Gayclub für Beschallung gesorgt, und auf einmal kommt aus heiterem Himmel ein Anruf aus Paris. Da war ein Typ dran, der wissen wollte, ob ich nicht bei der Transmusicale in Rennes auflegen möchte. Da war ich echt baff. Das war 1992, da fing gerade alles erst an, und der ‘Rave’O’Trans’ auf der Transmusicale war der erste Rave in Frankreich. Ich wurde auf einen Schlag im ganzen Land bekannt. Ich habe Glück gehabt. Ich war von Anfang an dabei und habe miterlebt, wie die französische Szene sich entwickelt hat. Die Musik ist niemals so kommerzialisiert worden wie in Deutschland, und die richtigen Parties, die Tekknivals, fanden immer umsonst und draußen statt – jedes Mal kamen Tausende mit ihren Soundsystems zum Musikmachen, bis im letzten Jahr eine neue Gesetzgebung eingeführt wurde, um das zu stoppen. Jetzt sind mehr als 250 Leute unzulässig, sonst wird das Equipment konfisziert. Trotzdem kamen letztes Wochenende über 40.000 Leute.“ Jack is in the House Jack fährt fort: “Aber ich lege ja nicht nur auf illegalen Parties auf – ich durfte ja auch schon auf diversen deutschen Großveranstaltungen auftreten”, erzählt Jack. “Zum Beispiel bei Nature One und an der Siegessäule zur Love Parade – hochgereckte Hände bis zum Horizont. Aber die Zeit war immer viel zu kurz, ich verstehe das nicht: Ich hatte vierzig Minuten auf der Mayday. Ich kam direkt nach Mark Spoon, und das hat vom Style nicht gepasst, also sind erst mal alle seine Fans rausgegangen. Bis ich den Dancefloor mit Männern gefüllt hatte, brauchte ich dreißig Minuten, danach kamen die Mädels, und dann war Schluss. Aber als Gast-DJ darf man ja dankbar sein, dass man überhaupt dort spielen kann. Deswegen machen es auch so viele, denn Geld macht dort kein Artist.” Jack scheint immer in Bewegung zu sein, sein Körper vibriert, seine Augen strahlen, selbst wenn sein Rücken ihn plagt. Seine Hänge trommeln wirbelnde Rhythmen, und ständig singt er. Manchmal ergreift mich das Gefühl, dass ein echter Showmensch wie Jack nicht existieren kann, wenn er nicht im Mittelpunkt steht. Dennoch ist seine Exzentrik niemals egozentriert. Er schafft es, seine Begeisterung zu teilen. Hat in den letzten zwölf Stunden den Funken überspringen lassen. Zuhause höre ich dann zum ersten Mal “Free My Music”, das auf Jacks eigenem Label Wicked Music erschienene Album, das Jack mir zum Abschied in die Hand gedrückt hat. Es überrascht in zweierlei Hinsicht: Es klingt bei weitem runder und professioneller, als ich aufgrund der Erzählungen von Jack angenommen hätte – vielleicht, weil es da einen Koproduzenten gibt –, und es ist lange nicht so bahnbrechend wie Jacks DJ-Sets, die alles bisher Gehörte übertreffen, weil sie den Rahmen sprengen. Dennoch – gerade, um ein Verständnis zu bekommen, was Jack wichtig ist, eignet sich sein Album hervorragend. Jack macht keinen Hehl daraus, dass die ihn prägenden Einflüsse und Themen darauf ganz klar herauszuhören sind: Da wäre zum Beispiel die Rückbesinnung zum Ursprung, wie in dem treibend-tribalen “Bring Back That Feeling” mit Jacob Eggay. Oder der acidige Deephouse-Sound von “Kalymba Part II” und “Party Time”, frei nach dem von Jack auch tatsächlich zitierten Larry Heard: “In the beginning, there was Jack. And Jack had a groove…”. So rudimentär, wie es ist, besticht “Free Your Music” genau wie sein Macher durch seine unprätentiöse, ehrliche Einfachheit. Jack ist ein Unikat und genau wie sein DJ-Sound einzigartig – ein Meister, der würdig die alten Werte der Feierkultur verkörpert und weitergibt, ohne sich durch monopolartige Starkult-Machtspielchen die Möglichkeit der Kritikfähigkeit nehmen zu lassen. So etwas ist selten geworden. Mots: Kat Richter, Merci a Jacques & Peggy, Jesco Schuck, Hervé & Guillaume @ Trax and to all those who “bring back that feeling”. KLinks: w4-web160.nordnet.fr |