04.04.2006 PK ARCHIVE APR 06 +++ „Ich bin ein mutierender Antiheld", der auf seine Chance wartet, "sie irgendwann alle zu ficken." |
„Mein Name tut ja nichts zu Sache. Vielleicht bin ich ein guter Junge. Ich stelle es mir auch unheimlich spannend vor, ein Gen-Erbe von Roy Black zu sein. Deshalb lautet ein Name für mein Zukunftsprojekt auch: Roy Blacks Kinder." So beginnt die vielleicht nicht ganz ungefährliche Story von Phil aus Wulfen-Barackenberg, den wir leicht angestaubt aus einer Plattenkiste gezogen haben und nun sezieren wollen. Der Grund für unser Interesse? Sein schillerndes Erstlingswerk, "Das DJ-Liebesbuch", weniger ein Kochbuch-Almanach, wie man jetzt vom Titel her denken könnte, sondern mehr ein Erfahrungsbericht über seinen einjährigen DJ-Aufenthalt in Brasilien. Eine in autobiografischer Form erhältliche Zelebrierung der kurzen Augenblicke voll von Wahr- und Klarheit. Ein Abenteuer, das alle Möchtegernundgehtabernull-Eskapaden grottentief in den Schatten stellt, und auch als komplettes Buch vollstens überzeugen – wie auch Kraftwerks Karl Bartos und Hans Nieswand befanden, die das Buch tatsächlich gelesen haben. Verbeugung also aufs Tiefste vor Phils selbstzerfleischend depressiven Introspektiven, sexyspannenden Bekenntnissen, aufschlussreichen Musikgeschichteexkursen, fesselnden Fickparodieparaden und unglaublichen DJ-Erfolgsstories. Zeit, dass der Plattenfreak, eigentlich ein gelernter Grafiker und passionierter Rollbrettfahrer, auf dem Abflusssprachrohr der Gosse, Planetkat.com, zur Sprache kommt – wenn sich schon Eins Live, Klaus Fiesel, Mogelei, Full Pfildner, Pfeifenmeister und all die anderen, die mittlerweile Plete haben und sich trotzdem geil finden, nicht für ihn interessieren. Doch er heult nicht, er macht, Tanztiger bändigend, weiter. Nach dem Tod seiner Breakbeatnight Favela Zoo in Münster, wo er und seine Fans Hand in Hand die Tanzfläche in Stücke zerfetzte, mit einer neuen Nacht im Skaters Palace! In diesem Sinne: Hut ab und Kondom an für den bedeutendsten polnischdeutschen Nachkriegsprophetenpoeten seit Janosch. Vergoldete Muschiwurst Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass der ehemals als Casper bekannte Phil Barbee aus Brasilien wieder zurückgekehrt ist. Nach Curitiba hatte es ihn verschlagen, als er der Einladung eines Freundes folgend, nach Südamerika auszog, um die Feierleute dort mit seinem ureigenen Mix aus Breaks, Drum'n'Bass und House zu bezocken. Doch was als absolute Erfolgs- und Glücksstory begann, hatte bald einen Touch von Tragödie, die das Leben schrieb... Als er nach neun Monaten, schon so gut wie verheiratet und als DJ etabliert, auf Touristenvisa-Run an der paraguayanisch-brasilianischen Grenze gefasst und außer Landes verwiesen wird, muss Phil unfreiwillig nach Deutschland zurückkehren. Pech? Oder Karma? "Karma ist die Mutter aller Mütter. Es ist die MUTTA. Eine riesige MAMA. Alle wollen sie, aber nur ganz wenige haben sie je gesehen oder gespürt. Karma ist so gut wie tot. Doch ich will sie unbedingt spüren, bevor sie mich kriegen. Sie anfassen und liebkosen. Ihr Körper ist gewaltig und strahlt. Heidi ist dagegen eine schäbige Kinder-Mettwurst von Tante Käthe. Das Ding funkelt garantiert nicht einfach so irgendwo und prahlt damit herum, wie Fuffi Cent mit einer vergoldeten Muschi um seinem Hals und einer Wurst in seiner Hand. Das Karmamädchen ist unsichtbar, und weil ich die Gitte lese, begnüge ich mich weiterhin mit einer frischen Karamelle-Paste. Diese lässt sich hervorragend auf eine Körnertasche schmieren," sagt Phil und hat damit irgendwie recht. Sein Schicksal: Sich so sehr zu verlieben, dass er sich mit Haut und Haar in eine Liebesbeziehung wirft, die endet, wie sie angefangen hat. Unglaublich schön. Intensiv. Traurig. Sinnlos. Leer. Voll. Und jetzt ist er also wieder in Deutschland. Was bleibt, ist die Erinnerung. Und das DJ-Liebesbuch. O Tristesa. Zur Zeit, das spürt man deutlich, als wir uns an virtuell für unser Fünfmarkunduntenrumfrisch-Interview der leichten Lättarettetätätä-Unterhaltungs-Art wiedertreffen und gleich einen gegenseitigen Symphatie-Anfall erleiden, hat Phil ordentlich zu kämpfen. Ausnahmsweise nicht mit sich oder seinem durchdrehenden Glied. Sondern: Mit schnöder Ignoranz. Die zieht ihm so richtig heftig die Schuhe aus und die Hose runter, so dass der verbale Phillermann ganz entblößt daliegt. Seit über einem Jahr geht Phil jetzt mit seinem mittlerweile selbst verlegten und im Netz als Download bereitgestellten Ebook – komplettiert durch einen 20-Tonnen-Soundtruck – hausieren, weil sich weder Textteppichverleger noch Satzstaubsaugervertreter fanden, die an diesem vor allem durch mettwurstdicke Wortkreationen saufettspritzigen Meisterwerk interessiert wären. Was mal wieder beweist, wie verdammt unbeweglich die Leutchen in ihren Hirn-Sesselchen geworden sind, auch wenn ihnen das Langweil-Wasser schon bis zur Kante steht. Bloß keinen Ge-Ge-Gedanken riskieren. Lieber weiter Di-Di-Dieter gucken und Mi-Mi-Minimal spielen als draufkommen, was sonst noch gehen könnte. Denn Stories wie die des Casper generieren Gedanken, die lebensverändernd sein könnten. Gefährlich. Warum bluss? Uiuiuiui. Blablabla-Nenene-Nene-Ne Selbst bei seinen Homies, der DJenden Zunft im schon immer etwas neidgebeutelten Ruhrgebiet und im oftmals als hohlhäuptigen Münsterland, die wahlheimat des eingesiedelten Phil, kommt man auf rotzfreche Schreibe, gepaart mit kristallinklaren Selbsterkenntnissen plus einem profunden Wissen über elektronische Tanzmusik und der Zelebrierung derselben nicht klar. Auf Unterstützung aus den eigenen Reihen kann Phil also nicht hoffen, also wurstelt er sich allein durch. Ganz anders als in Sao Paulo, wo der nicht ein einziges Wort Portugisisch sprechende Phil zunächst ohne seine Platten eintrudelte und dennoch mit einer dicken Tüte in der Hand und aufmunternden Worten empfangen wurde. Ganz zu schweigen von all den vollen Lippen und gespreizten Schenkeln. Weswegen er nun geil dissen darf: ""Die geilen Koksnasen da draußen, die nicht lesen können und für eine kranke Mark ihre Nasentitten ganz hoch ziehen: die wissen noch weniger als Freddie über den Trend der 890iger. Das erklärt so einiges. Wie die Szene funktioniert und wie es dazu kommt, das so viele Kirmesgesichter Titelblätter schmücken und immer wieder aufs Neue verkünden dürfen, dass sie mit ihren kleinen Proletenmaschinchen angeblich die Welt retten wollen." Aber das hier soll kein Frustmonolog werden, oder, Phil? Zumal sich ja bereits einige prominente Musiker als Fans geoutet haben. Wovon man sich zwar nix kaufen kann, aber immerhin... "Nö. Lieber komme ich zu dem Entschluss: ich bin ein mutierender Anti-Held, der auf seine Chance wartet, sie irgendwann alle zu ficken." Ein Antiheld. Nicht nur das. Ein Überlebenskünstler, seit jungen Jahren schon. Als Kind polnischer Einwanderer mit acht Jahren in einer kleinstädtischen Ghettosiedlung vor seinem Ghettoblaster gestrandet, bleibt Kleinphil, dem nicht so viel an Bandenkriegen lag, nur die Flucht nach vorn, volles Rohr rein in die Welt in die Musik. Stimmt doch, oder? Kann schon sein. "Die Bild behauptet allerdings, ich wäre eine Krabbe. Aber das stimmt nicht so ganz. Meine Verwandten aus dem Meer sagen mir, ich wäre ein gefährliches Panzertier in Form einer Metapher, die nur auserwählte Spezies und hyperintelligente Blablabla-Nenene-Nene-Ne-Forscher entschlüsseln können. Was ja nicht unbedingt von Vorteil sein muss." Nee. Alles klar? Was steckt da wohl sonst noch so drin, in diesem Hyperdrive-Panzertier-Hirn, 169 Words per Minute oder was? "Gerade gar nix. Es ist alles sehr rund und verdammt noch mal fett. Große Rundungen kriechen durch meine Hirnwindungen und wälzen wie ein Getriebemotor alles ganz ordentlich. Das ist ungerade, aber gerade in diesen Moment passiert ungefähr folgendes: Ich bin begeistert! Summmmm. TRALLAALAA. Krawumms. Remmidemmi. Blastin 'DUBSIDED'. Ya whus up?! Ich fühle mich großartig." Eine Mess-Latte für alle Vielleicht ist Phil seiner Zeit auch einfach nur Voraus. Oder doch nur Produkt seiner Umwelt? Oder muss man das alles gar nicht so richtig verstehen? "Ich denke, es ist alles richtig, was ich mache. Wenn das nicht so wäre, hätte ich nicht die vielen Millionen auf meinen Konten und würde nicht so heftige Autos fahren oder Bitches flachlegen, die so geil gucken, dass selbst Pfarrer Josef sich gerne mal... Na, du weißt schon, was ich meine, oder etwa nicht? Ich bin eine geile Sau. Klar habe ich die Kohle. Ich habe die Beziehungen und das Geld und die Moneten. Alles ist richtig. Ich bin einfach ein korrekter Typ. Ein Vorbild. Alle wollen so sein wie ich. Selbst Gott. Ach, ja. Die Presse liebt mich. Sie bezahlt mir 10.000 dafür, dass ich mir meine Socken öffentlich ausziehe und behaupte, sie nie wieder anzuziehen. Das ist Lebenstandart. Eine Art Messlatte für alle. Ich mag das." Fakt ist: Dieses eine verfickte Jahr zwischen Selbstaufgabe und -findung, Neuanfang und -orientierung, Endstimmung und Endlosigkeit ist vielleicht das Wichtigste in Phils Leben. Und als hätte er das selbst erkannt, hat er nichtsahnend dokumentiert, was in ihm vorging. Und das macht das DJ-Liebesbuch zu einer wahren Bibelfibel für alle, die sich aus ihrem bereits ausgiebig erforschten Horizont herausbewegen und nicht nur einen zaghaften Blick über den Tellerrand werfen wollen, sondern sich gleich einen Schritt weiterbegeben. Vielleicht sogar abstürzen. Doch wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und soviel gewonnen und wieder verloren wie Phil in diesem Jahr hat wohl niemals einer von denen, die sich lieber auf der sicheren Seite bewegen. Vielleicht ist deshalb dieses Buch nichts für Platzhirsche und Maulhelden. Es stellt, ohne es zu wollen, einfach von dem zu viel in Frage, was eine Relativierung des eigenen Daseins bedeuten würde – ganz klar sehr anstrengend. Und unheimlich witzig. Daher ganz klar wirklich nicht für jedermann. Es geht in dem Buch auf keinen Fall darum, wie man sich geil selbst neuerfindet, Bräute flach- und Vinyls auf die Teller legt – das erklärt sich am Ende von selbst – sondern um ein Individuum, das auszieht, um, um, um… was eigentlich? Egal. Da lacht eine Chance, aus dem nördlichen Ruhrgebiet rauszukommen und als DJ in Brasilien sein Glück zu versuchen, verführerisch zwinkernd und schelmisch winkend, und schon ist der Casper dabei. Bezogen werden kann das Arbeitslosengeld auch in 10.000 Kilometer Entfernung. Für ein paar Monate zumindest! Was danach kam, ist längst Geschichte: Rückkehr nach Deutschland. Kein Geld, kein Job, kein Rückflugticket. Kein Visum. Und die Freundin in Brasil findet irgendwann ‘nen Neuen. Die Karma-Tür ist wieder zugeschnappt. Und so findet Phil notgedrungen in seinen alten Trott zurück. Aber immerhin um mindestens tausend Erfahrungen reicher. Und es geht weiter. Mitterweile auch produktionstechnisch ziemlich aktiv baut er sein Kilomettsoundsystem zur Spacerakete um und fetzt mit MC Brunito und Flat Erique auf seinen Favela-Zoo-Parties Studenten- und Arbeitslosenärsche in Stücke. Lebt. Doing it his way. Der Weg des Samurai So kurz vor Schluss haben wir allerdings noch Zeit für ein paar Big-Ups gefunden – das kommt wie frischer Atem nach dem ganzen Gedisse und Gepose, oder? Klar: "Welches Jahr haben wir heute? 2006. Ja richtig. Die Welt soll doch in 2012 untergehen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Gewalt in Form von Rap die Menschheit retten wird. Das bedeutet für mich wiederum ganz großes Tennis. Weltklasse. Keine Frage. Ich werde in der oberste Liga spielen und dann werde ich sie alle flachlegen. Das möchte ich und das werde ich. Also jetzt ganz ernsthaft. Aua. Ja, es tut manchmal schon weh und dann spüre ich innerliche Schmerzen in Form von Energie. Ich mag das auch. Es sind Jesse Rosse und David Taylor. Es ist Pleymo aus Frankreich. Es ist Grime. Slew Dem Productions, DJ Cameo. Es ist das Raw-Breed-Album 'Lune Tunz' von 1993. Mitchell Brothers. Da geht es weiter. Bassnectar aus Californien. Minimal Music. Wighnomy Brothers. German Massive. Drum'n'Bass ist der größte Arschtritt des Jahrhunderts. Ohne Jimi Hendrix beleidigen zu wollen. Ich mag auch Justin Maxwell, Jacob London, Seiji, Hive, Marky, Plump DJs, Neptunes, Missy, Bushwacka, John Tejada, Smithmonger, Poxymusic, Justin Martin & Sammy D, Zion I, Ziggy Kinder, Sin Productions, Die Jungs, Velvet Underground... zum Crackrauchen der Sound von Trust Kill Records...” “HipHop mag ich auch noch, aber nur, weil ich so viel Mitleid empfinden kann. Ich liebe deutschen Schlager und jegliche Art von Volksmusik. Meinen Mix 75 'Hungry Man' auf www.radiozerogravity.net habe ich auch sehr lieb." Und dann zur letzten Frage überhaupt: "Ob ich Respekt vor Leuten habe, die sich als die Szene und Meßlatte ausgeben, sich in Wirklichkeit vor lauter Verzweiflung über ihre knallhart zusammengekniffenen Arschbacken in ihrer eigenen Scheiße im Kreis drehen, damit bloß kein Spalt entsteht, in den man die Jungs knüppelhart reinficken kann, wenn sie ganz tief runtergehen, um Corporate Schwanz zu lutschen? Das wäre eine Sau von Frage und ich würde antworten: Nein, habe ich nicht mehr. Wie ich mit solchen Erkenntnissen klarkomme? Ich lerne krasse Tricks, geheime Techniken, bin dabei ganz entspannt. Ja, es gibt diesen Zustand. Er nennt sich der Weg des Samurai." Auszüge aus Phil Barbees DJ-Liebesbuch – quasi ein optimetrischer Terroristen-Klon meiner eigenen lahmarschigen Immigraten-Story, wäre da nicht die verfickte Tatsache, dass der holde Kilomettsoundsystem-Hengst zuerst da war und alles planifiziert hat – finden sich demnächst im STORIES Teil dieser Page. Bitte in regelmäßigen Abständen ansurfen und nicht vergessen, auch Phils Pages ‘nen Besuch abzustatten. Spread the word and the legs. Thanks. Interview und Text: TJ Kat KLinks: www.philbarbee.com www.radiogravity.net www.edition-octopus.de www.clubfavela.de http://profile.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewprofile&friendid=44007152 http://profile.myspace.com/index.cfm?fuseaction=user.viewprofile&friendid=44362627 |