29.03.2006

“RL ARCHIVE OKT 04 +++ Skool of Hard Knocks” oder “Fast Lane”? - Bad Company & Shy FX im “Nuskool versus Oldschool”-Battle








Shy FX, der prominente Veteranen-Gangsta der ersten Stunde, der mit seinem UK-Apache-Ragga-Ruffneck-Chartserfolg 1994 – in den formativen Jahren von Jungle – unmittelbar Einfluss darauf genommen hat, wie der zum eigenständigen Musikgenre heranreifende Style aus UK von der Allgemeinheit wahrgenommen wurde, oder die jungen Wilden von Bad Company, die seit 1999 den Drum’n’Bass-DJ-Circuit mit ihren schnellen techigen Platten dominieren?

Old New & Nu Old: Nuttah VIP vs. Dogs On Acid

Wohingegen die eifrigen Bad Company-Jungs noch vor sich hinfantasieren, wie es wohl wäre, von der Allgemeinheit wahrgenommen zu werden – “Ein Amen-Track in den Top-Ten zu sehen wäre für uns der Triumph von Härte über Massenappeal” –, ist es Andre Williams alias Shy FX gleich zu Anfang seiner Laufbahn gelungen, die Charts zu stürmen, etwas, was mit Sicherheit den Verlauf seiner Karriere mitbeinflusst hat. Wohingegen der junge Londoner Shy nach seinen Rude-Boy-Hits in einem Major-Deal-Loch fiel, dass ihn produzententechnisch für ein paar Jahre von der Bildfläche verschwinden ließ, sind die Bad-Company-Jungs eine Formation, die auch nach dem Shiften von über 30.000 Einheiten pro Album – Mainstream-Acts wäre bei solchen Zahlen eine Chartplazierung sicher – immer noch erstaunlich gesichtslos operiert: Jason “Maldini”, Dan “Fresh”, Michael Wojicky “Vegas” und Darren “D Bridge” sind Bad Company, Aushängeschilder eines 1999 aus der Taufe gehobenen mördischen Labels mit dem gleichen Namen – schlechter Umgang für die Renegade-Hardware-Posse, aus dessen Umfeld die Vier ursprüglich stammen, formten sie sich doch aus dem Renegade-Hardware-Act Future Forces. Business-technisch sind die Jungs genauso fit wie Konzept-mäßig – das Bad-Company-Logo spiegelverkehrt einzusetzen, als die amerikanische Rockband Bad Company wegen des identischen Namens mit rechtlichen Schritten droht, erweist sich als genialer Branding-Streich: CBBC wird zu ihrem Markenzeichen. Genau wie ihre rasenden Terrorbreaks, die neue Generationen von agilen, rastlosen Hardtech-Stepper in hartmarschierende Kickmaschinen verwandeln.

Style & Tactics: Ebony Power vs. Ultimate Branding

Der Original Nuttah ist erwachsen geworden: Wohingegen er vor genau zehn Jahren – als Siebzehnjähriger – mit seiner dritten Platte ever seinen ersten Chartserfolg feierte und sich in der Frontpage über trittbrettfahrenden Jungle-Outsider auslies, ist er heute jemand, der am liebsten “mit anderen zusammenarbeitet, die dazu in der Lage sind, sich den wandelnden Bedingungen des Drum’n’Bass-Marktes anzupassen, damit sie ihre Kreativität ausleben können”. Er, der seit Jahren mit Produktionspartner T Power das Studio teilt, weiß, wovon er spricht. In all den Jahren hat sich sein Style kontinuierlich endlang der Underground-Strömungen entwickelt: Als Jugendlicher tingelte er mit einem Reggae-Soundsystem durch Ost-London, von da aus ist er zu Jungle gekommen, wurde dann nach seinem Durchbruch zu einem elementaren Bestandteil der Drum’n’Bass-Szene. “Bambaata” auf seinem eigenen Imprint Ebony markierte sein Comeback; “Don’t Wanna Know” und “Shake Ur Body” katapultierte ihn erneut ins Rampenlicht und in die Charts. Für sein mit T-Power produziertes, im letzten Jahr erschienenes Album “Set It Off” arbeite Shy FX mit zahlreichen Vocalisten, die aus der Londoner R’n’B-Szene kommen. Seit Anfang des Jahres zirkulieren zwei unter dem Alias Ebony Dubsters produzierte, Jungle-Subbass-lastige Nummern namens “Rah” und “No 1” im Untergrund plus sein Ragga-gepowertes “Murderation (Who Run Tings)”, die im “Fast Lane”-Mix neben Crownpleasern von Marky & XRS, Ill Logic & Raf, Concorn Dawn, Tali, DJ SS, Generation Dub, Brockie & Ed Solo und den unvermeidlichen Renegade-Hardware-Acts zum Einsatz kommen und zur Zeit mit ihrer Jungle-Stylee-Jump-Up-Power die UK-Clubs in einen Karneval verwandeln.

Techniques & Tracks: Hits vs. Flow

Seit ihrer Formierung hat die aus vier Kernmitgliedern bestehende BC-UK-Kombo den Markt mit ihren schnellen, harten Platten voller apokalytischer Donnerbässe und fiesen Strings geflutet und mit ihrem Sound die Szene seit 1999 entscheidend mitgeprägt: Neben ihren zahlreichen Singles releasten BC vier Alben innerhalb von drei. Dazu sagt der Sprecher von Bad Company: “Wenn man ein Niemand ist, muss man stärkere Geschosse auffahren als jemand, der sich schon einen gewissen Bekanntheitsgrad aufgebaut hat. Wenn man also non-stop fette Platten produziert, die auf dem Dancefloor funktionieren, dann werden die Leute sie spielen und man wird Anerkennung finden. Eine Menge Leute haben angenommen, dass es sich bei unserer Taktik um eine Art Verschwörung handelt.” Aber so einfach ist es nicht. Das BC-Kartell, das auch verantwortlich für das unabhängige Dogs-On-Acid-Forum ist, ist durch seine Zusammensetzung – vier Members, die je nach Lust und Laune auch mit anderem Artists zusammenarbeiten – extrem vielseitig und flexibel, da die verschiedenen Members auch alleine auflegen. Die durch den wechselnden kreativen Input variablen Komponenten ihrer Musik machen die Kombo zu einem in alle möglichen Formen morphendes Phantom, das überall und nirgends operiert und mal rasiermesserscharfe Zitter-Bässe, mal deep strudelnde Techno-Synth-Dynamics hervorbringt. Träten Shy FX und eines der BC-Mitglieder hinter den Wheels of Steel gegeneinander an und fichten einen Battle aus, dann würde Shy FX mit seinen vocalgeladenen, perkussiven Jump-Up-Nummern voll von dem kitschigen Positivismus, dessen Amen-freier High-Energy-Party-Style als “Clown Step” gehandelt wird, positive Vibes verbreiten, der soulful D’n’B-Lovers, Sonntagsfahrer und sexy Chicas auf die Fläche locken würde, wohingegen D-Bridge und seine Jungs mehr auf dark dreschende Beats setzen, die fanatische Tekkies genauso befriedigen wie Freunde eines rollenden Rides – also genau das liefern, was die Leute es von ihnen erwarten. Ihre eigenen Produktionen finden in der “Skool of Hard Knocks” keine Verwendung – Ausnahme: BC & Verses “Antrim” –, der Fokus liegt auf dem Output auf der Renegade-Hardware-Punters Loxy & Ink, Dylan, Keaton, Friction, Pendulum und The Militia.

Old versus Nu-Jump-Up & Hardstep vs. Clownmusic???

Doch ob alte Schule oder neue Schule, ob Clown Step (quasi das deutsche Equivalent für Kirmes-Schranz) oder Hardstep, the winner is always… die Trouble On Vinyl Music Group: Das Drum’n’Bass-Syndikat mit den heute kommerziell erfolgreichsten Drum’n’Bass-Labels steckt hinter beiden für zwei verschiedene D’n’B-Szene-Fraktionen maßgeschneiderten Mix-Packages. Keine Angst, für jeden ist etwas dabei, so lange man keine zu großen Ansprüche stellt.

Words> Katrin Richter. Pix> Grooveattack. Big Up> To the L, to the O, to the Qui – and tha B!



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