21.03.2006 RL ARCHIVE APR 03 +++ Glenn Wilson - Von Helden und Bösewichten: Dominatrix-Terrorist vs. Propaganda-Techno |
Seitdem sind zehn Jahre vergangen und Glenn Wilson, wieder in England lebend, hat mittlerweile fünf äußerst erfolgreiche Labels – Planet Rhythm, Punish, Compound, Heroes und SUBmissions –, die er parallel zu seiner DJ-, Live-Act- und Produzententätigkeit betreibt. Er ist ein echter Besessener, der non-stop an zahlreichen neuen Projekten herumschraubt und Konzepte ausheckt, nachdem er gerade sein erstes Glenn-Wilson-Heroes-Album "Low End Riot" abgeschlossen hat – und es werden in den nächsten Monaten ein weiteres Artist-Album, "Perspective Change", und eine Planet-Rhythm-Compilation namens "Latest Findings" auf Planet Rhythm erscheinen. Woher wir das alles wissen? Weil Raveline es tatsächlich geschafft hat, bis ins verschlafene Nestchen Rothwell, Wilsons Geburtsort in der englischen Grafschaft Northamptonshire, vorzudringen, um sich dort in seiner Countryside-Enklave einen Überblick über sein GM-Multimedia-Imperium zu verschaffen. Wie Menschen zu Helden werden Am Anfang der Neunziger war Glenn Wilson noch ein ganz normaler Kerl, weit davon entfernt, ein Helden-Alter-Ego zu besitzen und über seine Größe hinauszuwachsen. Damals fuhr besagter Glenn Wilson, ein unscheinbarer DJ, nach Mallorca. Dort traf er die Schwedin Mia, in die er sich sehr verliebte und die später seine Frau wurde. Er besuchte sie in Helsingborg, Südschweden, und kehrte auf Jahre nicht mehr nach Hause zurück. In Schweden übernahm Glenn einen Mittwochabend-Slot bei einem lokalen Radiosender, der "allerdings wegen der dünnen Bevölkerungsdichte einen weiten Radius hatte und bis nach Kopenhagen in Dänemark funkte", und spielte Techno und House: "Ich fing an, Platten zu importieren, denn ich verdiente mein Geld damit, dass ich auf Parties in irgendeiner Ecke des Clubs meinen Stand aufgebaut habe und Vinyl verkaufte!" Erstaunlicherweise war Glenn hauptsächlich in Dänemark unterwegs: Anfang 1994 gab es in Kopenhagen eine florierende Technoszene mit riesigen Parties und Artists wie DJ Hell, Cosmic Baby, Adam X, Oliver Bondzio, Miss Djax, Electric Indigo, Vapour Space, Dr. Walker und Jammin Unit: "Dänemark war damals weit fortgeschritten und Schweden technomäßiges No-Mans-Land. Es gab dort keine großen Parties und keine elektronische Musik im Radio. Das kann sich heute keiner mehr vorstellen, denn Stockholm hat sich zu einer der weltweit wichtigsten Produktionsstätten von gutem Techno entwickelt, obwohl es dort niemals eine richtige Technoszene gab." Glenn, der mittlerweile eine Ecke in einem Helsingborger CD-Laden mietete, um eine Basis für seinen Plattenhandel zu haben, den er Nemesis Records nannte, dachte weiter. Er plante, ein richtiges schwedisches Technolabel zu gründen, nichtsahnend, dass eines Tages Stockholm in einem Atemzug mit Detroit, Frankfurt und Berlin genannt werden würde. Swedish Utopia Glenn hatte stets Platten an einen Stockholmer DJ namens Peter Gun verkauft, der ihn irgendwann einem DJ und frischgebackenen Produzenten vorstellig machte: Braincell aka Cari Lekebusch. Soeben hatte der Stockholmer Produzent der ersten Stunde – nach einer Platte auf dem schwedischen Label Ohm Records und einem Whitelabel unter dem Namen Fred auf R&S – seinen ersten richtigen Plattenvertrag mit Harthouse unterschrieben. Das Zusammentreffen war produktiv: Cari erklärte sich bereit, die ersten zwei Releases auf Planet Rhythm, Glenns neuem Label, zu produzieren. Im Gegenzug half Glenn Cari mit der Planung für Caris Label, das dieser wenig später ins Leben rief. "Ich hatte die Kontakte, half ihm mit Distribution und dem Pressen." Zusammen mieteten sie ein Haus an, im dem Caris Label Hybrid Productions und das neu eingerichtete Hybrid-Studio sowie Glenns Plattenladen Platz fanden, den er nach der Umsiedelung nach Stockholm ebenfalls Planet Rhythm nannte: "Überall Vinyl – das war wie Utopia für uns!" Eine richtige Szene gab es zwar noch nicht, aber nach und nach trudelte Caris Freundeskreis im Laden ein: "Alle waren ursprünglich als DJs aktiv – Adam Beyer war 16 Jahre alt, und Joel Mull hatte eine Residency im Hamburger Unit Club. Cari und ein Typ von Lucky People Center war damals die einzigen, die da mit Konzept rangingen, aber nicht für lange: Auch Jesper Dahlbaek und Adam teilten sich später ein Studio, und so kam eins zum anderen." Cari alias Vektor zeigte sich, gerade weil bei den anderen die Skills erst rudimentär vorhanden waren, für die ersten Releases auf Planet Rhythm verantwortlich, aufgelockert durch eine Platte vom Lucky-People-Center-Menschen. "Dann hat Jesper ‘ne Platte produziert. Auch Hybrid nahm langsam Form an – Cari ging durch seine Chicago-Phase, und so erschienen Platten von Leuten wie DJ Skull und DJ Hyperactive. Ich habe mit meinen Schweden, unter anderem Thomas Krome und Fredrik Almqvist aka RND Technologies, weitergemacht, obwohl es auch Remixe von Leuten wie The Advent und Cristian Vogel gab." Back to the UK Schließlich kam Glenns Schweden-Wunder zu einem jähen Ende: "Ich habe riesige Probleme mit dem Vertrieb bekommen. Wir haben Platten herausgebracht, bevor wir die Erlöse aus den Verkäufen bekamen. Am Ende schuldete man uns über 50.000 Euro, aber wir haben immer noch weiter Vorschüsse gezahlt – am Ende konnten wir keine Pressungen mehr bezahlen und zogen vor Gericht. Ich beschloss, den Sitz der Firma nach achtzehn Monaten Stockholm nach England zu verlagern, um alles wieder hinzubiegen. Alles lief über England: die Pressung, die Distribution. Es schien also logisch, denn man ist wenigstens vor Ort und kann checken, was abgeht." Mit der Gründung von Planet Rhythm UK verschob sich auch langsam der Schwerpunkt: "Alle starteten ihre eigenen Labels – Adam hatte Drumcodes, Cari war eingespannt mit Hybrid und Jesper machte sein Ding mit Svek. Zwei Projekte von mir und Cari liefen mehr schlecht als recht nebenher: Trainspotters Nightmare und Audio Pollution – superseltsame, housige Musik und ambientes Zeug. Nach ein paar Releases stellte ich alles wieder ein, denn es war unverkäuflich." In England war Techno immer noch ein unterentwickeltes Subgenre, wie Glenn bald feststellte. Wohingegen in Deutschland eine von einem "naiven" Publikum ausgelöste, "programmierte Propaganda-Techno"-Welle losbrochen war, die "falschen Leute dem Begriff Techno einen schlechten Ruf gaben", hatte England die Techno-Bewegung "schlichtweg verschlafen". Zwar hatten subversive Acts wie KLF oder The Shamen, die "englische Antwort auf Scooter", die Öffentlichkeit geschockt oder mit ihren drogenverherrlichenden Slogans verkackeiert, aber eine ernsthafte Auseinandersetzung vermisste Glenn schmerzhaft – einen Missstand, den er auf seine Art aufzuarbeiten suchte: Mit frischen, 1995 relativ unbekannten Artists wie Gaetek aka Gaetano Parisio, dem Texaner Andrei Morant und Umek gab er seinem Planet-Rhythm-UK-Offshoot eine internationale Ausrichtung – stets mit einem Auge auf den deutschen Markt und einem Händchen für neue Talente. So erschienen auch Platten von Abstract Soul aka Jana Clemen, Slobodan, Savinto, Blulight Isms, Headroom und H aka Mike Humphries. Punish me – Glenns Imperium Relativ konzeptlos erschienen dagegen die beiden 1996 gegründeten Sublabels Template und Colours, das erste mehr housig, das zweite mit den ersten – limitierten – Releases von Ventilator aka Glenn Wilson. Ein Konzept war aber, so sagt Wilson auch selbst, das Wichtigste: Eine durchdachte audio-visuelle Produktmarketing-Strategie auf Businessebene, etwas Komplex-Herausforderndes auf Künstlerebene – etwas, das er am linear denkenden Cari stets bewundert hat, der das Spiel, laut Glenn, perfekt beherrscht. Nachdem Glenn auf einem Gig in Kroatien einen Typ namens Mike Humphries begegnet war, der nach ihm auflegte und "geiles Zeug spielte", war sich der Macher von Planet Rhythm sicher, einen gleichgesinnten Engländer gefunden zu haben: Wenige Wochen später rief er Humphries an, um eine Fusion vorzuschlagen, und wenig später gründeten die beiden gemeinsam Punish Records. Die auch grafisch umgesetzte Idee von peitschendem Sadomaso-Techno, mit Samples der devoten Domina Diana versehen, schlug ein wie eine Bombe, obwohl es "keine nackten Tussis auf dem Cover" gibt. 1999 gesellte sich ein weiteres Label dazu: Compound wurde von Glenn geschaffen, um – genau wie in den frühen Tagen von Planet Rhythm – jungen, unbekannten Talenten – wie damals zum Beispiel Lars Klein – ‚ein Outlet zu bieten: "Mir macht das Neuentdecken von Talenten Spaß! Wie oft kommt es vor, dass man keinen Plattenvertrag kriegt, weil man noch keine Releases hatte – das Risiko ist kleinen Independentlabels zu hoch." Nachdem Glenn mit seinen Releases auf Colours erste Unternehmungen in Richtung Producertätigkeit gestartet hatte, machte er 2001 Ernst: Heroes war von Anfang an Glenns Inkarnation – hightechige Kampfroboter das grafische Konzept, "forward driving, hard-edged electronic phunk" der Sound, der ausschließlich von ihm stammt. Nachdem er bis jetzt die Teile H1 bis H5 der Serie herausgebracht hat, lässt er andere Artists wie Alexander Kowalski, Ignition Technician, Lars Klein, Michael Burkat, The Anxious und Patrik Skoog auf dem Label als Remixer für die Heroes X Series in Aktion treten, bevor er zur dritten Phase übergeht: einer limited Edition mit farbigem Vinyl. Der Aufstand der Low Ends Glenn spielt den von Chris McCormack produzierten Remix von der Heroes-4-Nummer "Half Light Blueprints". McCormack, einer der genialsten englischen Techno-Producer überhaupt, der sich demnächst mit einem Longplayer zurückmeldet, macht aus dem Original einen hynotisch groovenden Primetimeburner. In der Mitte hat der Remix einen langen Break, um sich danach wieder zu einem Technohölleninferno hochzuschrauben. Glenn überlegt, ob er daraus zwei Nummern machen soll, da die Nummer sechzehn Minuten lang ist. "Auf der Platte ist auch ein Track von Mike Humphries, ich denke, es ist der beste, den er jemals gemacht hat." Glenn plant, Humphries, seinem originalen Punish-Partner, der zur Zeit gemeinsam mit Jon Nuccle als Cold Dust sehr aktiv ist, seine Anteile am Label abzukaufen. Er sagt dazu: "Mike möchte sich mehr auf Red Seal konzentrieren und auch noch ein weiteres Label starten. Ich denke, das das gut für ihn ist." Paranoia-induzierende Stabs und ein hackender Beat treiben den Hörer in stakkatoartigen Wellen dem euphorischen Höhepunkt entgegen. Glenn erzählt von seinen Projekten: "Das Heroes-Album, ‚Low End Riot‘, wird in zirka drei Monaten herauskommen, mein Planet-Rhythm-Album in ungefähr fünf. ‚Low End Riot‘ ist einhundert Prozent exklusives Material, eine echte Hommage an die Abfahrt, wie der Name schon induziert. Es ist, gerade durch das Artwork und die vorausgegangene Remix-Serie, ein Konzept-Album. Heroes ist eben einhundert Prozent mein Label. Alle Entscheidungen werden von mir getroffen und kein anderer hat Einfluss darauf, wie das Cover aussieht oder die Platte geschnitten wird – wie das bei den anderen Labels der Fall ist. Einzige Einschränkung: die Roboter sind nicht von mir, aber immerhin kann ich sie mir aussuchen." Lustigerweise wird immer angenommen, dass Wilson ein krasser Typ sein muss, weil er die Platten herausbringt, die zartbesaitete Leute spielen müssen, um die "Schneller! Härter!"-Abfahrts-Meute bei Laune zu halten. Dabei ist er Zeit seines Lebens ohne Drogen gut gefahren – "I have a straight head. Ich mache die Platten keineswegs in der Intention, Leute so richtig zu verschicken und zu komatisieren. Da wird allenfalls was in meine Platten reininterpretiert, was gar nicht da ist. Oder ich kann von Natur aus verspulte Mucke machen, weil ich dafür ein Gespür habe." Auch auf der Compi werden solche Tracks zu Genüge zu finden sein: von Lars Klein, Martyn Hare und Marco Lenzi zum Beispiel. Curved Pressings Was uns schließlich zum jüngsten Labelprojekt bringt: SUBmissions. Bis jetzt kommen die funky, intensiv nach vorne gehenden Rhythmen von Leuten wie Glenn, Stafan Erhlin aka Slobodan und einem supergenialen Japaner, und insgesamt liegt der Schwerpunkt auf "gesampleten, klassischen Hooks, Basslines or Vocals", die "Party machen, aber nicht harter Techno sein müssen". Eher beiläufig erzählt Glenn zum Abschluss von einem weiteren Projekt: Curved Pressings heißt das Plattenpresswerk, dass er gemeinsam mit einigen anderen bekannten Technoleuten gekauft hat: Lawrie aka Pounding Grooves ist der Tontechniker vor Ort in London, der sich um die geschäftliche Abwicklung kümmert – mitbeteiligt sind außerdem die Space DJz aka Jamie Bissmire und Ben Long, Chris Liberator von der Stay-Up-Forever-Crew, die Sativae-Posse und noch einige andere. Raveline plant, im nächsten Monat nach London zu reisen, um das Presswerk für euch genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir werden jeden einzelnen Arbeitsschritt mitverfolgen und dokumentieren und uns auch mit den verschiedenen Teilhabern von Curved Pressings unterhalten. Besonders geil: Glenn und Konsorten verlosen auch im nächsten Monat einen Giga-Preis, für den ihr euch jetzt schon bewerben solltet: Schickt eure fertig gemasterten Tracks auf DAT oder CD an unten genannte Adresse der Raveline, Stichwort: "Curved Pressings". Der Gewinner im nächsten Monat kriegt seine Tracks in 500-facher Ausführung auf Vinyl gepresst – Wert: circa 2000 Euro. Die Portokosten für die Platten übernehmen wir. Also: Das ist eure Chance! Unbedingt die nächste Raveline auschecken und mitmachen! Wer nicht produziert, sondern lieber tanzt, der kann das zu Glenns Rhythmen tun: Abgesehen von den noch nicht genauer zu definierenden Heroes-Tourdates ist Glenn in den nächsten Monaten zweimal in Deutschland zu hören. Am 18. April spielt er im Underworld in Osnabrück und am 9. Mai im Mingles Club Gütersloh. Wer mehr über ihn in Erfahrung bringen möchte, der kann unter www.glenn-wilson.net nachschauen – die Links führen weiter zu den einzelnen Labels –, und wer ihn gerne buchen möchte, der wende sich an www.rerunbookings.com. Zur Planung der Tour sind Anfragen grundsätzlich und ausdrücklich erwünscht. Make robots, not war! Katrin Richter Klinks: www.glennwilson.info |