01.03.2006 RL ARCHIVE SEPT 03 +++ 1:0 für Sascha Funke - Jenseits der “Alles Geht”-Euphorie |
Der Sechsundzwanzigjährige, der sich zunächst als DJ einen Namen gemacht hat, sitzt in seinem Studio neben dem BPitch-Büro und isst Joghurt-Eis, mindestens schon das Dritte heute, da der Eisladen unten im Haus und die Hitze brutal ist. Zu heiß zum Jubilieren. Und doch freut Sascha sich darüber, dass er das Album endlich abgeschlossen hat: “Das Gefühl ist ein bisschen wie am letzten Schultag. Man kriegt sein Zeugnis in die Hand gedrückt und darf gehen. Es ist warm, und es ist Sommer, und man hat Wochen voller freier Tage vor sich.” Im Grunde genommen hat Sascha schon seit zwei Monaten Sommerferien, “denn außer dem Quarks-Remix habe ich nichts gemacht. Doch – Demos gehört!” Das sagt er nicht ohne Stolz. Die Tatsache, dass Sascha gewissenhaft alle eingesendeten Demotapes anhört, und zwar in den normalen Bürozeiten von neun bis fünf, hat ihm schon viel mildes Schmunzeln eingebracht. “Ich mag es, wenn sich alles ganz geregelt tagsüber abspielt.” Auf diese Art und Weise sind die Jungs und Mädels von BPitch auf Tuomas Anderson gestoßen, der erst kürzlich seine erste Platte herausgebracht hat. Sascha nimmt sich Zeit. Auch für sich selbst. So kam es, dass das Album, auf dass der Berliner Spund stets hingearbeitet hat, schließlich doch zwei Jahre in der Mache war. “Ich hatte ja keinerlei Druck, also habe ich einfach gemacht, wie ich wollte.” Wie genau kam denn nun “Bravo” zustande? “’Ne Maxi ist eben nur so’n Quickie” “Ich habe einfach mal angefangen zu sammeln”, erzählt Funke, “und daraus ein Nest gebaut. Das Ganze war was ganz anderes als ne Maxi, das ist im Vergleich zu ‘nem Album echt nur so’n Quickie. Da muss man auf ganz andere Sachen achten. Deswegen sind manche Sachen von mir eben nicht herausgekommen, sie Nach und nach kam ein Haufen Stücke zusammen, die laut Sascha aber “farblich zusammenpassen mussten, weswegen ich dann wieder jede Menge rausgeschmissen habe.” Das erklärt allerdings auch, warum sich einige bereits auf den Maxi-Releases des letzten Jahres erschienene Tracks wiederfinden, wie zum Beispiel “Now You Know” und “Straßentanz”, wobei letzteres nur auf der CD-Version von “Bravo” auftaucht. Dann ist da das sublim-schuffelige, minimal-funkige “It’s So Quiet”, in dem Sascha selber singt, und das wunderschöne “Forms & Shapes”, dem Paule Kalkbrenners kleiner Bruder Fritz, genau wie in “Now You Know” geschehen, seine soulige Stimme leiht. “Der ist so fünf Jahre jünger, war aber schon immer Teil unserer Clique”, sagt Sascha. “Er hing immer bei mir im Studio ‘rum und hatte Lust, was zu singen.” Auch der soundtechnisch völlig anderes ausgeartete, unclubbig-stille, verträumt-gitarrenlastige Nachfolger zu “2:1” für die Liebe” findet sich hier – natürlich gewinnt die Liebe wieder, und es steht mittlerweile 3:1. Coverversionen finden sich auf “Bravo” indes keine. 2001 hat Sascha mit einem Bros-Remake von “When Will I Be Famous” Furore gemacht, aber das gleiche Spielchen noch mal zu wiederholen wäre laut Sascha “krampfhaft” und daher ein “echtes Eigentor”. “Ich finde es echt unsportlich, wenn man keine neuen Sachen mehr ausprobiert, nur weil etwas mal ganz gut angekommen ist. Damals war eine echte ‘Alles geht’-Euphorie ausgebrochen, von der habe ich mich mitreißen lassen. Aber das ist mir jetzt alles zu plakativ. Ich bin immer neugierig, was man sonst noch alles aus sich herauslockt.” Sascha, der ja fast jedes Wochenende hinter den Turntables steht, kriegt im Club dann die Konsequenzen solcher “Flirts” mit der Popwelt zu hören, was „ja bisweilen auch super spaßig ist, aber ich mache jetzt eben lieber wieder meine eigenen Flirts.“ “Wir haben keine Lust auf Kompetenz-Gerangel” Genauso intuitiv wie im Club produziert Sascha, der sich selbst als intuitiv bezeichnen würde auch – ganz im Gegensatz zu seinem langjährigen Studiopartner Paul Kalkbrenner, der für so etwas kein Faible hat. “Der Paul ist der GTI-Fahrer-Produzent von uns beiden. Er muss ständig die neuesten Teile haben, türkisfarbene Scheibenwischer zum Beispiel. Er hat da so einen Ehrgeiz und ist immer auf der Suche nach Plug-Ins.” Zusammenhänge und Berührungspunkte gibt es also kaum, und dennoch ist der Sound von Paul und Sascha unzertrennbar verschmolzen und doch immer ganz anders. Wohingegen Sascha er leichtere, verspielte Part der beiden einnimmt, ist Paul so etwas wie sein dunkleres Pendant. Insgesamt wirken die beiden wie zwei Teile einer Einheit. Das kommt nicht von ungefähr: “Wir kennen uns, seitdem der Paul in die erste Klasse gekommen ist. Da war ich in der Zweiten. Die ganze Technosache haben wir zusammen entdeckt, sind immer zusammen in die Clubs gegangen, waren zum ersten Mal zusammen bei Hardwax Platten kaufen, die ganze Palette. Unsere gesamte Entwicklung lief immer irgendwie parallel.” Dennoch – eine Zusammenarbeit im Studio können sich beide nicht vorstellen. “Wir haben keine Lust auf Kompetenz-Gerangel. Wir haben es mal probiert, da haben wir zusammen einen TokTok-Remix gemacht. Es ist uns total schwer gefallen, denn keiner von uns beien hatte Lust, den anderen wegzuradieren. Es war wirklich total schwer, an einem Computer was produzieren, ohne dass von beiden was verloren geht.” “Give Me One More Chance” Die erste Remixe folgen in Kürze. “Forms & Shapes” wurde nicht nur von en Homies Paule und Ellie neu abgemischt, sondern auch von Lawrence, “dem Dial-Mann” – Saschas absoluter Wunschtraum wurde wahr, und genau so klingt der Track. Auch Sascha selbst fühlt sich enorm wohl in der Remixer-Rolle, und obwohl er immer noch Schulferien hat, will er gleich nach dem Interview wieder zurück ins Studio, um an seinem Remix von Timtim zu feilen. Der Bassist von Mia, der sich schon durch einige wunderschöne, mini-melodische Wintermusik-Platten auf Bpitch und Spielwiese herausgetan hat, wird im November seinen Longplayer herausbringen, bevor Anfang nächsten Jahres ein weiteres Album von Paul folgen wird. Sascha meint dazu: “Ich könnte nicht alles in Grund und Boden remixen. Das Original ist in extrem ‘balladischer’ Song, stilistisch ganz anders als man selbst. Aber man muss das Ganze nachvollziehen können.” Insgeheim hat Sascha seinen Hang zum Kitschigen aber doch nicht abgelegt: Auf der CD findet sich ein niedlich-gefühlvoller, versteckter Bonustrack, der sehr persönlich klingt und dem Hörer eine private Perspektive bietet, bevor Sascha sich wieder zurückzieht: “Give Me One More Chance” singt er, und so tanze ich ganz allein mit Sascha. Über manche Sachen muss man keine Worte mehr verlieren. Nur so viel: Der Funke ist übergesprungen. Worte gefunden von Kat Richter. Fotografien von BPitch Control. Respekt an die Posse, besonders an Benita. Link: www.bpitchcontrol.de/artist/4/31 |