05.02.2006

RL ARCHIVE JAN 06 +++ Robert Miles: "Ich hatte nie Interesse daran, ein Popstar zu sein."








Keine weiteren Hits, keine Schlagzeilen. Das Projekt verschwand in der Schublade. Warum? Was war passiert? Ganz einfach: Hinter den geschlossenen Türen der Boardrooms kämpfte Roberto Concina, heute 35, einen einsamen Kampf gegen die Marketingstrategien seines Majors, der sich bis ins Jahr 2000 hinzog. Doch dann war er wieder frei und produzierte völlig unbemerkt von Mainstream sein drittes Artistalbum sowie das aufregendste Dream-Music-Album aller Zeiten, entstanden mit dem grandiosen indischen Musiker Trilok Gurtu. Weitere sind in Planung, unter anderem mit dem Gitarrenexperimentalisten Robert Fripp. Raveline setzte sich umgehend in Verbindung.

A Dream That Turned Into Reality

"Als ich 'Children ersann, war ich in den roten Zahlen," erinnert sich Roberto, der heute unerkannt in London lebt und von dort aus sein Label S:Alt Records betreibt. "Ich hatte einen Kredit aufgenommen, um mir die Maschinen zulegen zu können, die ich für den Aufbau meines Studios benötigte. Es war eine Zeit der Frustration, denn die Radiostation, für die ich jahrelang gearbeitete hatte, war gerade bankrott gegangen - und das, nachdem wir alles dafür getan haben, den Sender als einen der besten Alternativsender von Nordost-Italien aufzubauen. Zu dem Zeitpunkt geriet auch die Clubszene Italiens massiv unter Druck, weil schrecklicherweise viel zu viele junge Raver in ihren Autos tödlich verunglückten. Wir DJs und Produzenten wollten ein Signal setzen, und so machten wir Musik, die die Leute beruhigen sollte, bevor sie sich auf den Heimweg machten." Die Runterkomm-Grooves nannten sie Dream Music.

Als Roberto sich in die zum Studio ausgebaute Garage nahe dem Haus seiner Eltern zurückzog, um, von den Erzählungen seines Vaters inspiriert, der, als Helfer in Ex-Yugoslawien eingesetzt, von den Schicksalen der Kinder dort erzählt hatte, "Children" zu komponieren, war bereits ein ganzer Haufen von italienischen Produzenten, darunter der heute ebenfalls sehr bekannte Gigi D'Agostini, seit einigen Jahren dabei, dem sich formenden Dream-Dance-/Dream-House-Music-Genre ein Gesicht zu geben. Doch es war "Children", das dafür sorgte, das die Welt darauf aufmerksam wurde, was sich in Norditalien abspielte. Der Erfolg überraschte Roberto dennoch komplett: "Mir war zwar klar, dass die Platte bei den Leuten gut ankam, denn in den Clubs flippten die Leute einfach nur komplett aus, aber ich hätte nie gedacht, dass sie so erfolgreich sein würde. Es schien, als verbände sie Millionen von Menschen auf der ganzen Welt."

Music That Connects The World

Im Nullkommanichts wurde der junge Roberto gesigned: "Mein Manager damals hat mir dazu geraten. Alles passierte so schnell, dass ich überhaupt keine Zeit zum Nachdenken hatte. Es hat auch nicht geholfen, dass ich zu dem Zeitpunkt kein Wort Englisch sprechen konnte. Allen jungen Produzenten kann ich nur raten, sich mit einem Rechtsanwalt zusammenzusetzen, der die Modalitäten mit einem durchgeht und sich keinen Manager zu suchen, der nur seine finanziellen Interessen durchsetzen will." So verwandelte sich der Traum schnell in einen Alptraum: "Ich wollte nie im Scheinwerferlicht stehen, ich wollte, dass die Leute sich die Musik anhören, anstatt den Produzenten zu zelebrieren. Das Label und das Management verlangten aber weitere Retortenhits und wollten mir nicht die künstlerische Freiheit gewähren, die ich brauchte. Das Projekt Robert Miles war zu keinem Zeitpunkt nur Dance. Ich wollte noch viele andere musikalische Territorien auskundschaften, und das konnte ich erst, nachdem sich der Bruch vollzogen hatte."

Es ist Robert Miles hoch anzurechnen, dass er niemals Interesse daran gezeigt hat, die Dream-Mania auszuschlachten: "Dream Music, wie ich es nenne, ist aus der Initiative heraus entstanden, dass wir die Leute beruhigen wollten, bevor sie nach Hause fuhren. Doch nach dem enormen Erfolg von 'Children' sahen viele Dream Music als eine extrem einfache Möglichkeit, Geld zu machen, ohne wirklich verstanden zu haben, worum es eigentlich ging." In den darauffolgenden Jahren wurde die fluoreszierende Mutatenkitschsparte Dreamhouse, die dann, zu Dreamdance mutiert, in einer niemals zu enden scheinenden Flut von Compilations, auf den Covern Sonnenuntergänge und Delphine, komplett verramscht. Und Robert erkämpfte nicht nur seine Namenrechte zurück, sondern verzog sich auch mit seiner künstlerischen Vision erneut ins Studio.

An Organik Fusion Sound

In gewisser Hinsicht hat ihm sein extremer Erfolg gleich am Anfang seiner Karriere den Grundstein zu einer höheren musischen Queste gelegt, die Türen geöffnet zu einer Sphäre, die vielleicht seine wahre Berufung ist: In der gilt es, spielerisch fließende Grenzen auszutesten. Ddie Welten Elektronik und Organik zu fusionieren, "Brücken zu bauen", wie Trilok es ausdrückt. Seine beruhigenden elektronischen Tüfteleien, kombiniert mit den mal mehr jazzigen, mal mehr indischen Rhythmus-Elementen des Multiinstrumentalistengenies Trilok Gurtu, der sein Debüt bereits auf dem ersten in Freiheit produzierten Robert-Miles-Soloalbum "Organik" gemacht hatte, sind ein einzigartiger Vorstoß in die Welt der Musik ohne Genregrenzen.

Und wenn man nun mit einem Auge auf seine Aktivitäten als Club-DJ schaut - Robert Miles ist gerade dabei, sein Comeback zu feiern und freut sich über Bookings von stilistisch offenen Promotern - und mit dem anderen auf die beiden angekündigten Alben (Elektrorock als Robert Miles und Experimentales als Roberto Concina) schielt, dann ist schon klar, dass es sich hier um einen vielseitigen Künstler handelt, der sich konstant weiterentwickelt, auch wenn sich gewisse Kreise schließen: "Für ein Publikum zu spielen gibt mir Energie und neuen Input für meine Produktionen. Ich liebe es, in direktem Kontakt mit meinen Fans zu stehen, und es waren die jüngeren, die mich ermutigt haben, wieder Bookings in kleinen Clubs anzunehmen. Tief in mir drinnen bin ich immer noch die gleiche Person. Ich habe immer noch die gleiche Motivation, meine Emotionen und meine Erlebnisse durch Musik zu kommunizieren wie vor elf Jahren."

Text und Interview: Katrin Richter @ Planetkat.com. Artwort: Roberto Concina.

Link:
www.robert-miles.com


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