04.02.2006

RL ARCHIVE MAR 02 +++ Samuel L: "I want to get the girls back!"









Aber der Mensch ist auf dem richtigen Weg, denn: besonders leicht bekleidete Kolumbianerinnen, wohlgeformte Brasilianerinnen, freakige Portugiesinnen und blasse, noch leichter bekleidete Engländerinnen lockt Samuels Sound derzeit zurück in die Clubs. Aber nicht nur die heißblütigen Mädchen, die ihre Boodies shaken wollen, sehnen sich nach Sex im Techno, auch hierzulande wird es wieder Zeit für feurige Rhythmen. Die bleiben im Stakkato-Fegefeuer der Techno-Clubs nämlich meistens auf der Strecke, weswegen nach sechs Uhr häufig außer den Freundinnen der Nerds und Zappel-Mongos nicht mehr viele Frauen tanzen. Aber wo Mädchen ihren Spaß haben, wollen natürlich auch die Jungs abfeiern, meint Samuel: "Also versuche ich mit meiner Musik, die Frauen zurück in die Clubs zu holen, denn dann stimmt die Chemie einer Party."

El Ritmo Loopico

Von Samuel L kann sich also noch so mancher Typ eine Scheibe abschneiden. Genug von ihm gibt es. Cool steht er da, in einem schwarzen Ledermantel, das ungeschlachte Gesicht unbewegt, die eisbärenartig klaren, hellblauen Augen nordisch kühl. "Ich war vorletzte Woche in einer Gaybar in Berlin. Alle Typen wollten mich aufreißen", sagt er unbestimmt, während er seinen Gestapo-Mantel (siehe Cover-Foto der Velvet-Mixes) auszieht. Darunter trägt er ein schwarzes Top, das seine im Fitness-Studio gestählten Arme freilegt. "Mir passieren in letzter Zeit immer so seltsame Dinge", fügt er hinzu und schaut drein, als hätte er Lust, jemanden zu erdolchen. Das kann ja heiter werden - ein echt unterkühlter skandinavischer Denker...

Aber das ist nur die Spitze vom Eisberg, wie sich zeigt. Samuel taut langsam auf. Das wahre Tier in ihm bricht erst hervor, als er seine Platten mit unbewegter Miene - aber stark animiertem Hinterteil - auf die Plattenteller drischt: das Feuer in ihm kommt durch seine Musik zum Vorschein. Es ist 12 Uhr nachts und Samuel legt heute abend zum dritten Mal im Bingener Tanzclubs Palazzo auf. Nachdem er zuerst seinen Case im direkt nebenan liegenden Hotel in Ordnung in Ordnung bringen musste - letzte Nacht gab es eine wüste Afterparty in seinem Studio - bringt er ihn wieder in Unordnung, während er sich durch die erstaunlich harte Selektion hindurcharbeitet und minutiös Loop an Loop setzt, so dass sich die Kreise schließen und Münder sich öffnen. Ben Sims und Adam Beyer lassen grüßen. Nur ab und zu scheinen Latino-Rhythmen und afrikanische Percussions durch, aber man sieht die deutliche Verwirrung auf den Gesichtern der Tanzmäuse und Schlaghosenbutzel. Samuel schüttelt unwirsch den Kopf hin und her und sagt: "Normalerweise spiel' ich so etwas überhaupt nicht. Das entspricht nicht meinem Style, aber die Leute in Nordeuropa lassen sich auf Latino-Rhythmen gar nicht ein. Die sind kalt und sie wollen immer nur eins auf die Fresse - ich versteh' das nicht." Seine Unzufriedenheit hinsichtlich dieses musikalischen Defizits ist nicht zu übersehen. "Ich finde, hier in Deutschland ist es besonders schlimm. Die Leute wollen nur einen Sound, möglichst monoton und hart und schnell..."

Some like it hot

Früher hat Samuel es noch probiert. Ein paar Jahre lang hat er kontinuierlich missioniert und verschiedene Styles gemixt. "Aber die Leute sind auf wunderschön warmen Vocalhouse - eingebettet in Tribal-Techno - so was von nicht klar gekommen... das nimmt einem einfach den Wind aus den Segeln. Man ist als DJ enttäuscht, wenn etwas nicht angenommen wird und reduziert sein Repertoire auf das, was funktioniert. Ich bin ein Entertainer, kein Style-Diktator." Besonders erstaunt ist Samuel über die Tatsache, dass die Leute hierzulande seine Platten wie blöde kaufen - spielt er dann aber seinen Sound, ist die Tanzfläche irgendwann leer. In südlicheren Landen passiert das nicht: "Silvester habe ich in Bogota in Kolumbien aufgelegt, nur in einem kleinen Club, aber dafür zwei Tage hintereinander. Am zweiten Abend sind alle Leute wiedergekommen und als ich zum Desk durchgegangen bin, hat mir jeder die Hand geschüttelt. Alle feiern miteinander - eng umschlungen. Auch die Mädchen miteinander! Die ziehen sich so sexy an und tanzen und feiern noch mehr als die Männer. Da wird wenigstens noch richtig gefeiert!" seufzt Samuel und gießt sich einen Wodka hinter die Binde, welcher hier wohl um einiges billiger ist als in Schweden. "Wie kommt es, dass jeder denkt, dass Alkohol in Schweden so endlos teuer ist, dass wir deswegen alle unsere Hardcore-Trinkangewohnheit im Ausland ausleben müssen?" wundert sich Samuel: "So teuer ist es gar nicht - ein Wodka Redbull kostet im Club auch nicht mehr als 16 DM..."

Schweden mal ganz anders

Samuel kommt aus Göteborg, in Schwedens wildem Westen gelegen, wo auch die Anti-WTO-Bewegung Bush mit blanken Arschbacken empfing. Zu den Promotern des Stockholmer Sounds (auch häufig unter dem Begriff 'Schweden-Techno' zusammengefasst), Adam Beyer, Cari Lekebusch und Thomas Krome, hatte Samuel zunächst keinen Kontakt. Diese fanden über Jahre hinweg größte Freude an der formalen Reduktion des Techno und die Krispness dieses Techno-Minimalismus bleibt bis heute ununtertroffen - da kann nur echtes Wasa mithalten. Die Distanz zu Stockholm spiegelt sich auch entwicklungstechnisch wider, denn während die Eastside immer mehr abkühlte, wurde der Technosound aus Göteborg immer heißer: Samuel entwickelte ein Faible für den organischen Sound der Urvölker dieser Erde. Immer häufiger fand er sich in der World-Abteilung seines Musikdealers, kaufte Worldmusic-Sample-CDs und samplete wie ein Besessener hölzernen Percussions, afrikanische Chants, Samba-Rhythmen, Latin-Grooves, lederne Trommeln, funky Breaks und warme Wummerbässe, die, wildgeloopt, für das tribale Feeling in seine Tracks eingearbeitet wurden. Die Elemente strahlen eine Wärme aus, die man sie im Technobereich selten gehört hatte.

Dem war nun zunächst nicht so. Samuel hat Jahre gebraucht, um seinen Style zu finden, und dass ein solcher Prozess nicht einfach ist, zeigt auch seine Biografie mit einigen zu Grabe getragenen Labels. Schmerzlich war diese Entwicklung, und Samuel scheint sich innerlich zu winden, wenn davon die Rede ist - als ob man ihm einen Strick draus drehen wolle. Einer von diesen perfektionistischen Musikern eben, die sehr hohe Maßstäbe an sich selber stellen, deswegen aber auch leider viel zu selten lächeln. Die frühen Jahre seines Lebens feierte Jung-Samuel zu Michael Jackson ab, eine Tatsache, die nicht unbedingt von Bedeutung ist, außer, dass sie Samuel zum Lachen bringt. Bereits in den späten Achtzigern stieg er auf Acid House um und veranstaltete Anfang der Neunziger Raves namens Illegal Moves, Love Dance und Tranceformation in Göteborg. UK Hardcore war die nächste Station und er entwickelte sich von der süßen Euphorie des Oldskool-Sounds unweigerlich zu Techno weiter, da er selber anfing, aufzulegen. Sein größtes Vorbild - nach wie vor - war Jeff Mills. Ein Tape des Detroiter Techno-Grandmasters hatte es Samuel dermaßen angetan, dass er sich sogar Millsche Mixtechniken aneignete, einfach, weil "der Mann so viel Groove" hatte. Auch Kevin Saunderson und Derrick May hat Samuel diverse Tricks abgeguckt, die beispielsweise bei dem Samuel-L-Session-Mix, Ende 2000 bei Monoid erschienen, zum Einsatz kamen.

Die Leiden des jungen Larsson

1995 gründete Samuel sein erstes Label mit einem Freund, Max Reich: Solid Beat hieß es und er debütierte mit seinem Kollegen Reich, mit dem er sich auch ein Studio teilte, unter dem Namen Samuel L Session. Nebenher arbeitete er in einem Plattenladen. Solid Beat war, laut Samuel, dermaßen unspektakulär, dass er froh war, dieses "Paradebeispiel von Dilettantismus" zu Ende zu bringen. "Ich habe damals einfach keine Ahnung von nichts gehabt und Dinge herausgebracht, die es nicht wert waren, gepresst zu werden. Bestenfalls habe ich Erfahrungen gesammelt, aber stolz bin ich auf meine damaligen Releases nun wirklich nicht." 1997 gehörte Solid Beat endgültig der Vergangenheit an, denn Samuel gründete Cycle (dessen Name sich von Solid-Beat-Release Nummer Drei ableitete), sein erstes "richtiges" Label. Bei Cycle Nummer Sechs kam schließlich der Durchbruch, und als Thomas von Global Arrangements in Berlin ihn sechs Monate später in seine Bücher aufnahm, folgte bald sein erstes internationales Booking. "Es war toll - viele DJs kannte mich bereits durch meine Releases," freut sich Samuel. Da wusste er: so falsch konnte er nicht liegen.

Seine Platten loteten immer klarer den Grenzbereich von Funk und Techno aus, wie zum Beispiel bei den "Fallen Funk Files" und fanden nicht ohne Grund mehr und mehr Anerkennung. Die "Obsession EP" von 1998 mit funky Kicks und groovenden Latin-Rhythmen loopte dann so richtig treibend ab und bei Samuel bahnte sich zum ersten Mal ein Hauch von Ahnung an, was für ein Sound sich später herauskristallisieren würde. Auch andere Leute fanden Samuels Sound bemerkenswert: 1999 produzierte Samuel L eine Platte, "Givin' You", die bei Kanzleramt erschien. Samuel scheint sich tatsächlich in dieser Zeit gefunden zu haben, denn Passenderweise nannte er eine seiner nächsten EPs auf Cycle "Moments of Clarity", die trotz der Anleihen von Mills und Moroder eine nie vorher erreichte Eigenständigkeit erreichte. Dave Angel war begeistert, und so kam es zum Release der "Funk Deluxe EP" auf Rotation, Angels Label. Die wohl erfolgreichste Cycle-Platte war die vor-vorletzte Release, die "Centafrique EP", die Mitte 2000 erschien, nur übertroffen von "A Bastard´s Work Is Never Done" auf Phont, welche aus "übergebliebenen Tracks zusammengestückelt war, aber dann witzigerweise Nummer Drei in den Groove-Charts wurde", freut sich Samuel. Danach gab es noch einige Remixe von Ben Sims, Mark Broom und Stanny Franssen, woraufhin das Label eingestellt wurde, nach dem gleichen Schema wie zuvor. "Ich war damit einfach nicht zufrieden und wollte endlich vernünftig an die Sache rangehen und meine neuen Platten, die sich im Style sehr von den frühen Scheiben unterschieden, in einem anderen Rahmen präsentieren." Also wurde Samuel L Sessions ins Leben gerufen, dessen Durchschlagskraft alles bisherige in den Schatten stellt.

Die Sessions des Samuel L

Die Platten von Samuel Ls neuem Label werden laut Samuel auf einem noch viel höheren Niveau produziert, weshalb eine Distanzierung von Cycle notwendig erschien. Ein frischer Start mit einem neuem Design, besserer Aufmachung und einer generell überarbeiteten Policy machen SLS aus, und die erste Release, die "New Soil EP" setzte nicht nur mit ihrem Namen ein Zeichen, das neues Land begangen werden sollte. Konsequenter denn je ging Samuel vor und produzierte eine erfolgreiche Release nach der nächsten, und im Jahr 2001 kamen einige hochkarätige Remixanfragen hinzu. Samuel remixte Funk D'Voids Mega-Durchschläger "Diabla" und im Gegenzug remixte Lars Sandberg aka Funk D'Void den Track "Velvet" von der ersten SLS-Release. Unter dem Pseudonym "Safety Session" machten sich auch noch Samuels schwedische Kollegen Adam Beyer und Joel Mull an das Original, wobei der fette Reese-Bass und die groovend-deepen Akkorde, für die Samuel mittlerweile bekannt ist, unverändert herausstehen. Heraus kam eine der besten Platten mit des letzten Jahres. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Kursänderung der anderen Schweden, die ihren harten, reduzierten Loops allesamt abgeschworen zu haben scheinen. Adam Beyer produziert völlig glücklich und losgelöst unter dem Pseudonym Mr Sliff rollende Bassmonster, die sehr viel von Samuels Releases haben und Joel Mull begeistert mit sexy Spannungsbiegen und Percussions sein positiv überraschtes Publikum. Es scheint, als ob Samuels Revolution zumindest in den Producerköpfen Schwedens schon stattgefunden hat, und es scheint, als ob das Funk-Soul-Sex-Inferno on the Techno-Dancefloor nicht mehr aufzuhalten ist.

Auch bei zeitgenössischen Musikern tut sich einiges und Samuel arbeitet fleißig daran, seinen Techno-Sound mit anderer, hierzulande passierender Musik zu fusionieren. Andreas Saag, der auf der "Rootback EP" (SLS Nummer Vier) debütierte und von Samuel geremixt wurde, ist ein Freund von Samuel - nach Aussage von Samuel ein super-talentierter Musiker: "Er ist wie Gilles Peterson von Talking Loud", meint Samuel, "und der will ihn auch für die Jazz-House-Szene exklusiv signen, aber darauf hat Andreas keine Lust." Er wird stattdessen noch mehr auf SLS rausbringen, und zwar Jazz-Techno. Samuel hat damit kein Problem, im Gegenteil: "Ich finde es so langweilig, wie viele Techno-Labels gehandhabt werden - immer darf es nur ein spezifischer Style sein. Diesen Limits möchte ich mich bei SLS nicht unterwerfen." Seit April letzten Jahres arbeitet Samuel nun schon an seinem Debütalbum, welches alle möglichen Tracks featuren soll, die sich aus allen möglichen Backgrounds rekrutieren: HipHop, Soul, Funk, House, von allem ein bisschen, aber immer technoid. "Es muss insgesamt wie eine Reise rüberkommen, bei der der Zuhörer durch die einzelnen Styles geführt wird. Trotzdem muss es immer unverkennbar nach mir klingen. Das ist gar nicht so einfach. Bis jetzt habe ich auch erst vier Tracks, das ist ein bisschen wenig", gibt Samuel zu.

A Bastard's Work Is Never Done

In zwei Wochen kommt die Samuel L Sessions Nummer Sechs auf den Markt, die "Merengue"-Mixe, und diese werden bereits dermaßen gehypt, dass Samuel erleichtert aufatmet und sich ein wenig entspannt. Er erzählt stolz: "Pete Tong, der Radio-One-DJ, hat meine Platte auf seine Top-Ten-Playliste gesetzt!" Naja, es könnte ja auch wirklich schlimmer kommen. Zum Beispiel Judge Jules, sein Counterpart bei Radio One, dem größten englischen Sender, könnte das Teil spielen. "Tut er auch", lacht Samuel, und ist selbst erstaunt, wie er es geschafft hat, in den britischen Sanft-Gehirn-Wäsche-Trance-Markt einzubrechen. Die Menschen scheinen sich unterbewusst nach Rhythmen zu sehnen. "Ben Sims war der einzige, der mir ein negatives Feedback gegeben hat - er fand das Original viel besser," lacht Samuel weiter. Ben darf so etwas allerdings sagen, denn er ist sein Freund, und ohne Kritik und der Auseinandersetzung mit befreundeten Musikern, DJs und Produzenten würde Samuel stillstehen. "Music is not about standing still and becoming safe", hat Miles Davis einmal gesagt, und Samuel glaubt fest daran.

Drei coole schwedische Worte:

1. Skol - Prost
2. groggvirke - cocktail mixer
3. snyter (Verb) - sich die Nase putzen

Text: Katrin Richter, Taten: Samuel Larsson, Bilder: James Holm

Links:
www.samuellsession.com


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