02.02.2006 RL ARCHIVE MAY 02 +++ Marusha - Jenseits aller Regenbögen |
Die Vergangenheit Es war ein lauer Frühlingstag und ich radelte zum Anbau Zwei des Gymnasiums, um dort zu irgendeiner unheimlich langweiligen Pflicht-Unterrichtsstunde aufzulaufen. Ich war schon fast cool - ich gehörte seit einem Jahr zur Oberstufenelite. Meine Beine steckten in schwarzen Schnürstiefeln mit fetten Absätzen und mein Haar hatte ich zu zwei Zopf-Knödeln hochgebunden, die mein Bild als Möchtevielleichtgern-Raverin komplettierten. Auf dem Parkplatz standen die Autos der Mitschüler, die sie von ihren Eltern zum soeben bestandenen Führerschein geschenkt bekommen hatten. Mit heruntergekurbelten Fenstern und offenstehendem Kofferraum wurde das gesamte Areal mit Musik bedröhnt: Der Soundtrack der Zeit boomte laut aus den Boxen der präadoleszenten Obertertianer. Neben mir fuhren Elke, Bärbel und Grete, und wir alle sangen aus vollem Halse mit: „Somewhere over the rainbow, way up high, there's a land that I heard of once in a lullaby... " Der über Techno-Beats eingesungene Musical-Hit stammte von einer flippigen Techno-Göre namens Marusha, die mit einem knallebunten Video nonstop auf Viva rotierte und grüne Augenbrauen hatte! Während der sogenannte Untergrund verächtlich aufschrie, freuten wir uns: Marusha war der erste weibliche Vorzeige-DJ der „Raving Society" und entsprach dabei keinesfalls irgendwelchen mädchenhaften Klischees, und das imponierte uns sehr. Mit „Somewhere Over The Rainbow"feierte die damals 27-Jährige nicht nur erste Charterfolge, sie schaffte es außerdem, Techno ins Bewusstsein der älteren Generation zu bringen. Meine Mutter guckte beim Bügeln Viva und auch mein Vater kannte das Lied, das in „The Wizard Of Oz" von der kleinen Dorothy gesungen wurde, da es ihm bereits seine Mutter vorgeträllert hatte. Tatsächlich: Techno wurde 1994 zum ersten Mal gesellschaftsfähig. Nach jahrelangem Ringen mit sich selbst konnten die Gitarrenmenschen, die dem „seelenlosen Gestampfe" sämtliche Musik-Qualitäten absprachen, endlich lauthals mitbrüllen, die Energie fühlen, ihre letzten Vorbehalte über Bord werfen und geschlossen zur Mayday düsen. Techno war bei uns allen angekommen. Die Gegenwart Acht Jahre nach ihrer ersten nationalen Public Appearance hat Marusha braune Augenbrauen. Fünfunddreißig ist sie jetzt und sieht mit ihrem kinnlangen, blonden Haar, den baggy Jeans und dem ungeschminkten Gesicht wesentlich frischer aus als ich, der durchgefeierte Jungspund. Ihre dunklen Augen ruhen auf mir und meinen Augenringen. Aus ihnen spricht Lebenserfahrung. „Ich hab' schon immer viel Sport getrieben, Bodenturnen und Leichtathletik, ich war ja auch auf dem Sportgymnasium und so, und ich hab' auch noch nie Drogen genommen. Ich hab' auf so was niemals Bock gehabt", sagt Marusha, was ihr Erscheinungsbild erklärt. „Ganz wichtig, wenn du in so 'nen Beruf einsteigst, der mit Musik zu tun hat, und Musik als Kunstform definierst, ist ein gesundes Selbstbewusstsein, Mut und Glaube. Das ist 'ne Essenz, um dich vor den demokratischen Meinungen zu schuetzen. Die sind zwar richtig und wichtig, aber du brauchst eine persoenliche Distanz. Ne objektive Haltung, damit alles Subjektive in den Hintergrund tritt. Das macht dich individuell." Marusha ist quicklebendig, fast zappelig: „Rave Satellite war immer meine Plattform, die ich vor zwoelf Jahren schaffen hab können, und fuer mich funktioniert Techno, und überhaupt die ganze elektronische Musik und deren Akteure, nur über 'n Kollektivgedanken", sagt Marusha: „Davon leb' ich, davon leben auch die anderen." Rave Satellite, das urspruenglich Dancehall hiess, wurde seit seiner ersten Ausstrahlung von Marusha moderiert. Rave Satellite ist Marusha. bei ihrer Sendung handelt es sich um ihr Lebenswerk, ihre Leidenschaft. 1994 wurde Rockradio B zu Radio Fritz, und von 102,6 MHz funkt Marusha immer noch jeden Samstag um zwanzig Uhr. Besonders im Osten hat sie sich dadurch eine massive Fanbase erspielt. Fuer sie war die Sendung stets ein Medium, durch das sie ihre Interpretation von Techno-Kultur leben konnte, das ihr ermöglichte, ein breitgefächertes Spektrum von elektronischer Musik von den verschiedensten Interpreten in the Mix zu bieten und den Leuten aktiv vorzuleben, was Technosein bedeutet: „Mir ist es immer wichtig gewesen, fuer die Leute da zu sein. Es gibt ja auch Kids, die nicht gerade auf dem Weg zu ner coolen Party im Auto durch Berlin düsen, da draußen sind ja auch jede Menge andere Kids, die irgendwo in Mecklenburg oder Brandenburg sitzen und nicht weg können. Fuer die mach ich das ja auch. Und es gibt auch jede Menge Raver, die sind mal beim Feiern mit ein paar Teilen in der Tasche gepackt worden und die sitzen jetzt im Knast. Denen schreibe ich auch immer Briefe, damit sie sehen, dass sich doch noch jemand um sie kümmert, damit sie wissen, dass sie immer noch ein Teil von unserer Gesellschaft sind und man sie nicht vergessen hat." Seit zwölfeinhalb Jahren gibt es Rave Satellite, „RS" nennt Marusha ihre Sendung einfach nur, wenn sie mit ihrer „Posse" chattet, in seinen verschiedenen Formen jetzt, und deswegen nähert sich mal wieder ein historischer Moment: alle sechs Monate finden zu Ehren von Rave Satellite die legendären Lava-Parties statt, die immer wieder in wechselnder Location das Berliner Talent kombiniert mit internationalen Acts und (Newcomer-)DJs showcasen, eben einfach einen Querschnitt davon darstellen, was in den letzten sechs Monaten bei Rave Satellite passiert ist. „Lava ist für mich erdig und heiß. Irgendwie mochte ich den Namen. Mein neues Label hab' ich auch Lava Entertainment Recordings genannt", erzählt Marusha. Zur Zeit rotiert Marusha wieder so sehr, dass sie nach drei Jahren Pause wieder angefangen hat zu rauchen. Grund ist ihre neue Mix-CD, die diesen Monat auf Proton erscheint. „Ich wurde halt superoft gefragt, ob es Tapes von meinen Sets gibt, besonders von Kids aus Westdeutschland. Die koennen ja meine Sets nicht einfach so aus dem Radio aufnehmen. Da hab ich mir gedacht, warum nicht. Machste mal ne Mix-CD." Nonstop Queen of Breaks „Marusha Nonstop" heisst sie. „Die Mix-CD, das ist 'ne kleine Reise durch siebzehn Platten. In meiner Kiste sind aber hundert Platten, also ist das 'n komprimiertes Set. Ich versuche so 'ne Art Bogen zu spannen", erzählt Marusha, „ich bringe da meine verschiedenen Seiten zum Ausdruck. Auf der einen Seite eben die Breaks, mit Criminal Minds und meinem letzten eigenen Track, und auf der anderen Seite Techno, zum Beispiel Marco Remus - den find ich richtig fett - und andere harte Sachen von Brixton - der ist auch echt klasse - und Oliver Ho, Thomas Krome und Ladida. Ganz schön krass, das alles in siebzig Minuten zu packen!" Wer Marusha hat auflegen hören, merkt, dass sie sich keinen stilistischen Grenzen unterwirft und versucht, genreübergreifende Sets zu spielen. „Das lasse ich mir immer frei und offen, weil ich das wichtig finde", sagt Marusha. Und gerade das macht sie sehr spannend. „Leider ist es sehr selten, dass Drum'n'Bass-Leute auf Techno klarkommen und umgekehrt", bedauert Marusha: „Es ist schoen, dass es offenere Leute gibt, die nicht so verklebt und eindimensional unterwegs sind." Im Januar dieses Jahres erschien auf einem jungen Berliner Breaks-Label namens Dangerous Drums - nach der gleichnamigen Night in der Maria am Ostbahnhof benannt - eine Scheibe, von einem Projekt namens Maru - das ist keine geringere als Marusha, die sich hinter dem Pseudonym verbirgt. Das Label, das von ED2000 und Vela ins Leben gerufen wurde, um ein kreatives Outlet für den neuartigen Output der kleinen, aber feinen Breaks-Szene der Hauptstadt zu schaffen, zeichnet sich durch die unterschiedlichste Auslegung von Breakbeat-Sound aus. Damit reflektiert es auch die Vielseitigkeit der zahlreichen Produzenten, die auch als DJs bei den Dangerous-Drums-Parties in der Maria ihr Können unter Beweis stellten. Die ehemalige Queen of Techno hatte sich jahrelang still und unprätentiös ihrer ersten großen Liebe, Breaks, gewidmet, was die zwei Releases „Touch Base/ Chimes" und „We're Here" auf Dangerous Drums beweisen. „Ich hab Breaks niemals aussterben lassen", bestätigt Marusha. Gerade in den letzten Jahren hat sie sich einen Namen damit erspielt, dass sie den in England geborenen Breakbeat-Sound zockt: Nicht nur auf den Dangerous-Drums-Veranstaltungen materialisiert sich Marusha regelmäßig mit einer heißen Selektion von ruffen Plates und Cuts, auch auf der in Bremen stattfindenden Drum'n'Bass-Großveranstaltung Dreamland hat sich Marusha mit ihren Oldskool-Blends und Newskool-Abfahrten einen Namen gemacht. „Ich liebe Drum'n'Bass einfach. Wenn ich irgendwo in Berlin privat unterwegs bin, lande ich immer auf Drum'n'Bass-Veranstaltungen", erzählt Marusha: „Techno will ich mir irgendwo bewahren. Ich tanz' auch viel lieber zu Drum'n'Bass!" Bereits „Deep", das 1995 weit in die Charts vordrang, featurete einige kleine Breaks, und auch „Drum Kid" auf „No Hide No Run" war eine nette Hommage an Marushas Leidenschaft. Diese hat sie kontinuierlich vertieft, und wie ihre Kooperation mit dem aus dem Low-Spirit-Umfeld stammenden Produzenten Klaus Jankuhn beweist, scheinen beide die neue Freiheit zu genießen, „voellig unorthodox vorzugehen. Ich unterwerf' mich da keinen Konventionen. Ich gebe mir den Druck einfach nicht, wie etwas zu klingen hat. Deswegen gibt es bei mir auch Platten, die mich total verfolgt haben die letzten zehn Jahre." Die Zukunft Um kreativ zu sein, muss man in sich selbst ruhen, deswegen hat Marusha gezielt Abstand von dem ganzen „produzierten Chaos" genommen, der sie jahrelang umgab. Sie erzählt: „Das schafft Ruhe. Wenn man keine Ruhe hat, kann man auch nicht wirklich kreativ sein. Kreativität war immer mein Transportmittel. Für mich ist es ganz wichtig, dass es nicht zum Stillstand kommt. Leben und Musik ist für mich Entwicklung und Fortschritt." Mit der Dangerous Drums Nummer Drei jedenfalls zeigte Marusha zum ersten Mal seit ihrem nicht gerade hochgelobten Album „No Hide No Run" von 1998, dass sie ihre Aus-Zeit genutzt hat, um durch eine Reorientierung mit einer ganz anderen Herangehensweise an Musik wieder zum Vorschein zu kommen. Reisen erweitert den Horizont, also gibt sich Marusha regelmässig Abstand und Zeit für eine radikale Neuorientierung, und reist weit und viel. „Besonders den Ostblock mag ich gerne - die Menschen sind superfreundlich und mir ist die ganze Mentalität einfach unheimlich symphatisch", meint Marusha: „Jetzt fahr ich erst mal mit 'ner Freundin nach Kuba, und davor flieg' ich noch nach Portugal." Ihre Zeit als die Marusha möchte die Maru von heute nicht missen, dennoch nimmt sie zu guter letzt sehr differenziert dazu Stellung: „Ich mag alles, was ich je produziert habe und war zufrieden mit dem, was ich gemacht habe. Ich war zehn Jahre bei Low Spirit, und diese zehn Jahre waren echt wichtig. Aber ich bin echt offen für Neues, wie ich vorhin schon gesagt habe: Ich steh' nicht so auf Stillstand. Ich find's auch sehr wichtig, auch mal andere Wege zu beschreiten, und auch mit anderen Künstlern zu arbeiten, und das hab ich ja auch parallel dazu gemacht. Ich hab ja schon seit 2000 nicht mehr groß was mit Low Spirit gemacht, so richtig das letzte Mal war eigentlich 1998, mit Video und so. Also nee, ich glaub ganz einfach, dass die Musik, die ich produziere, dass die auch nicht mehr so viel mit dem Style zu tun hat, und ich find's daher auch schwierig, das als Plattenfirma zu vertreten. Dann macht es viel mehr Sinn, andere Labels auszuprobieren. Ich hab ja einen Künstlervertrag gehabt. Jetzt bin ich frei." Respect. Worte: Kat A. Minimum Bilder: aus dem Netz. Shoutz: Big Up to tha Berlin Massive! Link: www.marusha.de |