20.12.2005 RL ARCHIVE MAR 03 +++ Miss Yetti - Über Gold und Liebe und überhaupt alles |
Dass er vor fast zehn Jahren verfasst wurde und ausgerechnet jetzt wieder auftaucht, muss irgendeine Bedeutung haben, denn seitdem ist viel Zeit vergangen. Laurent Garnier ist zu einem prächtigen Mann herangereift, Sven Väth hat würdevoll seine goldene Lebensmitte erreicht und auch die wunderschöne Yetti hat sich, genau wie ihre männlichen Kollegen, sehr zu ihrem Vorteil verändert. Auch musikalisch hat Yetti sich konstant weiterentwickelt und kompromisslos ihren Sound zu ihrem Markenzeichen gemacht. Gewachsen sind dabei nicht nur ihre Ansprüche, sondern auch das Repertoire und der Horizont. Tatsächlich meldet sich Yetti just in diesem Monat nach einer etwas längeren Funkstille, bedingt durch die Fertigstellung ihrer Diplomarbeit, mit einem ausdrucksstarken Mixalbum auf DJ-Sets zurück, das im Rahmen der Berlin-Reihe entstanden ist. Die Gold&Liebe-Labelchefin zeigt damit eindrucksvoll, dass ihre Zeit in selbst auferlegter Klausur – und auf Bali – sich positiv auf ihr Schaffen ausgewirkt hat. Miss Yetti ist zur Frau geworden. "Du bist der große Held" In den Jahren zwischen gestern und heute ist eine ganze Menge passiert. Als der Brief in großzügiger Handschrift mit schwarzem Marker geschrieben wurde, war Yetti gerade 19 Jahre alt und hatte soeben ihr erstes großes Booking, den "Orion Rave" in Bottrop, erfolgreich überlebt. Dort stand sie – inmitten der Ruhrpott-Heroen und Techno-Halbschwerkaliber – dermaßen heraus, dass ein zufällig anwesender Raveline-Reporter sich spontan entschied, Yetti für sein "Female DJ"-Special zu interviewen. Wohingegen sie sich in ihrer Wahlheimatstadt Köln schon einen Namen erspielt hatte, da sie dort eine kleine, aber feine sonntägliche Residency im Fisch hielt, kannte sie der Rest von Deutschland noch nicht, was sich aber mehr durch ihre starke Persönlichkeit und Musik und weniger durch unser sehr veritables Interview änderte. Über die Jahre hinweg gab es nichts, was sie als DJ nicht erreicht hätte: stets in ihrer stillen und wenig offensiven Art, die ihr zueigen ist und die ihr Türen geöffnet hat, ohne dass sie sie jemals einrennen musste, spielte sie in vielen Clubs der großen, weiten Welt. "Komm’ mit in meine Welt…" Es gab auch Momente in ihrer Karriere, an die Yetti heute nur mit einem Kopfschütteln zurückdenkt: früher kam es häufiger vor, dass sie, ganz im "Female DJ Special"-Style, als "sexy Mädel" gebucht wurde, "die die Hütte voll macht, wenn sonst nichts mehr zieht." Yetti kullert verächtlich mit den Augen: "Das war am Anfang manchmal wirklich schäbig, wenn man von irgendeiner Dumpfdisse gebucht wurde und die Leute mich da einfach reingestellt haben, selbst wenn mein Sound überhaupt nicht passte." Auch diese absolut niveaulosen ‘Girls Night’-Aktionen gibt es glücklicherweise nicht mehr, denn die Leute haben bald gecheckt, dass es nichts bringt, jemanden zu buchen, der dann mit seinem brachialen Technosound nicht unbedingt das Tussi-Klischee erfüllen möchte und gegebenenfalls den Club leerspielt. So einfach ist das nämlich nicht mit der Yetti. Sie mag zwar hübsch aussehen, aber es ist ein genereller Defekt der Männer, dass sie gerade hinter die Fassade von schönen Frauen keinen Blick riskieren wollen und sich deswegen oft aufs Übelste verkalkulieren. Da viele Männer die Persönlichkeit einer Frau oft völlig außer Acht lassen, da sie unfähig sind, sich mit der Person jenseits der Oberfläche auseinanderzusetzen, unterschätzen sie diese, was letzten Endes nur eine Konsequenz dieser Unfähigkeit ist. Dies wiederum ist aber eigentlich kein Problem, wenn die Frau dennoch erreicht, was sie erreichen will. Das dann aber als Manipulation zu deklassieren, wäre demnach zu oberflächlich, oder? Eins ist jedenfalls klar: wenn den Taten einer Frau genauso viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie ihrer Schönheit, dann werden Frauen noch viel erreichen. "Wohin die Reise auch geht…" Natürlich gibt es viele Menschen, von denen Yetti einiges gelernt hat, genauso, wie diese Menschen von Yetti gelernt haben. Charles L’Admiral, ein Freund, zeigte Yetti 1993 das Mixen, nachdem sie, durch das Kölner Nachtleben im Neuschwanstein – wo sie auch hinter der Theke stand – animiert, anfing, Platten zu kaufen. Im Delirium und in Kölns kleiner, aber feiner Partyszene traf sie auf Michael Mayer, Sweet Reinhard und Jörg Burger, und bereits vier bis fünf Monate, nachdem sie sich ihr erstes eigenes Equipment zum Auflegen besorgt hatte, sprang sie für ihren Kollegen Thomas Lampe auf besagtem Orion-Rave in Bottrop ein. Über die Jahre hinweg verfolgte Yetti stets das gleiche Prinzip: für Freunde und mit Freunden zu arbeiten und zu produzieren. Herausgekommen ist dabei eine ganze Reihe von Releases, angefangen mit einer Platte auf dem Label Liquid Records, das ihrem damaligen Kollegen Torsten Stenzel gehörte und der auch mit Hand anlegte, so dass in Zusammenarbeit einige housigere Tracks entstanden, bevor Yetti 1996 nach Berlin zog. Dort releaste sie zwei weitere EPs auf dem Berliner Label Monoculture, die so reinhauten, dass Yetti gebeten wurde, einen Track für die Mayday-Compilation zu produzieren. "Neo Pren" hieß er und "dazu schnappte ich mir den Tom Clark", lacht Yetti. "Der süße Wind, der uns trägt…" Nachdem Yetti noch einige weitere Tracks mit Torsten Stenzel produzierte, trennten sich ihre Produktionswege langsam, aber unausweichlich, da Yetti immer mehr in die harte, Detroit-lastige Ecke strebte und Stenzel Gefallen an kommerziellerer Trancemusik fand, zweifellos eine Entwicklung der Zeit. Auf Yettis Label, Gold & Liebe Tonträger, das sie 1998 mit Oscar Comas ins Leben rief, da sie nach einem Outlet für Tracks suchte, die in keine Kategorien passten, findet man die Produktionen von zahlreichen Freunden. Angefangen hat das Label mit einer Platte namens "Versus EP", die von ihr und Oscar stammte. Mittlerweile führt Yetti das Label allein und hat bereits vier Platten auf Gold & Liebe herausgebracht. Die stammen von Antonio Montana aka Johannes Heil, Dietmar Lehner und Thomas Biebl, und demnächst folgt eine Platte von Leon Segaz. "Ich fand die Musik, die Dietmar und Thomas machen, außergewöhnlich schön. Die beiden kommen aus Österreich und sind so richtige Künstler – immer breit, weswegen sie ihre Termine verschlampen. Die kümmern sich nicht um ihre Bookings, sondern nur um ihre Musik. Deswegen hab' ich das übernommen, um Ordnung in ihr Leben zu bringen. Dietmar hab’ ich mal live spielen sehen und war von seiner Musik so fasziniert, dass ich ihn einfach fragen musste, ob er Lust hat, was mit mir zu machen. Erst hat er sich’s nicht zugetraut - vier Jahre später war er dann so weit… Die Musik der beiden ist einfach genial.. Genauso soll das Output meines Labels sein, völlig losgelöst von Konventionen. Wir planen zur Zeit eine Gold & Liebe-Tour und überlegen, ob wir gemeinsam einen Live-Act in Kostümen durchziehen." "Die ganze Welt ist ein Traum…" Yetti hat sich von den DJ/DJane-Debatten und Underground/Overground-Auseinandersetzungen emanzipiert, da sie mit ihren Sets auch den letzten Chauvinisten im Publikum in ihren Bann zieht. Dank ihrer Fähigkeit, Menschen mit auf die Reise zu nehmen und somit zu überzeugen, ist Yetti eine der Persönlichkeiten im internationalen DJ-Circuit, die sich ohne viel Aufheben über Jahre hinweg eine massive Fanbase erspielt haben. 1999 wurde sie beim Raveline-Poll zum besten nationalen weiblichen DJ gekürt, ohne sich jemals großartig verkaufen zu müssen. Ein Grund, warum sie als DJ niemals übermäßig präsent im Bewusstsein des Mainstreams war, ist ihr Studium, das sie konsequent weiterführte, obwohl es häufig ein äußerst unentspannter Drahtseilakt war, beides unter einen Hut zu bekommen. "Besonders krass war es an einem Wochenende, als ich ein Booking in Detroit bekommen habe, das ich unbedingt mitnehmen wollte, und am Montag ein Referat halten musste", erzählt Yetti. "Allerdings war ich dann reif für die Mülltonne! Einmal bin ich angetrunken von einem Gig direkt in mein Seminar – therapeutisches Basisverhalten –gewankt wo ich mich dann beim Rollenspiel gleich freiwillig für die Rolle eines alkoholabhängigen Klienten gemeldet hab'", lacht Yetti. Weil sie ihren Studienplatz mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie an der Humboldt-Universität antreten musste, fand Yetti sich in Deutschlands unheimlicher Hauptstadt wieder und versuchte dort, sich neben ihren Bookings auf ihr Studium zu konzentrieren, was ganz schön hart war. Noch in diesem Jahr ist es endlich so weit: nachdem sie diesen Monat endlich ihre Diplomarbeit abgegeben hat, folgt im Mai die letzte Prüfung – dann darf Yetti sich glücklich schätzen, die erste diplomierte Psychologin im DJ-Business zu sein. Sie plant übrigens bereits, ihren Doktor zu machen – Thema: "Die Auswirkungen von Technomusik auf die Psyche". "Komm’ mit durch Zeit und Raum…" Durch die Uni kam allerdings ein äußerst ungewöhnlicher Auslandsaufenthalt zustande. Über die Fakultät für Marketing der FH Dortmund gelang es Yetti, sich für ein Semester an der Uni in Denpasar, Bali, einzuschreiben. Dort, inmitten des tropischen Settings der indonesischen Trauminsel, konnte Yetti zum ersten Mal seit Jahren etwas äußerst Ungewöhnliches tun: "Ich hab' nur in den Tag 'reingelebt und die Seele baumeln zu lassen, mich treiben lassen." Vier Monate war Yetti in Bali und obwohl sie dort auch auf diversen Gigs auflegte, bemerkte sie schnell, dass sich ihr allgemeiner Sinneswandel auch auf ihre Plattenauswahl auswirkte. "Ich hab’ die ganzen harten Sachen einfach rausgeschmissen, weil ich mich nicht mehr danach gefühlt hab’", sagt sie. "Die Leute waren zwar gewissermaßen überrascht, aber da hab’ ich dann mal wieder richtig bewusst mit dem Publikum gearbeitet und sie mitgenommen auf meine Reise!" Ihre Zeit auf Bali hat sich deutlich auf ihren Style ausgewirkt, findet Yetti: "Ich hab' einfach mehr Bock auf groovigere Sachen." Für DJ-Sets hat Yetti nun bis fünf Uhr morgens im Studio herumgemixt, und herausgekommen ist eine Compilation, die den Zuhörer auf besagte Reise mitnimmt, und dessen Brüssel-Part von Marco Bailey übernommen wurde. Diese beginnt keineswegs in Berlin, wie der Name vermuten lässt, sondern in Yettis Welt, denn die erste Platte wurde von ihr in Kooperation mit den zerstreuten/genialen Österreichern gezaubert und kommt demnächst auf Gold & Liebe heraus. "Im Traum gewinnt die Einsamkeit…" Der Yetti-Song auf der Berlin-Brüssel-Compilation sticht durch seine Intensität und Transparenz heraus. Der Text stammt ebenfalls von Yetti allein und seine Surrealität ist, die dem Track seinen Zauber gibt, glänzt durch abstrakte Analogien: "Ich hab’ mich vor der Produktion des Tracks zufällig durch meine alten Neue-Deutsche-Welle-Platten durchgewühlt. Nena mit ihren Ballons und Markus mit seiner Taschenlampe sind mir davon im Kopf geblieben. Dabei ist mir aufgefallen, wie abgedreht die Texte waren, da sie in keinerlei logischem Zusammenhang stehen. Einfach völlig frei wie ein Traum. Herausgekommen ist ‘Helden’." Der Rest der Compilation braucht sich allerdings hinter dem gelungenen Start nicht zu verstecken. "Thank you very much" höhnt und stöhnt eine Frauenstimme, nachdem die Gold & Liebe Nummer Sechs von Leon Segaz aus Griechenland melodisch vorübergezogen ist. "Das ist die sexy Sylvie Marks", freut sich Yetti, "eine tolle Musikerin." Dann zieht das Tempo langsam aber sicher an und die Tracks werden rhythmischer und perkussiver. Über G-Pal, John Selway und DJ Rok findet der Mix einen gewaltigen Abschluss mit Terence Fixmers "Shout". Yetti und Terence sind seit mehreren Jahren ein professionelles DJ-Paar mit viel Leidenschaft, aber wenig Zeit füreinander. Nun, da Yetti ihr Diplom so gut wie in der Tasche hat, steht einer glücklichen Zukunft in Frankreich oder Spanien nichts mehr im Wege. "Tja, und jetzt schau’ ich mal, wie es weitergeht, denn mein Auftritt auf dem Orion-Rave hat mir wahnsinnig Spaß gemacht", schrieb Yetti damals. "Es regnet Liebe und Gewänder, Helden sind doch nur gemalt. Schöne Frauen, fremde Länder, die Prinzessin ist galant", sinniert sie heute. Yettis Worte vor zehn Jahren machen Lust auf die nächsten zehn, denn dass Träume wahr werden und die Realität ein Märchen ist, wusste schon die Nena. Autorin: Katrin Richter Links: www.miss-yetti.de www.gold-und-liebe.de |