19.12.2005

RL ARCHIVE DEC 02 +++ Mark Broom & Dave Hill: Real Music For Abstract People







Mark Broom, der Bekanntere der beiden, hat gerade in den frühen Tagen großen Einfluss auf den Sound der englischen Techno-Szene gehabt. Seit 1988 spielte der DJ, ursprüglich bekannt geworden durch seine Mischung von Acid, House und Freestyle, seine detroitigen Platten in Londoner Clubs wie dem Heaven und dem Mud-Club. Durch Freunde lernte er The Black Dog, einen der ersten Live-Techno-Combos Englands, kennen, die Mark unter ihre Fittiche namen. Fortan begleitete er sie als DJ auf ihre Touren, wodurch er viel Respekt erntete und einen großen Bekanntheitsgrad erlangte. Seit Anfang der Neunziger arbeitet Mark mit seinem Studio-Partner Dave Hill, aber auch mit anderen Techno-Heroen der ersten Stunde, wie zum Beispiel Baby Ford aka Peter Ford, zusammen, den er 1995 kennenlernte und in dessen Nude-Club er die Freaks technotisierte. Seinen internationalen Durchbruch erlangte mit dem Album "Angie Is A Shoplifter", das von Kritikern und Musikern gleichermaßen gefeiert wurde.

Zwischen 1992 und 1995 wurde die Londoner Szene zu großen Teilen von Detroit, von englischen Labels wie A13, Irdial und von Künstlern wie Black Dog beeinflusst. Auf diese Prägung ist es zurückzuführen, dass sich bei Produzenten und Feierleuten in England bis heute die Vorliebe für eine deepe, melancholische Atmosphäre und melodische Strukturen gehalten hat - typische Elemente, die seit jeher auch Brooms und Hills Produktionen ausmachen. In den letzten zwei Jahren haben Dave und Mark, ein perfekt eingespieltes Team, ihren Style allerdings immer mehr auf den Dancefloor ausgerichtet. Da Mark ein gefragter Techno-DJ ist, weiss er genau, was im Club funktioniert und bringt dementsprechend Erfahrung mit ein. Dave, der eigentlich die meiste Zeit in seinem UXB-Studio im Londoner Stadtteil Greenwich verbringt, programmiert derweil die Sequenzen. So kamen in den letzten Jahren Tracks zustande, die energiestrotzend und voll roher Vernichtungskraft den Dancefloor verwüsten, ohne jemals den kleinen Fitzel rollenden Groove zu verlieren, der ihren Techno seit jeher auszeichnet. Auf dem eigenen Imprint Pure Plastic sowie dem Technohouse-Zweitlabel Re-Wired erscheint so eine Platte nach der nächsten, die sich durch gleichbleibend hochwertige Qualität und Originalität auszeichnen. Kollaborative Projekte mit Plaid, Autechre, The Black Dog oder Remix-Aktionen mit Surgeon, The Advent, Ben Sims, Oscar Mulero, Kalpa, Regis und Neulinge wie Don Williams, Paul Mac und Vincent D zeichnen die beiden Akteure zusätzlich aus. Lange Rede, kurzer Sinn: Raveline musste die beiden mal auschecken.

Lesson Learnt

Raveline: "Was macht ihr gerade?"

Dave: "Ich bin mit Envoy von Soma im Studio... nachher kommt Ben Sims vorbei, der will seine Platte ein wenig feintunen. Er hat sein Studio eigentlich direkt nebenan, aber er wird es bald zu uns rüberverlegen - da müssen wir halt ein bisschen zusammenrutschen. Ben weiß unser Set-Up sehr zu schätzen... Genau wie Percy X übrigens."

Mark: "Ich habe letztes Wochenende auf der Overload-Party im Elektrowerx mit Ben Sims aufgelegt, wir machen gerade eine Mini-Tour, die Theory-30.3-Tour. Wir haben vor kurzem in Amsterdam mit sechs Decks und zwei Mixern aufgelegt. Es war genial, das machen wir jetzt öfter! Jetzt bin ich gerade zu Hause und hüte meine kleine Tochter Ella."

Raveline: "Warum konntest du nicht zum Dublin Electronic Arts Festival kommen, Mark?"

Mark Broom: "Ich war irgendwo in Spanien. Von dort gab es nur zwei Flüge täglich - und die wurden wegen der schlechten Wetterlage gecancelt. Naja, ich saß mit Ben Sims und Claude Young fest, das war dann doch ganz witzig. Wir sind nachts durch die Clubs gezogen und haben uns die Kante gegeben. Mal was anderes als aufzulegen - Saufen ist harte Arbeit! Trotzdem habe ich mich wirklich geärgert, dass ich das DEAF verpasst habe. Und unseren Gig."

Raveline "Aber Dave hat ja echt nicht enttäuscht und alleine die Leute gegroovt."

Dave: "Ich hätte nie gedacht, dass ich es so gut hinkriege - ich musste ja Marks Part mitübernehmen. Das ist technisch nicht das Problem, die Geräte kann ich auch einfach mitbedienen. Es war aber echt tricky, denn ich musste ja intuitiv so handeln, wie Mark es gemacht hätte. Also musste ich mich in Mark reinversetzen, musste vorgeben, Mark zu sein, um so wie Mark zu funktionieren, musste so spielen, wie Mark es gemacht hätte. Und ich habe es geschafft! Die Leute haben getanzt!"

Mark: "Ich bin ein bisschen enttäuscht. Wir haben so lange an dem Gig herumgefeilt. Es wäre unser erster gemeinsamer Auftritt als Visitor gewesen. Tja - aber Dave hat es hingekriegt. Ich bin stolz auf ihn! Es ist das allererste Mal, dass er in dieser Situation war. Ich habe schon alleine eine PA gemacht, als Mark Broom, aber für ihn war das etwas ganz Neues! Unser Auftritt war ja der Höhepunkt der ganzen Show - wenn Dave es nicht durchgezogen hätte, dann wäre alles flachgefallen, und die Leute wären enttäuscht gewesen."

Raveline: "Mark, macht es dir was aus, dass Dave dich einfach so ersetzen kann?"

Mark: "Nee. Es ist gut, dass Dave endlich im Rampenlicht steht, weil ihm eigentlich viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Weil ich als DJ mehr im Mittelpunkt stehe, ist es mit uns wie in einer Band - als Frontmann werde ich immer von allen zugetextet, und Dave kommt immer etwas zu kurz. Also, gestern abend war er der Man, und das ist gut so. Er ist ja sonst immer im Studio, also ist das schon ganz richtig, dass er jetzt groß rauskommt."

Raveline: "Wäre das euer erster gemeinsamer Live-Gig?"

Mark: "Nein. Am Anfang bin ich hauptsächlich als Mark Broom gebucht worden, aber Dave und ich machen auch viele Live-Auftritte als Rue East, denn sowohl Clubbetreiber als auch Crowd wollen lieber harten, club-orientierten Vollgas-Style zum Durchdrehen, das einem DJ-Set nicht unähnlich ist. Rue East eben. Visitor fällt da doch eher soft aus."

Dave: "Wir sind das perfekte Team, bei uns ist alles hundertprozentig eingespielt. Wir wissen auch im Studio immer, was der andere will. Ich hätte nicht gedacht, dass ich alleine genauso gut klarkomme, also werde ich das vielleicht tatsächlich mehr machen in Zukunft."

Raveline: "Wie kam denn die Zusammenarbeit mit den Dublinern zustande?"

Mark: "Vor ein paar Jahren habe ich mal in Dublin gespielt, und einer der Jungs, die mich rübergeholt haben, fragte mich, ob ich nicht mal ein paar Leutchen kennenlernen wolle, die in Dublin ihr eigenes Label an den Start gebracht haben. Also schleppte er mich zu ihnen nach Hause. Ich und Rob Rowland haben am gleichen Tag einen Track produziert. Eamonn hat auch sofort Verwendung für das Teil gefunden, denn dieser allererste Visitor-Track landete dann gleich auf der ersten D1-Compilation - sie erschien vor ein paar Jahren. Das war die Geburt von Visitor. Im Laufe der Jahre haben wir eine geniale Beziehung zur Dublin-Crew aufgebaut und Eamonn und alle von D1 sind total begeistert vom Visitor-Sound, also passt das."

Dave: "Eamonn und Rob schätze ich über alles - ich hoffe wirklich, dass sie mit dem DEAF Erfolg haben werden. Sie haben es verdient. Ich habe sie durch Mark kennengelernt. Wir hatten sowieso geplant, ein weiteres Projekt ins Leben zu rufen, in dem es mehr um den ursprünglichen, detroitigen, melodiösen Sound geht. Für alle unsere Vorlieben - Rue East für banging Techno, Midnight Funk Association für breakiges Downtempo-Zeug und Repeat für experimentellen Ambient - hatten wir bereits Outlets. Weitere Projekte planen wir aber nicht. Unser Spektrum ist jetzt abgedeckt! Aber D1 haben wir ins Herz geschlossen. Eamonn war auch derjenige, der Marks Akai MPC 60 übernommen hat. Der MPC ist was Besonderes, der Sound ist original, und Eamonn war der Richtige dafür. Bei ihm ist er in guten Händen."

Cultured

Raveline: "Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

Mark: "Dave und ich haben vor über zehn Jahren als Boten in einem Büro in London gearbeitet - bevor es Emails gab! Wir haben uns im Postraum kennengelernt. Dave hörte irgendwann auf, aber zwei Jahre später hatten wir wieder Kontakt und er erzählte mir, dass er jetzt sein eigenes Studio hätte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gerade mit Ed Henley und Andy Turner produziert. Mit denen habe ich ein paar gemeinsame Platten auf General Production Recordings gemacht. Wir haben dann am Wochenende Daves Studio gemietet. Schließlich hat Dave gefragt, ob ich nicht mit ihm arbeiten wolle. Mit Dave habe ich dann Platten auf A13 rausgebracht - das Label von einem unserer Kumpel, Chris Matthey, aus Essex."

Raveline: "Mittlerweile habt ihr ja euer eigenes Label, Pure Plastic, und euer Output ist beachtlich, wie der Querschnitt auf deinem soeben erschienenen Mix-Album 'Lession Learnt' beweist..."

Mark: "Ja, stimmt. Der Mix repräsentiert, was in den letzten beiden Jahren auf unserem Label passiert ist. Seit dieser Zeit konzentrieren wir uns auf den Dancefloor. Davor war unser Sound weiter gefächert - von Breakbeats über Detroit war alles dabei. Durch das Auflegen bin ich aber immer mehr zum harten Sound konvertiert worden. Trotz allem ist der Sound vielfältig geblieben, denn mal arbeiten wir mit Ben Sims oder Envoy oder auch Baby Ford - jeder bringt seinen eigenen Input mit ins Studio...UK-Techno hat für mich deswegen etwas Frisches, Unverbrauchtes, denn wir sind nicht so festgelegt, wie unser Sound zu klingen hat. Wir haben noch ein Label, es heißt Re-Wired. Darauf erscheint mehr der Technohouse-Stuff, zum Beispiel David Caretta und Baby Ford. Nach dem sechsten Release hatten wir es zwischenzeitlich eingestellt, aber mittlerweile sind wir bei Nummer zehn und es läuft."

Raveline: "Mit Black Dog machst du aber nichts mehr, oder?"

Mark: "Nee. Man entwickelt sich in verschiedene Richtungen weiter. Aber wir sind immer noch befreundet. Ich habe Black Dog einiges zu verdanken. Ich bin früher oft als DJ mitgetourt - nach den Auftritten habe ich aufgelegt. Ich bin danach auch mit Autechre getourt, insgesamt drei Mal. Rob and Shawn, Autechre, finde ich genial. Ich mache aber immer noch eine Menge mit Plaid, Ed Henley und Andy Turner. Mit den Jungs und Dave habe ich als Repeat ein paar EPs und ein Album gemacht, der Sound ist wie eine Kreuzung aus Plaid und unserem Sound, Melodien und so. Darin sind wir echt gut."

Tales From The East

Raveline: "Dave, du hast vorhin erwähnt, dass euer Studio eigentlich von jeder britischen Techno-Größe genutzt wird. Kann man deswegen von einem homogenen Sound sprechen, der typisch für euch ist?"

Dave: "Ja, im Prinzip schon, oft ist es das gleiche Set-Up von Geräten, derer eine ganze Anzahl von Leuten sich bedient, und oft frickeln ja auch ich oder Mark oder wir beide mit dran rum. Unser UXB-Studio ist die Zentrale."

Raveline: "Last but not least: Was passiert demnächst auf Pure Plastic?"

Dave: "Frag' Broomy, er ist der Label-Manager. Ich erlebe zur Zeit meine zweite Jugend - mir macht Feiern wieder einen Riesenspaß. Dabei checke ich auch, wo unsere Platten gespielt werden, und in welchem Kontext. Das Wissen nehme ich wieder mit ins Studio."

Mark: "Viel. Es geht weiter mit einer Scheibe von Rue East, dann kommt eine von mir mit The Advent, mit Mixen von Olga und Josef, dicht gefolgt von einer Platte von Dom Williams featuring Paul Mac mit Remixes von Vincent D. Dom kommt aus Berlin und hat sein eigenes Label namens Tokomak - unbedingt mal auschecken. Im März erscheint eine LP von Trolley Route, einem Künstler aus Spanien - dahinter steckt kein geringerer als Oscar Mulero. Geplant sind sowieso mehr Alben im nächsten Jahr. Es wird sowohl ein Detroitigeres, Oldschooliges von mir geben als auch ein clubbiges Rue-East-Album, das wird so wie das letzte, 'Indoor Culture'. Auch auf anderen Labels gibt es Releases: auf Stimulus, auf Warm Up und auf D1."

Raveline bedankt sich für das Gespräch.

Interview: Katrin Richter.

Link:
pureplastic.co.uk


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