12.12.2005

RL ARCHIVE NOV 05 +++ Deepak Sharma: Going With The Flow







Weil er den Puls der Zeit traf. Den rasenden Puls der pulsierenden Weltmetropole New York. Vielleicht auch, weil Deepak ihn mit der Einführung von Platten von Künstlern wie Laudert, Attila Jahanvash und Björn Stolpe ein wenig mitgeformt hat. Höchste Zeit, sich zu informieren. Wie es möglich ist, als Noname seine selbstverlegte Mix-CD weltweit zu vertreiben. Warum New York sich zu einer neuen Minimalenklave wandelt. Und dass, obwohl der konservative Bürgermeister Guiliani mit seiner "No Dancing"-Politik für die Schließung eines Großteiles der Clubs verantwortlich ist, in denen man auch nicht mehr rauchen darf. NY: Im wahrsten Sinne des Wortes reduziert? Oder geht es Back To The Roots? Echte Helden? Ehrliches Partymachen? Deutschland als treibende kreative Kraft? Wir redeten über alles. Hier das Protokoll.

"Minimaltechhousetechno ist jetzt in New York zu Hause"

"Ich weiß, dass Minimaltechhousetechno oder wie auch immer man das Zeug, das in den letzten Jahren aus Deutschland kommt, nennen möchte, hier in New York wirklich richtig gut ankommt," erzählt ein sichtlich erfreuter Deepak Sharma, der sich ein wenig verspätet zum Interview eingefunden hat. Eine Woche zu spät, um genau zu sein. Naja. So kann es ruhig auch mal laufen. Wer jetzt aber vorschnell darauf tippt, dass dieser 28-jährige Newcomer aus New York mit indischen Einwanderereltern und Großstädternonchalance bereits Starallüren an den Tag legt, liegt schlichtweg gänzlich falsch! Er wusste einfach nichts von seinem Glück. In einer schon fast filmreifen Aktion wurde der nachtaktive Boogaloo-Resident dann schließlich doch noch aufgetrieben und zeigt sich nun von seiner zuvorkommensten Seite. "Mit den ganzen ausschließlich positiven Reaktionen, die meine Boogaloo-Mix-CD hervorgerufen hat, fühle ich mich, als sei ich wirklich ganz an der Vorderfront der Dinge, denn ich bin nun einer der bekanntesten DJs aus NYC, die diesen Sound pushen. Den Erfolg der CD kann man nicht ignorieren oder verleugnen, und der Fakt, das diese CD aus New York kam und von einem New Yorker gemacht wurde, spricht sehr dafür, dass dieser Sound in New York zu Hause ist." Und nicht nur das: "Diese CD hat einem Haufen amerikanischer DJs gezeigt, dass es völlig okay ist, Chillout-Demos zu machen und nur das zu spielen, was man selber mag. Die Boogaloo-CD war in diesem Sinne ein echtes Risiko. Ich war weder ein bekannter DJ, noch sind die Leute hier mit diesen Style vertraut. Aber ich habe trotzdem an meinem Konzept festgehalten, und es hat funktioniert. Dies gibt mir die Zuversicht, das Ganze weiterzuverfolgen, und so produziere ich jetzt auch eigene Tracks."

Hypnotic Layerwaves

Was war denn jetzt das besondere an diesem Mix, der ja auch schon vor einer guten Weile erschienen ist? Wieso schlägt er immer noch Wellen? Hypnotische Layerwellen, wenn man denn so will... "Absolut!" sagt happy Deepak strahlend. "Das war genau das, was ich erreichnen wollte: Psychoaktivität durch Monotonie. Genau solche Tracks schichte ich dann Layer um Layer übereinander, bis der gewünschte Effekt erreicht ist. Keiner kann es besser! Subtile Musik, die eigentlich gar nicht so subtil ist, sondern mit Vielfalt und kleinen Spielereien meine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Kein Füllmaterial. Nur Tracks, die herausstehende Elemente aufweisen, die eventuell, kombiniert mit der darauffolgenden Platte, einen ganz bestimmten Effekt kreieren: deepe Atmosphäre! Beim Mixen habe ich Wert auf extrem lange, subtile Übergänge gelegt, die genau zum richtigen Zeitpunkt stattfinden. Das war gar nicht so einfach. Am Ende zieht das Tempo ein wenig an und es wird vom Feel her etwas härter, aber auf unterschwellige Weise. Die Schönheit des Mixes ist seine Einfachheit. Keine Gadgets und Tricks, nur ich und die Turntables und ein perfektionistisches Konzept für eine ausgetrippte Chillout-CD, das ich bis zum Schluss durchgezogen habe!" Keine Frage. Deepak ist stolz. "Klar. Das Gefühl, meinen Mix im Vigin-Megastore im Union Square neben den Alben von Ricardo Villalobos und Craig Richards zu finden, war pure Euphorie, denn die CD zu machen war eine echte Herausfolderung. Ich musste mich ja um alles kümmern - die Lizenzierungen, Verträge, Rechtsanwälte, Artwork und Distribution. Mit so etwas kannte ich mich nicht aus, und es erfordete eine Menge Biss, sich da durchzukämpfen. CDs rauszubringen ist kein Zuckerschlecken, sonst würde es jeder tun. Ich habe es aber hingekriegt und werde es auch noch mal hinkriegen. Soviel steht schon fest."







"Die deutschen Produktionen haben für mich das 'menschlichste Feel'."

Was ist denn jetzt das Geheimrezept von "Boogaloo. Brooklyn. 3:23 PM", sollte man es denn überhaupt auf einen einzigen Faktor reduzieren können... Die Plattenauswahl? Vielleicht. Denn obwohl der Sound von Artists wie Sami Koivikko, Oliver Hacke und Laplaceausoleil nun vielleicht den New Yorker Eastcoastclubcats ein Begriff ist, steht Deepek mit seinem deutschangehauchten Sound in Amerika doch relativ allein. Vielen Leuten sind Labels und Vertriebe wie Onitor, Italic, Boxer und Kompakt immer noch kein Begriff, wenngleich sie hierzulande schon lange keine Geheimtipps mehr sind. "Dem stimme ich hundertprozentig zu. Aber hier in den US ist das anders. Ich habe wirklich dazu beigetragen, diese Platten im richtigen Kontext zu präsentieren und den Leuten und DJs Alternativen jenseits von dem, was sie kannten, aufzuzeigen. Mitterweile gibt es recht viele Leute, die auf auf dem Zug mitfahren. Der Ball rollt! Und ich kann auch verstehen, wieso. Die letzten vier Jahre habe ich während meiner Arbeit im Plattenladen alles ausgecheckt, was aus Deutschland kam, und es mir auch direkt unter den Nagel gerissen. Die Sachen aus Detroit auch, wie zum Beispiel die Nummer von Rod Modell auf Hexcraft. Aber die deutschen Produktionen haben für mich einfach das 'menschlichste Feel'. Ich kann mir den Macher so richtig vorstellen, wenn ich seine Musik höre. Sehe ihn vor seinem Computer, wie er an einem Track arbeitet. Wie er sich das so vorstellt. Die Leute in Deutschland machen keine vorgestanzten Sounds, die anderen Sache gleichen. Sie sind innovativ und anders. Electronic Dance Music funktioniert für viele nach Schma F, aber nicht für die Leute in Deutschland. Die bringen ihre Persönlichkeit ein. Und das höre ich raus. Und das begeistert auch die Leute, die meine Mixe hören. Ich fühle mich, als machten sie ihre Tracks nur für mich. Das hat mich so inspiriert, dass ich selbst angefangen habe zu produzieren. Damit die Leute hören können, was ich durch Musik zum Ausdruck bringen will." Der Prozession nach Deutschland zu folgen ist indes keine Option für Deepak: "In Berlin gibt es schon genug Leute, die den Sound promoten. Wo wäre da noch Platz für mich?"

"Die grösste Herausforderung? Jemanden zu finden, der mich bucht!"

"Nö, ich bleibe lieber hier. Das hat jede Menge Potential - auch die Leute ausserhalb der sogenannten 'Epizentren' wie New York fahren auf trippig minimalen Runterkommsound ab. Die Szene ist viel grösser, als man annehmen würde. Ich habe für die Politik meines Landes nicht viel übrig, wie man sich schon denken kann, und so geht es vielen. Und gerade darauf bin ich stolz. Die grösste Herausforderung? Jemanden zu finden, der mich bucht! Das grösste Hindernis, das es für DJs wie mich zu überwinden gilt! Hier macht jeder einen auf Nummer Sicher, die Clubbetreiber wollen häufig nichts anderes als das 08/15-Standardprogramm und zwingen dem Publikum die 'Superduper Celebrity DJs' auf, die eigentlich kein Schwein interessieren, von einem musikalischen Standpunkt aus gesehen. Es ist wichtig, dass Clubbetreiber ihre wahre Berufung wahrnehmen, in ihren Clubs den Freiraum für gute Parties zu schaffen, nicht für Namenskulthuldigungen und Abspulprogramm-Verdumpfung. Vielfalt sorgt für eine differenziertes Programm von Format, sonst verkommt die Clublandschaft zu einem homogenen Sumpf. Liebe Clubbetreiber und Promoter da draussen... Bitte guckt euch euer Line-Up mal genau an und fragt euch ganz ehrlich, ob ihr wirklich hinter dem steht, was ihr da puscht. Wer keine Ahnung hat, sollte sich schämen." Zum Glück gibt es Leute wie Chance Johnston, dem Besitzer von Boogaloo, der auch als Patron der Mix-CD agiert hat. Leute, die erkennen, dass man innovative Ansätze und neue Konzepte braucht, um die Zukunft in der Gegenwart aktiv zu gestalten, nicht nur als Spielball des Schicksales herumstramplend den Trends hinterherzuhecheln, sondern neue Dinge passieren zu lassen, wie zum Beispiel in der Boogaloo-Lounge. Ein Ort, der laut Deepak ein "sicherer Ort" ist, um Musik auszutesten, weil "die Sinne nicht so überfrachtet werden wie in einem Club". Den Mix auf ein herumsitzendes Publikum auszurichten war allerdings nicht das Ziel von Deepak. Im Boogaloo wird getanzt. Auch wenn dies heutzutage, glaubt man den Medien und exilierten Musikern, eine Seltenheit geworden ist, denn Tanzlokallizenzen in NYC kaum noch erteilt. "Boogaloo ist ein Chill-Out-Mix, keine CD für Leute, die nicht tanzen dürfen. Aber man kann dazu auch im Liegen tanzen, wenn es sein muss. Just go with the flow, people." Yo. Word. Deepak!

Worte> Katrin Richter. Bilder > Katrin Richter. Cheers Big Ears> Jürgen Z und Chris Organ.

Links:

www.boogaloo.info
www.hidden-nyc.com
www.organised-djs.com

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