12.11.2005

RL ARCHIVE NOV 01 +++ Nookie - Now And Then








Damals, vor zehn Jahren, als Drum’n’Bass noch gar nicht geboren war und sein epischer Vorgänger Oldskool-Jungle-Techno noch in den allerabgeschabtesten Adidas-Shelltoe-Kinderschuhen durch dunkle Lagerhallen tanzte, arbeitete Gavin Cheung alias Nookie in einem Londoner Plattenlanden namens Red Records (später das legendäre Unity). Er hatte sein Debüt als Producer bereits hinter sich, einen RaggaHipHip-Remix für Ninja Man. Wenig später signalisierte sein erster Hardcoretrack, ein White Label namens "Large Southend Doughnut", dass Gavin, der ehemals B-Boying auf der HipHip-Schiene aktiv gewesen war, durch den Ende der Achtziger aufkommenden Acidhouse eine Styleschwenk vollzogen hatte.

Give A Little Love

Nookie, dessen Nickname, wie er versichert, "nichts mit Sex zu tun hat", aber zu gutdeutsch "Knutschfleck" bedeutet, besticht mit seinem Grinsen sogleich. Dieser Typ, dessen Eltern aus Hongkong und Sonstwoher kommen, hat viel von einem Hertfortshireboy– Nookie ist cheeky und so unglaublich englisch, dass man gleich ein Lager mit ihm trinken und über den – von Gavin favorisierten – Footballclub Tottenham reden will. Obwohl er gerne zugibt, dass seine Fußballobsession – wie bei allen englischen Männern – durch seinen Vater geprägt wurde (denn die Erziehungstätigkeit englischer Väter beschränkt sich nun mal auf Fußball), ist seine Obsession für elektronische Musik und elektronische Spielkonsolen eine Erfindung unserer Generation. Auf diese Themen beschränkt sich auch der Großteil unseres Gesprächs. Nookie, der den Namen von einem Kollegen vorgeschlagen bekam, zockte sich begeistert durch das eine oder andere Konsolenspiel, eignete sich aber außerdem bei weitem brauchbarere Skills an: er fing an Tracks zu produzieren, weil es seiner Meinung nach "genug schlechte Musik" gab. "The Love Is EP" von 1992 auf Absolute 2 war die erste Platte, mit der er sich in der jungen Liga der Hardcore-DJs einen Namen machte. Der erste richtige Plattenvertrag bei Absolute 2 Records endete allerdings im Fiasko. "Ich wurde aufs Feinste abgeledert," erinnert sich Nookie. "Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das ein fester Bestandteil der Plattenindustrie ist. Wer noch nicht beschissen wurde, hat noch keinen Plattenvertrag. Ich jedenfalls habe meinen Teil daraus gelernt." So weise wurde Nookie, dass sein nächster Deal ihn auch gleichzeitig in die aufblühende Szene-Liga der Drum’n’Bass-Mover und Shaker katapultierte. Goldie, der gerade seine ersten Platten als Rufige Crew und The Ajax Project herausgebracht hatte, holte Nookie zu Reinforced. Die erste Veröffentlichung dort hieß dann auch passenderweise "The Return Of Nookie EP". Zusätzlich eröffnete er einen Plattenladen namens Armshouse in einem Fachwerkhäuschen in Hitchin und versuchte sich kurze Zeit später an einem eigenen Label, Armshouse Records. Wenig später, nach nur fünf Releases, beschloss Nookie aber, dass es entschieden zu anstrengend war: "Die ganze Arbeit, die hinter einem Label steht, hat mir einfach nicht gelegen," gibt er zu. 1993 zog es Nookie zu einem anderen Lager: Rob Playfords Label Moving Shadow hatte es ihm angetan, denn er war stehts ein Mann der Melodien, Harmonien, und was wohl alle seine Releases auszeichnet, der Atmosphäre. Unter dem Namen Cloud 9, ein Pseudonym, das verschiedentlich für die etwas drum’n’bassigeren Releases diente, veröffentlichte er unter anderem "You Got Me Burning". Remixe für Ray Keith (ein Playstationbuddy, für den er lange Zeit als Sound Engineer tätig war) und andere Producer, die er auch unter dem Namen Nookie laufen ließ, erschienen in rascher Abfolge, bis er von Goldies Label gestoppt wurde, denn der Name war eigentlich ausschließlich Reinforced vorbehalten. Cloud 9, sein zweites Alter Ego, diente ihm somit als Outlet bei Moving Shadow, bis er sich mit Reinforced einigen konnte.

Progressive Sessions

Danny, LTJ Bukem für die, die ihn nicht kennen, ist ein alter Kollege von Nookie. Im Grunde genommen sind alle Leute, die heute (und gestern) im Drum’n’Bass-Business aktiv (gewesen) sind, seine Freunde – er ist einer von den Menschen, die sich Freunde machen und nicht Feinde. Lauscht man Nookie, gibt es im bekanntermaßen recht Konkurrenzkampf-orientierten Drum’n’Bass-Zirkus keine Fehden – alle, wie zum Beispiel Grooverider, Fabio oder Blame, haben sich für unzählige Playstationsessions und diverse Remixaktivitäten (zumeist zugunsten der Playstation unterbrochen) in Nookies Haus eingefunden. Kennen gelernt hat er sie alle im Unity-Plattenladen. Auch Bukem stand Nookie stets nah, denn sie hatten immer eine ähnliche Definition von Drum’n’Bass, auch wenn sie zunächst niemals groß miteinander kooperierten. Vor fast zwei Jahren fragte Danny Nookie, ob er nicht Lust habe, bei Good Looking einzusteigenDas tat er auch, wenn auch zunächst als Second Vision und New Balance. Nookie dazu: "Viele Leute argwöhnten damals, ob das so eine gute Idee sei. LTJ Bukems Sound ist in der Drum’n’Bass-Szene etwas, an dem die Geister sich scheiden. Als er damals anfing, war gerade der ultradarke Sound auf dem Vormarsch. Tech Step und Dark Step waren angesagte Sache, und gerade da mit einem völlig eigenständigen Mellow Vibe einen Kontrapunkt zu bieten, trieb manche in die Offensive. Gelästert haben viele. Aber Danny hat sein eigenes Ding gemacht und durchgezogen. Heute scheinen die meisten Leute das anzuerkennen, denn die Darkness hat einen toten Punkt erreicht." Man könnte auch behaupten, dass der Logical-Progressions-Sound irgendwann stagnierte. "Das kann sein," gibt Nookie zu, "das war vielleicht auch einer der Gründe, warum Danny mich im letzten Jahr mit auf die Tour genommen hat. Ich bin durch die Tour wieder als DJ aktiv, was mir auch ganz recht ist. Ich hatte seit Jahren kaum noch aufgelegt, weil es für mich und meinen Sound einfach keine rechte Szene mehr gab. Ich habe zwar ein paar Jahre auch härtere Drum’n’Bass-Scheiben produziert, dann aber gemerkt, dass mir das auf die Dauer nicht so recht liegt. Ich bin und bleibe ein Producer mit Atmosphäre."

Age is just a state of mind

Nookie ist 30. Und wenn er über sein Schedule spricht und über die 35 Flüge pro Monat, während er auf Tour ist, merkt man ihm gleich an, dass Touren nicht gleich Touren ist. Es ist ein Unterschied, ob man 20 Lenze zählt – das erste Mal von zu Hause weg – wo auf dem Boden schlafen und die Hucke zusaufen das Größte ist, oder ob man 30 ist, eine seelenverwandte Lebenspartnerin zu Hause lassen muss und vor 18jährigen auftritt, die sich zulaufen lassen und rumbaggern. Welcome To The Real World, wo Menschen gewisse Dinge tun müssen, weil sie eben die magische Dreißigergrenze überschreiten. Es kann gut sein, dass das Alter 30 an sich gar nicht so schlimm ist, es ist bloß die Situation, in der man steckt. Man gehört nicht mehr zu den Jungen, die ungezügelt und tolldreist-doof Innovationen pushen, und auch noch nicht zu den Alten, die die Zügel der Macht fest in ihren Händen halten und damit über ihre Pensionszahlungen schalten und walten. Nein, mit 30 ist man dazwischen – noch zu nah an der magischen 20, in der Träume und Lebensfantasien zu -philosophien werden, wo Ziele fantastisch plastisch sind und alles möglich ist, und dennoch genauso weit entfernt von den Vierzigern, die so langsam von ihren kindlichen – albernen – Weltverbesserungsaktionen Abschied und Kurs auf faulen Selbsterhalt nehmen. Arschkarte. Kein Wunder, dass alle Dreißiger wie blöde arbeiten, um sich irgendwie klar zu werden, wie es weitergehen soll. Ideale werden schnell ein wenig hintendran gestellt, und es wird mit dem, was man – entschiedenermaßen – gut kann, schnell ein wenig Geld verdient. Danach kommt dann wieder das, worauf man wirklich Lust hat. Was das Ganze mit Nookie zu tun hat? Nun ja, dieser Exkurs erklärt gewissermaßen, warum er heute hier sitzt, fern von seinem geliebten England. Also bringt er auch für die nächsten paar Monate ein Mördertourenprogramm mit LTJ über die Bühne, bei der Studiozeit völlig flach fällt, wenn man mal von der Erstellung der "Progression Sessions"-Mix-CD absieht. Seufzt Nookie und betont im selben Atemzug, wie toll es sei, unterwegs zu sein. Zur Zeit bedeutet Nookie sein eben Good Looking sein, da führt kein Weg dran vorbei.

Love Is The Message

Nookie hat schon in jungen Jahren seinen Beitrag zu einer der bedeutendsten Musikphänomene Englands geleistet. Oldskool-Jungle-Techno oder auch Hardcore war Techno, der – mit diesem speziellen, ursprünglich durch zu langsam gespielten HipHop entstandenen Breakbeat untermalt –
Englands erste eigene technoide Musikkreation war. Der Technozug war ja schon lange anderswo abgefahren, und aufgesprungen war Englands junge Raveszene zwar genauso wie der Rest der Welt, aber dies hier war neu. Entstanden durch die einzigartige Zusammensetzung der Subkulturen in England gab es der Szene einen niegekannten Auftrieb. Einer von Nookies wohl besten Tracks aus dieser Zeit ist "Shining in Da Darkness". Ein wunderschönes Piano perlt ungemein harmonisch im Kontrast zu einem komplex-darken Breakbeatpattern – Love Vibes und Ekstase pur, was den Spirit der Zeit aufs wunderbarste wiederspiegelt. "Nookie stand aber stets für Happy Music," sagt er selbst. Sein neues Album macht da keine Ausnahme. "In @ The Deep End" scheint sein bisher ausgefeiltestes Werk zu sein, denn es fusioniert aufs Feinste den süßen Sound der Oldskooleuphorie (nach all den Jahren mehr zu einer allgemeinen Bejahung des Lebens gereift) und den atmosphärischen D’n’B-Sound, mit dem auch LTJ Bukem mit seinem Good-Looking-Label Weltruhm erreicht hat. "Die Namen meiner Tracks sind immer unkompliziert. Ich stehe nicht auf Verwirrung, ich stehe auf Klarheit," sagt Nookie, was den kristallklar produzierten Sound genauso erklärt wie der komplex ausgefeilte Sound, der einen dennoch niemals "on edge" bringt und friedlich und versöhnlich für eine schlichte Schönheit des Drum’n’Bass plädiert. "Der Name steht auch hier für nichts anderes als deepen, melodischen Sound. Ich mag gerne deepe Sachen, Musik soll die Seele berühren," sagt Nookie und lächelt. Er hat bis heute nicht aufgehört, genredefinierend zu sein. Sein größter Traum, ein Erwachsenentraum, ist es, Filmmusik zu produzieren. "Also, um ehrlich zu sein, habe ich weder Ahnung, was für ein Film es sein sollte, noch irgendetwas Konkretes parat… aber ich denke immer öfter darüber nach, also wird es hoffentlich passieren. Meine große Passion ist nach wie vor, eine Atmosphäre zu kreieren. Eine Atmosphäre ist in dem Sinne auf jeden Fall schon eine sehr beschreibende, sinnliche Form des Musikmachens. Dies mit der passenden visuellen Atmosphäre zu verbinden, das Sichtbare so zu untermalen, dass Bild und Sound eins werden, wäre für mich meine perfektionierte Vision von Atmosphäre."

Links:
www.glo.uk.com
www.ministryofsound.com/Radio/DJMixArchive/RadioMixFeature.htm?a=Good%20Looking%20Records


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