01.11.2005 RL ARCHIVE OCT 05 +++ Audion: Dear Matthew… Ein Brief. |
Supersuckabfuck Hier bist du also, heftiger und körperlicher als je zuvor, denn dein Audion-Sound lässt sich garantiert nicht mit lockerleichter Luftigkeit konsumieren beziehungsweise nonchalant überhören. Nein. So etwas lässt du nicht zu. Du provozierst Reaktionen, zerrst die Widerständler an den Nerven aus den dunklen Ecken: Auf "Suckfish" findet man, neben deinen in "Rubber" eingeflochtenen, düster verzerrten Sexsklaven-Vocalfetzen, krunchende Kicks, walzende Basslines, grindende Synths und schreddernde Hihats. Furios und weit jenseits von "kalkuliert, kühl und knackig"! Diese superfurztrockene Bassdrum von "Just Fucking" zum Beispiel ist so roher Basistechno, dass dessen Schallwellen den angetrockneten Schweiß von den nackten Betonwänden pellen. Monoton. Manchmal. Dann gibt es keine Gnade. Der "Suckfish" suckt. Saugt sich durch die degenerierten Strata der Gesellschaft, gebraucht und missbraucht, filtert alles Kranke und Ausgelaugte und selektiert und seziert, bis er da angekommen ist, wo er hinwill. "Die Musik verlangte nach diesem Titel," sagst du dazu einfach. Die Musik. Du sagst, dass Audion für den Dancefloor ist. Dass deine soundtechnische Evolution vielleicht auch darin begründet liegt, dass du immer größere Venues getourt bist und dass du deswegen immer gewaltigere, schwerere und breitere Sounds und Soundscapes brauchtest, um die Leute zu beeinflussen. Ja. Du magst es, mit Sounds zu manipulieren. Weil du es selber magst, dich ganz in der Musik zu verlieren, wenn du im Club bist. Und so nimmst du mit deinen hartfratzenden brutalbretzelnden Fräsebeats die Matthew-Dear-Fans komplett auseinander und baust sie in neuer Konstellation klötzchenweise wieder zusammen. Dich fasziniert es, mit den Gehirnen der Leute herumzuexperimentieren, die Reaktionen der Leute zu studieren, wenn sie auf dem Floor ihre Ängste hinter sich lassen. Alles hinter sich lassen. Sich ganz deiner Musik hingeben. Oh Dear! Post Acid Tittiabfahrt "Massive Sweepnoises und Swells freaken die Leute garantiert immer aus, aber du kannst die Leute nicht immer nur mit krassem Zeug vollpumpen. Ich fahre die Energie hoch und runter und mache zwischendrin kleine Pausen, damit die Leute wieder zu sich kommen und relaxen können," sagst du. Dein Audion Liveact und deine DJ-Sets – interessanterweise bist du sowohl als DJ als auch als Liveartist unterwegs – rufen mit Sicherheit extremere Reaktionen hervor als ein "Gitarre- und Mikrofon-Gig", wie du es nennst, jemals provozieren könnte. Irgendwie fasziniert dich das. Das Rohe. Brutale. Dreckige. Nenn’ es "Just Fucking" oder "Tittifuck" oder was auch immer. Diese Wut. Diese rausgeschrieene Energie, die auf einem so hohen Level ganz andere Reaktionen hervorruft als mikroskopisch kleine, reduzierte Soundtüfteleien. Wer nicht hören kann, darf eben fühlen. Fühlen, wie du organischen und digitalen Wust miteinander verschmilzt und mit dieser die Sinne verwirrenden Kombination den Leuten einen musikalischen Headfuck bereitest. Doch halt. Das ist noch lange nicht alles. Die Notion, dieses Chaos wieder in eine höhere Ordnung einzugliedern, macht den wahren Charme der Audion-Produktionen aus und ist dir insgesamt als Musiker sehr eigen. Auch wenn du es wichtig findest, zwischen Audion und False und dem "Matthew Dear"-Style einen klaren Trennstrich zu ziehen, damit die Leute wissen, was sie in der somit ordentlich belabelten Konserve vorfinden. "Matthew Dear sei eben mehr experimentale Popmusik, produziert mit den gleichen Methoden wie in elektronischer Musik, songbasiertes, traditionellem Songwriting im Vocalformat." Im krassen Kontrast stehend zu Audions "Techno- und Partymusic voller lauter und anstrengender Synthesizers." Weswegen du in Zukunft deine Technoproduktionen und deine Songs noch strikter trennen wirst. Mattheaudionologist "Kisses", der erste Audion-Track ever, entstand zwar nur unwesentlich nach "Dog Days", saß aber eine Weile herum, bis sich andere Tracks dazugesellten. "Doch ich habe schon immer härteren Stuff produziert. Man kann bloß nicht alles gleichzeitig herausbringen, deswegen gibt es dieses Bedürfnis, alles zu trennen und auszubalancieren." Und auch sonst gibt es mehr Gemeinsamkeiten, als dir lieb ist. Weil dich auch die schwebende Harmonie von absoluter Ordnung fasziniert, die in ihrer Zartheit auch dem Sound von Gesängen in gigantischen Hallen nahe kommt, siehe "Taut". Matthew pur. Jenseits der Assoziationen. Alle deine Musik trägt deine Handschrift, von der Musiklover, die von komplexen Soundtüfteleien und seltsamen Geräuschen, eingebettet in formularisch ausgeknobelten Beatstrukuren, nicht genug kriegen können. Audiofreaks. Für diese Menschen produzierst du, weil du selber einer bist. Du fährst im Auto herum und hörst dir zum millionensten Mal Sonic Youth, Talking Heads oder die Beatles an, weil dich ihre Sounds dermaßen faszinieren, dass sie dir niemals langweilig werden. Deine persönlichen Vorlieben ließen dich schon vor Jahren immer mehr in Richtung elektronische Musik abdriften, denn du hattest eine Passion für repetitive und loopbasierte Musik á la Mike Ink. und Steve Reich, die dich mit ihren Sounds in höhere Bewusstseinszustände versetzen. Durch Repetition. Du magst es, dich "mit Sounds zu umgeben und sie dir immer wieder zu verinnerlichen, um Techniken zu studieren und Methoden. Zu rätseln, was kalkuliert war und was Zufall." Dann gehst du zurück ins Studio und lässt alle diese Erkenntnisse Einfluss nehmen auf dein Unterbewusstsein, während du dich, offen und unbedarft wie ein Kind, daran machst, deine eigene Musik zu produzieren: "Alle Sounds und Genres stehen irgendwie in Verbindung miteinander, man kann alles miteinander verbinden. Music teaches me about music. Everyone is everyone." Text: Katrin Richter. Foto: Jessica Miller, www.jessica-miller.com Links: www.suckfish.org www.matthewdear.com www.ghostly.com/1.0/artists/dear/index.shtml |