13.10.2005 RL ARCHIVE SEPT 05 +++ Danny Rampling: Ein DJ dankt ab - "18 Jahre Dauerparty sind genug." |
2005 wird sein letztes Jahr hinter den Turntables dieser Welt sein, Silvester feiert er seinen Ausstand. Statt der junggebliebenen Geriatrik-Liga anzugehören, setzt er lieber auf einen Karriereschwenk und konzentriert sich auf eine weitere Passion, die für ihn – neben der Musik – immer eine große Rolle gespielt hat: Kulinarisches. So plant Rampling, ein 3-Sterne-Restaurant in London zu eröffnen. Ein gewagter Schritt in die Zukunft. Zeit, den charmanten Engländer konkret zu befragen: Gibt es ein Leben nach dem Club? Wie fühlt man sich nach 18 Jahren DJ-Dasein an der Vorderfront der Dinge? Ist sein Rücktritt ein resigniertes "nach mir die Sintflut" oder wurde es für ihn ganz einfach Zeit, das Zepter großzügig an eine neue Generation weiterzureichen? Das eigentliche "Warum" blieb er uns aber irgendwie doch schuldig. Oder doch nicht? "Ich wollte auch eine mobile Disco" Danny Rampling. Ein Paradebeispiel für eine Karriere mit allen Hochs und Tiefs. Doch spielt das alles überhaupt noch eine Rolle, jetzt, wo der Typ sich verdünnisiert? Ja. Irgendwie schon. Denn er hat einiges dazu beigetragen, dass die Szene heute so ist, wie sie ist. Dabei war das gar nicht seine Absicht. Denn ursprünglich ch wollte er Astronaut werden oder Popstar. Doch ein Nachbarsjunge namens Tony Cox war Schuld daran, dass Danny als Neunjähriger umschwenkte und seinen Berufswunsch revidierte. "Er war etwa zwölf und wohnte in meiner Straße. Er hatte eine mobile Disco mit blinkenden Lichtern! So eine wollte ich auch. Aber mir fehlte leider das Geld. Aber Platten sammeln, das ging. Also legte ich den Grundstein zu meiner Sammlung",... die heute 40.000 Exemplare umfasst. Und zu einer mobilen Disco ist der 44-Jährige über Umwege doch noch gekommen. Naja, fast. 18 Jahre lang hat er als einer der berüchtigtsten Radio-1-DJs Millionen von Hörern mit durch den Äther gefunkten Cosmic-Stellar-Jukebox-Housesounds infiziert und ist fast jedes Wochenende um die Welt gereist. "Ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde" Wie war das denn früher so? "Ich war komplett unter Strom mit super viel Energie. Ich stand total auf Soul, HipHop, Funk und Disco und legte Platten in Bars auf. 1983 lernte ich den DJ Nicky Holloway (neben Pete Tong und Gilles Peterson wohl einer der frühesten Wegbereiter der Szene in England – Amn. d. Red) auf Ibiza kennen und wir sind sofort miteinander klargekommen. Ich fing an, für ihn zu arbeiten und half ihm beim Promoten seiner Clubnights. So weit, so gut. Paul Oakenfold habe ich in Süd-London kennen gelernt, weil ich in den Clubs feiern ging, in denen er auflegte. Wegen meiner Feel-Good-Attitude wurde ich schließlich dazu verpflichtet, eine Radioshow auf Kiss FM zu moderieren." Dann kam 1987 der Summer of Love. Die Welt sollte nie mehr die Gleiche sein, denn mit dem zu Acid House mutierenden Balearic House Sound (Balearic ist eine Kombination aller Musikstyles zu einem extrem party- und strandkompatiblen Mix) hatte Europa seinen ersten Liebesschub. How Do You Stop? "Ibiza war zu dieser Zeit noch nicht so kommerzialisiert, was Business anging. Es gab drei Clubs, die den Ton angaben, besonders das Pacha. Genauso wie heute, bloß, dass alles weniger entwickelt war. Jede Menge wilde Gestalten pilgerten auf die Insel, darunter unglaublich aufregende spanische Transvestiten. Wir Jungs machten uns aus drei Gründen jedes Jahr dorthin auf: Zum einen wegen des Nachtlebens, dann natürlich wegen der Mädels und um Spaß zu haben. Am Wichtigsten war mir allerdings immer das Tanzen. Ich war bereits zum fünften Mal da, als dann das Houseding passiert ist." Dieses Houseding? Rampling und Co. waren auf der Amnesia-Terrasse gelandet, als ein gewisser Alfredo frühe Chicago-Tracks von Marshall Jefferson, Frankie Knuckles und Larry Heard mit Soul, Reggae und Pop mischte. Die Jungs waren so überwältigt von dieser farbenfrohen Kombination, die als Balearic in die Annalen der Geschichte eingehen sollte, dass sie sich schworen, diesen Sound auch in London zu etablieren. "Ich wusste, was für einen Einfluss dieser Style haben würde. Ich wusste es in dem Augenblick, als Alfredo James Brown ‚How Do You Stop?’ spielte!" Love, Peace, Positivism "Die Welt veränderte sich. Es war eine Zeit des Positivismus, die Aufbruchstimmung kulminierte mit dem Fall der Mauer. Die Apartheid in Südafrika endete. Dieser schier unbegrenzte Optimismus hatte einen Rieseneinfluss auf die Musik und die Lyrics in den Songs. Alle Lyrics in den frühen Housesongs beziehen sich auf Frieden und auf positive Veränderungen. Drogen waren zweitrangig. Alles, was wirklich immer zählte, war die Musik. Es ging um die Freude und um die Liebe, die diese Musik hervorrief." Und Danny war ein Teil davon. "Kurz nach diesem Augen öffnenden Erlebnis auf der Terrasse wurde mir klar, dass ich meinen Weg als Balearic-House-DJ gehen würde. Ein Schlüsselmoment. Ich war zu dem Zeitpunkt kein professioneller DJ, aber zurück in London schuf ich mir eine Plattform, indem ich meinen eigenen Club, Shoom, startete und dort Resident wurde. Shoom machte mich zum Pro. Es passierte einfach. Die Musik hatte so viel Energie, dass die Leute kurzerhand den ganzen Sommer über Urlaub nahmen, um nonstop bei uns zu feiern. Da wollte ich all die Jahre ein richtiger DJ werden, und dort passierte es einfach so. Shoom wurde zur Keimzelle der Raveszene und zum Blueprint der Do-it-yourself-Kultur, die sich darauf aufbaute. Labels wurden gegründet und weitere Nights gestartet. Es gab kein Halten mehr." Die Keimzelle der Szene "Die Passion und die Energie, die ich in mein Projekt steckte, übertrug sich auf die Leute, feuerte zurück und entfachte in uns allen eine nie gekannte Leidenschaft. Egal, was die Zyniker heute sagen: Es war eine rebellische Kraft, die sich in diesen magischen Jahren um ‘88 und ‘89 herum, dem zweiten Summer of Love, total positiv auf die Jugend von England auswirkte. Niemals haben junge Menschen so happy in die Zukunft geschaut wie damals." Doch es sollte nicht immer so bleiben. Mit einer an Naivität grenzenden Unschuld versuchten sich auch die Kinder der Raving Society an großen Projekten: "Die ersten kapitalistischen Bemühungen, profitorientierte Unternehmungen, sorgten für eine Kommerzialisierung der Szene. Kriminellengangs und Majorlabels trugen ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass die junge Ravekultur ihre Unschuld verlor." Auch die Ehe mit Jenny war irgendwann zu Ende. Anstatt Shoom hieß es nun Abfeiern in Nicky Holloways Club, in dem Danny ab '92 Pure Sexy veranstaltete. Dannys Love’n’Unity-Energie hielt jedoch weiter an, und so kam es zu Kooperationen, die in den absurdesten Neukreationen von Danceacts wie The Beloved, die mit ekstatisch angehauchter Clubhouse-Musik in den Charts landeten und somit auch den Mainstream infiltrierten, gipfelten. Danny steckte seine Finger auch immer wieder fröhlich und unvoreingenommen in diverse Remix-Kuchen, und so pulsierten schließlich illustre Bands wie die B-52’s und Erasure zu seinem urtypischen Ibiza-Style – Berührungsängste mit dem Overground hatte er nie. "Union hat sich nicht rentiert" 1996 war es komplett um Danny Rampling geschehen, und er erlag im Rausch des konstanten Aufwärtstrends, der die gesamte Szene umkrempelte, "den Verlockungen des großen Ruhmes". Radio 1, Englands größter nationaler Radiokanal mit einer Hörerschaft von Hunderten von Millionen rund um den Globus, bot Danny seinen eigenen Slot. Fortan verantwortlich für die Freitagnacht, schuf Danny sich mit seiner Show eine weltweite Fanbase. Doch leider hatte diese Story kein Happy End. Erst wurde seine Show LoveGrooveDanceParty auf den Samstag verlegt, dann ganz aus dem Programm gestrichen. "Ich habe sieben Jahre für Radio 1 gearbeitet, alles für diese Show gegeben und zahlreiche Angebote, in die USA zu wechseln, abgeschlagen." Doch im Jahre 2002 "trennte" sich Radio 1 von Danny, "und die Art und Weise, wie ich von der BBC geschieden bin, verursacht bei mir immer noch einen üblen Nachgeschmack." Die Zeiten hatten sich geändert, Danny fand sich in einem hart umkämpften und komplett übervölkerten DJ-Markt wieder. Verzweifelt versuchte der mittlerweile 42-Jährige, sich ein Standbein in Londons Clublandschaft aufzubauen und eine Housenight zu etablieren. 'Union' sollte die positiven Eigenschaften von Vocal House in einem modernen und offenen Kontext präsentieren. Doch es sollte nicht sein. "Insgesamt fanden vier Partys statt, dann habe ich das Projekt nicht mehr weitergeführt. Die Atmosphäre war zwar sehr gut und die Party auch nicht unterbesucht, aber es hat sich nicht rentiert. Ich habe am Ende das Handtuch geschmissen, weil ich nicht gewillt war, mein hart verdientes Geld zum Fenster rauszuballern. Clubpromotion in London ist heutzutage einer der am härtesten umkämpften Märkte überhaupt." "Ich habe für England gefeiert" Dann wurde Danny Vater. "Die Geburt meines Kindes hat mich sehr verändert. Sie hat mir gezeigt, wie leichtsinnig ich manchmal gewesen bin. Ich habe viel dazugelernt und weiß mittlerweile zu schätzen, wie kostbar Leben ist. Ich kann, von Essen und Musik abgesehen, auf alles verzichten, bloß nicht auf meine Familie. Ich habe für England gefeiert und bin ganz gewiss kein Kind von Traurigkeit gewesen. Nun ist es mir sehr wichtig, gesund zu bleiben. Ich bin kein Moralapostel, der den Leuten vorschreibt, wie sie zu leben haben. Im Gegenteil. Jeder so, wie er möchte. Ich hoffe nur, dass sich jeder immer wieder ein Momentchen Zeit nimmt, seine nächtlichen Aktivitäten zu reflektieren." Danny reflektierte. Hörte auf zu trinken. Und traf eine weitere Entscheidung: Er wollte aufhören, nach so vielen Jahren und so vielen erfolgreichen Partys den Circuit komplett verlassen, sein Leben richtig verändern. "Ich habe beschlossen, dass ich jetzt, am Höhepunkt meiner Karriere, meinen Ausstieg erklären will, weil es am meisten Sinn macht. Ich möchte in der Nähe meiner Familie sein, bei meiner Frau Patricia und bei meinem Sohn Claudio. Und da ich in den letzten Jahren durch meine vielen Reisen einen fantastischen Einblick in die Welt des Essens – Asiatisch, Thai, Japanisch, Französisch, Italienisch und Spanisch – und der Weine bekommen habe und viele meiner Freunde als Importeure tätig sind, macht es Sinn, ein Restaurant in London zu eröffnen, anstatt durch die Welt zu jetten." "Ich denke positiv" Was wäre die Alternative? Dem Geld dabei zuschauen, wie es einem durch die Finger rinnt? Immer weiter abrutschende Gagen und immer klitschigere Clubs in Kauf nehmen? Crack rauchen, damit man den eigenen Verfall nicht mitbekommt? Möglichkeiten gibt es viele, doch Danny war schon immer ein Typ, der die Dinge positiv sieht. Was nicht immer einfach ist. "Aber in dem Business härtet man wirklich ab, und am Ende aller Tage überwiegt doch das Gute. Ich halte mich nicht an negativen Erfahrungen fest. Ich denke positiv. Es ist wichtig, dass man sich weiterentwickelt. Deswegen auch das neue Projekt. Ich habe schon immer davon geträumt, ein Restaurant zu eröffnen und bin wegen der Realisierung sehr aufgeregt. Ich freue mich darüber, dass ich mein Schicksal in die Hand nehme, um mein Leben zu verändern. Ich bin seit letztem Freitag 44 Jahre alt und sehr stolz darauf, dass ich mich jetzt in meiner Lebensmitte befinde. Veränderungen sind aufregend! Man sollte keine Angst vor etwas Neuem haben, sondern die Chancen wahrnehmen, seine Richtung neu zu definieren. Man muss nur wissen, was man möchte! Ich will relaxte Exzellenz. Das ist die Philosophie meines Unternehmens. Spaß haben und Chillen, während man auf höchstem Niveau isst und trinkt. Im freundlich gestalteten Restaurant werden um die 80 Leute Platz finden, um moderne europäische Küche mit südmediterranen Einflüssen zu genießen." "Es war eine 18 Jahre lang währende Dauerparty" War es das jetzt also? Kann man mit "18 Jahren Dauerparty" beziehungsweise "Dauerurlaub in exotischen Locations", wie Danny seine Zeit als DJ beschreibt, einfach so abschließen? Nein. Musik wird immer eine große Rolle in Dannys Leben spielen: "Musik ist für mich eines der besten Dinge im Leben. Ich werde zwar nicht mehr im kommerziellen Rahmen auflegen, aber für Freunde werde ich wahrscheinlich doch noch spielen. Schließlich habe ich eine gigantische Plattensammlung. Ich kriege jede Woche so viele geile neue Platten rein, dass ich motiviert bin, dranzubleiben. Danke an alle Houseproduzenten der Welt, die sich im Studio vergraben, um uns Freude zu spenden! Ich werde vielleicht nicht mehr so viele Dancefloorscheiben kaufen, aber meine Leidenschaft für Latin, Salsa und Ambient ein wenig mehr ausleben. Und ich werde weiterhin die Musik für die Antonio-Bernardi-Modenschauen produzieren. Ich bin nämlich auch ziemlich modebewusst: Wer vor 2.000 Leuten auflegt, sollte schon ein wenig Aufwand betreiben." Alternder DJ, junges Publikum. Vielleicht auch ein Grund für den Rücktritt? "Nein. Ich halte nichts vom Jugendwahn", sagt Danny: "Solange jemand ein geiles Set auflegt, sollten wir ihn dafür feiern und ihm für seine Geschichte, seine Kultur und die Erfahrung, die er einbringt, dankbar sein." Und was ist mit der vielbeschworenen Krise, in der sich Dancemusic befindet? Hatte das vielleicht Auswirkungen auf seine Entscheidung? "Nein. Meiner Meinung nach geht es bergauf. Die Leute werden immer mit guter Musik abfeiern." The Final Chapter Kein DJ würde sich vom Acker machen, ohne vorher die Marketingmöglichkeit, die sein Abgang bietet, noch einmal vollends auszuschöpfen. Die gesammelte Erfahrung von 18 Jahren professionellem DJing kulminiert in einer höhepunktartigen, dreifachen Mix-CD-Compilation, die auf Defected herauskommen wird (weder verschwägert noch verwandt mit dem legendären Dancelabel Deconstruction Music, das Danny bereits ganz am Anfang seiner Karriere, 1993, mit seiner Band Millionaire Hippies unter Vertrag nahm und das es heute leider nicht mehr gibt). Auf zwei der CDs präsentiert Danny zeitlose Tracks, die ihn in all den Jahren begleitet haben und die die Magie von Shoom, Pure Sexy und LoveGrooveDanceParty reflektieren. Auf der dritten CD finden sich eklektische Balearic-Tracks, ein Stück Zeitgeschichte zusammengefasst für die Ewigkeit. So findet alles seinen Abschluss, so wie es damals begann: Das ist Dannys Beitrag zu der Geschichte, die nun von anderen weitergeschrieben wird: "Die Kultur der Tanzmusik wird sich immer weiter entwickeln, mutieren und sich immer wieder neu erfinden. Man muss diese Veränderungen befürworten, um eine weitere Renaissance anführen zu können und um die Musik, die wir so lieben, weiterzubringen." Wir sehen uns im Restaurant. Link: www.dannyrampling.co.uk |