01.10.2005 RL ARCHIVE SEPT 05 +++ Meat Katie: 'Ich stehe auf beides – Breakbeat und Porno.' |
Nun, gerade angesichts unzähliger heißer Scheiben auf Kingsize, dem eigenen, mittlerweile deaktivierten, Whole9Yards Imprint und verheißungsvollen Aktivitäten auf dem superfrischen Lot49 Label sowie dem äußerst gelungenen Fabriclive.21-Mix, der vor kurzem auf den Markt kam, konnten wir es uns nicht nehmen lassen, das Geheimnis zu lüften: Meat Katie ist weder eine vollleibige Sängerin noch eine kannibalisch veranlagte Metzger-Kombo, sondern ein horny Produzent und DJ aus England, der auf den Namen Mark Pember hört und seit seinem Signing auf Iggy Pops Kill-City Label vor sechzehn Jahren die Bühnen dieser Welt unsicher macht. Frequenzen, die die Nase bluten lassen Der relativ kräftig gebaute Mark Pember entlieh seinen fantasieanregenden Namen einem Porno: "Ich stehe eben auf beides – Breakbeat und Porno." Eine Verbindung der beiden Elemente scheint generell zu existieren: Auch die Breakbeat-Heroes Plump DJs ließen sich bei der Namensfindung von Pornomaterial, in diesem Falle ein Spezialmagazin voller Dickmadams, inspirieren. Doch in was für einer Art von Porno die Protagonisten oder -innen namens Meat Katie ihr voluptuöses Unwesen treiben, bleibt unserer Fantasie überlassen. Die Frage, ob Breakbeats geil machen oder die Macher aus Geilheit Breakbeats produzieren, wird hier auch nicht geklärt werden. Reden wir doch lieber über die Musik: Auf dem gleichen leckeren Level angesiedelt wie der Name ist auch Marks Vorliebe für Lowend-Frequenzen. "Wenn die sich nach Nasenbluten anfühlen, machen sie mich total an." Roh und brachial ist Meat Katie aber allenfalls in der Theorie, denn seine Produktionstechnik und seine Arrangements von Sounds, Texturen und Atmosphären sind alles andere als primitiv. So wurden er und sein Kollege Elite Force, mit dem Meat Katie einige durchschlagende Platten- und Remixerfolge produziert hat, darunter Nummern wie "Fabulous Mint 400", "Ju Ju" und "The Answer", zu den Originator-Königen der Techfunk-Schublade auserkoren. "Das liegt vielleicht daran, dass wir uns im Leftfield der Breakbeatszene ansiedeln. Ich denke, Techfunk ist ein Überbegriff für das, was wir machen. Wir vereinen unsere liebsten Elemente aus Techno, House und Elektro, auf einer Breakbeat-Struktur aufbauend, und dieser sehr an elektronischer Musik ausgerichtete Sound ist vielleicht das, was die Leute als ‘techfunkig’ umschreiben. Ich habe damit kein Problem. Breakbeat ist für mich nur eine Bezeichnung für ein Amalgam von Sounds, die allen Genres entstammen können, und ist somit nichts weiter als ein Gemisch von Genres. Doch es gibt auch Produzenten, die sich nur von anderen Breaksproduktionen inspirieren lassen, anstatt ihren eigenen Style zu entwickeln. Viele Leute machen auch einfach Breaks, weil sie keinen Bock mehr auf die House- oder Technoszene haben, so traurig es klingt. Aber die Produzenten, die ihre eigene Persönlichkeit in ihre Produktionen mit einbringen, kann man eine Meile gegen den Wind heraushören. Auf meinem ersten Meat-Katie-Album 'Off The Bone’ waren zum Beispiel jede Menge 4/4-Tracks. Das war keine bewusste Entscheidung. Ich wollte weder Tabus brechen noch Puristen schocken, sondern einfach nur das präsentieren, was mich ausmacht. Mir ging es schon immer darum, meine Einflüsse und Inspirationen in einem Sound zusammenzubringen, um durch meine Ideen elektische Momente zu kreieren." "Ich war nicht besonders ambitioniert" Der mittlerweile 33-Jährige, der als Kind Gärtner werden wollte, weil er "wohl nicht besonders ambitioniert" war, tat mit fünfzehn etwas, wovon andere nicht zu träumen wagen. Nach einem eskalierenden Streit mit seinen Alten verließ er ohne Schuhe und Strümpfe das Haus und kehrte nie mehr zurück. "Ich war ein Ausreißer und bin immer in jede Menge brenzlige Situationen hineingeraten. Ich liebte das Feiern und habe mich von Wochenende zu Wochenende gehangelt, was zum Teil immer noch der Fall ist. Ich stand total auf Skatepunk von Bands wie No Means No, Agent Orange, Operation Ivy, und ich spielte Bass. Obwohl ich in der Phase danach wirklich heftig auf HipHop abgefahren bin, habe ich angefangen, als Bassist einer dreiköpfigen Skatepunk-Band durch die Lande zu touren. Wir hatten einen total guten Ruf als Liveband und sind deswegen relativ schnell gesigned worden. Doch irgendwann war Sense. Wir waren 24 Stunden am Tag zusammengepfercht, und nach zwei Jahren nonstop touren und recorden war die Luft raus. Ein Freund von mir, Jason O’Brian von den Dub Pistols, zeigte mir seinen Sampler, und da bin ich auf den Trichter gekommen, dass man mit elektronischem Equipment keine Band zu haben braucht, weil man alles alleine machen kann. Um mich war es geschehen: Vor ungefähr zwölf Jahren driftete ich ab in die Sphären der elektronischen Musik. Ich ging in Clubs und checkte DJs aus wie Andrew Weatherall, Justin Robertson, Fabio & Grooverider und DJ Hype, als diese Jungs House spielten und keinen Drum’n’Bass. Ich stand schon immer auf die Extreme in der Musik, Musik jeder Spielart, nicht nur bei elektronischer Musik, und ich denke, das Ausleben dieser Extreme hat mich immer weitergetrieben." "Ich stand schon immer aufs Extreme" "Ich bin nicht übermäßig selbstbewusst, aber ich weiß, was ich erreichen kann, wenn ich es wirklich will. Ich schaffe das, indem ich meine Ziele wirklich verfolge und das gnadenlos. Alle meine Jungendfreunde sitzen heute im Knast oder sind tot, aber ich bin hier und mache, was ich machen will. Das ist unglaublich schockierend, aber auf der anderen Seite beweist mein Lebensweg, dass es jeder schaffen kann." In der Tat: Der Junge blieb am Ball. Nachdem er sich im elektronischen Musikbereich als Produzent etabliert hatte, verlagerte er seinen Schwerpunkt immer weiter in Richtung Club. Tatsächlich gibt es nur wenige Produzenten, denen der Sprung ins DJ-Fach mit einer solchen Nonchalance gelungen ist wie Meat Katie. Seit ungefähr drei Jahren ist der Beatbastler auch als professioneller DJ unterwegs und damit extrem erfolgreich. Mit ungefähr 160 Gigs im Jahr kann man von einem gelungenen Start sprechen: "Die Gelegenheit aufzulegen hat sich mir geboten, und ich habe sie wahrgenommen. Ich lerne immer noch unheimlich viel dazu." Und oftmals profitiert er von seinen Produzentenskills, denn viele Tracks, die er aufgrund mixtechnischer Defizite wegen ihrer "mangelnden Kompabilität" nicht auflegen kann, werden von ihm durch technisch besser verlegbare Clubcuts in mischbare Form getrimmt. "Ich bin sehr zuversichtlich, denn auch als Produzent lerne ich durchs Auflegen unheimlich viel. Dadurch, dass ich alles roadteste, kann ich nun viel besser einschätzen, was den Floor zum Explodieren bringt und was nicht!" "Käsige Build-ups und Fireworks gehen gar nicht" Und eins ist sicher: Käsige Build-ups und Fireworks, um die Leute in Fahrt zu bringen, gehen für Mark, den bekennenden Sexabhängigen, der sich beim Auflegen oftmals so fühlt, als ob er die ganze Tanzfläche poppt, schon mal gar nicht: "Einfach nur Hits runterzuspielen, nur, um eine Reaktion zu kriegen, ist nicht okay, besonders, wenn einen Clubs buchen, weil man produzententechnisch sein eigenes Ding macht. Das wäre das Gleiche wie Drogen zu nehmen, um die Musik zu fühlen." Und so kommt es, dass der Fabriclive-Mix laut Meat Katie nur "Mülltracks" enthält, die nicht aus der Masse herausstehen, weil er die Leute anpissen will, die "Mix-CDs nur wegen dem einen Hit kaufen". Einen guten Ruf, den er aufs Spiel setzen kann, beziehungsweise ein Image hat er auch nicht. Korrekt. "Aber vielleicht sollte ich mir eines anschaffen." Um auf den Mix zurückzukommen: der enthält neben einigen neuwertigen Tunes und Remixen von Herrn Katie auch noch zahlreiche Tracks, die mit Techfunk-Partner Elite Force entstanden sind, auch noch zahlreiche Tracks, die auf seiner Homebase Kingsize entstanden sind, sowie den neuesten heißen Scheiß von Lot49, Meat Katies im letzten Jahr ins Leben gerufene neue Label. Hört man also diesen Mix, kriegt man wirklich einen recht guten Einblick, was für eine Schiene Mark fährt. Genau das war auch seine Absicht: "Ich möchte, dass die Leute checken, worum es geht. Und wer meine Produktionen mag, der wird wahrscheinlich auch meine Sets mögen. Und wer meine Sets und Produktionen mag, der mag vielleicht auch meine Labels. Mein Mix ist eine große, kreative Meat-Katie-Werbekampagne." Das groß angekündigte dritte Album, das mit Elite Force in der Mache war und in diesem Jahr herauskommen sollte, wird sich allerdings erst im nächsten Jahr in einer komplett anderen Form materialisieren. "Mein Mix ist eine große, kreative Meat-Katie-Werbekampagne" "Wir wollen beide erst mal ein Soloalbum herausbringen, bevor wir unser Gemeinschaftsprojekt vorantreiben. Vorab gibt es von uns eine Single namens ‘Nu-Tron’, komplett mit einem Switch-Remix, um Kingsizes hundertste Release zu feiern, und ‘Divine feat. Roland Clark’ als Doppelpack mit Remixen von D. Ramirez, Hardfloor und Infusion. Mein Soloalbum ist schon halb fertig, ich kollaboriere unter anderem mit Dylan Rhymes, Paranoid Jack und Peace Divisions’ Justin Drake. Ich bin hoffentlich im April fertig, also wird das Album im Herbst 2006 erscheinen. Als Trost gibt es in der Zwischenzeit jede Menge 12-Inches." Die werden dann in gewohnter Manier auf Kingsize herauskommen, dem vom Plattenlabel zum Super-Breaks-Label mutierten Londoner Imprint, für das Meat Katie auch als A&R tätig ist und das ihm vor zehn Jahren als erstes Label ein Outlet für sein Soloprojekt Meat Katie bot. Und das trotz seiner zahlreichen "Fehlstarts", die er unter anderem als Ceasefire (mit Derek Dahlarge und Jason O’Brian) und als Lo-Fi-Country-Sampledelic-Freestyle-Artist Avenue A auf dem Pleite gegangenen belgischen Megalabel R&S hingelegt hatte. Und dann gibt es da ja auch noch Lot49, das Label, das Meat Katie aus der Taufe gehoben hat, weil er sein altes Imprint, das megaetablierte Breakslabel Whole9Yards auf Eis legen musste. Sein Partner zog nach Schweden, wollte seine Labelaktivitäten nicht weiterführen, seinen Anteil aber auch nicht hergeben. "Er ist das, was ich einen absoluten Wichser nennen würde," sagt Mark dazu und macht solo weiter. "Ich habe keine exklusiven Artists, sondern signe nur Tracks, die mir gefallen, von Leuten, die eine neue und innovative Schiene fahren. Jungs wie Koma & Bones, Newcomer Metric oder Circuit Breaker aus Berlin. Oder Infusion aus Melbourne oder Switch, das wäre ein geniales Signing. Solide Techfunk-Monster, egal welcher Couleur. Wenn ich es spielen will, haue ich es raus. So läuft das." Worte: Katrin Richter Links: www.meatkatie.com www.lot49.co.uk www.kingsize.co.uk http://www.fabriclondon.com |