11.09.2005 PK ARCHIVE NOV 04 +++ Transparent Sound: Nackte Tatsachen |
| Wer den Film Zoolander mit “Meerjungmann” Ben Stiller in der Rolle des den “Magnum”-Look perfektionierenden Supermodels Derrick Zoolander gesehen hat, kann sich in etwa ein Bild machen, was uns erwartete, als wir nach einer langen Schlittenfahrt durch die Ikeahaus-bestückten, schneebedeckten Weiten der schwedischen Tundra den EL Club in Stockholm betraten. Jeden Donnerstag finden sich im Untergeschoss von Bern’s, dem stylischten Fünfsternehotel Skandinaviens, frequentiert von den hipsten Tripstern vom Kattegat bis zum Nordpolarkreis, die auf dem Teppich gebliebene Advanced-Elektronik-liebende Stockholm-In-Crowd ein, um zu den Sounds von angesagten DJs wie Sascha Funke, Jesper Dahlbäck, DK7, Aril Brikha und Tomas Andersson abzuspacen. Schwammaction im Schrittbereich So auch am heutigen Abend, an dem die Crew des Hotels sich tatsächlich zum wiederholten Male Transparent Sound eingeladen hat und ihn nun im Vorfeld mitsamt ihrer Entourage im Schlepptau im hausinternen Chandelier-geschmückten Ballsaal gekonnt abfüttert und -füllt. Orson und Martin, ursprünglich aus dem verschlafenen englischen Küstendorf Bognor Regis stammend, fanden vor etwa zehn Jahren zueinander und halten sich seitdem die Treue. Obwohl die auch als DJ sehr aktive Otternase Orson Bramley mittlerweile in London wohnt und dort mit einer gewissen Regelmäßigkeit die Clubs unsicher macht, sind die beiden nach wie vor Herz und Seele, und das hört man auch ihrer Musik an. Vor circa einem Jahr haben die beiden ihr eigenes Label namens Orson Records aus der Taufe gehoben, um neuen talentierten Elektroproduzenten ein Outlet für ihre oftmals sehr liebevoll und phantasievoll zusammengefügten Produktionen bieten zu können, man denke nur an die Artificial Arms EP, einer meiner Favoriten dieses Jahr. Nachdem bereits ihr erstes Album und ihre Hitsingle “Fade To Grey” auf Billy Nastys Elektrolabel Electrix die Aufmerksamkeit jener erregten, die tanzbeinaktivierenden Stuff jenseits von Clash und Progbreak zu schätzen wissen, kommt im nächsten Jahr die Nachfolge-LP raus, und das Material wurde heute abend zum ersten Mal gefloort. Supported würden Transparent Sound von einer sehr talentierten Londoner DJ-Frau namens Melanie, die mit einer phänomenalen Plattenauswahl den Auftakt machte, und dem Orson-Records-Labelneuzugang Richard Baltitude aka Point B, der in einem Kraftwerk-Gary-Newman-Lookalike-Contest Dritter wurde und nun ungeschnitten und direkt einen darken und kraftvollen Liveact zum Besten gab, der die Schweden aus ihren handgenähten Brogues fegte. Gab sich die Crowd zunächst sehr mondän und weltgewandt unterkühlt, wurde der Tanzschritt und das allgemeine Verhalten mit jedem harten Drink abstrakter und, ähm, individueller. Sei es das gepflegte Spanking des besten Freundes oder ein lecker Tänzchen mit Rubbelwasch-Schwamm-Action im Schrittbereich, die Leute hier ließen keinen Partyspaß aus, um sich und ihre Freunde zu entertainen. Auch wenn das Ganze bisweilen in Eurithmie-artige Selbstfindungsgruppen- Tanzbewegungen ausartet, die bisweilen sehr an Kung-Fu erinnern, kann man sich als ständig auf die eigene Tanzfloorkompatibilität schielender Mitteleuropäer noch eine Scheibe von den sehr ausdruckstarken Schweden abschneiden – eine Ausnahme machten die erstaunlich unrhythmisch tanzenden, zugepuderten Supermodels im Hansel-Look in Guccimoonboots, die ohne Flachs fast weinten, wenn sie keiner bewundernd anguckte, wie an gleicher Stelle eine Nacht später zur Notiz genommen, frei nach dem Motto: “If you could excuse me, I have an after-funeral party to attend.” Aua! Extravanganter und egozentrierter ging allerdings auch auf persönlichem Level nicht. Schußsichere, saubere Westen Die ja auch sehr modischen, heute abend wegen direkter Konneckis zur Clubregentenszene gratis ausgeschenkten Wodkaschnäpse mit Tomatenpfefferkuchenminzkarottenhimbeer-teelichtmeergurkengeschmack taten dann auch irgendwann das Ihrige und schickten einige Mitglieder unsere kleinen, aber doch sehr verpflichteten Gruppe von Musikern, Musiklovern und Schreiberlingen über den Jordan. Auch wenn sich so manches derangierte Mitglied der Truppe es sich nicht nehmen lassen konnte, zuvor noch einmal zu beweisen, dass man sich a) nicht von Menschen in schußsicheren Westen zahlen lässt, weil schußsichere Westen auf Schüsse schließen lassen – was ja gefährlich ist – und sie somit mit schneller Hand entfernend durch den Raum geschleudert werden müssen, um die Situation zu entschärfen, und b) Schneeballschlachten im Hotelzimmer genau das Richtige sind, um den Wodka auf Betriebstemperatur runterzukühlen. Wer jetzt aber glaubt, dass sich dieser Bericht darauf beschränkt, die wahrhaftig tollen Pranks der holden TP-Recken im Drölfzigsterne-Paradies (“ja, soooo cool”) in aller ihrer Pracht zu umschreiben, der hat leider die Rechnung ohne den Wirt gemacht und darf die nächste Runde holen gehen. Denn schließlich hat am nächsten Tag der Orson noch mal einen draufgesetzt mit seinem DJ-Set im Bern’s. Um ehrlich zu sein, finde ich Transparent Sound als DJ fast noch geiler als als Liveact, denn der Style von Orson ist wirklich astrein. In allen Klangfarben schillernde Elektrobreaks mit null Styler-Attitüde. Getrunken wurde zwar auch, wenngleich auch erst spät in der Nacht, und so stand dem hundertprozentigen Aufgehen in der Musik nichts im Wege. Denn in den darauffolgenden Tagen, die wir in Wechselschichten damit verbrachten, unsere Kater dadurch abzuschwächen, dass wir lange und ausgedehnte Spaziergänge durch den Schnee machen, zeigten Martin und Orson ihre wahren Gesichter: Martin, der mittlerweile schon 38 Jahre auf dem Buckel hat, ist ein liebevoller Familienvater, der in einer unkonventionellen Beziehung mit einer sehr inspirierenden Frau lebt, die er sehr liebt, und Orson ein frischverschossener Rammler, der sich mit Melanie fröhlich einen schönen Lenz machte. Minestrone of Sound Schliefen wir zunächst in einem ehemaligen Dreimaster der Marine, die heute, zur Jugendherberge dienend, im Stadtzentrum vor Angel liegt, schlüpften wir schließlich bei Orson-Records-Labelmanager Martin (Nummer Zwei) unter, der außerdem die schwedische Ausgabe des tödlich uncool-satirischen Modemusichypemagazin namens Vice herausbringt. Gemeinsam erkundeten wir Stockholm, eine wunderschöne Stadt, die gerade in Schnee getaucht ihren Zauber entfaltet, weil alles weiß glitzert und die Sounds gedämpft über die mit Eis bedeckten Seeflächen schlittern. Von Insel zu Insel tasteten wir uns vor. Lernten den Rhythmus des schwedischen Day-To-Day-Alltages kennen, fuhren mit der Straßenbahn und dem Bus und aßen Lachs und Smörrebröt. Und redeten und redeten. Über Musik. Über das Leben. Wie man eben so redet, wenn man sehr erfüllt ist von dem, was man tut. “Guck’ mich doch an, Kat,” sagte Martin TP häufig. “Ich bin kein Szenie. Ich bin nicht cool. Ich mache Musik. Und liebe es. Ich bin so froh, dass Orson rausgeht und sich den Herausforderungen stellt, denen man sich stellen muss, wenn man dem trendigen Dasein eines Clubsters fröhnt, der man auch irgendwie sein muss, wenn man Musik für den Floor macht. Orson legt ja auch auf. Ich bin derweil abgeschnitten von allem in Bognor Regis direkt am Meer und fummele die Kleinarbeit hin. Das Erforschen von Sounds hat mir schon immer alles bedeutet, ich spiele auch in Bands. Und wir haben auch eine Night in einem Local Pub, die ‘Minestrone of Sound’. Wir spielen alles, von Hardcoregrungegabber bis zu Acidfolk, und machen Pubquizzes und Verlosungen. Mein Sohn ist stolz auf mich, denn seine Freunde kommen da hin, weil sie so auf die Musik steilgehen.” Die genauen Details der sehr lustig klingenden Geschichten von Martin sind mir entfallen, aber unvergesslich ist mir heute noch der Verve seiner Ausführungen, die mich mit Sehnsucht in der Stimme laut darüber nachgrübeln ließen, warum es so etwas nicht in jedem Dorf, in jeder Stadt gibt. Menschen, die ihre uneingeschränkte Liebe zur Musik mit einer unglaublichen Offenheit und Unverdorbenheit unter die Leute bringen. So einer ist Martin. Sollte er jemals einen Internetanschluss bekommen, werden wir uns regelmäßig schreiben. Aber zum Erscheinen des nächsten Albums werden wir uns bestimmt wieder zusammentun. Meinen Support haben sie lebenslang. Some useless questions for Transparent Sound (Elektrix/Orson) What did you do before you got into music? Orson: We used to think a lot about how we could get some equipment to make some music! Where do you get your ideas from when you make music? Orson: That’s a hard one?! All over the place, Martin and me listen to all kinds of different music – not just dance. Martin used to be in bands before we joined up years ago, but we are big fans of Plaid, Boards of Canada, B12, Anthony Rother and the Two Lone Swordsmen. To name a few. The whole acid house scene got me hooked in a big way. Also Dynamix Two. The whole Detroit scene. Too much stuff to squeeze in, we just love music in general and it just happens to be Electro that is the backbone of our music. What's the most intense experience you ever had with music? Orson: Being on stage by myself in Murcia in Spain after Martin had lost his passport and the kit failing due to the heat. Great fun! Martin: Probably playing in the woods on a mountain in Ireland just after the sun had risen! Really amazing gig!!! Are you planning another album or is there anything people should watch out for at this stage? We are working on an album at the moment which should be released if all goes to plan later this year, also the Freaks Frequency remixes out around now on Orson Records, followed by an artist called Point B who has a release on the label called Functionary EP. Watch out for that one – it’s a killer!!! What's your favourite animal? Orson: penguin or a panther Martin: cat or snail If aliens were to abduct you, which records would you take to entertain them? Orson: How are we supposed to answer that?! It’s impossible!!! Martin: We would have to take them back to the studio and party till the morning. Then after boring them with our record collections and all our new tracks, send them home so we could get some sleep! Do you have a mission in life? Orson: Of course! To make people happy and to be happy. Martin: Just to enjoy life to the fullest! Text und Wodkaexzesse: Katrin Richter Links: www.electronicmovement.com/transprentmix.htm www.transparentsound.co.uk http://www.orsonrecords.co.uk www.electrixrecords.co.uk www.berns.se |