11.09.2005 RL ARCHIVE JUN 01 +++ Faithless: “We are so nice it makes us vulnerable...” |
| Auf drei Personen runtergeschrumpft ist der Kern der Truppe, und zwei davon stellen sich mir heute Frage und Antwort. Sister Bliss und Maxi. Rollo ist, wie schon auf dem Presseblatt erwähnt, der Drahtzieher, der im Hintergrund operiert. Der nach eigenen Aussagen kein Instrument spielt und auch nicht live auftritt, aber der Kopf der Combo ist. Sister Bliss wird als absolute Powerfrau beschrieben, die eine klassische Musikausbildung hat, und die sich bereits in den frühen Neunzigern zu den Decks hingezogen fühlte, um die Massen mit hypnotischen Housebeats zu bezaubern. Nun sitze ich vor ihr, und sie ist zierlich, nicht viel älter als ich, mit ‘ner Wollmütze auf und überhaupt nicht so, wie man sich einen Megastar vorstellt. Sie scheint fast nervös, als ob sie es immer noch nicht so ganz begreift, warum Leute sie interviewen wollen. Quiet, still, you feel there’s nothing going on. The space behind your eyes is filling up with thought, soothe, pleasure… Während mir Blissy (wie die anderen der Crew sie liebevoll nennen) mir einen Tee macht, fängt sie an zu reden. Nur zu bereitwillig legt Ayalah (so heißt sie richtig) los, und sie ist eine gute Interviewpartnerin, weil man ihr jeden Ball zuwerfen kann und sie ihn fängt. Ich freue mich, allerdings geht es mir fast zu glatt und ich frage mich, ob ich irgendetwas zu hören bekomme, was sie nicht schon tausend anderen vorher gesagt hat. Fast fühle ich mich wie ein eifersüchtiger Liebhaber. Wie gerne hätte ich es doch, dass sie nur mir etwas Geheimes in ihrer launisch akzentuierten Londoner Stimme erzählen möge. Ihr zweites Album, “Sunday 8PM”, erzählt Sister Bliss, war eine ganze Ecke melancholischer als ihr erstes Album, “Reverence”, auf welcher “Insomnia” vertreten war. Dies, so schildert sie mit rollenden Augen, lag daran, dass die Band fast zerbrochen wäre: über 18 Monate tourten Faithless, und zwar relativ low budget, unluxuriös und beengend. Wenn man “die ganze Zeit die Furze der anderen riechen muss, kann man irgendwann nicht mehr”, sagt Bliss, und ich stimme ihr zu. Dies sei eine depressive Phase gewesen, die sich in ihrem zweiten Albumrelease widergespiegelt hätte, die sie aber mit “Outrospective” definitiv überwunden haben. Stolz berichtet sie, dass das neue Album zwar immer noch melancholisch-melodiös sei, aber nicht mehr diese düsteren Untertöne ausweisen würde. Ein fröhliches Album sei es geworden, alles in allem einfach positiver, nicht so nach innen, sondern mehr nach außen orientiert. “Donny X, der erste Track mit der Fanfare gleich am Anfang, das sollte so etwas sein wie ein Ruf, den wir ausschicken, damit die Leute hören, dass wir wieder da sind. “ Oldskoolig finde ich, dass es sich anhört – wie alter englischer Hardcore der frühen Neunziger. Und die Bassline – auch sehr Retro. “Ja, oldskoolig ist richtig, irgendwie haben wir uns wieder zurückbesonnen, was wir eigentlich erreichen wollten. Es ist ein bisschen analogig, so wie die ersten Sachen von Aphex Twin” Und die Bassline, berichtet sie stolz, sei von ihr. Alle Basslines seien von ihr. “Frauen sind empfänglicher für Bass” “Frauen sind einfach empfänglicher für Bass, das liegt daran, dass sie ein breiteres Becken haben und näher zum Boden stehen, also einen größeren Resonanzkörper haben, um den Bass zu fühlen. All unsere Musik ist übrigens auf Sinuskurven basiert, die schön rund sind. Das ist vielleicht der Grund, warum all unsere Musik voll klingt.” Sie fährt fort: “Die Lust auf etwas Neues war gravierend, wir hatten keine Lust mehr, uns dem alten Schema hinzugeben. Daher auch der Einsatz von neuen Styles. Eine Nummer, ‘Muhammed Ali’, basiert auf diesem komischen Motown Record-Sample, dass Rollo irgendwo ausgegraben hat und unbedingt verwenden wollte. Wir waren uns erst nicht so sicher, weil wir dachten, es sei nicht ‘Faithless’, weil es so ein massives Sample war. Aber das ist Quatsch. Wir machen, was wir gut finden- und es war ein schönes Sample.” “Muhammed Ali” entstand aber letztenendes wegen Maxi, und zwar auf Anregung von Bliss hin, die ein sehr anregendes und intimes Gespräch mit Maxi führte. Darin gab Maxi zu, dass er als Kind sehr, sehr schüchtern gewesen sei. “Ich war ganz geschockt. Maxi schien immer so selbstbewusst, seitdem ich ihn kenne. So stark, wie er immer ganz vorne steht und unsere Konzerte quasi allein führt, während wir uns hinter unseren Instrumenten verstecken.” “Muhammed Ali war Maxis Idol, als er jünger war. Denn er war der einzige Mann, der einzige Schwarze, zu dem Maxi aufblicken konnte. Es gab nicht viele Rollenmodelle, an denen man sich orientieren konnte, wenn man zurückblickt, und da war dieser Muhammed Ali, der sich nichts gefallen ließ. Ich fand diese Geschichte so ergreifend, dass ich ihn darum bat, einen Text darüber zu schreiben. Außerdem passte es gut zu diesem 60s-Sample, denn das war auch die Zeit, in welcher den Schwarzen endlich Rechte zugesprochen wurden.” Nicht genug Liebe? Sie gestikuliert fröhlich und kommt auf “Not Enough Love” zu sprechen. “Das ist Maxis Song. ‘Muhammed Ali’ ist auch Maxis Song, aber dieser Track ist was besonderes. Wir haben Maxi nämlich zum Singen gekriegt!” Triumph spricht aus ihrer Stimme. Der Frontman der Band, für seinen tiefsinnigen Sprachgesang bekannt, der eigentlich nie großartig variiert, wurde von den anderen hereingelegt. Bei einer Probe wurde eine Passage ausdiskutiert, und als Maxi vorsang, wie sie klingen sollte, schnitten die anderen wohlwissend mit. Dass sie später Verwendung fand, spricht für den Versuch, Faithless tatsächlich anders klingen zu lassen und sich selbst nicht mehr so ernst zu nehmen. “Das besondere”, fügt sie schließlich noch hinzu, “ist, dass jeder eigentlich sein eigenes Ding drehen kann. Die Leute kennen Maxi, aber alle anderen, die sonst noch zur Band gehören, sind ein Bonus. Man kann einfach machen, was man will… so wie zum Beispiel Dido, die jetzt ihr erstes eigenes Album gemacht hat, oder Jamie Catto”. Interessant ist, dass Dido, der ja ihr Gesang in Eminems “Stan” zum Durchbruch verholfen hat, hier als Mitglied der Truppe gesehen wird. Und überhaupt kommt sie sehr häufig zur Sprache, obwohl ich gar nicht nach Dido frage. Ja, sie ist Rollos Schwester, und sie sang bereits auf “Reverence” und “Sunday 8PM”. Auf “Outrospective” ist Dido wieder zu hören, und was die Popularität angeht, schlägt sie Faithless zur Zeit um Längen. Interessant, dass auch Dido keine “Happy Toons” anstimmt, sondern, wie Bruder Rollo sagt, “hauptsächlich in Moll” singt, was “die Dramatik erhöht”. Maxi ist ein Mensch, der definitiv weiß, was Liebe heißt, und Leiden. Ohne seine Lebensstory groß aufzurollen, wird schnell klar, dass er in Brixton, wo er aufwuchs, viele Dinge gesehen hat, The dark edge. Sein dünner Körper und seine ruhigen, verschwommenen Augen zeugen von vergangenen Dingen, die man aus Diskretion nicht erfahren will. Dass er dieses aber nicht versteckt, sondern damit umgeht, daraus gelernt hat, macht seine große Stärke und sein Charisma aus. In seinen Raps und Rhymes dealt er locker mit allen Dingen, die ihm im Leben begegneten, fertigmachten, fast zerbrachen: Sex, Betrug, Liebe und Verlassenwerden, Drogen und Muhammed Ali. Lieben und Leiden “Unsere neue Platte ist nicht mehr von dieser tiefen Traurigkeit durchzogen”, sagt Maxi, “obwohl ich es nicht Traurigkeit nennen würde, sondern Verletztheit. Damals sind viele Dinge schiefgelaufen, von denen wir nicht erwartet haben, dass sie uns passieren. Aber wir langten an dem Punkt an, wo uns klarwurde, dass wir uns verändert hatten – und es ist ja eigentlich keine schlechte Sache, sich zu ändern! Besonders, wenn man vorher nicht so besonders glücklich war. Und dies ist nun das Besondere am Leben. Letztenendes wurde uns hier mal wieder klar, dass es nur darauf ankommt, was man draus macht. “Wenn man mal herumschaut, sieht mal Menschen um einen herum, Menschen, denen es wirklich schlecht geht, die leiden. Mir ging es auch mal so schlecht, aber ich habe mich aufgerafft und dagegen was getan. Die Welt ist ein tougher Ort, und es ist hart, sich zu behaupten. Aber man muss sich trotzdem jeden Morgen aufraffen und aus dem Bett kriechen. Punkt. Wenn man Muskeln haben will, dann, und das sieht jeder, muss man dafür was tun. Man muss Liegestütze machen, und wenn man keine fünfzig schafft, hat man seine Ziele zu hoch gesteckt. Aber es geht nicht um die Zahl, es geht darum, das man dabeibleibt und konstant daran arbeitet, die Zahl, so klein sie sein mag, in die Höhe zu treiben. Das gleiche gilt für die geistige Stärke, die spirituelle Größe. Wenn man mental stark sein will, muss man dies auch trainieren. Viele Menschen wollen diese Verantwortung vor ihnen selbst nicht übernehmen. Sie haben Angst davor, vor dem Schmerz. Allerdings passieren diese schmerzhaften Dinge sowieso. Und genau wie beim Muskeltraining wird man Schmerzen anfangen zu lieben, denn wenn es schmerzt, passiert was. Denn es geht darum, diesen Schmerz zu schlagen, darum, nicht aufzugeben. Mal schafft man mehr ‘Liegestütze’, mal weniger. Der Punkt ist: Versuche, deine Grenzen zu finden – jeden Tag. Karma Kameleon Und eines Tages wird man tatsächlich fünfzig schaffen: “Denn je mehr man etwas übt, desto besser geht es nach einer Weile von der Hand. Der Geist, diese Stärke zu erlangen, liegt in jedem von uns – ob man nun in einer Fabrik arbeitet oder an der Börse. Worum es im Leben geht, ist, dass man nicht darunter leidet, sondern sich darüber freut.” Maxi spricht von Karma. Karma im Sinne von: “Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus”. “Dass Menschen nicht verstehen, dass sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen. Das kann niemand für sie tun. Was man tun kann, ist anzufangen, die Prinzipien zu verstehen, nach denen es läuft. Denn so wie man sich verhält, werden sich Menschen dir gegenüber verhalten. Behandelst du sie schlecht, werden sie dir schlecht gesinnt sein. Das Bizarre an dieser einfachen Rechnung ist, dass es Generationen lang so gehen kann. Um aus diesem Schema auszubrechen, braucht es nur diese Erkenntnis, denn alles, was man tun muss, ist Dinge positiv zu sehen, und sie werden positiv. Jemand ruft auf Maxis Handy an, und er entschuldigt sich für einen Moment. Es ist eine englische Tageszeitung, die eine weitere Frage hat. Maxi schnaubt: “Was? Ob ich eine Waffe trage? Ob ich eine Knarre mit mir rumtrage? Nein. Nein, das tue ich nicht. Das würde ich niemals tun. Eine Waffe zu tragen”, holt er aus, “kommt dem Eingeständnis gleich, dass ich erwarte, dass jemand es auf mich abgesehen hat. Sobald ich dies glaube, sobald ich mich unsicher fühle, wird meine Unsicherheit Schlechtes anziehen. Menschen, die meine Unsicherheit ausnutzen werden. Menschen, die meine Angst vor ihnen fühlen. Menschen, die meine Waffe als Argument sehen werden, ihre einzusetzen. Warum sollte ich also eine Waffe wollen? Ich habe keine Angst.” Man merkt sehr wohl, dass Maxi nicht viel von Waffen hält, aber das war mir vorher schon von Bliss gesagt worden. Sie erinnerte mich daran, dass wir auf einem alten Raveline-Cover Tanith mit Maschinenpistole posieren liessen, worüber sich beide immer noch aufregen. “Dance Music hat nichts mit Militanz zu tun, und wer solche kleinen Macho-Machtposen nutzt, um sich als Person in Szene zu setzen, ist ein Schwächling, ein dummer Schwächling”, sagt Maxi. “Leute zu fesseln und zu begeistern ist eine Kunst” Obwohl der ganze Tour-Terror die Faithless-Truppe fast zerschlagen hätte, werden sie diesen Sommer wieder Festivals und fremde Länder bespielen. Sie können wohl nicht genug kriegen. “Ich liebe Festivals- sie sind eine Herausforderung”, sagt Bliss. “Denn es kommen immer wieder Leute an der Bühne vorbei, die uns nicht kennen und die auch keine Intention haben, uns kennenzulernen. Diese Leute zu fesseln und zu begeistern ist eine Kunst.” Sie bestehe nicht auf ihre eigene Toilette auf der Bühne, hofft allerdings, dass es nie wieder so unkomfortabel wird wie Glastonbury 1998, wo sie headlineten. Es regnete so gnadenlos, dass Faithless Angst hatten, wegen eines Kurzschlusses auf der Bühne elektrifiziert zu werden, und Leute wie ich, dass sie im Schlamm elendig erfrieren würden. Wir haben alle überlebt. Wer sie live sehen möchte, muss so weit gar nicht reisen: am 23. Juni spielen sie auf dem Southside Festival und am 24. Juni auf dem Hurricane Festival. “Das ist lustig”, sagt Bliss, “letztes Jahr haben wir es tatsächlich geschafft, eine ganze Truppe finnischer Heavy Metaller zu verzaubern. Deutschland, fügt Bliss hinzu, “war übrigens das erste Land, wo wir einen Erfolg verzeichnen konnten und eine unserer Releases in den Charts so vorschnellte, dass wir auch in anderen Ländern wahrgenommen wurden. Als wir endlich in England in die Charts kamen, waren wir überall schon gefeierte Stars.” Der Moment, an dem ich merke, dass ich mich schon fast zu wohl fühle, kommt, als ich auf dem Sofa einsinke, Adressen getauscht worden sind und ich den Sängern vorgestellt werde. Ich fühle mich, ja, sehr “special”, wie ein Freund der Familie. Sister Bliss friert und sie will nicht anfangen zu proben, bevor der Raum nicht eine einigermaßen erträgliche Temperatur angenommen hat. Da kommen unsere Geschenke gerade recht. Ein Raveline-Pulli für jeden, und ich kann sehen, dass die beiden echt gerührt sind – und das, obwohl bei beiden Pullis lecker Erdbeersaft über die Front gekleckert ist. God wears a Raveline jumper! Worte: Katrin Richter Link: www.faithless.co.uk |