05.09.2005 RL ARCHIVE FEB 05 +++ The Chemical Brothers – Das Ende ist nah?! |
Nach ihrem 2002 releasten Longplayer “Come With Us”, mit dem der Kreis sich nach über dreizehn Jahren Dust und Chemical Brothers schloss und ihrem Best-Of-Kompendium des letzten Jahres, mit dem sie eine Bestandsaufnahme offerierten, trumpfen nun mit ihrem vierten Album auf. Entstanden in Reaktion zu all den crazy Events, die die Welt erschüttern, blockrockt “Push The Button” mal wieder jeglichen Widerstand in Grund und Boden. Doch was bedeutet dieses Album zu Zeiten, in denen der mal eben die Dance-Kategorie des Brit Awards abgeschafft wird? Was für eine Signifikanz hat ein Megadanceact noch, wenn ihn die britische Presse für tot erklärt? Könnte es noch schlimmer kommen? Wir finden: Ja. “I can’t seem to shake this feeling…” Es begann mit einem Schuss in den Ofen: Die englische Musikjournalistin Caroline Sullivan erklärte Ed Simons und Tom Rowlands diesen Sommer kurzerhand für tot: “Nun, da die Chemical Brothers sich angeblich nicht mehr aufraffen können und Underworld ebenfalls nichts mehr von sich hören lassen, sind Basement Jaxx wohl die einzigen Mega-Acts der 90er, die immer noch die Dancestandarte hochhalten und die Leute ihre Hände in die Luft recken lassen” schrieb sie in einem Artikel für The Guardian. Eine Unke? Die Chemicals headlineten keine zwei Wochen später das englische Creamsfields-Festival. Doch die englische Musikpresse zeigte sich bissig. Kurze Zeit später erklärte der einstmals für das englische Dancemag Mixmag schreibende, zum Guardian übergewechselte Journalist Alex Petridis gleich das gesamte Genre Dancemusic für passé – eine spleenige, auf Drogen wie Ecstacy basierte Revolution, die nun ihre Kinder fraß und nach dem gigantischen Aufblasen und Implodieren der Superclubs in sich selbst zusammenfiel und verlosch wie ein sterbender Todesstern. Aus Petridis sprach ein desillusionierter Idealist. Doch seine Reaktion ist verständlich: Der Brit Awards kippt nach dem letztjährigen Sugababes-Sieg die Kategorie “Best Dance Act” ganz aus dem Programm, Fatboy Slims neues Album fällt nach zwei Wochen auf Platz 75 aus den Charts, nachdem sich seine Vorgänger um die fünf Millionen mal verkauft haben, und Eric Prydz landet mit seinem Danceremake “Call On Me” die schlechtverkaufteste Number One seit der Einführung der Sales Control Charts. Der letzte Dinosaurieract der Danceszene? Doch was hat das alles mit elektronischer Musik zu tun? Spricht die nicht völlig unabhängig von unrelevanten Trends und den drogigen Modeerscheinungen unserer westlichen Zivilisation für sich? Und überhaupt: Was sind die Chemicals denn dann? Ein schreiender Anachronismus? Der letzte Dinosaurieract der Danceszene, der genau wie die Rolling Stones den Schuss nicht gehört hat? Zwei vergreisende Techno-Idole, die sich nicht rechtzeitig aus den großen Clubs dieser Welt verabschiedet haben? Ein letztes geriatrisches Zucken der Raving Society? Eine Self-Coverband, die nur noch der stetig alternden Fanbase mit dem ausdünnenden Haar ein paar nostalgische Momente beschert? Oder doch und immer noch schlicht und ergreifend eine der besten Crossoverdanceacts, die die Welt je gesehen hat? Eine Elektronikkombo, die seit ihrer Zusammenkunft 1989 ganz vorne mitspielt, die mit ihren Millionen-Sales für immer in die Annalen der Geschichte eingegangen und trotz der diversen Trendwechsel und Zeitenwandel immer “on top of it all” geblieben ist? Musikversessene, weltweit frenetisch gefeierten Studiofreaks mit großartigem Entertainmentfaktor? Die letzten Einhörner? Der endgültige Beweis, dass sich Qualität auch auf lange Sicht durchsetzt, egal, ob in oder out? Nun, man urteile selbst. I Feel Good! Unmittelbar nachdem die Chems im November damit begannen, die Promos für ihre megaheiße Single “Galvanize” herauszuschicken, wuchs das Level der allgemeinen Erregung ins Unermessliche. Was war zu erwarten? Nun, sowohl “Galvanize” als auch die B-Seiten-Single “Rize” zeichneten sich durch eines aus: Obgleich die Beats definitiv langsamer groovten und vom Gesamtfeel deutlich HipHop-orientierter klangen als alles, was die Chemicals in der letzten Zeit produziert haben, dominierten doch die archetypischen Acidhouse-geprägten heavy Beats, die seit langem zum Markenzeichen der Chemicals geworden sind. Und der durchschlagende Erfolg von “Galvanize” beweist: Die Chemicals sind alles andere als tot: “I feel good”, eröffnet Tom, der immer noch kurzhaarige, ehemals langhaarige Chemiebruder das Gespräch. Dieses Statement röhrt er in bester James-Brown-Manier. Yeah! Block’n’rock, Baby! “Wir sind wieder da! Als wir unsere Single-Compilation zusammengestellt hatten, hat uns das den Ansporn gegeben, gleich mit einem neuen Album anzufangen. Wir hatten einfach diesen Antrieb, noch einmal einen draufzulegen. Wir wussten einfach, dass da noch mehr geht. Es war für uns einfach wichtig, den Leuten zu zeigen: Da zuckt noch was in der Wade.” Block’n’Rock, Baby Ganz besonders angesichts der hämischen englischen Musikpresse, die die Chemical Brothers schon fast kramfhaft auf dem absteigenden Ast sehen will, schien ein solcher Move nicht nur clever, sondern unerlässlich. “Na klar kamen solche Kommentare wie: ‘Wer ein Best-of-Album veröffentlicht, der hat sein Halbwertsdatum mehr als überschritten – das bedeutet für viele, dass eine Band am Ende ist’, sagt Tom grinsend, aber so einfach ist das nicht mit den Chems. Die haben gar kein Problem damit, die David Bowies und Mick Jaggers der Danceszene zu werden und setzen frech und selbstbewusst noch einen drauf: “Wir haben noch ein paar Asse im Ärmel, ihr Motherfuckers! Wir stehen total drauf, den Leuten zu beweisen, dass sie auf dem falschen Dampfer sind, denn wir lieben es, Menschen von unserer Musik zu überzeugen, sie für etwas zu begeistern, dass sie noch nicht kennen oder vielleicht so nicht erwartet hätten.” Ganz klar: Von den Chemicals kann man auch in zwanzig Jahren noch Selbsterkenntnisse erwarten, denn auch sie haben nicht nur Mut, Veränderungsprozesse zu durchlaufen und zu neuen Erkenntnissen zu kommen, sondern auch den Pep im Arsch, das dann auch publik zu machen. “Wenn man ein Best-of-Album veröffentlicht, bedeutet das für viele, dass eine Band am Ende ist.” “Wir haben noch ein paar Asse im Ärmel, ihr Motherfuckers!” But I must remember…. Sie sind wieder aufgewacht. So gab Ed unlängst in einem Interview mit dem englischen Skrufff-Magazin zu, dass die Chemicals beide ziemlich von elektronifiziertem Rock-Clash angetan seien: “Als die ganze Sache ihren Lauf nahm, habe ich zunächst noch angenommen, dass ich dem Ganzen wirklich gar nichts abgewinnen kann. Doch seitdem ich in der letzten Zeit auf dem Dancefloor abfeiernd wirklich dazu abgegangen bin, denke ich ‘Diese Musik funktioniert tatsächlich, eigentlich macht sie sogar Spaß, sie ist aufregend, sie ist drogig und tut’s auf jeden Fall.’” Bei solchen Kommentaren wird deutlich: Die Chems bleiben nicht nur am Puls der Zeit, sie sind mitteldrin, und es gibt keinerlei Hinweis darauf, dass sie es in absehbarer Zukunft sein lassen könnten. Die beiden Jungs haben auch im mittleren Alter sie nichts von ihrer jugendlichen Studentenhaftigkeit eingebüßt, sind nun einmal echte Partyschweine und Feiersäue, die auch im hohen Alter noch wir noch zu elektronischen Beats steilgehen werden, da hilft nix. Die Chems werden auf keinen Fall mellow vergreisen: “Unsere neuen Tracks strotzen nur so vor harten und verdrehten Beats. Natürlich sind wir, wie immer, auch zu einem großen Teil melodisch.” “I Need You To Believe In Something…” ”Denn: Seit unserer ersten EP ever verfolgen wir nur ein Ziel: Musik zu machen, die mit ihrer Zartheit nicht nur die Seele streichelt, sondern zugleich auch fucked up und hart abgeht. Die Idee, dass wir nun runterdrehen und nur noch Kaffeeklatschmucke machen, erscheint angesichts unserer wahren Absichten und geisteskranker Acidgroove-Platten wie unserer ‘Electronic Battle Weapon 6’ mehr als nur absurd.” Meint Ed. Tom, der sich in seiner üblichen Verspultheit zum neuen Album äußert, kommentiert die ersten Singleauskopplung, die, mit dem Gereime von A Tribe Called Quest-Rapper Q-Tip und orientalischen Streicherloops und chemisch rockenden Beats angereichert, eine solch mitreißende Dynamik entwickelt, dass die Leute von Buenos Aires bis Banja Luka hemmungslos drauf abgehen, und explodiert in einer Wortsalve: “’Galvanize’ steht für Action, Aktivwerden, etwas tun, etwas bewegen, sich bewegen – Energie, Stärke, Rotzigkeit. Wir schütten mal wieder Acid House und HipHop ins Reagenzglas, das Ergebnis: Heavyness, Drama! Chemical Beats.” Explosionsgefahr! Und das war nur der Anfang vom Ende, sagt Tom. “Die Idee, dass wir Kaffeeklatschmucke machen, erscheint angesichts geisteskranker Acidgroove-Platten wie unserer ‘Electronic Battle Weapon 6’ mehr als nur absurd.” Don’t Hold Back! “Wir haben die Platte getestet. Sie fühlte sich sofort an wie eine brilliante Clubplatte. Sie klang frisch. Als wir unser Best-of-Compilation zusammengestellt haben, hatten wir eine Menge Spaß daran, unsere alten Produktionen noch einmal durchzuhören. Aber wir würden die gleichen Platten nicht noch einmal machen wollen. Wir wollen uns selbst überraschen. Nach ‘Galvanize’ hatten wir Blut geleckt und waren gleich wieder in Feierlaune. Dieses Gefühl wollten wir transportieren, in ein Album umwandeln. Die Zeiten sind hart, wegen Bush und Konsorten, deswegen muss man der Paranoia eine gehörige Prise Euphorie entgegenhalten, Optimismus und auch Widerstand. Es gehört zu den heutigen Zeiten dazu, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wir produzieren keine Platten für 1995. Die Stimmung heutzutage ist ganz anders, der Zeitgeist seltsam. Der Kultur des Hedonismus wirkt in zunehmendem Masse eine Kultur der Erkenntnis entgegen. Es geht darum, Profil zu zeigen – und daran Spaß zu haben.” Also: Don’t hold back! Militant und politisch reimt sich auch Anwar Superstar in “Left Right” ins Bewusstsein: “Some innocent lives will be lost on the battlefield tonight… What’s the difference between Bushes and dumbs? …This is the story of a soldier…” “Wir wollen uns selbst überraschen!” All My Soldiers Marching Hier mischt sich die chemische Bouncigkeit mit heavy Hiphopbeats und blockrockigen E-Grooves: “Seine Stimme war so stark, wir mussten einfach einen Track mit ihm machen, obwohl er ungesignt ist,” sagt Tom. Was ist sonst noch neu bei “Push The Button”? “Etwas Großes ist passiert. Die Energie ist anders als beim letzten Album. Wir sind tighter, tuffer und melodischer. Die Melodie und der Rhythmus arbeiten gegeneinander, und das fühlt sich gut an. Und obwohl die Ideen allesamt frisch sind, ist das Konzept altbewährt. “Natuerlich gibt es ein fettes Maß an soundtechnischer Trickserei, eben chemischen Sound bis ins kleinste Detail und in all seiner Finesse. Elf Songs, bei denen alles bedacht wurde. Elf Songs mit Substanz.” Wie immer überlassen die beiden Produzentenwunder Ed und Tom nichts dem Zufall, planen den Aufbau und Spannungsbogen des Albums minutiös nach bester Chem-Manier. Oftmals geht ein Track nahtlos in den nächsten über – ebenfalls ein alter Trick der Chems. Die zwei Festival-Lover erinnern die mit ihren Alben gerne an eine perfekte Nacht: “Wie SonneMondSterne. Das war sooooo cool!” Shake. Ahhhh... Break. Aaaah... Bounce. Sie stehen eben drauf, wenn der Groove zu einem großen Ganzen verschmilzt. Die clubbigeren Nummern werden wie immer dicht gefolgt von psychedelischen Tracks wie ”Hold Tight London”, “Close Your Eyes” oder auch “Marvo Ging”, die dort anknüpfen, wo “Come With Us” aufgehört hat. Allesamt eine Liebeserklärung an Future-Hippie-Folklore, ekstatische Souligness, sumpfigen Techno-Country – und hypnotischen Beats. Weitere Highlights? Da ist zum einen der mit Tim Burgess von den guten alten Charlatans entstandene Burner “The Boxer”, der mit seinen Pianoakkorden und seinen starken Vocals Rave-Melancholie und UK-Euphorie mit groovigen Beats kombiniert – oder “Believe”! Wenn der Blocparty-Sänger Kele Okereke zu den kräftigen, rocknofizierten und aufgefunkten Beats röhrt, erstarkt tatsächlich der Glaube. Was die Welt im Innersten zusammenhält, kann nach dem Hören dieser kraftvollen Liebeserklärung an die Tanzflächen dieses Planeten vielleicht nur bedingt geklärt werden. An einem gibt es allerdings keine Zweifel mehr: Die Chemicals sind lebendiger denn je – und sie wissen, was sie zu tun haben. Text: Katrin Richter. Link: www.thechemicalbrothers.com |