02.09.2005 RL ARCHIVE NOV 01 +++ Kosheen - U Reap What U Sow |
Widerstand zwecklos Mit “Hide U” fing alles an. Bassheads verklang der Track schon im letzten Jahr angenehm in den Ohren, wenn sie nach einer harten Drum’n’Bass-Nacht auf die menschenleeren Straßen traten. Wunderschöne Vocals – gepaart mit tighten Drumpatterns und Oldskool-Synths – die einem nicht mehr aus dem Kopf gingen. Nicht nur die Tänzer waren von der schönen Stimme Sians und den komplexen Breakbeats a la Decoder und Substance bezaubert: sowohl Drum’n’Bass-Größen wie Fabio und Grooverider, als auch Progressive-Trance-Stars wie John Digweed hypten den Track. “Hide U” chartete nicht nur in England, sondern kletterte in den Beneluxstaaten sogar bis auf Nummer Eins! Was jetzt wie eine märchenhafte Success-Story daherkommt, ist aber in dem Sinne keine. Hier bewahrheitet sich allenfalls ein englisches Sprichwort: “You reap what you sow – man erntet, was man gesät hat”. Kosheen kommen aus Bristol und kombinieren instrumentellen Drum’n’Bass mit wunderschönem Gesang. Obwohl sich Vergleiche mit Reprazent, Breakbeat Era oder vielleicht auch Portishead aufdrängen, sind die anderen Bands aus Bristol seltsamerweise das Letzte, woran man denkt, wenn man Kosheen das erste Mal hört. Auf der Reeperbahn morgens um vier “Resist” besteht aus 16 Tracks: von properen Mash-up-Tunes (“Hide U”, “Slip & Slide/Suicide” und “Empty Skies”) bis zu sehr gefühlvollen Balladen (“Catch” und “Resist”) ist alles dabei. Der Engländer ist Darren Decoder, DER Decoder, der bereits seit den frühen Neunzigern gebrochene Beats produziert, unter anderem mit Technical Itch. Als Orca beziehungsweise Pure White samplete er 1991 Beverly Cravens “Promise Me”, und als “4 AM” wurde das Teil zur Hymne der jungen Hardcore-Rave-Bewegung. “Ja,” lacht Darren Decoder: “20.000 Platten habe ich davon verkauft!” Da die Platten wegen des geklauten Samples nicht gekennzeichnet waren, kam “4 AM” auch nicht in die Charts. Darren war es egal. Er wurde vom Londoner Hardcore-Label Lucky Spin gesigned, wo er als Orca mit der legendären “Dances With Dolphins”-Live-PA bekannt wurde. “Ich habe auf den Raves sogar Flyer verteilt, dass man Delfine adoptieren konnte – die Leute sind so drauf abgegangen!” Seine drogengeschwängerten frühen Tage machen auch den Schotten Markee Substance (ja, DER Substance) stolz: “Ich traf Darren zu dieser Zeit, und wir fingen an, die ‘Ruffneck Ting’-Parties zu veranstalten. Das war die erste richtige Drum’n’Bass-Party in Bristol.” Seit Jahren gibt es ein gleichnamiges Label, das Decoder und Substance als kreatives Outlet, supportet von ihrer Ruffneck-Ting-Posse – Dazee gehört unter anderen dazu – nutzen. Die Jungs haben außerdem einen Plattenladen namens Breakbeat Culture – es gibt übrigens auch ein gleichnamiges Label, das ebenfalls von Decoder und Substance gegründet wurde – und sind fester Bestandteil von Tech Itch, einem fetten Drum’n’Bass-Label. Respekt. Ruffneck Ting Sian, die eigentlich aus Wales kommt, gehörte zur Feiergemeinde Bristols und erschnorrte sich so einiges Mal freien Eintritt bei den Ruffneck-Ting-Events. Vor drei Jahren trafen sich die drei schließlich durch einen Bekannten von Markee. In dem Moment, wo Sian das Studio betrat, wurde Kosheen geboren. “Ich war schon immer eine Sängerin,” erzählt Sian: “Aber seitdem ich mit Mark und Darren zusammenarbeite, sehe ich mich selbst als Songwriterin.” Sian ist kein Kind von Traurigkeit: sie hat die meisten ihrer Songs auf einem Berg in Schottland und in einem Tipizelt in Wales geschrieben, was immer wieder gerne in der Presse erwähnt wird. Sian fährt fort: “Die beiden Jungs haben mich sehr ermutigt, und im Gegensatz zu den anderen Bands, wo ich nur eine süße Beigabe zum Gesamtwerk darstellte, steht mein Gesang bei Kosheen im Vordergrund. Ich schreibe einfach meine Songs – die Leute verstehen, wovon ich singe.” Sprichts und versucht, sich an das über dem Kaminfeuer thronende Hirschgeweih zu hängen. Darren Decoder lacht: “Weil Sian singt, brauchen wir keinen Sampler mehr.” Markee nickt und fügt hinzu: “Wir kombinieren bei Kosheen das, was wir alle am liebsten mögen: wir lieben Beats und wir lieben Songs – es gibt ja wohl keinen, der einen guten Song nicht zu schätzen weiß.” Bieberbeats Viel Freude bereiten auch ein Paar ausgestopfte Deco-Bieber, die bald nicht nur die Party, sondern jedes von Sian geschossene Foto und den betrunken eingeschlafenen Labelmanager zieren. Ein “Beaver” ist nämlich zu gut Deutsch eine, ähm, Möse. Themawechsel. Markee zuckt die Achseln: “Viele Leute fragen uns, ob wir uns nicht verkauft haben, mit dem Majordeal jetzt und der Tour mit Faithless. Nun, das Gute an unserer Mucke ist ja, dass so viele verschiedene Leute darauf abgehen. Ein guter Song ist universell – wenn du ihn magst, magst du ihn eben einfach, egal, auf was für einen Musik-Style du sonst abfährst.” So, so. Doch hinter der masche versteckt sich ein Konzept. Das nun endlich aufgeht. Darren versuchte sich nämlich schon 1998 mit einem Projekt namens Echo, das den Markt erschließen sollte, den Drum'n'Bass durch seine mangelnde Massenkompabilität nie erobern konnte. Nichtsdestotrotz. Markee, Darren und Sian sind authentisch genug, um zu wissen, was sie tun, und vielleicht klappt es gerade deswegen – mit Kosheen machen sie schlicht und einfach schöne Musik, kombinieren gekonnt zwei traditionell schlecht kreuzbare Elemente auf ihre einzigartige Weise und präsentieren das Ergebnis mit Würde und Knowledge – wenn man damit den Mainstream erobern kann, dann ist ein echter Verdienst. Leute mit Breakbeats in ihren Ohrensessels anzufixen gelingt nur wenigen. Außerdem wird der Begriff Drum’n’Bass durch Bands wie Kosheen neu ausgelegt, was der Szene sicherlich auch nicht schadet. Gegen ein wenig Kosheening hat keiner was. Words: Katrin “Königin vom Kiez” Richter, Fotos: Courtesy of BMG Shouts go to tha Ruffians, especially Orca, Jackie, Axel, Bine, Michel and to the Dam! Link: www.kosheen.com |