28.08.2005

RL ARCHIVE FEB 02 +++ Johannes Heil - HeiLife








Um die zwotausendundzwei Jahre ist das jetzt her. Kein Mensch will heute genau wissen, was damals gesagt wurde, aber noch immer werden Söhne Johannes getauft. Johannes Heil ist einer von ihnen. Ein Mensch voller Extreme. Die Bibel ist ihm genauso geläufig wie das Highlife eines Rockstars. Komplexe Harmonien werden im gleichen Masse eingesetzt wie simple Techno-Formulae. Mythologien wie die der Ägypter oder der Illuminati werden als Analogien – als begleitende Geschichten – herangezogen, um seinen musikalischen Ausführungen eine Allgemeingültigkeit zu verleihen, die jeder auf sich beziehen kann. Sie dienen als Schlüssel zu den von Johannes Heil verarbeiteten Erlebnissen. Von extremen Situationen berichtet er in seiner Musik, und bereitet dadurch für die, die darin Wahrheit suchen, einen Weg zu sich selbst. Zu abgefahren? Zu durchgedreht? Dann leset dies und verstehet (ein wenig mehr).

Besser heil als kaputt

Was bis dato passiert ist, liest sich wie das Drehbuch eines Filmes namens „Heillos durcheinander – Ein Leben im Viervierteltakt“: ein 16-jähriger Junge namens Johannes spielt in Bad Nauheim Technoplatten in einem Laden namens Kanzleramt und trifft so Heiko Laux. Schon bald bahnt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den Hauptakteuren an. Das Kanzleramt-Label, von Driving Force Laux gegründet, wird bald zum kollektiven kreativen Outlet der Techno-Freunde aus dem Dunstkreis von Bad Nauheim. Anthony Rother ist der dritte im Bunde – das Techno-Dreigestirn kickt sich gegenseitig dermaßen, dass ihre Produktionen nicht nur landesweit Beachtung finden. Frühe Stücke wie „P.A.X.“ und „Feiern“ signalisieren, dass der Johannes zu übelst brachialem Sound fähig ist und die Feierleute wissen es ihm zu danken. Nachdem Johannes 1998 mit „Reality To Midi“ und der Single „Paranoid Dancer“ den absoluten Mega-Durchbruch feiert, wird er 1999 mit dem zwar nicht ganz so hochgerühmten „Illuminate The Planet“ entgültig in die Liga der ernstzunehmenden Heavy-Weight-Produzenten eingereiht. Dann: Realitycheck. Johannes kommt mühsam wieder zurück auf den Teppich, nachdem er einige Zeit „ein Asi“ gewesen ist. Das Kanzleramt-Label siedelt derweil mit Heiko nach Berlin um – die Jungs werden halt erwachsen und entwickeln sich – geografisch getrennt – weiter. Nächste Station des Erfolgs: Produzent für Sven Väths „Contact“, ihr wisst schon, ‚Mein Schweiß‘. Ganz schön heiß, der Johannes. Er bleibt trotzdem in Hessen, im wunderschönen Ober-Mörlen, dem Ort seiner Väter und Vorväter, und produziert 2000 sein drittes Album, „Future Primitive“, das an musikalischer Bandbreite alles Vorherige in den Schatten stellt. Es erscheint auf Kanzleramt, obwohl Johannes im selben Jahr sein eigenes Label mit dem wundersamen Namen JH (jung und hübsch?) startet. Nach dem Leben auf der Überholspur konzentriert sich JH auf seine wahre Stärke, Leben auf der Tonspur, und bringt im Laufe der nächsten zwei Jahre vier typisch Heilsche Konzept-12-Inches („Die eigene Achse“, „Isis und Osiris“, „Die Zahl des Tieres“ und „Die Formel der Liebe“) sowohl einen Freestyle-Bonus-Doppelpack namens „Der Löwe von Juda“ zur Welt. Auf Kanzleramt folgt 2001 dann noch die „Feiern“-CD, die Johannes‘ heißeste Tracks aus frühen Jahren, die zum größten Teil vergriffen sind, vereint, und dessen Inlay die verpeilten Feier-Menschen aufs Böseste karikiert (schon deswegen kaufenswert). 2002 startet Johannes erneut durch: „Heilstyle“ heißt das neue Album, das im Februar auf Kanzleramt erscheinen wird. Schnitt.

Paffen als Volkssport?

Nächste Szene. Mit einem dicken Grinsen sitzt Johannes Heil in seinem Wohnzimmer, dem ehemaligen Zuhause seiner Familie. Während wir Rooibostee trinken und Formalia austauschen, beginne ich mich zu fragen, wann wir wohl die erste Tüte rauchen, die der Johannes ja bekanntermaßen gerne mag. Ich werde noch lange warten müssen, obwohl Johannes wohl meine Gedanken lesen kann und das Gespräch mit dem Thema Kiffen eröffnet. Er fordert einen ehrlichen Umgang mit Drogen und die daraus resultierende Legalisierung von Cannabis – für sich und Millionen anderer Kiffer, die tagtäglich Angst davor haben, für etwas bestraft zu werden, dass sie selbst als richtig ansehen. „So etwas ist nicht in Ordnung. Alkohol und Zigaretten sind weitaus schlimmere Drogen, und mittlerweile weiß das jeder – weil so gut wie jeder in Deutschland pafft!“ sagt er triumphierend und fügt hinzu: „Ich denke, dass Hobbyjäger mehr Böses tun, als jemand, der gerne einen kifft. Die machen sich aus gemordeten Tieren Trophäen und dürfen das. Dabei ist es nichts weiter als ein Mord-Sport!“ ereifert sich Johannes. „Die jagen ja nicht, um zu überleben. Das machen die aus reinen Machtgelüsten heraus und das ist ja auch schon reichlich krank. Da finde ich Kiffen durchaus weniger schädlich.“ Für Johannes ist allerdings klar, warum Kiffen als außerordentlich gefährlich gesehen wird: „Kiffen fördert das selbstständige Denken. Und das ist Autoritäten schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Wenn die Leute sich einfach einen Kiffen und selbst erkennen, was gut für sie ist und was nicht, dann sehen die Machthaber sich in Gefahr. Dabei wollen auch Kiffer Politiker. Wir wollen ja gar nicht alles selbst regeln – nur selbst für uns entscheiden.“ Ob jeder wirklich Selbst-Verantwortung tragen kann und will, ist eine Frage der Selbstfindung, die durch Verbote nicht gerade gefördert wird. So viel dazu. Swiftly moving on – zur Musik und zum neuen Album.

Der Johannes im Manne, äh, Techno

Der Titel des jüngste Werkes leitet sich von seinem spezifischen Stil, eben dem „Heilstyle“, ab, den man ganz klar heraushören kann, findet Johannes: „Bei den Bassläufen ganz besonders, hat man immer schon. Bestimmte Bestandteile des Albums sind ganz zwingend mein Style innerhalb von Techno.“ Er überlegt kurz und fügt hinzu: „Rock‘n‘Roll ist auch ein großer Faktor.“ Hä? Moment mal, Rock‘n‘Roll? Bilder von hüftschwingenden und Klampfen maltretierenden, schnulztriefenden Schleimlockenträgern drängen sich auf. Sind wir im richtigen Film? „Für mich,“ erläutert Johannes, „ist Rock‘n‘Roll der Moment, wenn du den absoluten Höhepunkt von dem erreicht hast, was möglich ist. Der Punkt des absoluten Exzesses.“ Johannes linst keck: „Den Aspekt findet man zum Beispiel bei dem Stück ‚Heilstyle‘‚ und bei ‚The Omen‘, das mit Frank Motzer entstand, was in eine wüste Sauforgie ausgeartet ist, und ‚Tokyo‘, das ich auch mit ‘nem Freund gemacht hab‘. Das ist der Peak! Nach dem Besäufnis stand übrigens für mich fest, dass es definitiv ein Clubalbum sein wird. Dass definitiv alles ‘ne Vier-Viertel-Kick haben wird. Die Überlegung war eigentlich, in 60 Minuten ‘nen kompletten Raketenstart hinzulegen. Langsam los – und dann im Orbit explodieren!“ Als Erstes hört man ein Intro, ein niedlicher, kleiner Computer lispelt sich ein süßes Gedicht ohne Umlaute zurecht. „Am Anfang schwelgt man ausbalanciert in Emotionen. Die beiden Etherworld-Tracks sind übrigens auf Pilzen entstanden. Sehr weit, sehr ätherisch, sehr audiophil mit minimalen Details in der Musik. Weite, Tiefe und ein kleines bisschen Gespiele. Bei dem einen bin ich gerade draufgekommen, beim zweiten wird‘s progressiver, tribaler. Dann während des kompletten Verlaufes des Albums geht‘s hinein ins Düstere, immer mehr drauf – und am Ende kommt dann der Exzess!“ Der Punkt, wo der Exzess in Reue umschlägt, soll bei „Heilstyle“ niemals ganz überschritten werden (was eigentlich vom Sinngehalt des Wortes ‚Exzess‘ her unmöglich ist, denn es bedeutet ja nichts anderes als Übermaß – Anm. d. Wortklaubers). Es geht Johannes vielmehr um die fein ausjustierte Balance, denn ein Overkill würde „praktisch den gesamten schönen Aspekt verbrennen.“

Take the red pill!

Wichtig bei dem Album: man kann es – theoretisch – aus beiden Richtungen anhören, da es eine lineare Reise darstellt. Je nach Standpunkt steigert sich diese entweder zu einem gewaltigen Klimax oder findet vom absoluten Maximum langsam zum liebevollen Ausklang. „Ich wollte damit eigentlich Yin und Yang darstellen“, fügt Johannes hinzu. „Wie aus dem Positiven ‘ne negative Energie werden kann und umgekehrt. Langsam rauf und genauso wieder runter. Das soll gar nichts Mahnendes an sich haben, sondern das ist einfach so‘n Prozess, den ich an mir selbst erkannt hab‘.“ Das Outro am Ende spricht allerdings für sich und macht den Exzess deutlich: eine total verspulte Stimme rattert Zahlen runter und verhaspelt sich, bleibt hängen. Sie bringt auf den Punkt, was nach „vier Tagen Feiern in deinem Kopf ist: Kopfsalat!“ Bereits bei dem Track „“ verfängt sich das Ohr an einem Sample aus dem Film „The Matrix“. Johannes hat es einfach nachgesprochen. Die Szene, aus welcher der Satzfragment stammt, ist eine der besten Stellen im Film, findet Johannes: „Da fragt der Typ: ‚Willst du hinter die Kulissen schauen, oder willst du am nächsten Morgen aufwachen, als wär‘ nichts gewesen?‘ Zum Aufwachen gibt es die blaue, zum Tieferschauen gibt es die rote Pille. Daher ist schon klar, warum ich die Rote gewählt habe. Für mich bedeutet die rote Pille eigentlich nichts anderes als die Initialzündung für den Durchblick. Einsicht. Erkenntnis. Das hat für mich was mit Auseinandersetzen zu tun – sie bedeutet nichts anderes als ‚Bitte, zeig‘ mir alles! Zeig‘ mir Wahrheit über die Situation.‘ Das Seltsame ist allerdings, dass das Stück mehr so rüberkommt wie: ‚Nimm‘ ne Pille!‘, also quasi wie ‚Nimm‘ die Blaue!‘. Ich kann auch nicht gerade behaupten, dass die Pillen, die im Club genommen werden, rote Pillen sind. Ich kann aber auch genauso wenig sagen, dass es blaue Pillen sind, die da genommen werden. Ich denke, es ist davon abhängig, was die einzelne Person daraus macht. Exzess kann auf jeden Fall ein Bestandteil des Lebens sein, aber sollte nicht das Leben sein!“

Hellstyle

Johannes ist froh, dass sich für ihn die Prioritäten verschoben haben: „Für mich ist Techno net mehr nur Feiern – jetzt schon gar nicht mehr. Es ist meine Arbeit geworden. Wenn ich da oben meinen Act mach‘, trink‘ ich meine zwei, drei Gläser Sekt und rauch‘ mir einen, aber ich bin ja net aus Eis. Ich krieg‘ ja mit, was um mich ‘rum passiert und ganz ehrlich: ich komm dann auch schon drauf… Ehrlich! Ich hätt‘ gar nicht gedacht, dass das mit so wenig auch geht – vorher. Ich find‘s witzig, wenn die Leute Gas geben. Ich komm‘ dann wenigstens auch mal von meiner Ernsthaftigkeit runter.“ Dass Leute ihren Spaß haben, ist Johannes wichtig, „wenn denen allerdings ihre Kiefern flabbern, während die mit mir reden, dann krieg‘ ich Angst“, sagt er – zu Recht. Wie ihr schon bemerkt haben dürftet: der schmale Grad, bevor etwas Postives in etwas Negatives umschlägt, wird immer wieder zum zentralen Thema. Johannes freut sich außerdem besonders über das – überaus gelungene – Remake von “Paranoid Dancer”, das ebenfalls in Kürze auf Kanzleramt herauskommen wird. „Mit Hell zu arbeiten war inspirierend“, sagt Johannes: „Der war total ruhig und ist alles ganz bedacht angegangen. Der wusste genau, was er wollte und hat es ohne großes Aufheben einfach gemacht. Es hat tierisch Spaß gemacht. Mit ihm gab‘s keine Hektik, aber trotzdem war‘s mega-spannend!“ DJ Hell hat sich dem echt nervenwrackenden bohrend-bösen Track vom 1998 angenommen und in ein verwirrend elektrisch-paranoides Technojet verwandelt, das zwar komplex-kaputt ist, aber in keinster Weise den Gigolo-Helmut widerspiegelt, den wir alle kennen- und lieben gelernt haben.

Musik befreit – ich hasse Hierarchien

Nicht zuletzt beweist Hell damit einfach nur lässig-locker, dass man ihn einfach nicht in die Tasche beziehungsweise Achtziger-Schublade stecken kann, in der ihn viele wohl schon sahen. Der Mensch ist ein Musiker und bei weitem komplexer, als wir jemals checken können, wenn wir immer nur die gegenwärtigen Trends sehen und schätzen. Musiker beschäftigen sich nämlich äußerst weitreichend mit dem Begriff Musik und machen nicht an einer Genre-definierten, imaginären Schranke im Kopf halt. Im Gegenteil – diese runterzureißen, zu zerstören wie ein Rockstar sein Hotelzimmer, ist der wahre Kunst-Akt. Achso: Im übrigen kommt die bereits erwähnte Bezeichnung „Rock‘n‘Roll“ von Herrn Hell. „Trinity“ hieß das Projekt, unter welchem Johannes auf Gigolo mehr 80ies-orientierten Sound der dreckigen, gefühlsbetonten Sorte auf die Menschheit loslies, welcher der Hell als Rock‘n‘Roll einordnete – eine Phrase, die Johannes in sein Repertoire übernahm und eigenständig fortführt. Johannes versucht in den letzten Jahren immer mehr, seinen Horizont zu pushen, in dem er sich mit vielen anderen Richtungen der Musik beschäftigt. Das zeigte sich nicht nur mit der recht Eighties-angehauchten “Future Primitive”-LP, die auch Breaks und Elektroanleihen featurte, sondern auch bei den Platten, die er auf JH, seinem eigenen Label herausbrachte, wurde dies deutlich. Es scheint ihm einfach Spaß zu machen, mit verschiedenen Styles zu kokettieren, wie auch das Doppelvinyl “Der Löwe von Juda” zeigte, auf dem Tracks mit klaren Ragga-Einschlag genauso souverän vertreten waren wie andere groovige Downtempotracks, die ausgezeichnet zum Chillen geeignet sind. In vielen bisherigen Interviews wird deutlich, wie sehr das die Köpfe beschäftigt. Es wird gar angezweifelt, ob der Johannes sich selbst treu bleibe, weil er auch andere Dinge ausprobiert. Techno zu machen darf nicht von vornherein alles andere ausschließen, und gerade die logische Fortentwicklung .

Im Namen der Musik, des Techno und des heiligen Geistes

Viele Raver scheinen nämlich in ihren Köpfen beschlossen zu haben, dass Techno mit anderen Musik-Styles schlecht bis gar nicht vereinbar sei. Aus dieser ‘beschränkten’ Vorstellung macht Johannes sich Schritt für Schritt frei, jüngstes Beispiel: man kann sowohl HipHopper als auch Techno sein. Johannes produziert nämlich auch noch Dope Beatz mit seiner Bad Nauheimer Crew. Triade nennt sich die Truppe. Da wird so richtig fett abgereimt – in feinstem, gemäßigten Hessisch. Und um dem noch einen draufzusetzen: Johannes macht auch noch Pop-Sachen. Eine Band hat ihm nämlich ein richtig faszinierendes Demo in einer riesigen schwarzen Box zugeschickt. “Die haben ‘ne tierische Präsenz, wie Depeche Mode früher”, sagt Johannes. Das hat ihn dermaßen umgehauen, dass er beschloss, mit der Band zu arbeiten. Aber jetzt Panik zu schieben, weil der Heil total verpoppt, ist prinzipiell nicht notwendig: “Bei mir wird es immer so bleiben, dass nie das eine durch das andere ersetzt wird. Teile von mir können nicht einfach so verschwinden.” Nachdem Judas sie verlassen hatte, sagte Jesus: “Jetzt wird die Herrlichkeit des Menschen sichtbar und durch ihn Gottes eigene Herrlichkeit. Wenn nämlich der Mensch die Herrlichkeit Gottes sichtbar macht, dann wird Gott ihm dafür auch seine eigene Herrlichkeit schenken. Und das wird durch euch geschehen, denn ich bin nicht mehr lange bei euch. Ich gebe euch jetzt ein neues Gebot: das Gebot der Liebe. Ihr sollt einander genauso lieben, wie ich euch geliebt habe. Wenn ihr einander liebt, werden alle verstehen, warum ihr meine Jünger geworden seid.” (Johannes 13,13, 31-32, 34). Seltsam? Aber so steht es geschrieben.

Words: Katrin “heillos glücklich” Richter, Bilder: Kathy Judge und Julia Girlfriend, Thänx to: Ronny

Links:
www.jh-records.com
www.kanzleramt.com





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