25.08.2005 RL ARCHIVE FEB 05 +++ Juan Atkins: Der Miles Davis des Techno |
Der ewige Zyklus des Lebens. Geschichte, die sich wiederholt. Und mitten drin wie ein ruhender Pol Juan Atkins. Der Originator, der mit jedem seiner Releases, sei es allein oder im Team, als Model 500, Cybotron, Channel One, Infiniti, Vision oder 3MB, das Genre neu definierte. Mit Tracks wie “Clear”, “Alleys of Your Mind”, “Future”, “Starlight M69”, “Technicolour”, “The Chase”, “I Wanna Be There”, “Ocean To Ocean”, “The Passage” oder auch dem bahnbrechenden “No UFOs” öffnete er neue Horizonte, nahm den Menschen mit verführend funky Grooves die Angst vor Maschinensounds, verzauberte durch kosmische Modulationen, sexy Minimalismus und nie zuvor gehörte Melodien und leitete so eine neuen Ära ein. Doch obwohl er gemeinhin als Erfinder gesehen wird, ist sein wahrer Verdienst ein anderer: Er ist das geblieben, was er schon immer war. Ein teuflisch guter Musiker. Diesen Monat erscheint eine Doppel-CD mit Juans wichtigsten Werken auf Tresor: “Juan Atkins. 20 Years 1985 – 2005”. Und parallel dazu gibt es, ebenfalls auf Tresor, seine 2004 entstandenen “Berlin Sessions”. Zeit für eine Bestandsaufnahme. “Die Menschheit kann sich nicht aus ihrer Weltgeschichte wegbeamen. Und selbst wenn die Menschen das könnten, wäre es immer noch schwierig, alles, was passiert ist, zu vergessen. Wir brauchen historisches Bewußtsein, um zu erkennen.” Stacey Pullen They Say There Is No Hope Wie Juan vor langer Zeit in einem Interview mit dem Detroit-Chronisten Dan Sicko zu Protokoll gab, hat ihm Kraftwerks Karl Bartos einmal erzählt, dass die Musik von James Brown großen Einfluss auf die teutonischen Menschmaschinen hatte. Die schwarze Musik mit Soul berührte die weißen technikversierten Jungs so sehr, dass sie daraufhin ihrer Technik eine Seele einhauchten. Der Kreis schloss sich: Kraftwerks Musik beeinflusste widerrum eine ganze junge Generation schwarzer Elektrofunk-Musiker in Detroit, die ihren Sound in Anlehnung an die deutschen Tüftler als Techno bezeichneten, unter anderem Juan und sein Cybotron-Projekt. “Techno” war für sie schlicht und ergreifend elektronische Musik – jeder Art und Couleur. Eine fantasieanregende Bezeichnung für etwas Futuristisches, etwas, was die Welt bis dato so noch nicht gehört hatte. Es sollte auch tatsächlich bis 1985 oder 1986 dauern, bis die Öffentlichkeit den “neuen” Sound zur Kenntnis nahm, oder wie Juan es ausdrückt, dafür bereit war. Für ihn ist es nicht mehr als ein Zufall, dass der Durchbruch in Detroit passierte, da parallel zu den Entwicklungen am Lake Michigan in fast jeder großen amerikanischen Stadt ähnliche musikalische Experimente stattfanden, allem voran New York und natürlich Chicago, Geburtsort des House. Aber auf einmal war da die erste Techno-Nummer, die den Detroit-Sound um den Globus transportierte: Model 500s ”No UFOs” mit seinen infektiös groovenden Elektrofunk-Beats und den düsteren Vocals sowie das darin verkörperlichte Techno-Gefühl wurde auch von Menschen jenseits des Atlantiks verstanden. Auch Model-500-Releases wie “Nightdrive”, “Interference” oder “The Chase” – gefühlvolle musikalischen Umsetzungen, inspiriert von Fabriken und Nachtfahrten auf dem Highway –, die in diesen formativen Jahren entstanden, werden heute als die essentielle Techno-Produktionen gehandelt. Reality Ain’t What it Seems Hinter dem Pseudonym verbarg sich natürlich kein geringerer als Atkins, der seit 1984, nachdem er und sein Cybotron-Partner Davis 1983 getrennter Wege gegangen waren, als Model 500 in Erscheinung trat – und zwar auch auf seinem 1985 ins Leben gerufenen eigenen Plattenlabel Metroplex. Zu dieser Zeit begann Atkins, Jahrgang 1962, mit seinen Highschool-Kollegen Derrick May und Kevin Saunderson zu kollaborieren. Aus den Belleville Three, wie sie in Anlehnung an das Viertel, aus dem sie stammten, genannt wurden, wurden international gefeierte Künstler, und wenn von den Urvätern des Techno die Rede ist, werden sie gemeinhin als die drei Innovatoren bezeichnet. Doch Juan ist für immer als der Originator, der Begründer, in die Annalen der Geschichte eingegangen: Atkins definierte nicht nur den Sound einer Epoche, sondern setzte die Standards, für alle Zeiten. Die Zukunft, wie sie sein konnte, eine Zukunft, die Realität wurde durch seine furchtlos futuristischen Soundkonstruktionen, war immer wieder Thema in Juans Musik. Immer wieder bereicherte er die Welt mit seinen musikalischen Visionen, die das Genre von Anfang ausmachten. Tatsächlich schienen es gerade die Bilder, die er mit seinen wunderbar fantasieanregenden Sounds hervorzurufen vermochte, die die Leute in ihren Bann zu ziehen vermochten, und vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum mit dem Begriff Techno bis heute Konzepte wie Futurismus, Technologie und Fortschritt verknüpft sind. Immer noch bezaubert dieser unschuldige Optimismus die Welt – vielleicht auch, weil Detroit zu der Zeit, als Techno geboren wurde, wohl eine der am wenigsten zukunftsträchtigen Städte der Welt war. Mit einer Auto- und Stahlindustrie, die in den Sechzigern komplett in die Knie gegangen war und die Bewohner dieser ehemals schwerindustriellen Stadt auf einmal ohne Arbeit, Kapital und Perspektiven zurück und allein ließ, gab es kaum eine Stadt auf der Welt, in der das Erwachsenwerden trister sein konnte. Kapitalismus versus Kreativität Die Rassenunruhen der Siebziger Jahren, die das verfallende Detroit zu einem innenpolitischen Desaster machte, und eine komplett aussterbende Innenstadt komplettieren das Bild der Hoffnungslosigkeit, das sich Menschen wie Atkins in Detroit bot. Vielleicht faszinierten ihn und seine Freunde deswegen die “Future Studies”-Highschool-Kurse, die Atkins während seiner Schulzeit belegt hatte, so. Alvin Tofflers “Future Shock” und auch “The Third Wave” hinterließen einen großen Eindruck, denn Toffler bot mehr als Fantasiewelten voller verklärtem Kitsch. Seine Sprache hatte, genau wie seine Kernaussage, dass die Technologien der Zukunft weder beängstigend noch gefährlich sein mussten, einen Effekt auf die Jungs in Detroit. Laut Juan war das auch einer der Grundgedanken der Detroiter Technobewegung. “Techno” beziehungsweise “Techno Rebels” waren übrigens Begriffe, die in seinen Texten immer wieder auftauchten, und auch Namen wie “Cybotron” und “Metroplex” sind Tofflers Büchern entliehen. Quantensprung. Die Zukunft. Schon zehn Jahre später ein veraltetes Konzept? Nur bedingt. 1995 und 1996, zehn Jahre, nachdem Techno seinen Siegeszug rund um die Welt nicht nur erfolgreich angetreten hat und, unterfüttert von immer neuen Wellen von Symphatisanten und Interessenten, zu einer riesigen Bewegeung herangewachsen ist, hegte Juan immer noch die Hoffnung, dass sich Majorlabelbosse auf das Gute in der Musik besinnen, vernünftige Musikprogramme die Airwaves füllen und Programmchefs sich endlich mehr dem guten ihr heute Groove verpflichtet fühlen würden als den zufriedenen Anzeigenkunden. Diese Naivität treibt die Szene immer noch mit einer Unschuldigkeit voran, die ihr heute endgültig abhanden gekommen ist. Damals wurde Jungs wie Juan Atkins klar, dass es im kapitalistischen Amerika so gut wie unmöglich sein würde, sich als kreative Kraft über die Zwänge des freien Marktes hinwegzusetzen. American Nightmares Techno wurde von der amerikanischen Öffentlichkeit nicht direkt wahrgenommen. Die Plattenlabel-Bigwigs importierten lieber englische Acts wie The Prodigy und The Chemical Brothers und erfanden dafür imagefördernd cleane Fantasiebegriffe wie “Electronica”, anstatt das Erbe der Innovatoren aus der “verrottendsten Stadt Amerikas” zu legitimieren. Vielleicht auch, weil der Style der Detroiter, wie Atkins irgendwann einmal feststellen musste, nicht kategorisierbar ist: schwarz, aber nicht aus dem Ghetto, intelligent und nicht gewaltverherrlichend wie der HipHip-Müll, der das Bild der Schwarzen immer wieder auf Klischees wie Gangster und Drogendeler reduziert, finegetunt auf das perverse Vorstellungsvermögen der weißen Herrscherklasse. Die Anerkennung kam aus Europa, wo die Idee von Anfang an auf fruchtbaren Boden fiel, weil man hier Techno fühlte. Doch irgendwie und irgendwo wurde dem Originator dann doch noch Anerkennung gezollt, wie immer in Form eines grotesken Auswuchses “Made In Amerika” – der American Dream wird zum American Nightmare: 2002, als es dem Ford gelang, sich als Hauptsponsor in das Detroit Electronic Music Festival einzukaufen, fand Model 500s “No UFOs” Verwendung in einem Werbespot des Autoherstellers und lieferte nun auf Millionen Fernsehsets den Soundtrack für rotierende Roboterarme. Zwanzig Jahre Musikbusiness, zwanzig Jahre konstant zermürbt zwischen dem einfachen Anspruch, als Musiker Akzeptanz zu finden, und dem Bestreben, der ignoranten Welt die eigene Version zugängig zu machen – um dann auf höchstem Level von der Firma gekauft zu werden, dire einst den Niedergang von Detroit mitverursacht hatte: Was eine Ironie des Schicksales. Kehren wir lieber zurück in die Welt der Musik. Other Side of Life Gerade heute, wo die ganze Welt den Atem anhält und sich fragt, was jetzt, in solch krisenhaften Zeiten, mit diesem Planeten passieren soll, dann erinnert man sich an die großen Innovatoren und Originatoren. Dann schauen sich die Leute fragend um und hoffen auf einen Anstoß, wünschen sich jemanden, der vielleicht an die alten Werte erinnert oder an die guten alten Zeiten. In der Politik heißt so etwas Konservieren. Da kommt so jemand wie Juan, der seit der ersten Stunde unserer Feierkultur so gut wie jeden Produzenten – von LTJ Bukem, 808 State, A Guy Called Gerald, Richie Hawtin, bis Fatboy Slim zählen die Jungs aus Amerika zu ihren Vorbildern – inspiriert hat, in einem solchen Moment gerade recht. Juan, was ist mit der Zukunft? Die Zukunft gleitet in die Gegenwart und ist schon wieder Vergangenheit – der Originator wirkt nihilistisch und erschöpft. Wie tritt man also einer Legende gegenüber, die vor allem so aussieht, als sei ihm seine eigene Person mehr als eine Last? Klein, schmal und mit nach innen gerichteten Augen wartet Juan auf seine Auftritte. Gefangen in der Hülle eines Aliens, das aus Versehen auf diesem Planeten gestrandet ist und nun bis zum Ende seiner Tage als Originator gefeiert auf die Bühnen dieser Welt gezerrt wird, ohne dass die Leute oder er selbst verstehen, was der tiefere Sinn von solchen One-Trick-Pony-Shows sein könnte. Zur Zeit hängt der Musiker im Limbo, irgendwo zwischen Los Angeles, wo er seit Jahren wohnt, und Detroit, wohin er zumindest zeitweise zurückgekehrt ist, um eine persönliche Mission zuendezubringen, und man sieht ihm an, dass ihn das in Anspruch nimmt. Erst hinter den Turntables kehrt Juan in unsere Galaxis zurück, wie ein Zeitreisender, der durch ein Zeitloch schlüpft und sich dadurch wieder in die richtige Dimension warpt. The Berlin Sessions Schon seit jeher erscheinen Juans anachronistisch-zeitlose Alben zeitversetzt, als seien sie, genau wie er, aus einer Falte in der Unendlichkeit eines Schwarzen Loches in den Schoß eines wohlwollenden Techno-Mäzenen gefallen, der diesem Werk die Aufmerksamkeit gibt, die es verdient. Zum Teil Jahre, nachdem die grundlegenden Gedanken, die dahinterstehen, im Studio aufgenommen worden sind. Das lag oftmals mehr an der Labelpolitik als an Juan. Anders war es dagegen im Falle der nun auf Tresor erscheinenden “Berlin Sessions”, dem ersten Atkins-Album seit dem 1999 auf R&S geplanten Album “Mind & Body”. Die Sessions gingen im Sommer 2004 vonstatten, basieren aber auf Ideen, die Juan schon vor langer Zeit umsetzen wollte: “Zum Teil waren die Sachen halbfertig oder standen kurz vor dem Abschluss, aber es bedurfte dann eines Kraftaktes, um das Ganze zu Ende zu bringen. Ich musste es einfach abschließen, sonst hätte das Ganze zu lange gelegen, um noch Sinn zu machen. Also bin ich mit Pacou ins Studio gegangen.” Hier traf – nach den Frühneunziger Giganten-Kollaborationen von Basic-Channelist Moritz von Oswaldt, The Orbs Thomas Fehlmann und Atkins, erschienen unter dem Moniker 3MB – erstmals eine junge Berliner-Technoproduzenten-Generation auf einen alten Hasen, und diese gegenseitige Befruchtung gibt dem Album eine unglaubliche Dynamik, weil beide Seiten von einander profitieren. In ein anderes Studio zu gehen, die gesamte Post-Produktion und das gesamte Soundengineering aus den Händen geben zu können war laut Juan eine “echte Erleichterung. Manchmal möchte man einfach nicht unendlich viel Zeit damit verbringen, den EQ auf den richtigen Level zu bringen und unendlich lange nach dem richtigen Sound zu suchen. Ich wollte einfach loslegen und alles in einem Rutsch und so intuitiv wie möglich spielen.” Zwanzig Jahre Unendlichkeit Genau danach klingen die Berlin Sessions. Nach einer starken Idee, die höchstens durch die ungewohnt hitechigen Sounds und das cleane Mastering anders als erwartet klingt, von ihrer urspünglichen Essenz dadurch aber nichts einbüßt, sondern eher davon profitiert. Zusätzlich releast Tresor eine große Atkins-Retrospektive – alle Atkins-Tracks von Bedeutung zusammen großzügig unter einem Dach zusammengetragen und in intuitiv-bedeutsamer Reihenfolge präsentiert – 20 Years of Juan Atkins auf zwei CDs untergebracht. Tatsächlich ist es das erste Mal, dass sämtliche seiner Pseudonyme auf einer Compilation Platz finden. Bereits 1995 erschien auf dem belgischen Techno-Imprint der ersten Stunde, dem seit langem nicht mehr aktiven Label R&S, eine bezeichnende Model-500-Compilation namens “Classics”, auf der alle wichtigen Metroplex-Singles einem hungrigen europäischen Publikum zugängig gemacht wurden. In die gleiche Kerbe schlug die auf Tresor herausgebrachte Infiniti-Compilation, die die zwischen 1991 und 1994 unter dem Pseudonym Infiniti für die Labels Metroplex und Radikal Fear aufgenommenen Atkins-Tracks zusammenbrachte. Laut Juan war es ihm wichtig, den Menschen seine Nummern noch einmal komplett näherzubringen, “auch aus dem Grunde, dass es viele meiner Platten im Laden nicht gibt. Sie sind entweder vergriffen oder haben Gebrauchsspuren und sind daher nur bedingt einsetzbar.” Die Vergangenheit wird zur Gegenwart, die Gegenwart zur Zukunft, und trotz des unerbittlichen Verrinnens der Zeit wird sich eines nicht ändern. Juan. “Ich werde immer produzieren, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Niemand hätte jemals erwartet, dass Miles David auf einmal aufhören wird, Musik zu machen.” Und wenn man in diesem Moment den Funken in Juans Augen sprühen sieht, diese klitzekleine Flamme der Hoffnung, die die Seele erleuchtet und seine ganze kleine Person zum Glühen bringt, dann weiß man, dass dies die Wahrheit ist, die seine Welt im Innersten zusammenhält. Als Miles Davis 1987 auf einem zu Ehren von Ray Charles abgehaltenen Empfang in Ronald Reagans Weißem Haus von einer High-Society-Dame gefragt wurde, weswegen er eingeladen worden sei, sagte Davis: “Nun, ich habe die Musikwelt vier oder fünf Mal revolutioniert. Was haben Sie denn geleistet, außer weiß zu sein?” Worte> Katrin Richter. Bilder> Dies ist ein altes Bild von Juan Atkins. So behalte ich ihn in Erinnerung. Checkenswert. Das Artwork von Third Earth. Siehe Links. Links: www.tresorberlin.de www.thirdearthgraphics.com |