25.08.2005

RL ARCHIVE DEC 04 +++ Joris Voorn: Erinnerungen aus der Zukunft







The Year of The Monkey

Fast schein, es als hätten die Leute nur darauf gewartet, einen neuen Adepten in den DJ- und Produzenten-Olymp zu erheben: Er ist neu, jung, vielversprechend, denn er kommt aus einer Familie, in der Musik immer eine große Rolle gespielt hat, spielt seit Kindesbeinen Geige und Gitarre und kommt sympathisch, höflich und bescheiden rüber. Denn so gut seine Releases, die „Muted Trax Vol 1 & 2“, die erstmals die Aufmerksamkeit von Größen wie Laurent Garnier und Derrick May erregten, und der zur „Sommerhymne“ auserkorene Track namens „Incident“ auch angekommen sind, ein wenig fußt sein Erfolg vielleicht auch auf dem Phänomen, dass in unserer Szene gerade massiv nach dem nächsten „Big Thing“ gesucht wird, nach jemandem, der die Szene auf das nächste Level hieft oder den Grundgedanken von Techno weiterentwickelt, das Erbe weiterträgt. Das Vertrauen in Joris scheint groß: Nach seiner Debütplatte auf Keynote und zwei kurzen Intermezzos auf Sound Achitecture und Highland Beats griffen Technasia zu, als sie eine Kollektion von Joris Tracks zugeschickt bekamen, und auch Derrick May von Transmat wurde dank der deep-detroitigen Technoworkouts auf der Promo-CD auf den Rotterdamer Architekten aufmerksam.

Skyshopping

Was nicht nur zur Folge hatte, dass auf Sino zwei EPs von Joris erschienen, die „Lost Memories Part 1 & 2“ hießen und mit ihrem melodiösen Softtechno-Klängen den Nerv des vom harten Loopgeschrubber entnervten Publikums trafen. Unmittelbar darauf wurde Joris zum mittlerweile unter den Namen Movement laufenden Detroit Electronic Music Festival eingeladen, wo er im Mai als einer der wenigen Europäer einen Liveauftritt absolvieren durfte. Fragt man Joris heute danach, ob er sich vor sechs Monaten hätte träumen lassen (Raveline berichtete im Rahmen des „Detroit Love“-Specials im März 04 über Detroit-inspirierte Newcomer wie Joris, die Moody Preachers und Arne Weinberg), einmal auf dem Hart Plaza an seinen Maschinen herumzuschrauben, bezeichnet er seinen Karriereschub als „surreal. Mein Erfolg ist etwa Unkontrollierbares, auf das ich keinen Einfluss habe. Es ist, als ob dich jemand irgendwo hinverfrachtet und man keine Ahnung hat, wohin die Reise eigentlich geht.“ Am Anfang stand ein Zufall: Joris, der mit seinem Freund und Techno-Initiator Edvin Oosterwal Rejected.nl, eine Internet-basierte Plattform für Musik, Medien und Design, ins Leben rief, war eigentlich nie daran interessiert, mit Musik sein Geld zu verdienen, und arbeitete nach dem Studium in verschiedenen Architekturbüros.

Don‘t Believe Everything You See

Nebenher machte er, klangtechnisch von der ambientartige Experimental-Elektronik von UK-Acts wie Plaid, Black Dog und Autechre geprägt – Techno, der, genau wie die Musik der Engländer, stark von den atmosphärischen Sounds der Detroiter Techno-Innovatoren beeinflusst war: „Musik bedeutet den meisten ungemein viel. Auch meine Musik sollte von Anfang an etwas mehr sein als nur Techno zum Abtanzen – die Erkenntnis, dass auch Maschinensounds Gefühle verursachen, hat mich umgehauen: Basslines treiben voran, und melodische Elemente können der Schlüssel zu den Gefühlen der Zuhörer sein. Meine Tracks sollen die Leute berühren, egal, ob ich deepe Electronics, House oder Minimal-Techno mache.“ Tatsächlich vollbringt Joris den Drahtseilakt, mit seinen zwanzig, auf „Future History“ versammelten Tracks – vom deep treibenden Groover über komplex dahingleitende Electronics ist alles dabei – diese für ihn wichtigen Kriterien bei jedem seiner Stücke anzuwenden: „Hinter meinem Album steht aber kein besonderes Konzept. Es ist vielmehr eine Kollektion der Tracks, die in den letzten dreieinhalb Jahren entstanden sind. Sie spiegeln meine Entwicklung wider, die verschiedenen Stadien, die ich musikalisch und produzententechnisch durchlaufen habe. Jeder Track hört sich anders an, und so decke ich das ganze Spektrum ab. Wenn ich das heute höre, werden alte Erinnerungen in mir wach. Als ein Großteil der Stücke entstanden ist, hätte ich nie davon zu träumen gewagt, dass sie mal auf einem Album erscheinen werden.“

Text: Katrin Richter.

Links:
www.jorisvoorn.com
www.rejected.nl


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