23.08.2005

RL ARCHIVE NOV 04 +++ Roni Size: “Der Kreis hat sich geschlossen…”








Mit seiner autonomen Rückkehr zur Basis beweist er einmal mehr seine Vielseitigkeit. Die achtzehn Cuts – unter anderem mit so renommierten Küstlern wie Vikter Duplaix, Tali, Dynamite, Sweetie Irie, Rahzel, Darrison, Navigator, Beverly Knight und Jocelyn Brown – sind zugleich eine Respektbekundung für Bryan Gee und Jumping Jack Frosts Dubplate-Schmiede V Recordings, die Roni am Anfang der Neunziger erstmals ein Outlet boten, das den Bristol-Sound einem nationalen Publikum zugänglich machte. Roni, in den letzten Jahren als Produzent von Liveacts, MCs und Vocalisten wie Breakbeat Era, Tali und Dynamite aktiv, beweist mit “Return To V”, dass er trotz oder gerade wegen aller Fortschritte und Ruckschläge gerade erst wieder am Anfang steht.

Alte Form, neue Wege

1997 war ein besonderes Jahr. Mit dem Release von “New Forms”, dem Debütalbum von Roni Sizes englischer Drum’n’Bass-Liveband Reprazent, nahm ein ganz bestimmtes Gefühl, eine zukunftsträchtige Stimmung, die in der Luft hing wie feinnieseliger Morgennebel in den steilen Straßen von Bristol, Gestalt an. Sie manifestierte sich in Form eines durchweg höhepunktartigen Full-Length-Players, der den Zeitgeist perfekt wiederzuspiegeln schien. Durch “New Forms” wurde die einstmals durch den Sklavenhandel wirtschaftlich aufgeblüte Hafenstadt an der Westküste Englands erneut zu einem Epizentrum für neuartige Musik. Triphop, der Sound von Bands und Produzenten wie Massive Attack, Smith & Mighty, Tricky, Portishead und Fresh 4, der Kulturen kollidieren und Vorurteile kollabieren ließ, schwarze und weiße Musik miteinander vereinte und harmonieren ließ – und den die Welt so noch nie gehört hatte, entstand hier genauso wie der mittlerweile als Bristol-Sound katalogisierte Drum’n’Bass aus dem Dunstkreis um DJ Krust, DJ Die, Suv und Roni Size. Genau wie der radikal runtergedrosselte, schleppend kratzende, melancholische Triphop-Sounds Anfang der Neunziger, die jamaikanische Dub- und Reggae-Einflüsse mit der rotzigen Punkattitüde englischer Garagenbands kreuzte, mutierten auch der Drum’n’Bass aus Bristol zu einem genredefinierenden, eigenständigen Sound: atmosphärische Beats standen im Kontrast zu komplexen Beatstrukturen, soulige Stimmen komplementierten eng programmierte Patterns, jazzige Arrangements trafen auf auf dubbige Beats. Kurz und gut: Der Sound, der aus der westenglischen Hafenstadt schwappte und von dort aus nicht nur die ganze Insel überschwemmte, sondern schließlich die ganze Welt, traf nicht nur einen Nerv, sondern gleich den Puls der Zeit. Spult man jetzt mal ganz schnell acht Jahre vor, kann man sich Musik- und Business-technisch ein solch kollektives Wir-Gefühl nur noch erträumen: Die Zeiten haben sich geändert, für introvertierte Gefühle, ausgetüftelte Beatnology und ein wirklich warmes, organisch gewachsenes Familiengefühl scheint weder Platz und Zeit. Aus der Unterstufe des Lebens haben die Protagonisten dieses Artikels den Absprung auf die Uni geschafft, der Rest krebst nach einigen Jahren harter Schule immer noch immer noch irgendwo auf der Straße herum, solange, bis er überfahren wird.

Die Rückkehr zum Party-Planeten

Von Nahem betrachtet ist Roni Size trotz des Namens kein Gigant, sondern ein recht kleiner Mensch mit ein paar Sommersprossen auf der Recording-Studio-gebräunten Nase. Mit ihm zu reden ist eine intensive Erfahrung. Der Mann ist anders. Anders geworden. Er kennt das Spiel mit der Presse, und doch hat man das Gefühl, als sei er derjenige, der die Regeln stets bestimmt hat. Roni ist in Kontrolle, jedes Wort hat er sich lange vorher überlegt, jeder Satz und jedes Statement ist die Essenz eines langen Denkprozesses, der die Formung und die Werdung des Reprazentanen Roni Size begleitet hat, über Jahre hinweg. Überlegt, aber nicht überheblich nimmt er den Zuhörer mit in seine Sphären, lenkt die Konversation, führt den Gesprächspartner noch einmal zu den Themen zurück, die ihm wichtig sind und verliert sein Ziel, doch nichts allzu Privates einzubringen, nicht ein einziges Sekündchen aus den Augen. Ein Profi. Ein Erprobter mit einem klaren Ziel. Seine neuestes Projekt ist er selbst. Er kehrt nach langen Jahren on the Road nach Hause zurück. Vielleicht ist er sich dessen bewusst, dass seine Gönner, Supporter, Käufer und Fans etwas von ihm erwarten, was er nicht erfüllen kann: Dass er dem Bild von Roni Size treu bleibt, das nach dem Platin-gekrönten Album “New Forms” mit ihm und seiner Liveband um die Welt gereist ist – dem des entspannten Ganjamannes, der Liveinstrumentierungen mit Nachtclubbing versöhnt und so mit simpler Gestik und wirksamer Akustik die synthetisch animierte Feierliga mit den siffhaarigen Bandmenschen vereint. Leider – oder vielleicht besser interessanterer Weise –widersetzt sich Roni aber den klischeehaften Schemen seiner Selbst, und spannt den Bogen etwas weiter zurück, dreht die Uhr zurück, bis er wieder im Clubkontext landet. Dort, ganz jetzt und hier und direkt auf dem Dancefloor, umgeben von tighten Drums und heftig zuschlagenden Kicks platziert er seine Sänger, die er alle schon seit langer Zeit kennt und für ihre individuellen Takes und Rides zu schätzen weiß, und bietet ihnen eine Position im Kanon der heiligen Dreiclubbigkeit: Mixbar, tanzbar und spielbar ist jeder der achtzehn Tracks auf dem neuen Album, das dem Hörer zwischen den einzelnen Tracks nur Splitterbruchteil-Pausen gönnt und ihn ansonsten immer weiter mitreißt.

Frei durchschaubare Inprovisation

“Ich habe das Album Ende August fertiggestellt. Jetzt bin ich gerade damit beschäftigt, verschiedene Remixe anzufertigen, die dann unmittelbar nach dem Erscheinen von ‘Return 2 V’ auf den Markt kommen sollen. Und ich bastele gerade an unserer Liveshow. Wir werden dann zu acht mit den Tracks im Gepäck auf Tour gehen: Mit dabei sein werden verschiedene Vocalisten und MCs wie Tali, ein Gitarrist und Bassist, ich am Keyboard, Dynamite… Unsere Show wird ein bisschen wie Reprazent, hat aber auch einen Touch von Breakbeat Era. Live-Drum’n’Bass eben… Freie Improvisation… Immer auf der Suche nach dem Sound, der insgesamt ein größeres Ganzes ergibt als die zusammenaddierten Einzelelemente einer Platte. Mit dem Wissen, das man auf der Bühne erlangt hat, geht man wieder ins Studio und formt dann Remixe aus dem erlebten Erfahrungen. Man lernt beim Touren so viel. Man spielt mit dem Sound, und erst, wenn man wieder ins Studio geht, kann man die Live-Erfahrungen umsetzen. So geht s mir auch mit dem Album: Erst, wenn ich es einem breiten Publikum zugänglich gemacht und gesehen habe, wie die Leute darauf reagieren, werde ich wissen, was ich hätte tun müssen, um das Album perfekt hinzukriegen.” Es ist Roni trotz seiner smoothen Relaxtheit, die er permanent an den Tag legt, anzumerken, wie sehr er sich danach sehnt, wieder auf der Bühne zu stehen. “Ich liebe den spontanen, direkten Austausch mit dem Publikum. Und wenn ich merke, dass eine Nummer sich zu lange hinzieht, dann kann ich das später adjustieren. Etwas wegnehmen. Etwas hinzufügen. Die Struktur verändern.” Das Album aber erst einmal auf Tour mitzunehmen, dann im Studio zu überarbeiten und erst danach etwas herauszubringen, dass in altbekannter Reprazent-Manier funktionieren würde, kam für Roni nicht in Frage: “Es wird es mit Sicherheit noch eine Fortführung des Konzeptes geben, das dann ebenfalls in Album-Form auf den Mark kommen wird. Aber nicht jetzt. Ich wollte einfach nicht noch länger warten. ‘Return To V’ konnte es einfach kein Band-Album werden. Ich war ja nicht mit einer ganzen Band im Studio, sondern habe in den letzten zwei oder drei Jahren einfach eine Menge befreundeter Sänger in mein Studio geholt. Für ein Live-Projekt sind das einfach zu viele.”

Listen Twice, Revivalist

“Ich hatte jede Menge fertig produzierter Tracks auf meinem Harddrive, und diese Auswahl ist nur die Spitze des Eisberges, meine achtzehn Lieblingsstücke,” sagt Roni: “So stelle ich mir ein ideales Set vor. Die ersten Nummern nehmen einen gleich mit, dann wird es raggalastig, dann etwas souliger und hiphoppiger, bevor es dann noch einmal richtig nach vorne geht. Mal ist es smoother, mal ein wenig experimenteller – einfach interessante Musik. Ich lege zwar selbst nicht auf, weil ich als Produzent und Livemusiker Musik ganz anders kommuniziere, aber so würde es meines Erachtens funktionieren.” Und das tut es, denn das Endergebnis ist erstaunlich homogen, wie aus einem Guss. Das breite Spektrum, das Roni in all den Jahren zu reflektieren vermochte, scheint einer zielgerichteten Produktionsweise gewichen zu sein. Sei es die samtene Freestyle-Jazz-Improvisation von “It’s A Jazz Thing”, der knallharte Futureswing-Feger “Brown Paper Bag” oder die deepe Souligkeit von “Watching Windows” – Roni und seine Reprazent-Kombo blieben einem früher durch ihre ausgesprochene Vielseitigkeit in Erinnerung haften, die jede Menge Ohren für neue Sounds empfänglich machte. Ganz im Gegensatz zu früheren Stücken fordert “Return To V” die Aufmerksamkeit der Hörer auf recht unpretentiöse Art – durch das Tempo und die aggressive Energie: “Das ist kein Easy Listening. Man setzt sich nicht zuhause hin und lässt das im Hintergrund vor sich hinplätschern. Selbst wenn man beim ersten Hören die Lyrics nicht wahrnimmt, hört man vielleicht beim zehnten Mal genau hin, und dann nimmt man auch die kleinen Tricks wahr, die ich eingebaut habe, die Drums, die Reverbs, und fragt sich, was wohl meine Absichten waren.” In seiner widerstandlos tanzflurfreundlichen Hittauglichkeit voller unterschwelliger Herausforderungen erfüllt “Return To V” jedoch eine ganz andere Funktion – Roni in seiner Position als Studioproduzent zu stärken: “Ich weiß nicht, wieso die Leute mich ausschließlich als Livemusiker sehen, das ist einfach nicht alles, was ich mache.” Jeder Track – sei es Tali & Dynamites leichtfüßiges “Cheeky Monkey”, “Time”, Darrisons kritisch-explosive Hommage ans Feiern, Blazes flockig-rhythmisches “Problems” das von Sweetie Iries ruffen Raggavocals geflavoute “Rise Up” oder auch Staminas temporeiches “On And On” – ist ein Volltreffer voller Wiedererkennungswert. Als Singles stünden sie aus glatt dahinpeitschenden Sets heraus wie ein Leuchtturm aus der Flut von undefinierbarer Masse, die mit Ebbe und Flut kommt und wieder weggeschwemmt wird, ohne das sich irgendjemand daran festhält.

Got To Live The Dream

Das Bild von Roni als weltgewandter Produzent wird durch eine Handvoll feiner Studiogäste komplettiert, die man in einem Drum’n’Bass-Kontext erstaunt zur Kenntnis nimmt, da man sie sonst in einem ganz anderen Outfit gewohnt ist. Allesamt sind alte Bekannte, mit denen Roni viel Zeit verbracht hat, und die so entstandene Vertraulichkeit spiegelt sich auch in der Perfektion des Zusammenspiels von Vocals und Sound wider. Da wäre zum Beispiel Rahzel, die Human-beat-Box-HipHop-Stimmwunderlegende, die sich bereits vor drei Jahren mit Roni zusammengetan hat: “Alle haben ns gedrängt, den Track endlich herauszubringen – es wird die erste Singleauskopplung.” Außerdem Vikter Duplaix, der ungleich ruffer klingt als sonst, und die Soullegende Jocelyn Brown, die Roni als eine seiner Inspirationen nennt, mit denen er aufgewachsen ist: “Ihr Gesang, kombiniert mit Drum’n’Bass, das ist eine Sensation”, findet Roni. Ihr “Sing” öffnet mit seinem kräftig gospeligen Positivismus, der jeglichen Widerstand wegschmilzt wie Eis in der Sonne, die Türen in eine ganz andere Welt: Dass so ein Sound nun aber die älteren Semester in den Club locken wird, ist allerdings zu bezweifeln. Ein schillerndes Spektrum von Einflüssen findet man auf “Return To V” also nur, wenn man über die glattpolierte Dancefloor-Oberfläche hinweghört; und genau hinhören, das sollte man schon, wenn man sich eine Roni-Size-Scheibe reinzieht. Auch bei den Texten geht es immer um ein klein wenig mehr, als man aufgrund der eingängigen Struktur zunächst erahnen könnte. Das bewies damals schon der sehr sozialkritische Text von Reprazents “Watching Windows”. Auch Beverly Knights “No More”, ein lieblich gesäuselter Track in feinster R&B-Tradition, entpuppt sich als ein knallharter, sozialkritischer Song, in dem Beverly gegen Waffengewalt ansingt: Nicht zuletzt ist es diese Mehrschichtigkeit, die damals die Kritiker aufjauchzen ließ. Doch auch das ist relativ: “Mal wird man hochgejubelt, mal für toterklärt, und manchmal wird man einfach nur gründlich missverstanden. Dabei geht es immer nur um eine Interpretation meiner Person und meiner Musik. Am schlimmsten finde ich es, wenn jemand ein Statement wie ‘Drum’n’Bass ist tot’ in den Raum stellt. Da fühle ich mich persönlich angegriffen, denn ich mache Drum’n’Bass und bin alles andere als tot.” Aber anders als früher. Vielleicht kann man nicht immer weiter über sich selbst hinauswachsen, größer sein als als die Summe der einzelnen Teile. Was ist eigentlich in der Zwischenzeit mit Roni passiert?

Reprazentin’ The Past And Shaping The Future

“Nach dem zweiten Album wollten alle Bandmitglieder lieber an ihren Soloprojekten arbeiten. Ich persönlich glaube allerdings, dass wir uns voreilig getrennt haben. Wir hätten noch ein drittes produzieren sollen. Als wir damals zu Mercury gegangen sind, waren wir zu allem bereit – wir wollten unseren Traum leben. Nach dem genialen Auftakt mit ‘New Forms’ waren die Erwartungen an uns sehr hoch und mit ‘In The Mode’ wurde es schwieriger. Wir waren ja eigentlich Freunde, aber nachdem wir drei Jahre lang nur getourt sind, war die Luft raus. Wir suchen immer noch eine Erklärung für das, was damals mit uns passiert ist. Mit einem dritten Album hätten wir das alles verarbeiten können: Noch einmal zusammen ins Studio zu gehen und das umzusetzen, was Reprazent ausgemacht hat, wäre wichtig gewesen, bevor man so einen entscheidenden Schritt macht und getrennte Wege geht. Ich habe dann ein Solo-Album auf Full Cycle herausgebracht, ‘Touching Down’, das von der breiten Masse fast gar nicht wahrgenommen worden ist – es verkaufte sich nur 100.000 mal, im Gegensatz zu einer Million ‘New Forms’-Alben war das wenig. Dann habe ich zwei Jahre lang pausiert und Ordnung in die Dinge gebracht. Wenn man nicht von Anfang an darauf achtet, seine Firma vernünftig zu führen, hat man später Probleme. Als unabhängiges Label kann man es sich aber nicht leisten, Fehler zu machen. In den letzten zwei Jahren haben wir alles umstrukturiert, die Posten neu besetzt, zahlen vernünftige Gehälter und unsere Steuern: Wenn das Fundament solide ist, kann man drauf aufbauen.” In den Hintergrund getreten arbeiteten die früheren Repazent-Mitglieder an ihren eigenen Projekten weiter: Krust und Die schweißen nach wie vor heftige Drum’n’Bass-Tracks voller Tripletts und Bass zusammen, und auch Onalee ist immer noch als Sängerin aktiv. Zu einem kreativen Austausch mit den alten Mitgliedern kam es allerdings nicht mehr: Roni versammelte stattdessen lieber eine neue Generation von Musikern und Vocalisten um sich. “Irgendwie fanden sich neue Talente: die Neuseeländerin Tali, Sweet Pea, unser neuer Drummer Yuval Gabay von der Band Soul Coughing und der Produzent D-Product. Nun sind wir neu formiert und können wieder durchstarten. Nur von uns hängt es ab, was daraus wird. Wenn man bei einem Major gesignt ist, werden einem eine Menge Türen geöffnet. Wenn man alles selbst organisiert, muss man sich die Türen selbst aufstoßen. Aber dafür haben wir Kontrolle darüber, was passiert. Und wann es passiert. Fuer mich hat sich der Kreis geschlossen, und meine Rueckkehr zu V markiert den Neuanfang eines neuen Zyklus.”

Text: Katrin Richter.

Link:
www.fullcycle.co.uk


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