21.08.2005 RL ARCHIVE JUL 03 +++ Chris Mc Cormack “Techno is about... exploration, discovery and exitement – what happened to that, people?" |
Jedes Mal anders und doch immer aus der gleichen Quelle schöpfend, so klingt der vielfältige Sound von Chris Mc Cormack, einem mysteriösen Engländer, der weder als DJ noch als Live-Artist in Erscheinung tritt und dennoch immer wieder die Technowelt mit seinen Platten und Remixen auf Embryo, Ground, Potential, Primevil, Advanced, Geushky, Force Lab, Mosaic, Ergonomix, Fine Audio und CLR und mit seinen eigenen Imprints Materials, Unis1 und Blacklisted in Atem hält. Mit seinen Pseudonymen, dem dubbig-housigen UK Gold und dem chillig-experimentellen What Kind Of Sound?, hat er zusätzlich für Verwirrung gesorgt und wurde von der unwissenden Musikpresse gar für Underworld oder Leftfield gehalten. Hinter das Geheimnis Chris Mc Cormack zu steigen haben schon viele versucht, aber wirklich Licht ins Dunkel zu bringen, das ist keinem so recht gelungen. Den Auftakt machte 1997 ein DJ und Journalist namens Mark EG, der den jungen Produzenten um drei Uhr nachts aus dem Bett klingelte. Stockbesoffen lallte er dem perplexen Mc Cormack ein Kotelett an die Backe. Der Grund? Mc Cormacks soeben erschienene Platte namens "Tone Works" auf Embryo. Seit diesem Release ist viel passiert. Nachdem vor drei Jahren sein erstes Solo-Album namens "There Are Better Ways" erschien und sein UK-Gold-Longplayer namens "Retuned" in höchsten Tönen gelobt wurde, meldet sich der zurückhaltende Engländer nun mit einem What-Kind-Of-Sound?-Album namens "Marine Blue" auf seinem eigenen Imprint Unis1 zurück, das er vor kurzem mit der englischen Techno-DJane Paula Temple ins Leben gerufen hat. Raveline, die bis dahin sämtliche für Verwirrung sorgende Aktionen des Künstlers still zur Kenntnis genommen hat, konnte sich schließlich nicht mehr zurückhalten und zerrte Chris Mc Cormack ans Licht. Zumindest teilweise ist das fragliche Unternehmen gelungen. Denn dass eigentlich nur die Musik zählt und nicht die Person dahinter, beweist Mc Cormack mit einer so fröhlichen Nonchalance, dass man letzten Endes wirklich gezwungen ist, die Platten auszuchecken – und sei es nur aus Neugier. "Common, you cunts! Let’s Rock!" Der zurückhaltende Produzent scheut Publicity wie der Teufel das Weihwasser, und seine Abneigung gegen Selbstbeweihräucherung, schon oft von der englischen Mainstream-Presse als Arroganz gedeutet, scheint ein chronischer Selbstschutzmechanismus, der in Nervosität umschlägt, wenn man Mc Cormack zu sehr bedrängt. Wer Chris Mc Cormack eigentlich ist, tut nichts zur Sache – das betont er nicht nur immer wieder selbst, das zieht er auch durch. Seine Person steht nicht im Mittelpunkt, denn Chris "will einfach nur in Ruhe Musik machen", denn das macht ihn glücklich. So kommt es, dass einem Großteil seiner Platten keinerlei informative Presseinfos beiliegen, etwas, dass die federschwingende Zunft ohne eigenes Musikverständnis immer wieder in den Wahnsinn treibt. So manchen brachten von ihm geäußerte Statements zu seinen Produktionen – zum Beispiel wie "Come on, you cunts! Let‘s rock!" oder "Was für ein Idiot! Hätte er einfach nur was fast Identisches releast, damit die Nixchecker ihn weiterhin cool finden, hätte das jetzt sein Ansehen erheblich verbessert. Stattdessen verwirrt er die Leute." zum Lachen. Dieses vergeht einem aber schnell wieder, wenn man ihn auf konventionellem Wege interviewen will und eine nervenaufreibende Emailprozedur über sich ergehen lassen muss, da er "nicht darauf aus ist, sich in irgendeiner Weise selbst zu promoten. Meine Musik ist meine Promotion, denn ich denke, dass sie auf ehrliche Weise veranschaulicht, wer ich bin. Wenn man meine Musik hört, kann man mehr über mich lernen als durch Bilder und Texte. Wenn jemand auf meine Musik steht, dann habe ich alles erreicht, was ich wollte." Womit Mc Cormack nicht unrecht hat, denn seine Platten sind unheimlich komplexe Soundreisen, die einzigartig abstrakt und doch schlüssig klingen – und auf jeden Fall sehr eigen. Bei jeder seiner Platten verbindet Chris seine musikalischen Gedankengänge mit bisweilen extrem seltsamen Elementen – man denke da an evil Gitarrensamples oder an fröhliches Gepfeife – und heraus kommen fast immer total seltsam anmutende Soundscapes zum Abfeiern und Zuhören. Zum Thema Hintergrund nur folgende Eckdaten: Chris stammt eigentlich aus East Sussex, wurde aber in den Vorstädten von London groß. Jetzt wohnt er irgendwo in den östlichen Midlands. Wie er zum Produzieren gekommen ist, darüber schweigt er sich aus, aber er nennt immerhin ein paar musikalische Stationen, die zu seinem Musikverständnis erheblich beigetragen haben: "Die ersten Tracks, die mich umgehauen haben, waren Nummern wie Nitro Deluxes ‚Let‘s Get Brutal‘, Housemaster Boyz‘ ‚House Nation‘ und ‚Rok Da House‘. Von da aus habe ich mich in Richtung Warp, Artificial Intelligence, Aphex Twin und Biosphere vorgetastet und die recht offensichtliche Mills-Hawtin-Route eingeschlagen. Mein liebstes Album aller Zeiten ist 808 States ‚90‘. Genauso einflussreich waren für mich Future Sound of London." Fakt ist, dass Chris 1993 begann, "nur zum Spaß und für mich selbst" elektronische Musik zu machen, und so eher beiläufig anfing, Ambienttracks zu produzieren." "Techno in Clubs ist eindimensional" Auf jeden Fall materialisierte er sich erstmalig im Jahre 1996, als er mit seinem Freund, dem Birminghamer Stu Grant, das nach fast drei Jahren und neun Releases wieder eingestellte Embryo-Label ins Leben rief, auf dem er auch erstmalig als Producer in Erscheinung trat: "Ich wusste nicht, was ich tat. Ich kannte niemanden im Technozirkus." Bereits nach den ersten paar Releases stand die ganze englische Szene Kopf, und obwohl Chris nach eigenen Aussagen "keine DJ-Seele" hat und auch niemals den Fehler begehen würde "zum DJ zu mutieren, nur um mich zu profilieren, Geld zu scheffeln und Gigs zu kassieren", schaffte er es von Anfang an, einen Haufen von renommierten Techno-Leuten von sich zu überzeugen. So gab es 1998 eine Embryo-Doppelvinyl-Compilation mit Tracks von Chris und Stu sowie Ben Long, Jamie Bissmire, Umek, Paul Damage, Neil Sirreal und The Anxious – Chrissie und Mark EG, die auch, dicht gefolgt von der berüchtigten "Crazy Legs Crane"-Platte von Chris allein für einen Aufruhr in der englischen Szene sorgte. Nicht, dass Chris davon viel mitbekam. Er hat bis zum heutigen Tage noch nie einen seiner Tracks im Club gehört. Obwohl er sich zu Embryo-Zeiten in diversen Londoner Technoschuppen um Kopf und Kragen feierte, nimmt der Produzent mittlerweile eine recht distanzierte Haltung zum Thema Weggehen ein: "Ich finde, dass Feiern mich nur ablenkt und daran hindert, kreativ zu werden. Wenn ich mich nur einem Einfluss aussetze, sehe ich Techno irgendwann viel zu eindimensional. Ich bin froh, dass ich als zurückgezogen lebender Produzent nicht den Restriktionen zu folgen habe, denen man als DJ im Club ausgesetzt ist." Nachdem das Embryo-Label aus dem Leben schied, startete Chris im Alleingang sein Imprint Materials, das bei Prime in den Vertrieb aufgenommen wurde. Die ersten beiden Platten, "The Maximalist" und "Undercover Of Darkness", letztere mit Remixen von Ade Fenton und den Space DJz, waren extrem erfolgreich. Außerdem brachte Chris eine Reihe von wahnsinnig kraftvollen Techno-Remixen wie "Numbers And Measures", "AK-47" und "Rascal" zustande. Nebenher produzierte er "eine Reihe von Tracks, die einfach anders waren. Ich wusste zunächst nicht, was ich davon halten sollte. Ich fand sie eigentlich nicht besonders gut. Zum Glück wurde ich überredet, sie unter einem anderen Namen auf Primevil – einem Label, das nicht gerade für housigen Downtempo-Output bekannt ist – herauszubringen, so kam es zur ‚Soulless EP‘. Ich hätte sie niemals als Chris Mc Cormack releasen können, denn ich hatte ganz andere Vorstellungen, was den Style von den Sachen unter meinem Namen anbetraf. Dann drehten die Leute deswegen komplett durch, und es wurde angenommen, dass irgendein ‚großer Name‘ dahintersteckt." There Are Better Ways Im Jahr 2000 erschien Chris‘ erstes Solo-Album namens "There Are Better Ways" auf Potential. "Für mich war das ein großer Schritt. Es gibt viel zu viele Leute, die einfach so ein Doppelvinyl heraushauen, und das Ding dann Album nennen – so sollte meins nicht sein. Wir haben uns dann dafür entschieden, einen Doublepack mit dem ganzen Floor-orientierten Material zu machen und die restlichen fünf Tracks, die sehr Downtempo und Ambient waren, auf die CD-Version zu packen – für mich das wahre Album. Darauf ist zum Beispiel ein Track namens ‚Left Behind‘, der mittlerweile schon acht Jahre alt ist. Der lässt mir jedes Mal die Haare zu Berge stehen, wenn meine Erinnerungen mich einholen." Nebenher produzierte Chris weiter wie ein Verrückter: "Ich wollte niemals etwas anderes machen als Musik. Manchmal verbringe ich achtzehn Stunden am Tag im Studio, sonst würde ich verrückt werden. Ich liebe es." Weitere Produktionen folgten, und knapp zwei Jahre später wiederholte sich, als das deephousig-spacedubbige UK-Gold-Album "Retuned" erschien, das allgemeine Rätselraten: "Die Leute vermuteten, dass Leftfield das Album produziert hätten, aber diesmal ist ziemlich schnell durchgesickert, dass ich dahinter steckte. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf immer die gleiche wiedergekäute 909-Kacke, weil ich zu der Zeit auf einem ganz anderen Stand war. Ich wollte Techno machen, den die Leute wiedererkennen." Dass seine Musik über die Halbwertszeit von einem Monat, wo die Platte im Club rauf- und runtergenudelt wird, hinaus erhalten bleiben soll, "selbst wenn die Leute meine Tracks nicht leiden können", scheint eine der wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit. Tatsächlich wird Chris immer zuversichtlicher, was seine Produktionen angeht, und sein Erfolg gibt ihm Recht. Neben dem wunderschön soulig-soften "Arise"-Remix von DJ Rush produziert er eine Platte am Meer, "Sea Level", die voll von Walgesängen und seltsam schwappenden Unterwassersounds in den Loops, Bilder von klatschenden Wellen, Möwen und Schiffen provoziert. Chris war begeistert: "Dass ich äußere Einflüsse unterbewusst umgesetzt habe, wurde hier zum ersten Mal richtig deutlich." Von Chris Liebing und Jel Ford kamen unter anderem die zu rollenden Basswellen umgeformten Remixe. So begeisterte die schräge Platte auch die weniger imaginative und kompromissbereite Technofraktion. "How the fucking hell is this supposed to be an artform?" Konsequenter denn je verschrieb sich Chris nach seinem Umzug aufs Land dem Experimentieren mit Sounds, stets auf der Suche nach etwas, das er vorher noch nicht ausprobiert hatte. Zusammen mit der Radio-1- und Virtualfuturemusic-Zockerin Paula Temple verbrachte er lange Nächte im Studio, um schließlich mit der schrägen "What Kind Of Sound?"-Platte in Richtung Elektro zu wandern. In geremixter Form erscheint sie bald neuaufgelegt auf Elektrix, Billy Nastys Label. Paulas Debüt "The Speck Of The Future", in einer ähnlich intuitiv-verpeilten Art produziert, war der Auftakt zu einer gemeinschaftlichen Aktion: Ein neues Label, Unis1, wurde ins Leben gerufen. Paula und Chris verschrieben sich als Fragile X und What Kind Of Sound? ihrem "neuen Outlet, das wir geschaffen haben, um den Leuten, die uns aus dem Technobereich kennen, etwas ganz anderes zu bieten, als sie von uns erwarten: Musik zum Zuhausehören und Genießen." Paulas Fragile-X-Album erscheint noch diesen Sommer, wohingegen Chris‘ Longplayer schon auf dem Markt ist: eine melancholisch-meditative Kollektion von Tracks, die das Unterbewusstsein berühren, so dass kleine Erinnerungsfragmente zur Oberfläche driften wie Luftbläschen, nur um von einem wohligen Gefühl des Relaxens weggespült zu werden. Nach einem exzessiven Ausflug in die harten Gefilde des 4/4 kehrt Mc Cormack in den chilligen Hafen seiner eigenen Inspiration zurück. Nur, um ihm gleich wieder den Rücken zu kehren. Mit seiner auf seinem ebenfalls neuen Label Blacklisted erschienenen Nummer "Erase Techno" schuf Chris eine Platte, die "man entweder hasst oder liebt". Niemals zuvor spaltete Chris die Lager so sehr, und es scheint, als hätte er exakt dies provozieren wollen. Die aggressiv kreischenden E-Gitarrensamples verpassen der eingeschlafenen Langweilerszene einen Tritt in den Allerwertesten: "Die letzten drei Jahre herrschte ein Loop-Tool-Platten-Monopol. Diese Dinger sind viel zu einfach zu machen und zu verdauen und rufen mittlerweile eine Standardreaktion hervor. Fuck that! Ich finde, dass wir doch noch mehr erwarten dürfen! Wollt ihr nicht alle mehr?! Hallo, es geht hier um Techno! Das war mal die zukunftsträchtigste Musik überhaupt! Was ist daraus geworden? Techno sollte die Musik der Zukunft sein… Zur Zeit machen viele Produzenten den Fehler, dass sie sich nicht die Freiheit eingestehen, auch mal über den Tellerrand zu gucken, und sampeln stattdessen die Technoplatten anderer," findet Chris: "Damit kommen Individualität und Innovation zum Stillstand. Wenn die Leute nur auf schnelle Erfolgserlebnisse aus sind, verkommt Techno zu einer vorgefertigten Lifestyle-Option und wird so zu einem unbedeutenden Teil der trostlosen Zukunft… Das ist ja wie von neun bis fünf im Büro zu arbeiten. Ich wette, dass an manchen Pressetexten länger gearbeitet wird als an den Tracks selbst, und das kann‘s ja wohl nicht gewesen sein. Wie kann man das allen Ernstes als Kunst bezeichnen?" Gute Frage. Antworten findet man hoffentlich auch, wenn man sich mal das neue Chris-Mc-Cormack-Album anhört, das ebenfalls noch diesen Sommer erscheinen wird. Words: Katrin Richter Link: www.chrismccormack.co.uk |