21.08.2005 RL ARCHIVE APR 04 +++ Stanton Warriors – High Noon in Notting Hill |
Den entgültigen Crossover-Durchbruch verschaffte ihnen ihr Remake des Chicken-Lips-Hits"He Not In", mit dem die beiden es schafften, auch hierzulande in die Houseclubs Einzug zu halten. Nachdem die beiden im letzten Jahr mit dem Sony-Ableger 679 Recording, auf dem auch The Streets-Nörgler Mike Skinner zu Hause ist, einen exklusiven Albumdeal abschlossen, hält die Welt die Luft an… Wann es endlich so weit sein wird? Das fragt sich auch Dominic B, der mit Raveline in einer unsichtbaren Bar in Notting Hill über das Leben mit einem dicken Plattendeal und Beischlaf ohne Liebe philosophierte. Straßendeckelmusik Doch bevor wir uns mit den akuten Höhe- und Tiefpunkten von Doms Leben befassen, geben wir euch lieber noch einen kleinen Einblick in das Schaffenswerk der zwei Freaks aus dem Westen der Insel, die seit der Jahrtausendwende zusammen Musik machen. Nicht nur den Party-Hymnen "Jump’n Shout" und "Where’s Your Head At" von den Basement Jaxx haben die beiden in London ansässigen Jungs zu einem unglaublich energetischen Outfit verholfen. Auch Azzido da Bass’ "Dooms Night" wurde dank der beiden Jungs zu einem der größten UK-Garage-Hits ever – auf einmal tanzten dunkle Jungs mit Knarren zu dem auch von Timo Maas aufpolierten Euro-Dance-Stomper. Genauso lief es mit den Neuabmischungen von Missy Elliot, Fatboy Slim, Tim Deluxe, den Wideboys, Bentley Rhythm Ace und Apollo 440. Dann war da noch die Mix-CD namens "The Stanton Sessions", mit der Mark und Dominic 2001 nicht nur Speadgarage- und Breakbeateinflüsse fusionierten, sondern auch mal eben so US Vocal House und MCing, Rave und Minimal House miteinander versöhnten. Ihr Sound, 2-steppige, bouncig flubbernde Bassline und flippernde Kicks, vielleicht vereinfachend als Breakstep zu klassifizieren, wurde zu ihrem Markenzeichen, und mit ihren auf dem frischen Nubreaks-Inprint Mob untergebrachten Platten "Da Virus" und "Da Antidote" infizierten und heilten sie Breakbeat-Fanatiker, die sich nach wabbelnden Bässen und schmissigen Elektroakkorden mit einem Hauch von straßenkredibiler Darkness sehnten. Getroffen haben sie sich die beiden Partyfanatiker nicht schon im Westen im Landes, aus dem sie beide stammen – Dominic aus Bristol, Mark aus Devon –, wo sie beide so langte ravten und rollten, bis es sie, unabhängig von einander, nach London verschlug, wo sie beide nach einem abgebrochenen Musikstudium die Laufburschen-Laufbahn-Route wählten und sich von unten in die hierarchischen Strukturen der Musikindustrie wurschtelten. Bootlegs Kill The Scene Seit ihren frühen Zeiten als A&R und als Soundtechniker ist viel Zeit vergangen, und so setzen wir am besten, nach einem kleinen Exkurs zu Tuff Jams 51st Records, in der Gegenwart an. Bei 51st trafen sich nämlich die beiden desillusionierten Speedgaragefreaks genau zur rechten Zeit, nämlich zu Hochzeiten des rollenden 2-Step, der kurze Zeit später zu einem kassenklingelnden Knarrengewedel-Business verkommen sollte, und beschlossen angesichts der untalentierten und aggressiven Acts, die sie bei 51st verarzten mussten, aus ihrer passiven Rolle herauszuwachsen. Nach einer ersten gemeinsamen, erfolgreichen Scheibe namens "What You Gonna Do", dicht gefolgt von "Determined", flogen die beiden Breaksters mit den fünfhundert Pfund Vorauszahlungen nach Miami auf die Music Winter Conference und sicherten sich dort ihre ersten Remixdeals mit weltbekannten Künstlern – siehe oben. Zeitsprung. Wir treffen uns bei Urban Outfitters in Londons Stadtteil Kensington, wo Dominic früher mal Platten verkauft hat. Hier betrachtet Dom ratlos die Reihe von Bootlegs und bezeichnet die Produzenten der oftmals lieblos und berechnend zusammengeklatschten Exponate als "Ratten, die die Szene zerfressen." Dann rollen wir Richtung Notting Hill Gate, wo Dom seine Wohnung hat. Im Taxi erzählt Dominic von seiner Familie: "Mein extrem auf Erfolg gepolter Vater, ein erfolgreicher Geschäftsmann, hat meine Tätigkeit nie ernst genommen. Im Gegenteil, er hat mich immer gefragt, wann ich endlich anfangen will zu arbeiten. Dabei habe ich, seitdem ich sechzehn bin, Geld mit Musik gemacht. Ich habe ganz am Anfang illegale Raves in Lagerhalle veranstaltet und jedes Mal mehrere Tausend Pfund abkassiert, weil bis zu 15.000 Leute auf den Partys aufschlugen. Erst als mein Dad mein Gesicht auf der Titelseite einer Musikzeitschrift im Kiosk an der Ecke entdeckt hat, schwante ihm, dass ich nicht doch nur Däumchen drehe. So richtige Anerkennung werde ich aber nie von ihm bekommen." Reclaim Your Creativity Wenn Mark der Prince des Duos ist, der seit seiner frühen Kindheit davon träumt, genau wie sein heute als Zeuge Jehovas von Tür zu Tür ziehendes Vorbild 32 Instrumente zu beherrschen, dann ist Dominic der Frank Zappa, ein intuitiver Typ voller Momentaufnahme-artigen Ideen, der rundum echt ist und seine Persönlichkeit nicht hinter professionellen Floskeln verstecken kann. Warum sollte er auch? Er liebt die Rolle, die ihm zugefallen ist. Ständig auf Achse zu sein und auf den unterschiedlichsten Kontinenten auf Afterpartys dem gepflegten Exzess zu frönen, ist für ihn, stets die positiven Tugenden der Szene herausstreichend, ein Bonus: "Ich kann die Leute nicht verstehen, die beim Auflegen schlechtgelaunt sind und sich benehmen wie Superstars. So etwas macht die Szene kaputt." Trotz allem sieht er sich nicht als einer der DJs, "die am ‘Peter-Pan-Syndrom’ leiden, weil sie nicht erwachsen werden wollen und eine endlose Reihe von Groupies durch ihre Hotelzimmer schleifen, wie mir auf Seb Fountaines 38. Geburtstagsparty klargeworden ist. Ich liebe das Feiern, aber es muss Grenzen geben." Und die gibt es. Gerade in letzter Zeit kommt Dominic immer häufiger mit grauem Gesicht und tauben Ohren nach Hause, weil die Stantons jeden Gig – heute Kuala Lumpur, morgen Tasmanien – mitnehmen. Dank ihrer Produktionen kommen Anfragen aus aller Welt, und das Schedule wird immer extensiver. Kein Wunder: Kaum ein Act hat es so konsequent geschafft, mit ihrem Sound die Mainrooms, sonst reserviert für gepuderten Housesound, zu hijacken und die blasierte Klientel nach Rewinds gieren zu lassen. Doch wegen der Gigs können sich die Stantons kaum aufs Produzieren konzentrieren und allenfalls wieder einen der sagenhaften, "in Windeseile und ohne großen Aufwand produzierten" Remixe rausbringen, die die ganze Welt mit im Winde schaukelnden Kinnladen zurücklässt. Remixing DJs Das sagenumwobene Album, das schon seit zwei Jahren jeden Augenblick fertiggestellt sein dürfte, wie die Jungs bereits in zahlreichen Interviews zu Protokoll gaben, hat sich indes bis heute nicht materialisiert. Die Tatsache fällt von Jahr zu Jahr mehr ins Gewicht, denn seitdem Mark und Dominic bei 679 unterschreiben haben, sitzt ihnen auch noch der Major im Nacken und pocht auf ihre Rechte: "Wir lassen uns nicht unter Druck setzten", sagt Dominic dazu: "Wir sind langsam mit den Herausforderungen gewachsen und als wir den Vertrag unterzeichnet haben, waren wir kaum mehr als selbstbekennende remixende DJs und somit der Aufgabe nicht richtig gewachsen, ein richtiges Artist-Album zu produzieren. Wir wollen uns unserer Sache sicher sein, das kann man nicht erzwingen." Da die Plattenfirma auch das Recht auf den Namen der Jungs hat, produzieren sie mittlerweile als Punks für ihr eigenes Label Punks Music, "ein Outlet für Bootleg-Remakes unserer eigenen Tracks". Nummern wie "She Not In/Or Is She’ und "Break Me With You/Reckless Dub" sind allerdings mehr als halblegal wirkende Neuauflagen ihrer alten Partybreaks-Platten, sie sind neue Edits für neue Sets. So werden alte Breakbeatburner und zu langsame HipHop-Tracks von den befreundeten Nextmen nur schnell mal in ein clubkompatibles Format gebracht, um als geheime Battleweapons in den Boxen der Stantons um die Welt zu flitschen. Dass solche Scheiben später schon mal auf Punks einem breiteren Markt zugänglich gemacht werden könnten, ist nach wie vor Nebensache. Auch wenn Mark die Sets mit seinem Laptop mit Acapellas und Effekten bereichert, sind neue Edits und flippige Versionen von fetten Platten für die Stantons lebenswichtig. Recyclen sie sich und ihre röhrend wubbelnden Basslines selber? Nein, sie bleiben sich selbst treu. Sie sind remixende DJs, after all, und sie brauchen neue Versionen von fetten Platten wie die Luft zum Atmen. Worte> Katrin Richter. Bilder> Katrin Richter and Courtesy of The Stantons. Link: www.stantonwarriors.com |