20.08.2005

RL ARCHIVE MAR 05 +++ Way Out West - Wie ein Fels in der Brandung








Und anschließend wird aufgelegt. Eine Formel, die aufgeht: 1996 wanderte “The Gift” in die UK Top-Twenty, und auch sonst schwamm eines der Gründungsmitglieder ganz oben auf der Superstar-Welle: Global-Underground-Mixer Nick Warren. Doch Nick wollte mehr: Der Bristoler, der vor seinem Durchbruch als Massive-Attack-Tour-DJ durch die Welt tourte, besann sich mit Way Out West auf seine melancholisch-melodischen Ursprünge. Und doch ist seine Livekombo weit mehr als das Produkt eines Megastars – WOW ist das Brainchild von Nick Warren und dem DJ und Produzenten Jody Wisternoff. Mitte der Neunziger Jahre kamen die beiden zusammen, um breakslastige Progressivetrancemusik der besonderen Art zu produzieren, der Rest der Band wuchs organisch dazu. “Don’t Look Now”: Raveline hat den Titel wörtlich genommen und sich Zeit gelassen, die Kombo und ihre Musik in Ruhe kennenzulernen.

Im Westen viel Neues

Ganz weit im Westen von England liegt Bristol, eine Hafenstadt, in der sich aufgrund der Folgen des englischen Kolonialisierungswahnes Völkerstämme aus aller Welt wiederfanden: ein idealer Nährboden für die Entstehung von Subkulturen. Soundsystems aus der Karibik und Riddimclashes in den Straßen waren hier in den Achtzigern, nach der Punkbefreiung und der Garagenband-Renaissance der Siebziger, an der Tagesordnung, was ein Aufblühen der Bristoler Musikszene zur Folge hatte. In den Neunzigern revolutionierten technische Neuerungen – Samplerequipment zu erschwinglichen Preisen – die Szene. Nun waren der Kreativität keine Grenzen mehr gesetzt und so kamen Menschen zusammen, die neue Sounds hervorbrachten: Sly und Robby, Smith & Mighty, Massive Attack, Portishead, Roni Size und DJ Die sind nur einige der bekannten Namen, die Bristol hervorgebracht hat. Sie legten das Fundament, auf das Way Out West aufbauen. Szenewechsel. Weit weg von Bristol, im Süden Europas, sitzt im Sommer 2004 eine Truppe von fröhlichen Engländern in einem kabuffartigen Backstageraum. Die Stimmung ist gehoben, auch wenn es so aussieht, als ob der erste “Don’t Look Now”-Tour-Gig wegen eines Platzregens nicht stattfinden könne. Vielleicht hat dies auch sein Gutes. Denn nun hat der knittrige, braungebrannte Mann mit den roten Haaren die Gelegenheit, die Whiskeyflasche in seiner Hand zu leeren. Er freut sich. Seine Band umgibt ihn, sie betten ihn ein. Sie spielen die Intrumente, er, das Aushängeschild einer ganzen Feiernation und Partygeneration, trinkt – und steht doch wie ein Fels in der Brandung, ein stolzer Vater, ein Schutzschild, ein Vorbild. Für die schüchterne Sängerin Omi, gerade frisch verheiratet, genauso wie für den 31-jährigen Jody Wisternoff, dem polnisch-englischen Musikwunderkind hinterm Keyboard. Vor der Bühne stehen die Massen und warten geduldig. Schließlich flaut der Platzregen zu einem englischen Drisseln ab. Die Lage ist nie auswegslos. Auch wenn Nick seinen Dongle vergessen hat und nun hinter seinem Equipment nur so tut als ob. Hauptsache, er ist da.

This One Is A Killer!

Die perfekt dargebotenen Liveperformance, gekrönt von Omis trauriger Stimme, berührt die Ex-Jugoslawen mit ihrer Schönheit so, dass ihnen Glückstränen über die ekstatisch glühenden Wangen rollen. Die Mission ist vollbracht. Mal wieder ist es Way Out West gelungen, ihre elektronisch-instrumentale Bristoler Melancholie in die Welt zu tragen und damit die Herzen der Leute auf eine Art und Weise zu berühren, wie es DJs nur noch in Ausnahmefällen vermögen – eine konsequente Weiterentwicklung für Nick. Kein Geringerer als der Superstar Nick Warren – einem der einflussreichsten Progressive-DJs, der sich schon in den frühen Neunzigern durch seinen ureigenen West-UK-Style erfolgreich von seinen beiden Progressive-Brüdern im Geiste, Sasha und Digweed, absetzte, und mit phänomenalen Global-Underground-Mixen die Leute begeisterte. Mitte der Neunziger kollabierte er zum ersten Mal mit dem von seinem Vater gemanageten Studiotrickser- und Keyboardkünstler-Wunderkind Jody Wisternoff. Man kannte sich schon. 1990 veröffentlichten Smith & Mighty eine Platte von einem Duo namens Tru Funk. Mit ihrem samtig frühmorgentlichen Balearenfeel war diese Nummer ihrer Zeit weit voraus und erregte prompt die Aufmerksamkeit von Nick Warren, der zu der Zeit bereits die erste Ibiza-inspirierte Night in Bristol veranstaltete. Tru Funk, das war zur einen Hälfte natürlich Jody, der eigentlich Joseph heißt. Nachdem er mit seinem Bruder bereits in jungen Teenagerjahren erste Erfolge als Scratcher und HopHop-Produzent feierte, tauchte er Anfang der Neunziger in die illegale Partyszene ab, fing an, elektronische Musik zu produzerien und machte sich als Drum’n’Bass- und Breakbeat-DJ einen Namen. Die Studioarbeit mit Nick trug Früchte, Way Out West ward geboren. Doch auch nach den ersten Chartserfolgen mit diversen Sängerinnen werkelte man noch am Konzept. Irgendwann kam sie hereingeschneit: Omi. Ihre Schneewittchen-Persona gab Way Out West das Gesicht, das es brauchte, um wie eine komplette Band zu wirken und damit die Welt zu bezaubern.

Poolside Sessions

Hinzu gesellten sich Drummer Damon, der einstmals bei Echo And The Bunnymen gespielt und somit eine recht rockige Vergangenheit hat, sowie ein Gitarrist und ab und zu auch ein Bassist. Die Liveinstrumente gaben den Produktionen eine räumlich-organische Komponente, etwas, was den meisten, otmals supercleanen Dancenummern ganz klar abhanden gekommen ist. Das Crossover-Element spielt auch in Zukunft eine immer größere Rolle. So arbeiten Way Out Wets gerade an einem Remix von Echo & The Bunnymen’s “Lips Like Sugar”. Wenn sie nicht um die Welt touren, und das tun Way Out West eigentlich permanent: Auch die Show in Argentinien ist ein Erfolg, die Band ist glücklich und feiert den gelungenen Auftritt. Nur Omi verschwindet sofort nach dem Auftritt wieder in ihr Hotelzimmer. Jody erzählt: “Sie verkauft Anzeigenfläche und muss am Montag wieder im Büro sein. Wegen unserer Tournee hat sie schon so viel freigenommen, dass sie nun keinen Urlaub mehr bekommt. Wir versuchen, sie zu unterstützen, so gut es geht.” Doch es reicht noch nicht, ihr ein Musikerdasein ohne Ninetofive-Job zu ermöglich. Auch Steve, der Bassist, muss im Hope-Büro die Stellung halten. Am nächsten Tag redet Kim, der Roadie, der seit über fünfzehn Jahren mit elektronischen Livekombos wie dem freakigen Trancebreakbeat-Outfit Eatstatic zur Hand geht, auf Jody ein: “Gerade, wenn du auf der Bühne stehst und einen dramatischen Akkord spielst, dann versuche, deine Bewegungsabläufe völlig überzogen darzustellen und das mit der Musik zu timen. Du hast Tausende von Leuten vor dir, und alle Augen sind auf euch gerichtet. Wenn ihr also eure Musik auch als visuell nachvollziehbare Aktion darstellt, multipliziert ihr damit eure Wirksamkeit. Auch wenn dir große Gesten theatralisch vorkommen, man sieht sie auch noch von ganz hinten im Raum, und das ist wichtig.” Jody nickt aufgeregt. Man merkt, dass er, auch nach fünfzehn Jahren im Geschäft, immer noch am Anfang steht, was die Präsentation seines Liveactes anbelangt, dass er, aufmerksam und wissbegierig, dazulernen will. Nick sieht es genauso: “Die Szene befindet sich gerade im Umbruch, und auch Way Out West entwickelt sich weiter.” Auch wenn ihre Musik nicht mehr sofort chartet: Way Out West are taking Bristol to a new level.

Text: Katrin Richter. Bilder: Hope. Love to Wow, Nikki, Gustavo, Mark, Rich, Leon und Steve.

Link:
www.wayoutwest.uk.com

Newsletter PlanetFriends CONTACT