20.08.2005 RL ARCHIVE NOV 04 +++ Michael Mayer – Berührungspunkte |
“Touch” heißt es und berührt vor allem durch seine provozierende Darbietung von Techno-Trivialia und triumphaler Floor-Plakativität: Michael ganz privat, ausgedrückt durch unschuldig anmutende Rave-Rezitierungen und dem formulaischen Aufbereiten von soziokulturell bedeutsamen Mayer-Highlights aus zweiunddreißig Jahren progressiv-sukzessiver Musikgeschichte. Also null reduziert-unterkühlter Hornbrillenträger-Minimalismus oder kuscheligkölschiger Seifenblasen-Schlager-Pop. Warum dies? Geht Deutschland vor die Hunde? Und: Sieht der Mann am Nebentisch schwul aus? Die beiden letzten Fragen konnten im Dialog mit Kölns Kampfrentnern leider nicht geklärt werden. Viele andere allerdings schon. It’s Just A Little Touch Viel ist bereits kommuniziert worden: Die Geburt, die Erleichterung, das Hochgefühl, die daraus resultierende Leichtigkeit des Seins, auch wenn sie nur kurz weilte und dann wieder dem Alltag wich: der liebenswert jungenhafte Mensch mit dem symphatisch kumpelhaften Allerweltsname Michael Mayer ist seit den Tagen der c/o pop, als zeitgleich zum großen Tanzbrunnen-Kompaktrummel sein Album fix und fertig in der Erledigt-Ablage landete, einen ganzen Schritt weiter – ein kleiner für die Menschheit vielleicht, aber ein Großer für das Individuum Mayer: “Die ersten Wochen schwebte ich ein paar Zentimeter über dem Boden.” Seit dem ersten Herausposaunen seiner Albumpläne, wuchs die Erwartungshaltung der Leute und somit auch der Druck auf Michael immer weiter: “Ich dachte, ich würde in die Geschichtsbücher eingehen als derjenige, der nie ein Album macht.” Das Album, der Ritterschlag des Produzenten. Doch war es nicht Angst vor Kritik, die ihn immer wieder davon abhielt, überhaupt etwas Vorzeigbares auf DAT zu bannen, wenn er sich in seinem Dachgeschossstudio verzog. Es war die Zeit, die ihm immer wieder davonlief.: “Solange es so viel zu tun gab mit dem Laden, den Labels und dem Vertrieb, hat es einfach nie geklappt. Ich konnte niemals länger als ein paar Stunden ins Studio, nachts nach den Bürostunden, und dann war ich tagsüber einfach fertig. Ein Mensch muss auch mal schlafen. Es war nicht damit getan, ein paar Tage freizunehmen, nach dem Motto: ‘Jetzt muss ich aber.’” Erst, als sich genügend kompetente Leute fanden, die Michael nach und nach die Arbeit abnehmen konnten, fand Mayer die Muße: “Es hat richtig lang gedauert, bis die Umstände entsprechend waren und ich mich lockermachen und mir sagen konnte: ‘Ich muss jetzt nicht im Büro sein.’ Das war dann schon ein erlösender Moment.” Common And Touch Me “Als wir 1997/98 die Entscheidung getroffen haben, den Vertrieb zu starten, musste ich mir genau überlegen, ob ich das auf mich nehmen will oder ob ich lieber meinen Egotrip durchziehe. Ob ich meine Solokarriere vorantreibe oder ob ich im Laden arbeite. Rückblickend hat es sich gelohnt. Ich freue mich besonders als DJ darüber, dass es diese ganzen Platten gibt, dass ich Sachen wie Musik Krause spielen kann, wir kleine Labels hochgepäppelt haben wie eine große Familie mit kleinen Kindern, die irgendwann ausziehen. Es hat sich gelohnt, etwas zu opfern, um jetzt um so strahlender dazustehen.” Tatsächlich scheint es gerade dieser heroische Akt der Selbstaufopferung, dieses konsequente Existieren für ein viel größeres Projekt als die eigene Karrieremaximierung, die sich jetzt auszuzahlen scheint – Kompakt ist zu einem globalen Markenzeichen avanciert, das in der internationalen Musikpresse genauso viel Respekt erntet wie auf den Tanzflächen. Ein Marketing-Traum wird wahr – für einen Haufen Freunde, die sich einstmals zusammenschlossen, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen, anstatt sich in Einzelprojekten zu zerreiben. Kompakt – das sind diverse Labels, der circa zwanzig Labels umfassende Vertrieb, DJs wie Michaels “DJ-Ehemann” Tobias Thomas, Produzenten wie Reinhard Voigt und Superpitcher sowie die im Hintergrund agierenden Drahtzieher Wolfgang Voigt alias Mike Ink. und Jürgen Paape. Regelmäßig zum Einsatz kommend auf der ebenfalls 1998 von Mayer und Thomas ins Leben gerufenen Total-Confusion-Night im Studio 672. Und natürlich die strahlende Gallionsfigur Mayer, die irgendwie er trotz aller Bescheidenheit zum Kampagnen-Gesicht der Minimalbewegung avanciert zu sein scheint: Im In- wie im Ausland gehört er mittlerweile zu den renommiertesten deutschen DJs, seine Kompakt- und Speicher-Mixe, seine Remixe und Eigenproduktionen wie “Love Is Stronger Than Pride” zählen weltweit zu den meistbeachtetesten Sachen, die die deutsche Szene in letzter Zeit hevorgebracht hat. Und nun kommt sein Album. Das die Lager spalten wird. Touching Down “Die Eierchen sind gelegt und müssen nun ausgebrütet werden. Das ist schon fast anstrengender als das Legen selber. Man spricht so viel über sich selbst, dass es schon zur Therapie wird. Und man muss sich die ganzen Meinungen anhören, was teilweise schön ist und teilweise nicht so schön. Das Album erfüllt eben nicht unbedingt die Erwartungen, die die Leute haben.” Aber wie soll ein ‘Mayer-Album’ sich denn wohl anhören? “Nun, erstmal sollte es ein Minimal-Album sein, mit ganz viel Shuffle drauf, genau.” Oder vielleicht ein paar neue Tracks im Stile von “Love Is Stronger Than Pride”, wo Michael mit seinen eigenen Vocals gearbeitet hat, weil er “was zu sagen hatte.” Aber nun hat er nichts zu sagen, etwas Minimales schon gar nicht: “Wenn man sich die Sachen, die ich ich in letzter Zeit gemacht habe, anhört, die Remixe und Maxis, dann weiß man, dass ich schon ziemlich lange nicht mehr so minimal war im Vergleich zu Echochord oder Audio NL. Der ganze Minimal-Style löst sich ja gerade auf wunderbare Weise auf. Das Skelett wird langsam eingekleidet. Das Wissen aus dem jahrelangen Minimal-Machen wird nun mit anderen Dingen kombiniert. Das erweitert letztenendes den künstlerischen Ausdruck. Wenn man seit zehn Jahren solche Musik macht, dann entsteht daraus der Wunsch, noch mal einen Schritt weiterzugehen. Sich weiterzuentwickeln.” Drei Anläufe hat Michael in den letzten Jahren gemacht, dieses gewisse “Stück weiterzugehen”. Die daraus resultierenden Tracks wurden einfach auf diversen Maxis verbraten – wie zum Beispiel “Privat” und “Amabile”, die allerdings auch auf der CD-Version von “Touch” Platz fanden. Das Album sollte, wie Michael immer wieder beteuerte, “aus einem Guss sein” und nicht nur eine wirr zusammengewürfelte Versammlung diverser Ansätze aus gänzlich verschiedenen Schaffensperioden. Dann war es so weit: Michael “kotzte sich aus”, wie er den Werdensprozess nennt: “Das war wie so ein Schwall, der rauskam. Ich habe das Album dann auch innerhalb von drei Wochen komplett fertiggestellt. Am ersten Tag im Studio habe ich gleich ‘Touch’ gemacht, das erste Stück auf der CD, das eigentlich ein brachiales Epos ist, opulent und null minimal.” Richtig! Touching Up Das Stück, an dem sich die Geister scheiden werden, denn hier schwelgt Michael, verführerisch und genießerisch zugleich, in schon fast Uffta-hafter Ravigkeit. Ein nostalgisches Spiel mit dem Feuer. Ein produzententechnisches No-Go ins Land der in die Luft gereckten Hände. “Touch” ist ein mit meisterhafter Treffsicherheit ins stilistische Abseits gezielter Angriff auf das zu dogmatisch gewordene eigene Klientel, keine geschmackliche Verirrung von einem Vorreiter des guten Geschmacks. Provokation ist das Zauberwort. “Das war so mein Gefühl – jetzt Dampfablassen. Weg damit! Am Ende war ich fast traurig, als es wieder vorbei war.” Doch noch mehr Zeit investieren wollte Michael nicht. Er wollte sein Trauma loswerden. “Ich habe bei der Produktion von ‘Slowfood’ gemerkt, dass ich auch gerne noch mehr langsamere Sachen machen möchte.” Dieser Track steht, mit seinen Alan-Parsons-Project- und Steve-Miller-Band-Gewitter-Regenreferenzen und seinem epischen Aufbau, heraus und schreit förmlich nach weiteren komplexen Gegenstücken, entstanden in den Weiten der Mayer’schen Hirnwindungen. Doch dazu kam es nicht. “Ich hatte einfach an mich selbst zu viele Erwartungen, wollte zu viele Dinge machen, und es war klar, dass das nicht ging, also konnte ich nur eine Momentaufnahme machen.” Die, wie von einer Band in einem Rutsch runtergespielt unter den gleichen technischen Voraussetzungen entstanden ist: “Ich bin nicht so der Tüftler, der sich zehntausend Bassdrums anhört, bis er die richtige gefunden hat. Oder seine Geräte aufschraubt.” Und so besinnt sich Michael stattdessen auf seine Stärken. Am Ende seines Express-Schaffensprozesses ritt Michael noch einmal der Teufel und er baute zum Abschluss ‘Die Neue Lutherische Fraktur’, neben ‘Heiden’ der ruppigste Track der Platte. Und der zielt mit seiner runtergestrippten Art, wie all die anderen Nummern auch, ganz klar auf den Floor. Ein Ort, der eine magische Anziehungskraft für jemanden hat, der seit seinem dreizehnten Lebensjahr nichts anderes sein will als ein DJ. “Ich sehe mich selbst auch nur als DJ. Ein DJ, der Sachen produziert, die er auch selbst spielen will. Das Vertiefen und Ausformulieren der einzelnen Ideen folgt alsbald im neugebauten Kompakt-Studio: “Ich freu’ mich drauf.” Wir auch. Zum Abschied noch ein paar freundlichen Worte an den Darmstädter Goa-DJ, der Michael im Cocoon-Club mit einem Caipirinha-Glas beworfen hat: “Du Schlampe!” Au weh. Text: Katrin Richter. Bilder: Kompakt Link: www.kompakt-net.com |