19.08.2005

RL ARCHIVE NOV 03 +++ Im Folterkeller mit Billy Nasty: "Ich bin eigentlich ein netter Kerl!"








Electro Funk Allegiance

Billy ist wegen meines Anrufes aus dem Techno-Verkaufsland Nummer Eins ganz aus dem Häuschen, denn in Deutschland hat Nasty – trotz seines internationalen DJ-Schedules – in seiner 16-jährigen Karriere erst acht Mal aufgelegt. Der 35-jährige William Nastri, dessen DJ-Name ihm während der Schulzeit verpasst wurde, puscht Techno und besonders Electro in andere Dimensionen und verwandelt sich dabei in ein echtes Platten-Monster. Als Mensch ist er allerdings lammfromm, was man aber eigentlich nicht verraten darf. Egal. Billy, der von "seiner nervöse Energie getrieben wird, ständig neue Dinge zu planen", hat schon wieder ein paar neue Ideen in petto. Zur Zeit stehen bei ihm große Veränderungen an. Fünf Jahre lang bemühte sich der bescheiden auftretende DJ, Booker und Promoter redlich, Techno in den stylischen Clubs von London, Edinburgh und Dublin zu etablieren und den europäischen Sound in Großbritannien gesellschaftsfähig zu machen. Seine "Tortured"-Nights in Clubs wie Mr. Cs The End wurden so zur Legende und gingen als unschlagbar hochwertige Techno-Nights, die sogar von der mainstreamigen und technophoben UK-Musikpresse wahrgenommen wurden, in die Annalen der Geschichte ein. Im letzten Jahr fanden die regelmäßigen Techno-Folter-Events schließlich ihr Ende: "Es find wirklich sensationell an. Ich war der erste, der die großen europäischen Techno-DJs nach England geholt hat – die Schweden, die Slowenen und die Italiener", sagt Billy schnörkellos, "aber wenn Sachen irgendwann nicht mehr das sind, was sie mal waren, dann sollte man einen Schlussstrich ziehen." Seitdem veranstaltet Billy lieber regelmäßig One-Off-Events, mal in Fabric, mal im neuen Trendclub Egg.

Mechanical Sounds

Es haben sich in letzter Zeit viele Dinge verändert, denn Billy hat kürzlich seine Booking Agentur Theremin, die er mit seinem langjährigen Partner Jon betrieb und die viele europäische Größen wie Umek und Adam Beyer sowie englische Techno-Protagonisten wie die Jungs von Ignition Technician und Brenda Russell verbuchte, dichtgemacht. "Der Grund, Theremin Bookings nicht weiterzuführen, war ganz einfach der, dass ich keine Zeit hatte, mich richtig um die Agentur zu kümmern. Im Grunde genommen hat Jon die Agentur geführt. Also macht er jetzt alleine unter dem Namen Archetype weiter. Er managt nun Umek und Adam Beyer und verbucht auch weiterhin alle anderen Künstler." So konzentriert sich Billy jetzt noch stärker auf seine Labels, besonders Electrix, das sich innerhalb der drei Jahre seines Bestehens mit seinen Steckdosen-Sleeves als eines der besten Maschinenfunk-Outlets etabliert hat. Aber Billy plant, noch weiter gehen: "Ich will Electro aus seiner Isolation in den Backrooms und Wohnzimmern holen und den Sound Mainfloor-kompatibel machen. Ich will Electro zukunftsfähig machen. Der Sound müsste einfach chemischer und Dancefloor-freundlicher werden, dann hätte er ein richtiges Massenappeal und müsste nicht immer so ein stiefkindliches Dasein führen. Mein Plan ist, DJ-freundliche Tracks herauszubringen, die auch Leuten mit ausgeprägtem 4/4-Bewusstsein gefallen, aber dennoch voller Arpeggiatoren, Melodien und Strings sind. Die meisten denken bei Electro an Electroclash voller verkleideter Diven. Ich will den Leuten einen Zugang zu runtergestripptem, funkigem, mechanischem Electro vermitteln. Mein Traum ist, dass House, Techno und Electro immer mehr zu einem vielseitigen Ganzen verschmelzen."

Datapunk

Billy legt Wert darauf, das ganze Spektrum von Electro auf Electrix wiederzuspiegeln, und setzt somit auch auf ruhige und abstrakte "Coffeetable-Electro"-Releases für Zuhause, weswegen er nun nach Transparent Sounds "Emotional Amputation" und The Advents "Light Years Away" verstärkt Artist-Alben und EPs von Leuten wie Scape One, Keith Tucker und Carl A. Finlow veröffentichen wird. Auch auf Tortured geht es solide weiter: "Same business as usual. Ich spiele globales Techno-Schach. Tortured ist am Zug," grinst Billy. Erst vor kurzem feierte das Label sein dreißigstes Release. Das Jubiläum sollte mit einer Special-Napoli-Edition, verpackt in einem Pizzakarton, begangen werden, aber die Jungs aus Italien, Rino Cerrone, Danilo Vigorito und Gaetano Parisio, fanden die Idee erstaunlicherweise nicht besonders gut. "Ich habe wohl einen seltsamen Humor," wundert sich Nasty. So wurde die Nummer 30 dann ein Doppelvinyl-Pack von Billys altem Kumpel Jel Ford, dicht gefolgt von einer EP von Marco Bailey. Billy schaut nach vorne und hat schon wieder einige verheißungsvolle Projekte in Planung, zum Beispiel, den Psy49Net-Funker Anthony Rother, mit dem Billy auch kürzlich im Studio war, als Tour-DJ durch Europa zu begleiten. "Das steht aber noch alles in den Sternen. Anthony hat mich erst letzte Woche nach einem gemeinsamen Gig gefragt, ob ich Lust hätte, ihn zu supporten. Natürlich habe ich sofort zugesagt. Geplant ist außerdem ein Electrix-Zelt beim Sonar 2004. Wenn alles gut geht, gibt es reinen Electro mit Cisco, Anthony, Scape One, Mr. Velcro Fastener und mir. Das wäre verdammt geil."

Worte: Kat Richter.
Pics: Courtesy of Tortured.
Respekt an Billy and Jon: See you at the beach.

Links:
www.electrixrecords.co.uk
www.torturedrecords.co.uk



Newsletter PlanetFriends CONTACT