19.08.2005 RL ARCHIVE DEC 03 +++ Dave Clarke - An Extraordinary Popstar of Our Time |
Erst letztes Jahr gab es die legendäre Comeback-Platte “The Compass”, gefolgt vom Clubburner “The Wolf”, die Clarke zurück in die Oberliga der Techno-Produzenten katapultierte. Seitdem geht es Schlag auf Schlag: Nachdem er auf der Time Warp Nord seinen neu ausgetüftelten Live-Act zum ersten Mal über die deutschen Fans hereinbrechen ließ, meldet er sich – ein Jahr später als angekündigt – mit seinem zweiten Longplayer “Devil’s Advocate” zurück, ein perfekt produzierter, aalglatter Querschnitt seines Könnens mit so illustren Kollaborationen wie mit den Chicks on Speed, DJ Rush und The Mad Professor: der Status Quo des Clubsounds 2003. Direkt vor einer ostdeutschen Irrenanstalt langweilt Raveline Herrn Clarke mit Fragen zu seiner Vergangenheit und seinem aktuellen Album – was für eine Ironie des Schicksales, dass er jedes Wort auf die Waagschale legt: ein Advokat des Teufels eben*. Nachdem er so krude unterbrochen wurde… Ob es Dave Clarke zweimal, einmal oder gar nicht gibt, darüber kann man lange philosophieren, denn der als launisch verschrieene DJ, Livemusiker und Produzent bringt seine Fans, die ihn für Gott halten, gerne mit Kommentaren wie: “Ich bin Atheist, glaube nicht an mich selbst und existiere demnach nicht” aus der Fassung und teilt sich außerdem seinen Namen mit einem der Edinburgher Soma-Label-Mitbegründer. Nur damit keine Zweifel aufkommen: Es kann nur einen original Dave Clarke geben, fuer mehr Ego ist auch gar kein Platz. So war auch sein Comeback nicht zu ignorieren. Bis Mitte letzten Jahres war es wegen einer Rechtstreitigkeit zwischen seiner ehemaligen Plattenfirma und deren Tochterfirma ruhig um den Brightoner geworden, der wegen des rechtlichen Hin- und Hergezerres weder “bezahlt wurde”, noch Platten herausbringen konnte – Dave hatte sich dazu verpflichtet, dass er unter seinem eigenen Namen auf keinem anderen Label releasen durfte, und so waren ihm über fünf Jahre lang die Hände gebunden, eine Sache, “über die ich heute nicht reden will, weil ich dann gleich schlechte Laune bekomme.” Schließlich wusste sich der gestandene Techno-Held gar nicht mehr anders zu helfen, als den Rechtanwälten mit dem Release zweier MP3-Tracks, darunter der vielgerühmte “Before I Was So Rudely Interrupted” auf der Website ICrunch ein Schnippchen zu schlagen. Außerdem tourte er megaintensiv und remixte jeden Artists von Rang und Namen: Underworld, Leftfield, Depeche Mode, Laurent Garnier, Zombie Nation, Mirwais, Moby und Green Velvet. Schließlich angelte sich Dave einen Plattenvertrag mit Skint-Records, dem bei Sony eingegliederten Brightoner Imprint von Midfield General Damian Harris, bei dem auch Norman Cook zu Hause ist. Clarkes “Detox”-Mix von einem von Fatboy Slims Tracks zementierte die neue Freundschaft. “Freundschaft? Im Musicbusiness gibt es keine Freundschaft”, schnaubt Dave: “Ich kannte zwar einen der Manager dort von früher, aber das war’s auch schon. Ich bin allerdings sehr zufrieden mit dem Label an sich.” Da stellt sich die Frage, ob Dave wegen seiner schlechten Erfahrungen mit Plattenfirmen keine Angst hatte, erneut einen Vertrag zu unterzeichnen, in dem man vereinbarte, dass die sechs nächsten Dave-Clarke-Alben bei Skint erscheinen werden. “Nein”, sagt Dave, “Du weißt ja vielleicht, wie solche Verträge funktionieren. Nach dem Erscheinen eines jeden Albums wird von der Plattenfirma und dem Künstler evaluiert, ob man ein weiteres Album herausbringen wird. Nur wenn beide Seiten zustimmen, kommt es zur weiteren Zusammenarbeit.” Was will er heute abend anziehen? Die vielgerühmte Platte “The Compass”, zunächst als einseitige Sonderrelease limitiert auf Gigolo erschienen, läutete die Wende ein. Dave war wieder da, und zwar besser den je: “Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn einen keiner mehr zurückhält und man nicht mehr das Gefühl haben muss, dass jemand anders über dein Schicksal bestimmt”, sagt er dazu. Ein eigenes Label würde Clarke trotzdem nicht wieder betreiben, obwohl ihm sein Imprint Magnetic North Anfang der Neunziger künstlerisch alle Freiheiten geboten hat. “Jeder sollte das tun, worin er gut ist. Und möglichst viele Platten zu verkaufen, darin sind nun einmal die Jungs von Skint besser drin als ich. Wenn andere sich auf 2.000 Platten beschränken wollen, ist das ihre Sache. Je mehr Platten ich verkaufen kann, desto besser.” Da ist er wieder, der Landedelmann Clarke, der nicht mit Bling-Bling, Champagner und Titties einen auf dick macht, sondern bisweilen mit fünfstelligen Gagen, Sportwagen und Herrenclub-Mitgliedschaften auftrumpft – mit ein wenig Komfort wie dem eigens bei British Airways dauerreservierten Stammsitzplatz wird das harte DJ-Dasein zum Glück ein wenig erträglicher. Um solch einen Status zu erhalten, trifft es sich gut, dass Clarkes Platten universeller und daher besser verkäuflich als so manche reine DJ-Toolplatte sind. Deswegen spielen sie nicht nur Stars wie Carl Cox, die Chemical Brothers und Pete Tong, sondern auch Menschen, die nur einen CD-Player besitzen. Für eine vielseitige Home-Listening-Aktion ist das neue Album nämlich bestens geeignet. “Devil’s Advocate”, eigentlich so genannt, weil Dave es sich manchmal einfach nicht verkneifen kann, engstirnigen Menschen vor den Kopf zu stoßen, weil er deren Erwartungen, bei “Devil’s Advocate” möge es sich doch gefälligst um ein straightes Techno-Album handeln, schlicht nicht gerecht werden will. Tatsächlich ist der Longplayer sehr vielseitig und deckt ein ausgesprochen weites Spektrum ab – sei es Eighties-Rock, HipHop, Post-Disco-Tech oder der von allen so geliebte typische Dave-Clark-Technosound, geformt durch studiointensive Arbeit mit dem besten Equipment –, stets schafft Clarke es, seinen Tracks die nötige Mischung aus Arroganz und Aggressivität, Zorn und Zynismus, zu verleihen, die seiner Persönlichkeit so eigen ist und die den Reiz seiner Produktionen ausmacht. Sei es der soeben als Single erschienene Auftakttrack “Way Of Life”, der mit den Stöhnvocals von DJ Rush besonders deutsche Technoclubs zum Explodieren bringen wird, oder die als B-Seite ausgekoppelte Nummer “She’s On Parties”, ein mit den Chicks On Speed entstandener Track, der auf der Hookline eines alten Bauhaus-Hits basiert – Dave hat es schon nach wenigen Tracks geschafft, total unterschiedliche Szenen zu bedienen und für sie den perfekten Soundtrack geschaffen. Worum es geht? Boys Toys, Drogen, Sex und Tod… Nachdem er dann mit “The Wiggle” dann für ein wenig Groove in the House gesorgt hat, zeigt er uns mit “Blue On Blue” eine Seite von sich, die den meisten bis jetzt verborgen geblieben ist, und sorgt mit dem von Mr Lif gerappten HipHop-Track für den Überraschungsmoment des Albums. HipHop, Daves erste große Liebe, die den jungen Clarke Mitte der Achtziger Jahre an die Turntables trieb und von der er sich “instinkartig” weiter in Richtung Hardcore, Rave und Techno vorarbeitete, wird auch auf der zweiten Singleauskopplung zu finden sein. Dick und treibend geht auch “Just Ride” in Richtung Dancefloor, und in “Disgraceland” singt eine gelangweilte Amerikanerin von Superstars und anderen Banalitäten. Abschließend findet sich noch die bereits vor sechs Monaten erschienene Nummer “The Wolf”. Angesichts seines Vertrages wird Dave gleich im Anschluss an das Erscheinen von “Devil’s Advocate” wieder ins Studio gehen. Auch seinen Live-Act will Dave weiter ausbauen: “Meine Show ist gut angekommen, soweit ich das ersehen konnte. Live kann ich ausschließlich mein eigenes Material spielen und muss nicht wie beim Auflegen auf die Tracks von anderen Leuten zurückgreifen – da spiele ich nie mehr als zwei meiner Tracks in einem Set. Natürlich kann ich mir auch vorstellen, diverse Live-Musiker mit auf die Bühne zu holen, zum Beispiel Mr Lif. Ich glaube, seine HipHop-Einlagen würden richtig gut ankommen.” DJ Rush natürlich auch. Als der Daves Studio betrat, war die Techno-Legende aus Chicago angeblich erst einmal hin und weg. So viel Equipment, darunter jeden Compressor unter der Sonne, habe er selten zu sehen bekommen, meint Dave. Besonders erwähnenswert: Die vielzitierte Ex-Militär-Hardware – nein, keine deutsche Landmine –, die einst durch ihre exzellenten Frequenz-Trenn-Eigenschaften zum Herausfiltern von Stimmen aus Menschenmengen diente und deren Interface aussieht wie das einer Cruise Missile, wie Dave stolz berichtet. Als er auf sein Studio zu sprechen kommt, gerät Dave zum ersten Mal richtig in Fahrt, hält dann aber inne und sagt: “Das Reden über Boys’ Toys interessiert die weiblichen Leser bestimmt nicht.” Den Startknopf, der endlich mal eines von Daves sagenhaft kontoversen Kommentaren über seine Lippen purzeln lässt, die ihm den Ruf eines “Motormauls” eingebracht haben, ließ sich leider nicht finden, als nach genau fünfundzwanzig Minuten die Interviewzeit herum ist. * Ein “devil’s advocate” kann ein unangenehmer Zeitgenosse sein, weil er aus Prinzip die Gegenposition zu dem einnimmt, was generell als richtig angesehen wird. Text> Katrin Richter. Pix> techno.isafeelin.org. Cheers> Eva, Nash, Jam, Stefan und Marco. Links: www.daveclarke.com www.skint.net |