17.08.2005 RL ARCHIVE OCT 02 +++ Tube Jerk – Shifting Boundaries |
Ideen en masse stecken auch in seinem soeben auf Sativae erschienenen zweiten Album namens „Shift LP“. Dass seine hyperintelligenten Konstruktionen allerdings keine Kopfgeburten sind, sondern richtig fett in die Beine gehen, dürfte auch den ärgsten Holperbeathasser überzeugen. Nachdem Tim Wright gerade im Zusammenhang mit einem seltsam undefinierbaren Phänomen namens „Wonky Techno“ immer wieder durch besonders komplexe und schräge Platten auf Labels wie ILL, Feis, Sativae und Novamute aufgefallen ist, wurde es in Anbetracht des Albums langsam mal Zeit für die Raveline Freak Alliance, sich mit einem roten Doppeldeckerbus in den wilden Norden von London aufzumachen und dort in einem Pub dem Kampftrinken zu frönen. Dabei lockerte sich Tims Zunge merklich, und so manches Mal verriet er um ein Haar jahrelang gehütete Geheimnisse. Jerkin‘ The Gherkin In Stoke Newington betrete ich einen Pub namens Daniel Dafoe. Suchend schaue ich mich im Inneren um. Ich weiß noch nicht einmal, wie meine Verabredung aussieht. Als ich mich umdrehe, um einen Mann an die Theke zu lassen, fällt mir das Magazin, das ich mir unter den Arm geklemmt habe, auf den Boden. Patsch. Ein jung und nerdig aussehender, bebrillter Mann mit Stehwuschelhaarfrisur, der gerade zur Bar geht, hebt es für mich auf. Raveline steht darauf. So erkennen wir uns. Scheint schüchtern zu sein, denke ich. Eine Herausforderung. Also ab ins Kreuzverhör. Denn er ist the one and only Tube Jerk und ich die Raveline Wonk Force on another mission. Tatsächlich: Tim kommt zunächst schwer aus sich heraus, denn er ist einer der Leute, die in der Schule immer still und zurückhaltend waren, einer, der niemals sein Maul weit aufreißt, sondern im Verborgenen tüftelt. Seine Leidenschaft für schräge Musik war dabei ausschlaggebend, dass eins zum anderen kam. Für die Jüngeren unter den Ravern ist es heute unvorstellbar, eine Zeit heraufzubeschwören, in der es noch keinen Techno gab. In der man noch zu psychedelischem Rock und wüstem Punk feiern ging. In der noch keine Es geschmissen wurden, um immer ein freundliches Lächeln auf den verzerrten Lippen zu haben. Für einen, der ein paar Jahre älter ist, ist es natürlich ganz normal. Tim erzählt: “Am meisten hat mich in meiner frühen Weggehphase – wegen der fetten Bässe - Dub geflasht, aber ich habe mir auch alles andere gegeben. Damals ist so unglaublich viel passiert. Das Spektrum reichte von Punk zu den experimentellen Bands wie Cabaret Voltaire und Throbbing Gristle, die mit Synthesizern gearbeitet haben.” Tim macht eine Pause und leert sein Pint, und kauft die nächste Runde Lager, bevor fortfährt: “Ich glaube, meine endgültige Konvertierung zur 'Dancemusik' kam einer Erleuchtung nah. Vielleicht waren es die Mushrooms. Auf jeden Fall habe ich mich zum ersten Mal gefühlt, als ob ich tanzen wollte.. Dabei war der Sound von Mark Stewart And The Maffia einfach nur slower, fetter Dub, aber Bässen die Bässe waren dermaßen verscheppernd, dass ich nie mehr aufhören wollte. Ich werde mich immer an diesen Moment erinnern: Meine Erleuchtung durch die Mark Stewart Band.” „As Techno as possible…“ Bald zog der junge Tim wegen seiner Ausbildung nach Manchester. „Anfang der Neunziger hatte Techno für mich einen Level von Kreativität erreicht, der mich bis heute flasht. Was damals, bevor die ganzen Styles sich absplitteten, als Techno empfunden wurde, ist unglaublich. Das würde heute nur noch Kopfschütteln hervorrufen. Mich hat das immer fasziniert. Wie extrem krude, rudimentäre Sounds, auf die richtige Art und Weise zusammengefrickelt, so eine Dynamik entwickeln konnten. Zum Beispiel der Warp-Sound: nur ein bisschen Bleepen und ein Beat, und schon dieser einfache Sound hat so viel beinhaltet und war so dermaßen kreativ und innovativ, was auch die Verwendung von strangen white Noises anbelangt! Das finde ich tierisch faszinierend, und diese Elemente vermisse ich auch heute häufig beim heutigen Techno. Ich war eine ganze Zeit lang einfach mega-allergisch gegen diesen monotonen Looptechno und hatte auch überhaupt keinen Bezug zu Techno à la Plastikman – ich fand einfach, dass Techno im Laufe der Jahre immer konservativer und langweiliger wurde.“ Inspiration fand Tim anderswo: „Ich stehe auf einen deepen, fetten Knarze-Farze-Bass, der Rest muss auch einfach dark, twisted und funky sein… so etwas gibt‘s ja hauptsächlich in anderen Genres, zum Beispiel 2Step oder diversen Breakbeatproduktionen. Das ist einfach dermaßen innovativ und unorthodox! “ Die Vorliebe für schräge Bassläufe und strange Breaks verbindet ihn mit der Sativae-Crew und der No-Future-Posse, in dessen Reihen der "Usual Suspects" er kurzerhand eingereiht wurde, und wo er auch völlig souverän durch seine Eigenheit heraussteht. „Allerdings war ich vom letzten Speedy-J-Album sehr begeistert“, gibt der Mann der gequälten Töne zu Protokoll. „So langsam finde ich sehr monotone Beats tatsächlich ansprechend.“ In der Tat: Eine seiner Missionen war nach eigener Aussage, mit Tube Jerk so Techno zu werden wie nur möglich, und das ist ihm geglückt. Die „Shift LP“ ist ein äußert vielschichtiges Album, dass mit zehn Tracks sowohl die Peili-Feiersäue als auch die Pupsesofa-Zuhörer beglückt. Tim schafft es, mit seinen komplexen Produktions-Style und freakigen Struktur-Konstrukten die absolute Dancefloortauglichkeit zu gewährleisten, da es nicht die gewohnten Mechanismen bedient, sondern ganz neue Ideen zu einem echten Soundwellenritt macht. Seinen Namen fand der Tube Jerk im Übrigen, indem er sich Gedanken machte, wie sich wohl eine brechende Welle – die Tube – von Innen anhört, wenn man gerade auf seinem Brett durch den Wasserkanal saust. Und der Rest, der Jerk – stammt von seinem exzessiven Herumgedrehe an Maschinenknöpfen. Das Album macht mit seinen atmosphärischen Soundreisen aber auch den Kiffer happy, denn man kann es nicht genug hören. Jeder Track beginnt steady, aber bevor man sich versieht, begibt sich Tim auf musikalische Abwege, so dass man sich schließlich in einem anderen Track wähnt. Langsam verflechtet er die ursprünglichen Grundthemen aber stets wieder. Unüberhörbar neu sind aber die Elektro-Referenzen, die sich eingeschlichen haben. „Stimmt“, murmelt Tim, „es gibt mehr Stimmen. Und Samples!“ Aber Achtung: Es gibt keine Schubladen! Nicht eine! “Hacienda was pants!” Leider war Tim bei der angeblichen Geburtsstunde von elektronischer Feierkultur nicht in the House. Oft von allen hochgehypt worden sei der Einfluss, den die Öffnung der Hacienda, die von den Happy Mondays betrieben wurde, auf die Musik in England hatte. Tim meint fröhlich: „Ich war ein paar Mal da, aber es war immer nur voll mit Studenten, die sich die Kante gegeben haben. Ich war damals ja selber Student, also ist das verzeihlich. Aber ich war ein kleiner Usselpunker und habe immer richtig fetten Ärger an der Tür gehabt. Die Bouncer haben mich mit meinem Outfit meist nicht reingelassen. Da gab es ‘ne tuffe Door. Leider scheint es für Leute immer ein Zeichen von Qualität zu sein, die den Club ausmacht, wenn sie sich für ihr Aussehen beleidigen lassen müssen. Anscheinend fühlen sie sich wohl, wenn sie von irgendjemand konstatiert bekommen, dass sie irgendwelchen Standards entsprechen. Naja. Musikmäßig gab es da auch noch zwei oder drei viel interessante Venues, wo ich dann stattdessen immer hin bin.“ Schließlich siedelte der junge Musikfreak nach York um, wo er eine Band namens Sand mitbegründete. York, ursprünglich eine von den Römern errichtete Stadt im Osten der Midlands, war mal eine Zeit lang die Hauptstadt Englands und hat deswegen eine wunderschöne Altstadt, ist aber nicht gerade bekannt für seine Szene. Tim erklärt: “Es gibt keine, der einzig gute Club hat vor drei Jahren zugemacht. Aber es gibt unglaublich viele Leute, die dort Musik produzieren.” So fand er sich inmitten eines Haufen von Freaks wieder. Als Sand begannen sie, ihren Vorstellungen entsprechende Musik zusammenzubasteln. “Die anderen würgten auf ihren Instrumenten herum, und ich steuerte aus meinem Atari gequetschte Klänge bei”, erzählt Tim mit einem Schmunzeln. “Eigentlich hatten wir kein Konzept und keinen Plan. Wir machten einfach Livemusik zusammen und hatten jede Menge Spaß.” Zwei oder drei Jahre später hatten sie allerdings ihren ersten Vertrag in der Tasche, etwas, womit keiner so richtig gerechnet hatte, aber auch keinen störte. “Unseren allerersten Gig”, erzählt Tim aufgeregt, “hatten wir allerdings hier auf dem Stoke-Newington-Festival. Wir haben auf einer Bühne mitten im Friedhof gespielt, die direkt vor der alten Kapelle errichtet worden war. Was eine Location!” Aber Tim, der Allround-Musiker, betätigte sich auch noch in zahlreichen anderen Projekten und frickelte schließlich an einem Solo-Projekt namens Germ herum, welches ihm jenseits der Live-Musiker-Szene viel Anerkennung brachte. Auch hier musste er sich nicht lange gedulden und landete einen Erfolg: General Productions Recordings, das größte Independent-Label für experimentellen Sound, das es neben dem vielgelobte Sheffielder Bleeplabel Warp noch gab, nahm Wright aka Germ unter Vertrag. Shifting Gears “Das war natürlich endgeil. Aber irgendwie hatte ich Pech, denn das Label ist irgendwann pleite gegangen. In meinem jugendlichen Optimismus hatte ich einen Vertrag unterzeichnet, in dem ich die Rechte an meinem Namen dem Label überließ. Luke Slater war auch auf dem Label, aber er hat es relativ schnell geschafft, da rauszukommen, und es hat auch seine Existenz nicht ruiniert, aber an dem Bankrupt sind viele Musikerkarrieren zerbrochen. Viele hatten nicht die Kraft, sich unter einem neuen Namen noch einmal zu etablieren und gaben auf. Ich selbst war dann auch total ratlos, aber zum Glück habe ich nicht aufgegeben und mein neues Label, ILL, das ist ein Sublabel von Play It Again Sam – PIAS – hat mir bei den Fragen des Rechtlichen echt unter die Arme gegriffen. Weitergemacht habe ich dann eben als Tube Jerk. ”Tatsächlich: Der vorhin erwähnte Friedhof ist viktorianischer Gruselhorror pur. Auf dem Weg zum Bus durchqueren wir Stoke Newingtons strangesten Ort. Überall umgefallene Grabsteine, die komplett mit Moos und Efeu zugewuchert der totalen Verrottung entgegenverwesen. “Bei Nacht auch ein in der Gay-Community sehr beliebter Ort zum Cruisen”, grinst Tim. Vielleicht unter Vampiren. Während wir sichtlich angeheitert an den riesigen Epitaphen vorbeiwanken und verschämt ein paar schlechte Fotos von Tim machen, verabredet sich Tim mit Seth Hodder von Novamute. Heute setzen sich die beiden zusammen, um den Schlachtplan fürs nächste Jahr auszuhecken. Nach dem absolut bahnbrechenden Sativae-Album plant Tim Wright gleich schon den Nachfolger, der genau wie die beiden EPs auf Novamute, ”Searcher” und “The Lunge”, unter seinem eigenen Namen erscheinen soll und im nächsten Jahr erscheinen wird. "Ich werde gleich morgen loslegen", freut sich Tim. Was diesmal dabei herauskommen wird, weiß er auch noch nicht. Aber stille Wasser sind tief. Innerview: Kat Richter, Pictures: Katamin. Thanks to Dave & Steve. Links: www.tubejerk.com www.sativae.com/ Tubejerk%20Microsite%20Folder/default.htm |