13.08.2005

RL ARCHIVE JUL 03 +++ Dave Tarrida - Der Fette-Bässe-Man








Aggressive Basslines und freakiger Future-Funk finden sich in seinen Techno-Produktionen in immer erquickenderem Ausmaße und auch sein Label Sativae, das er mit Fellow-Funkateer Steve Glencross betreibt, hat mit einem konstanten Output von wonky Techno-Produktionen so manchen Verfechter des Bumm-Bumm-Bumm-Taktes aus dem Konzept gebracht. Als einer der „üblichen Verdächtigen“, die den schrägen, britischen Techno-Sound vorangetrieben haben, sind Tarrida, ein Mann der ersten Stunde, sowie seine Mitstreiter von damals und heute – Neil Landstrumm, Cristian Vogel, Steve Glencross, Tobias Schmidt, Subhead, Tube Jerk, Jamie Lidell, Si Begg und wie sie noch alle heißen – mittlerweile zu international bekannten Größen geworden, die für ihren einzigartigen Style – manchmal als Brighton-Techno zusammengefasst – auf der ganzen Welt Anerkennung finden.

Sonar Nights

Schließlich erkennen wir uns daran, dass wir einander mit unseren Handys am Ohr gegenüberstehen. Dave, halb Schotte, halb Katalane, wohnt nach seiner wilden Techno-Jugend in Edinburgh mittlerweile seit drei Jahren in Barcelona, und hat sich erstaunlich gut akklimatisiert. Sein mediterranes Outfit – Shorts, Sonnenbrille und Bast-Flip-Flops sowie eine gesunde Bräune – täuschen überraschend gut über die Tatsache hinweg, dass der Mann hauptsächlich bei Nacht in geschlossenen Räumen aktiv ist. So auch geschehen in den letzten sieben Tagen. „Man“, stöhnt Dave, „die ganze Woche ging es hier rund. Mein Haus war voll mit Leuten von Zuhause – aus Schottland – und allen möglichen anderen Verrückten!“ rechtfertigt er sein offensichtliches Schlafdefizit in einem breiten schottischen Whisky-Gurgel-Trainspotter-Akzent, und bestellt sich im gleichen Atemzug ein Croissant und einen Milchkaffee auf Spanisch. Beeindruckend. Die Kombi Schotte/Spanier geht auf: Von seiner Mutter hat er die Trinkfestigkeit, von seinem Vater den Hang zum exzessiven Feiern geerbt. Oder ist es umgekehrt? Not that it matters. Dave rollt seine großen braunen Augen: „Weißt du, ich teil mir ja mit Lars Sandberg von Funk D´Void das Haus, und wegen des Sonar-Festivals sind alle bei uns eingefallen wie die Heuschrecken.“ Das Festival, das seit zehn Jahren in Barcelona stattfindet und neue elektronische Musik in einem anspruchsvollen Tages- und feierfreudigen Nachtprogramm vorstellt, verwandelt nicht nur Tarridas Haus, sondern ganz Barcelona für ein langes Wochenende in ein Tollhaus. In den vergangenen zwei Jahren hat Dave auf der Hauptstage des Day-Events aufgelegt und im letzten Jahr sogar das abschließende Set gezockt. In diesem Jahr hat er sich mehr darauf konzentriert, seine ganzen alten Freunde und Kollegen wiederzusehen und mit ihnen gemütlich abzufeiern. Vor drei Tagen hat Dave noch im kleinen, am versifften Ende der Ramblas gelegenen Moog-Club auf der dort stattfindenden Tresor-Nacht ein genial verspielt-verspultes Set zum Besten gegeben. „Es war gar nicht so einfach“, meint Dave, „das in ein Set zu packen, aber gerade diesen Bogen zu spannen und dabei die Leute zu entertainen war eine echte Herausforderung.“ Höchstens dreihundert Leute haben im Moog Platz, das DJ-Desk befindet sich auf Augenhöhe der Tanzenden. Ideal, finden wir. „Ja, das Moog hat hier in Barcelona einen hohen Stellenwert“, sagt Dave, und tatsächlich spielen dort, ob Sonar oder nicht, jede Woche internationale Top-DJs vor einer distinguierten Crowd.

Barcelona Barrio Boys

Barcelona ist still und heimlich zu einer der besten Adressen in Sachen Techno und Feiern geworden, eine Entwicklung, an der das Sonar-Festival nicht unwesentlich beteiligt war, findet auch Dave. Durch das konstante Promoten von avantgardistischen Musiktendenzen ist auch beim Publikum die Bereitschaft groß, sich auf neue Styles wie eben schrägen Techno einzulassen. Diese idealen Voraussetzungen waren ausschlaggebend, dass Dave 1999 den entscheidenden Schritt tat und auch sein Studio hierhin verlegte, was ihm sein Freund Cristian zwei Jahre später gleichtat. Dave fährt fort: „Es kommen immer mehr Leute aus Schottland. Mindestens fünf meiner Freunde wollen demnächst alle nach Barcelona ziehen.“ Im Falle Tarrida lag das auf der Hand. „Ich bin hier geboren und meine ganze Familie väterlicherseits lebt in Barcelona. Ich hab' auch keine Lust, jemals wieder zurückzugehen,“ grinst Dave. „Schottland ist zu kalt und es regnet immer nur!“ Trotzdem verschlug es Daves Eltern kurz nach seiner Geburt nach Edinburgh. Glücklicherweise, denn dort wurde er um 1988 vom Acid-Fieber infiziert und gab sich exzessivst dem Feiern hin. Schließlich fing er an, selbst aufzulegen. Übers Weggehen lernte er auch seine späteren Mitstreiter Steve Glencross und Neil Landstrumm kennen. Zusammen wurden sie zu einem festen Bestandteil der dortigen freien Party-Szene und ab 1991 veranstalteten sie kurzerhand ihre eigenen Partyreihe, die sie Sativa – eine lateinische Gattungsbezeichnung der Cannabis-Pflanze – nannten, was laut Dave nahe lag: „Wir haben eben gekifft wie blöde!“ Trotz des Kiffens ging aber noch eine ganze Menge. „Wir fuhren halt auf diesen rohen Techno-Sound ab, und schon damals zeigte sich, das wir damit irgendwie eine ganze Menge Techno-Freaks ansprachen. Dave Clarke spielte bei uns, und zwar nicht so ein Zeug wie heute, sondern übelsten Techno. Neil Landstrumm war damals gerade achtzehn geworden – ich war 21 – als es richtig los ging. Der Junge hatte einfach jede Menge Talent, und das kristallisierte sich im Laufe der Jahre immer mehr heraus.“

Sativae Sound

Noch ein weiteres Talent fand seinen Weg nach Schottland: Cristian Vogel wurde von Dave Clarke irgendwann von Brighton in den Norden gelotst. Dave erzählt: „Es klickte sofort zwischen ihm und mir. Cristian hat dann bei uns sein erstes richtiges Livesets gespielt, und die Leute waren begeistert! Danach ging es richtig los: Ganze Busladungen voll mit Leuten aus ganz Großbritannien und Europa sind zu uns gekommen, es war der Hammer! Man muss sich das so vorstellen: Es gab zwar zu Anfang noch viele Technoveranstaltungen, aber vergleichbar mit dem, was wir gemacht haben, war nur ‚The House Of God‘ in Birmingham. Wir waren echt progressiv, wir haben viele Techno-DJs und Producer nach Großbritannien geholt, zum Beispiel DJ Hell, Electric Indigo, Adam X und Claude Young, die vorher noch nie dort aufgelegt hatten.“ 1994 gründete Dave mit Steve Glencross das Label Sativae, auf dem auch gleich sämtliche befreundete Techno-Produzenten aus dem Dunstkreis der Sativa-Parties – Neil Landstrumm, Tobias Schmidt, Cristian Vogel, Justin Berkovi und Jamie Lidell – Mörderplatten releasten. Die Partyreihe wurde im folgenden Jahr eingestellt, denn stattdessen konzentrierten sich die Jungs auf das Label. „Ich habe aber immer noch parallel dazu landauf landab auf den ganzen freien Techno-Parties aufgelegt, zum Beispiel in Leicester, da habe ich viel mit Grant Barber und Colin von Ugly Funk gemacht, und das hat richtig gekickt.“ Soundsystems irgendwo im Nirgendwo stellten eine kostengünstige und undergroundig anarchische Do-It-Yourself-Alternative zu den aufkommenden Superclubs dar, die Techno immer mehr in die mit schlechtem Sound ausgestatteten Backrooms verbannten und schließlich zu Gunsten des aufkommenden Drum‘n‘Bass ganz aus ihrem Programm kickten. „Mit dem Label war ich – genau wie schon mit der Organisation des Clubs – echt nonstop eingespannt“, meint Dave, als ich ihn danach frage, wie es kommt, dass er im Vergleich zu seinen Kollegen erst relativ spät mit dem Produzieren von Musik angefangen hat. „Es kamen ja noch meine zwei eigenen Labels hinzu: 1996 habe ich Drought gegründet, wo mit Produzenten wie Jay Denham, Si begg, Justin Berkovi, Tobias Schmidt und DJ Valium andere Seiten von Techno zum Tragen kamen, und 1998 habe ich eine Mini-Serie namens Penalty gestartet, die mehr in Richtung Elektro ging und Musik von Künstler wie Si Begg, Silicon Scally, DMX Crew, Tobias Schmidt, Justin Berkovi, DJ Valium, DJ Godfather, Jason Subhead, Michael Forshaw, Jamie Lidell, The Hacker, Ectomorph und Steve Glencross featurte. Die üblichen Verdächtigen eben.“

Fette Bässe

Irgendwann kam aber Dave selbst zum Zuge: Seinen ersten Erfolg feierte er mit einem mit Tobias Schmidt produzierten Release auf Tresor Records, nachdem er als Pujol auf Neils Scandinavia-Imprint debütierte. Danach folgten Releases auf Sativae, Tresor, Mosquito, Predicaments und Extras und schließlich immer wieder EPs auf Tresor, bis im Jahre 2000 sein erster Longplayer namens „Paranoid“ herauskam. Dave meint: „Bei Tresor zu landen war wirklich ein Glücksfall. Ich komm‘ wirklich gut mit den Leuten dort aus. Sie lassen einem alle Freiheiten, da gibt es kein: ‚Dieser Track passt nicht zu den übrigen‘ oder ‚Mach‘ das noch mal anders.‘ Darüber bin ich froh. Und ich muss wirklich sagen, dass sich, seit ich bei Tresor bin, alles sehr zum Positiven entwickelt hat. Alles, was ich so rausbringe, verkauft sich gut, und auch mein neuer Mix auf Tresor läuft wohl ganz gut, Gottseidank…“ Stichwort Mix: gerade ist Tarridas erste Mix-Compilation auf Tresor herausgekommen. „Dave Tarrida Plays Records – Globus Mix Vol. 6“ heißt sie schlicht und komprimiert Tracks von Smash TV, Tobias Schmidt, Cristian Vogel, Aeox, Steve Glencross, Mick Wills, Digital Princezz, S.I. Futures, The Mover, Black Ops, Subhead, Wilko, Lamonde, Neil Landstrumm & The Horrorist mit drei exklusiven Tracks von Tarrida selbst. Da zuckt die Wade der Future-Funker, da rotiert die Hüfte der Groove-Bassisten und jedes Technoschwein kann trotzdem gehörig abwibbeln, denn auch die Harten im Garten werden an der gepflegten Schrägheit ihre Freude haben. Wem das alles noch nicht reicht, der checke gewissenhaft Sativae aus, wo demnächst ein „wunderschönes Suave-Techno-Album“ (O-Ton Tarrida) von Tube Jerk erscheint und Releases von Håkan Lidbo das Label weiter in die Zukunft führen werden. Und last but not least: Dave hat gerade die finishing Touches an sein nächstes Album gelegt, das im Herbst auf Tresor erscheinen soll. Was gibt es zu erwarten, Dave? „Fette Subsonic-Bässe und alles wieder mal sehr Dancefloor-orientiert. So bin ich eben. Da gibt es keinen großen theoretischen Ansatz wie bei Cristian. Vielleicht spiegelt sich mein etwas weiteres Spektrum wieder, was durch das Rearrangieren meines Studios zustandegekommen ist: Ich benutze die Maschinen anders. Noch mehr darke Basslines.“ Er verdreht die Augen und grinst auf seine sehr symphatische Art.

Weird Wicked Wonky Technos Unite!

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Labels und Clubs, die auf den verdrehten Sound der Engländer abfahren und die Ideen weiterführen, allen voran Test in Glasgow, wo die Usual Suspects so oft wie möglich gemeinsam DJen und abfeiern. Dave bestätigt das: „Es gibt tatsächlich so Zentren auf der ganzen Welt, wo sich – völlig unabhängig von dem was wir in Barcelona beziehungsweise Glasgow und Brighton machen – Leute mit einem ähnlichen Verständnis von Musik zusammengefunden haben und dort jetzt auch ihr eigenes Ding starten. Poznan in Polen ist mit Marcin Szubalas Currently Processing ein solcher Knotenpunkt, oder auch Stuttgart mit dem Neue-Heimat-Label von Daniel Benavente und Frank Yentner von Humpty Records. Die haben übrigens fett was damit zu tun, dass der Sound so populär wurde. Statt drei Platten zu ordern, kaufen die Riesenmengen von unseren Platten und empfehlen sie jedem Kunden… anders kann ich mir das nicht erklären. Dann gibt es noch die Schweiz, da geht auch fett was: Hi-Speed aus Zürich und die Electronic Weed Crew. Kassel mit Pierres Labels Hörspielmusik und Utils ist auch so eine Connection. Auf der diesjährigen Nature One spielt der kleine Dave Tarrida dieses Jahr im großen Techno-Zirkus, und er ist schon ganz aufgeregt. Die Massen werden hoffentlich seinen wunderschönen groovenden, verdrehten Style als gelungene Alternative zu würdigen wissen.

Words & Bilders: Katrin Richter

Mehr über Barcelona erfahrt ihr übrigens in dem auch bald auf dieser Seite zu findenden Sonar-Spezial-Report.

Links:
www.sativae.com
www.tresorberlin.dede




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