12.08.2005

RL ARCHIVE JUN 02 +++ Bandulu: "Wir sind endlich wieder frei"









Seit ihrem 1996er Album “Cornerstone” ist viel Zeit vergangen, aber die drei Bandulus Jamie Bissmire, John O’Connell und Lucien Thompson waren in den letzten sechs Jahren keineswegs untätig. Da sie aus rechtlichen Gründen als Bandulu keine Platten releasen durften, bis ihr Vertrag mit Blanco Y Negro ausgelaufen war, kümmerten sich die drei um ihre zum Teil sehr erfolgreichen Solo-Projekte und Labels – und John gründete eine Familie. Wie ihr neues Album beweist, sind Bandulu sich trotz aller Probleme treu geblieben und stehen mit ihrem Sound, ihrer Show und ihrem Können bis heute unkopiert heraus. Raveline hat sich die Jungs mal geschnappt – Folgendes ist dabei rumgekommen.



Ruffin’ it in Hornsey

In Londons armem Norden, neben der viktorianischen Gruselklinik für Geschlechtskrankheiten, schwingt sich ein riesiger Brückenbogen über die wie Klippen aufragender Seitenwände: der Archway. Dort liegt irgendwo linker Hand ein Pub, an diesem sonnigen Tag fast lichtdurchflutet. Drinnen, an einem Tisch aus Holz, sitzen dort zwei gereifte Männer. Den dritten, den wilden Frontman Lucien Thompson, haben sie nicht mitgebracht, denn sie haben schlicht vergessen, ihm Bescheid zu sagen. Der eine, Jamie, hat ein jugendliches, aber fast verschlossen wirkendes, verhärtetes Gesicht; der andere, John, ist durch sein Alter fast schon gezeichnet – seine gegerbten Gesichtszüge weisen auf zu viele freudige Stunden hin. Aus den Jungs von damals sind respektable Männer geworden – John ist seit einem Monat Vater, was wohl auch ein Grund für sein Schlafdefizit ist. “Oi bebe”, brabbelt er mit seiner rauhen Stimme, die, wenn er singt, weich und wunderschön verträumt Reggae-Dub intoniert, und schaukelt den einen Monat alten Sohn hin und her. Vor über fünfzehn Jahren sind sich die beiden in der Mitte der Nacht begegnet. Gemeinsam bespühten sie die Mauern, Tunnelwände und Häuserfassaden von Muswell Hill und Harringay in der Nordlondoner Borough Hornsey. Die “UK Artists”, wie sich Jamie und John zunächst nannten, fanden durch Johns Schwester einen dritten Suburban Warrior, Lucien. In dem harmonisch klingenden Sing-Sang der Londoner reimten und slangten sich die drei Jugendlichen in feinstem Cockney Roots Raggae ihre eigene Definition von Sound zusammen, während sie tagsüber raren Platten hinterherjagten und weiterhin jede Nacht sprayten und auf Parties gingen.

Rudebwoy Riddims

HipHop, Funk und Elektro gehörten genauso zu ihrem musikalischen Background wie Northern Soul und der Dubsound der jamaikanischen Soundsysteme. Auch die Musik aus Detroit und Chicago und der um ‘88 aufkommende Acid-Sound begeisterte die drei Ruffnecks. Nachdem sie diverse Erfahrungen als DJs gesammelt hatten, fingen John, Jamie und Lucien 1992 schließlich an, Musik zu produzieren. Bereits damals zeichnete sich das breite Spektrum ab, das ihren bis heute sehr organischen Sound, eine Mischung aus Jah-Shaka-Dub, HipHop und Techno, ausmacht. “Bandulu”, so ihr neugefundener Name, bedeutet nichts anderes als “Rudeboy”, “Bandit” oder “Criminal” im jamaikanischen Rastafara-Patois, eine freche kleine Anspielung auf ihre nicht immer legalen Aktivitäten bei Nacht. Bereits 1992 erschien das erste Album, “Guidance”, auf dem mittlerweile eingestellten Infonet-Label von Alan McGee und Chris Abbot, auf dem 1994 auch das zweite Album, “Antimatters”, herauskam. Als sie 1995 zum Warner-Imprint Blanco Y Negro wechselten, glaubten sie, damit den großen Wurf getan zu haben, denn durch den Deal erhofften sie sich ein besseres internationales Marketing und mehr Möglichkeiten. Zunächst lief alles dandy: das dritte Album “Cornerstone” wurde 1996 veröffentlicht. Bandulu waren in dieser Zeit nonstop als Live-Act unterwegs und begeisterten die Feiernden mit ihrer legendären Live-Performance, die zu einem elementaren Teil von Bandulu werden sollte.

A bit of a bummer

Leider erfüllte sich der Traum vom Durchbruch nicht. Im Gegenteil: durch die mangelnde Bereitschaft der Marketingleute bei Warner, einen nur “mäßig erfolgreichen Techno-Act” zu pushen, gerieten die Bandulus immer mehr aufs Abstellgleis. “Wir haben überhaupt keine Promotion bekommen”, erzählt Jamie. “Dabei haben wir total gepuscht. Es kam zwar zum ersten Album, aber danach haben die wirklich gar nichts mehr für uns getan. Es gab auch in Amerika genug Leute, die an unserer Musik interessiert waren, aber der Vertrieb innerhalb dieses Riesenapparates von einem Major war completely fucked up. Die mussten das Album erst einmal allen ihren Vertriebspartnern zur Lizenz anbieten, anstatt es jemand zu überlassen, der Interesse daran gezeigt hat. Dadurch haben die von Blanco Y Negro viel Geld verloren!” Jamie und John reden vor lauter Aufregung durcheinander. Sie fahren gemeinsam fort: “Allerdings hatten wir einen Vertrag über fünf Jahre und eigentlich sollten wir ein zweites Album liefern. Also mussten wir uns daran halten.” John erzählt: “Das größte Problem für uns war die Kontrolle, die sie über uns hatten: Wir konnten nicht einfach eine Platte herausbringen, wann wir das für richtig hielten. Wir konnten nicht releasen, was wir wollten. Da den Labelmenschen nicht gefiel, was wir gemacht haben, haben sie uns einfach ausgebremst. Da ihnen unser Name gehörte, konnten wir während dieser Vertragsfrist nichts unter unserem Namen herausbringen. Crap! Shit!” Weil es gar nicht mehr anders ging, verlegten sie sich schließlich darauf, unter verschiedenen Projektnamen und Pseudonymen Musik zu produzieren.

In Space, No One Can Hear You DJ

“Die haben uns alle Möglichkeiten genommen, uns als Band zu präsentieren. Deswegen sind wir zwangsläufig von der Bildfläche verschwunden.” Jamie fügt hinzu: “Wir haben uns schließlich danach gerichtet, was die wollten. Es war wie in einer Beziehung: jeder gibt bis zu einem gewissen Grad nach, aber irgendwann ging gar nichts mehr.” In den fünf Jahren, die Bandulu bei Blanco Y Negro waren, sind gerade mal zwei Singles und das Album entstanden. “Jeh man, die können uns mal”, meint John. Um ein Outlet für ihren Sound zu haben, gründeten die Exil-Bandulus im September 1996 ihr eigenes Label, Foundation Sound Works, auf dem sie unter dem Namen Foundation Sound Works insgesamt fünf Vinyl-Doppelpacks herausbrachten – auch ein Album war geplant. “Der Sound ist etwas roher, ungeschliffener und tooliger als bei Bandulu”, sagt Jamie. Im Februar 1997 kam dann noch ein zweites Label hinzu, Ground, das aber ausschließlich von Jamie Bissmire betrieben wird und sich durch seinen durchweg hochwertigen Techno-Output, wie zum Beispiel Releases von Umek, Ade Fenton, Ben Long und Chris McCormack, auszeichnet. Jamie war seit seinen B-Boy-Tagen DJ-mäßig unterwegs und gründete 1993 mit Ben Long die Space DJz. Zusammen legten sie Techno auf und machten sich unter anderem als Residents von Steve Bicknells “Lost” einen Namen. Jamie, der schon immer der Techno-Fixierteste der Band war, lebte so seine härtere Seite in sich aus, wohingegen John als DJ Escobar an einem House-Projekt arbeitete und unter dem Pseudonym China Jungle produzierte. Andere Projektnamen waren unter anderem ECC (Earth Coincidence Control), Sons of The Subway, Koh Tao und Thunderground.

Erlösung

Mit “Redemption” sind die drei endlich wieder redlich vereint, weswegen sie das Album auch ‘Erlösung’ genannt haben. “Jeh man”, sagt Jamie: “Das neue Album ist bereits in den letzten Jahren entstanden, immer, wenn wir zusammen im Studio waren. Eigentlich waren wir ja bei den Warner Brothers unter Vertrag, aber wir konnten die nie so richtig zufriedenstellen. Da kam einfach nicht dieses fette, kommerzielle ‘Bandulu-Liedchen’, auf das sie immer gehofft haben. Als sich endlich unsere Wege trennten und wir dann durch den Stefaan bei Musicman in Belgien gelandet sind, wollten wir, dass unser Album so schnell wie möglich rauskommt, denn wir habe so lange darauf gewartet und vieles von dem Material lag ja schon seit Jahren bereit und durfte nie veröffentlicht werden. Selbst das Cover der CD ist vier Jahre alt, das haben wir damals entworfen und konnten es nicht verwenden. Wir konnten sie nie ‘rausbringen. Damals waren wir noch auf nem anderen Trip, ‘ne andere Art von Soundscape eben, man. Deswegen unterscheiden sich die älteren Sachen stark von unserem jetzigen Style. Einige Tracks sind aber auch superfrisch, ‘Wetlook’ zum Beispiel. Von allen Singles ist die Nummer die aktuellste. Unsere jetzige Definition von Bandulu.” Das Album ist soeben in CD-Form auf Musicman erschienen, wird aber auch noch auf Vinyl herauskommen. Allerdings sind darauf – bis auf “Jahquarius” – völlig andere Tracks vertreten: “Ein insgesamt eher clubtaugliches Format mit mehr Hardness”, sagt Jamie: “Die “Wetlook”-12” mit ‘44100’ auf der Flip ist bereits im Mai erschienen und lässt eure Dreads wegfliegen, believe me.”

Chapter 6

Obwohl es die Bandulus nun schon seit zehn Jahren gibt und sie alle älter geworden sind, ist ihr Sound immer noch elementar treibend und in der letzten Zeit eher wieder härter geworden. “Jeh, man”, sagt Jamie, “mittlerweile ist John verheiratet und hat ein Kind, aber wir haben jetzt, wo wir wieder frei sind, so einen Bock darauf, zusammen Musik zu machen… die ganze Zeit lief ja gar nichts mehr. Das hat uns irgendwie schon gelähmt.” John fügt hinzu: “Und jetzt können wir wieder zusammen ins Studio, weil’s wieder was bringt, und seitdem produzieren wir wie bekloppt!” Seit letztem Jahr sind die drei auch öfters wieder live zu sehen. Technoideste Partypeople mit Schlaghosen, Rootsdownreggae-Menschen mit bunten Zöpfen und bebrillte Soundfetischisten mit steifen Körpern wogen in trauter Eintracht vor der Bühne, auf der Lucien, der hyperaktive, hyänenartige MC, wie an einem Gummiband hin und her flitscht und ins Mikrofon bellt. Dazu erklingt der hypnotische Gesang von John, der genau wie Jamie hinter den Geräten derbe abfeiert und gleichzeitig Sequenzen moduliert. “Wir lieben es, den Leuten so richtig einzuheizen”, meint Jamie dazu. “Die Leute kommen, um uns live zu erleben. Wir sind auch einer der wenigen Live-Techno-Acts, die schon mal mit echten Instrumenten arbeiten. Dieser Live-Charakter ist uns auch mega-wichtig, weil wir selber dabei richtig draufkommen. Wir könnten gar nicht steif rumstehen und ein bisschen an den Knöpfen drehen!” sagt John. “Um das Album zu promoten, haben wir auch eine kleine Tour geplant! Wir wollen durch ganz Europa touren, aber nicht nur auf irgendwelchen Großevents, sondern als Bandulu.”

Out There Interlude

"War's das – wir müssen los, man..." sagt ein zunehmend unentspannterer Jamie. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Londoners liegt zehn Jahre unter der eines “Restbriten”. Das liegt nicht nur an der übermäßigen Luftverschmutzung, sondern auch an dem permanenten Stress, dem die Innercity-Inhabitants ausgesetzt sind: “Es ist schwer, der ruhende Pol inmitten des Chaos zu sein. Ich hasse diese Stadt – ich werd' noch ein bisschen Kohle machen und dann zieh’ ich mit meiner Freundin nach Malaysia und setz' mich dort zur Ruhe ”, sagt Jamie. Gehetzt blicken Jamie und John auf ihre Uhren, und schnell, schnell, wird das dritte Lager geext und im Halteverbot vor der Tube, mit einem hupenden roten Doppeldecker im Nacken, trennen sich unsere Wege. Schnell am Big-Issue-Verkäufer vorbei über die Abzäunung gesprungen und da erhebt sich wieder der majestätische Bogen der Brücke am Archway, während ein schlurfender Säufer seine Dose Caffrey’s auf den Boden fallen lässt. Hier kann man kaum in Würde alt werden.

Buchen kann man die Jungs von Bandulu auch heute noch bei Jesco Schuck von Continuum Management. Anfragen könnt ihr telefonisch unter 0751/ 35290-80 oder per Fax –81.

Text: & Pix: Katrin Richter



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