10.08.2005

RL ARCHIVE MAR 05 +++ Lusine - Fließbandarbeit in der Iron City








Mc Ilwain, bekannt als L’Usine – das französische Wort für Fabrik –Lusine ICL und Lusine, produziert niemals auf Kosten der Tanz- und Hörbarkeit glitchig-komplexe Cut’n’Break-Strukturen von traumhaft schöner Klarheit. Ihm gelingt es mühelos, Geeks zum Tanzen und Freaks zum Denken zu bringen. Seit Jahren spuckt die Fabrik fleißig Alben aus. Doch seit dem Erscheinen von “Serial Hodgepodge”auf Ghostly International, dem amerikanischen Überimprint, geht es Schlag auf Schlag. Zusammen mit seinen Ghostly-Kollegen Tadd Mullinix aka James T. Cotton und dem Publikumsliebling Matthew Dear bereiste der Amerikaner die Clubs Deutschlands. Zeit, sich in der Fabrik mal umzuschauen.

Serienproduktion

Wenn man McIlwain zum ersten Mal erblickt, dann überkommt einen die alte Angst vorm Klassenprimus, der mit verächtlichen Worten intuitiv dahingesagte Statements über Musik und die Welt mit einer abfälligen Rhetorik dekonstruiert und einen mit easy Do-It-Yourself-Handgriffen bis in alle seine unbedeutenden Einzelteile zerlegt. Sein Röntgenblick geht bis ins Eingemachte. Denn eigentlich ist McIlwain wie Supermann. Nachts nimmt er seine Brille ab und rettet die Welt vor stumpfen Beats. Denkt man. Ein Megaüberflieger. Einer, der es bis nach Kalifornien geschafft hat, an eine Eliteuni namens Cal Arts, wo er in Fächern wie Sounddesign für Musik und Film sowie die Elektronische Musik des 20. Jahrhunderts diplomierte. Zum Produzieren von eigenständiger elektronischer Musik kam er allerdings durch einen Freund, der ihn als Achtzehnjährigen dazu brachte, sich einen Sequencer zuzulegen. Und obwohl er während seiner Uni-Laufbahn einige Filme vertonte, war es doch sein Alter Ego L’Usine, das ihm am meisten Freunde machte und das bald auch als Lusine ICL Sound ausspuckte.

Nischensounds

So seltsam umkategorierbar und experimentell seine Musik auch klingen sollte – Probleme, seinen dennoch immer harmonisch und ausgeglichen klingenden Sound einem begeisterten Nischenpublikum zugänglich zu machen, hatte er nie. Eher technoide Dancefloorgeschichten landeten bei Isophlux, akustische Raumexperimente kamen bei U-Cover unter, einem Label, das auch die Platten seines Band Llips releaste, und seine breakig magnetischen Schwebe-Dubexperimente kamen auf Ghostly heraus. Desweiteren erschienen zahlreiche Alben – sind es tatsächlich schon sieben? und ungezählten Singles – auf Labels wie Hymen, Delicatessen und Mental Industries. Keine von McIlwains Platten gleicht der anderen, und doch tragen sie alle seine Handschrift. Vom Sound her irgendwo im kargen Niemandsland zwischen knispeligem Dub, flibberndem elektronischen Bliphop, glitchigem Soundexperiment, schaffeligem Breakbeat und detroitigen Ambientjazz angesiedelt, klingt jeder einzelne Track wie eine persönliche Bestandsaufnahme. Entstanden des Nachts in seiner Fabrik.

Mischmaschstyle

Jeff ist es wichtig, so offen wie möglich zu bleiben. “Von einem Stil zum anderen wechseln zu können gibt mir eine gewisse Freiheit und vielleicht auch eine gewisse Frische. Es geht mir nicht darum, das Rad neu zu erfinden, sondern darum, aus den Einflüssen, die mich geprägt haben, das herauszuziehen, zu dem ich wirklichen Bezug habe, und daraus meine eigene Interpretation von Musik zu machen.” Nach plumpen Referenzen kann man tatsächlich lange suchen. Und überhaupt gelingt es der mittlerweile aus Einfachheitsgründen zu Lusine aka Lusine ICL mutierten L’Usine überraschend gut, dem allzu plumpen Erwartungsdruck des Marktes durch freche Hakenmanöver auszuweichen und sogar dem Dancefloor dabei auch noch seinen ureigenen Stempel aufzudrücken, anstatt sich dem Publikum mit einfachen Beatstrukturen an den Hals zu werfen. Menschen zu seinem komplexen Knasperbreaks-Liveact, aufgeflufft mit pulverigen Technobeats, tanzen zu sehen, hat einen besonderen Stellwert in der elektronischen Szene, in der allzuoft blind kopiert und selten innovativ gedacht wird. Die Musik der Lusine-Gedankenfabrik, die Verkörperung geistiger Resistenz, ist daher ein echtes Vorzeigeprodukt. Der Beweis, dass es auch anders geht.

Text: Katrin Richter

Links:
www.lusineweb.com
www.ghostly.com/1.0/artists/lusine/index.shtml




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