08.08.2005

RL ARCHIVE JUN 04 +++ Free Styling mit den Freestylers: “Es ist mir scheißegal, ob wir cool sind!”







Quirliger, vielseitiger Untergrund-Breakbeat, gepowert durch infektiöse Vocals, multikulturelle Einflüsse und blockrockende Rhythmen, trifft auf wohlerzogene Allroundtauglichkeit – Freestyle eben, erstaunlich glatt produzierter Freestyle. Mit einer guten Handvoll auf den Club ausgerichteter Dancefloorcuts und ein paar säuseligeren Vocalnummern rockt die Kombo Widerstand in Grund und Boden. Raveline erklärt, warum “Raw As Fuck” trotz allem das am wenigsten mainstreamtaugliche Album der Freestylers geworden ist.

“Unser Sound ist dichter und fetter geworden.”

Heutzutage unvorstellbar, aber wahr: Die 1998 erschienenen Hit-Singles und das Debütalbum “We Rock Hard” verkauften sich ohne nennenswerte Promotion über 350.000 Mal. Auf den Crossover-Sound des mit Band und Breakern auf Tour gehenden Londoner Duos schien jeder klarzukommen: die Hop’n’Basser, die Elektrorocker, die Rootsbeatler, die Reimer, die Junglerastas und natürlich die völlig unbedarften Festivalgänger. In den Staaten feierte man die zwei Suburb-Kids wie Rockstars, als sie für Lenny Kravitz und Limp Bizkit die Stadien warmspielten. Doch dann fielen sie – völlig unerwartet – in das musikindustrietypische Zweitalbumsloch: 2001 erschien das Follow-Up-Album, zeitgleich knickten die Twintowers, ihr Label Freskanova und der amerikanische Vertrieb, Mammoth, ein, und “Pressure Point”, mit einem prophezeienden Track namens “Rumours of War” bestückt, wurde von der Masse überhaupt nicht wahrgenommen – selbst Fans bekamen davon nichts mit.

Der Mann mit dem Reetdach auf der Brust

Jahrelang war es still um Aston Harvey, den Mann mit dem Reetdach auf der Brust, wie ihn Kollegen nennen, und Matt Canton, dann tat sich wieder was: Unter Vertrag bei Krafty Kuts Against-The-Grain-Label materialisierten sich die zwei Produzenten und DJs erneut und formierten sich kompakt und knackig ohne Dancer neu, mit einem “astrein taktklaren Drummer”, der nun mit Aston und dem Rest der Band um die Welt tourt, wohingegen Matt hauptsächlich DJ-Gigs bestreitet. Als “Raw As Fuck” brachten sie eine Reihe von 12-Inches heraus, die die Nubreaks-Community begeistert und dankbar aufgriff, da sie den Sound in ruffere und basslastigere Gefilde pushten. Keine Frage, die Freestylers sind zurück – ihre als “Raw As Fuck” produzierte Single “Get A Life” schaffte aus dem Stehgreif den Sprung an die Spitze der englischen Clubcharts. Mit Remixen von Roni Size oder auch Krafty Kuts rocken die zwei Freestylers wieder mal genreübergreifend sämtlichen Widerstand in Grund und Boden. Ob sie sich diesmal auch außerhalb der weltweiten NuBreaks-Community, die allerdings in Ländern wie Australien die größte Dance-Szene darstellt, behaupten können, wird sich zeigen, wenn alle Singles plus Bonustracks zusammengefasst in Albumform auf den Markt kommen.

“Mit ‘Free-sty-laz’ haben wir nichts zu tun”

Jenseits des Ärmelkanals lümmelt sich in einem kleinen Studio in Kensal Green ein dunkelhaariger Mann namens Aston Harvey in einem Drehstuhl. Keine Ahnung, was man erwartet hat, einen agilen, drahtig-gelenkigen Breakdancer vielleicht, aber hier sitzt nun ein mittelalter Typ mit Goldring, Chronometer und anderen Insignien der Macht und sagt: “Wenn so ein Track wie ‘Raw As Fuck’ nicht chartet, dann fragt man sich doch wirklich, wie es um die Charts steht. Da findet doch schon lange keine Musik mehr hinein, die die Leute wirklich hören wollen. Und wenn sie etwas hören, kriegen sie es in den falschen Hals: “Free-sty-laz”, seufzt Aston. “wie oft werde ich nach dem Track gefragt, wenn ich auflege.” Ärgerlich, weil selbst internationale Top-DJs den Top-Ten-Hit der Bomfunk MCs den Freestylers zuorden. “Unser Sound ist ein bisschen von allem, Hiphop, Futureboogiefunk, Elektro, Jump-Up-Ragga mit den Vocals von Million Dan und Valerie M, wir freestylen eben im weitesten Sinne des Wortes.” Mit den alten Vocalisten, Tenor Fly und MC Navigator, kam es zu “Unstimmigkeiten”.

“Ich verstümmele gerade meine Track”

“Wir kreieren unseren eigenen Sound, in dem wir unsere Musikeinflüsse verschmelzen. Darauf kommen dann die verschiedensten Leute klar, aber, um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht das Bedürfnis, cool zu sein. Es ist mir scheißegal, ob wir cool sind. Mein Anspruch ist ein anderer: Hauptsache, die Leute haben Spaß.” Spricht’s und bastelt schnell mal einen Radioedit von “Raw As Fuck”, in dem er die fünf Minuten auf drei heruntercuttet, inklusive Beep, wenn “Fuck“ ertönt. Aston stöhnt: “Ich verstümmele gerade meinen Track, weil das Radio leider zu einem stromlinienförmigen Marketing-Medium verkommen ist.” Aber wenn die Leute dafür Million Dan röhren hören, ist es den Aufwand allemal wert. “Ich finde es sehr spannend, was gerade passiert. Die Breaksszene formiert sich neu. Wir lösen uns langsam ab von der progressiven Schiene und driften in Richtung Drum’n’Bass,” sagt der Meister begeistert und macht sich wieder an dem zu straffenden Intro des suberb toastenden “Million Man Dapper Dan” zu schaffen, das weichgespülten Konsumenten mit seiner unerhörten Ruffheit garantiert überfordern wird. Es war ja abzusehen.

Worte: Kat Richter.
Tnx: Meetz & Spaceben

Links:
www.thefreestylers.net
www.againstthegrainrecords.com


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