01.08.2005 RL ARCHIVE APR 05 +++ Marco Passarani - “Ich tue Dinge aus Liebe – nicht, um geliebt zu werden.” |
“Back To 2099” Es ist schon fast chronisch: Fünfzehn Jahre musste Marco auf dieses Interview warten. Fünfzehn Jahre aktiv als Schlüsselperson der Resistenzia Italiana. Die dann ausgerechnet in einem “Hit” kulminieren, die Marco nun als “Flavour of the Day” auf der Durchstarterliste des letzten Jahres erscheinen lassen. Konsequente Karriereentwicklung oder Ironie des Schicksals? Doch immer der Reihe nach. Wer oder was ist Marco Passarani? Aus welchem Sternensystem kommt er eigentlich? Denn ein Neuling ist er wahrlich nicht. Und ein unbeschriebenes Blatt erst recht nicht. Doch so richtig im Rampenlicht zu stehen ist weder seine Intention noch seine wahre Berufung. Er agiert strategisch – ein Dauermitglied der internationalen Technoavantgarde, die, stets dem guten Groove verpflichtet, seit Jahren Fäden zieht und Verbindungen pflegt – von seinen frühesten Tagen an und doch niemals richtig im Bewusstsein der Erdlinge angekommen. Am Anfang stand die Liebe zu einem neuen infektiösen Groove. Acid House. “Langsam, gefühlvoll, mit vielen Vocals. Nicht dieses hektische Zeug von 1995, das heute gemeinhin als Acid bezeichnet wird.” Elektronische Musik hatte es dem jungen Marco angetan, der durch seine Tätigkeit in einem Computerspieleladen zunächst zum Produzieren und dann zum Auflegen kam. Mit dillettatischem Engagement katapultierte sich der damals Minderjährige an die Vorderfront der Dinge. Als um 1992 herum Underground Resistance, die mysteriöse Techno-Allianz, in Rom ihr Unwesen trieb, verteilte Marco Mixtapes. Die Detroiter zeigten sich beeindruckt, allen voran Alan Oldham. Man blieb in Kontakt. Marco wuchs mit der Aufgabe, trotzte über Jahre hinweg den mafiösen Strukturen der nur auf Geld(wäscherei) bedachten Veranstalter Roms, die sich nach den frühen Jahren der Euphorie überall breitmachten und die Macht in den Clubs an sich rissen. Doch auch Marco war nicht ohne. Systematisch baute er sich ein Imperium, bestehend aus zwei Labels, Nature und Pigna, und einem Vertrieb, Final Frontier, auf, flankiert von gleichgesinnten Verbündeten wie Francisco und Andrea, die wie er gegen das Böse – die schlechte Qualität der Veranstaltungen, die geldgierigen Produzenten, die drogendealenden Clubbetrieber und allem voran dem schlechten Sound – in der elektronischen Tanzmusik kämpften. Vertrieben wurde intelligente Tanzmusik aus der Welt. Marco, der auch als Radio-DJ Pionierarbeit leistete, öffnete musikalische Grenzen, die sonst aufgrund der internationalen Styleembargos verschlossen geblieben worden wären. “Ich bin gerne kritisch, das ist mein persönlicher Kampf.” Marco machte sich permanent Gedanken. Gedanken, warum er sich in vielen Clubs nicht wohl fühlte, das Verlangen, nach Hause gehen zu wollen, nicht mehr unterdrücken konnte, obwohl er die Musik über alles liebt und auch das Partymachen. Seit Jahren: “Ich bin eben kritisch. Und ich habe kein Problem damit, meine Kritik am bestehenden System zu äußern. Musik ist demokratisch und Kritik wichtig. Viele in der Szene sind falsch und aus den falschen Motiven dabei. Für mich ist es wichtig zu sehen, dass es Leute gibt, denen die Musik wichtig ist, die die Musik wirklich genießen. Was mich nervt, sind die mafiösen Strukturen: Clubbetreiber, Organiser und Booker erschaffen gemeinsam diese künstlichen Hypes, gebucht werden immer die gleichen DJs in immer den gleichen Clubs. Hier gilt: Das Angebot reguliert die Nachfrage*. Nach immer dem gleichen Konzept. Wenn es einmal funktioniert, wird gnadenlos immer wieder in die gleiche Kerbe gehauen, bis nicht nur alle übersättigt sind, sondern es überhaupt nicht mehr sehen können und hören wollen. Bis es allen zu den Ohren rauskommt. Bis eben keiner mehr nachfragt. Weil keiner mehr Lust auf die Musik an sich hat. Weil die Musik keine Rolle spielt, sondern der Club, die Leute, der Glamour, das Fernsehen, die Drogen. Das nenne ich das Kokain-Booking-Agentur-Konzept. Es wird eine Weile dauern, bis die Leute wieder Lust auf Clubbing und Spaß an elektronischer Musik haben. Für Leute wie uns ist es hart, denn wir, die wir Leuten eine eine Alternative bieten wollen, erreichen die abgestumpften, wie Pawlowsche Hunde konditionierte Leute kaum noch, weil es hart ist, bei permanenter Reizüberflutung Interesse zu wecken. Doch wir wollen etwas tun. Mit unserem Anspruch auf Qualität wollen wir. den Leuten wieder so etwas geben wie Hoffnung, das es tatsächlich so etwas gibt wie eine Alternative, die für gute Parties und gute Musik steht. Deswegen haben wir Pigna ins Leben gerufen. Wir wollten Musik machen und dabei auch selbst gut abfeiern können.” “Lügen! Bullshit!” “Es gab alles schon einmal, alles ist ein Klischee. Wir haben alles schon einmal gesehen. Also sollte man das auch promoten und spielen, worauf man Lust hat. Darum geht es auch bei Pigna. Wir wollten das Zeug herausbringen, dass wir als 18-Jährige gerne gemacht hätten. Wenn wir gekonnt und die Skills und die Möglichkeiten gehabt hätten: Acid House, Traxx, Phuture! Stuff with the right attitude.” Wie das Francisco-Album, das bald komplett mit Clubland-Monopoly erscheinen wird, oder die neuen Scheiben von Dynarec: “Wir promoten auch in unseren Performances ein klassisches Up- und Down-Feeling.” Damit ging es los. Eigentlich “nur” zum Spaß back to the roots, als Marco mit einem Hit der Jungle Brothers experimentierte. Der Flirt mit der Vergangenheit traf aber voll ins Schwarze: “I House U” war eigentlich ein Witz. Ein Track, den ich mir selbst als Scherz für meine DJ-Sets zusammengebastelt habe. Dann ist er den Peacefrog-Leuten in die Hände gefallen. Dass ich dann ausgerechnet mit einem Remake eines Klassikers bekannter werde, ist ein schlechter Scherz. Es ist Fake und enttäuschend. Wenn Leute dann auf mich zukommen wie dieses Jahr auf der Midem, wo ich wegen technischer Probleme überhaupt nicht vernüftig auflegen konnte und mir danach vorheucheln, ich wäre hätte ein tolles Set gespielt, dann könnte ich wegen den ganzen Lügen und dem ganzen Bullshit heulen. Das gleiche ist Jolly Music passiert, als sie in England von Sony gesigned worden sind. Man ist nicht mehr als Gesprächsthema des Tages.” Sich dessen bewusst zu sein und sich aufgrund des vielleicht gerade aufkommenden Hypes erst recht treu zu bleiben, echt zu sein, ist Marcos Maxime: “Wenn dein Name bekannt wird, wollen dich Leute wegen deines Namens kennen. Viele werden deshalb zu Sklaven ihres eigenen Names, basiert auf dem Hype. Und gehen daran zu Grunde. Ich wünschte, die Leute hätten nicht so eine Angst davor, sich selbst treu zu bleiben. Das gibt einem doch die Energie und die guten Gefühle, die einem am Leben halten.” “Ich weiß nicht, wie man Kompromisse macht.” “I House U” hatte Konsequenzen. Der Track hat ein längst verschüttetes Gefühl der Nostalgie wieder gesellschaftfähig gemacht. Ein Acid Revival wurde passenderweise auch mal wieder ausgerufen (Mindestens das dritte Mal in den letzten drei Jahren. Der Letzte macht die Tür zu). Ein Reigen von großkalibrigen Remixen folgte für “den Newcomer aus Italien”, nun werden Booka Shade und Miss Kittin von Marco zurück zu den Ursprüngen gewarpt. “Ich bringe meine Welt in ihre Welt”, sagt Marco. Ohne Kompromisse: “Ein Remix ist eine gute Sache. Man macht was, ohne direkt involviert zu sein.” Vielleicht kommt sein Album deswegen aus der Zukunft. Nur so lässt sich die Vergangenheit neu interpretieren. Aufgenommen in den Jahren 2094 bis 99 spiegelt es genau das wider, was Marco in diesen Jahren durchlebt hat. Seine Beziehung ist zünde gegangen. “Ich habe auf einmal keine lächelnden Gesichter mehr auf den Parties gesehen. Ich war früher dabei, und die Smiles waren damals echt. Nun ist alles so anders. Die Leute fühlen: Fashion. Drugs. Nothing. Konsum ersetzt die Visionen. Die Kultur fehlt. Aber ich will die echten Grinser zurück in die Clubs holen. In dem ich echte Emotionen hervorrufe. Und die kann man nur hervorrufen, in dem man echte Emotionen investiert. Ich erzähle meine Geschichte, lege mein Inneres offen dar Meine Seele. Ich bekenne mich zu meinen Wurzeln, ich zelebriere meinen Background. Und ich verarbeite meinen Schmerz! Ich war so verletzt. In meiner Welt. Dahinter steht ein Mensch. Kein Hype.” New Shit happens, man kann den Lauf der Welt nicht aufhalten. Aber als alter Hase mit Erfahrung kann man die richtige Einstellung an die neue Generation weitergeben, sagt Marco: “Man muss bloß offen sein, dann wird man auch Teil davon sein. Wenn ich nicht mehr offen für Neues bin, bin ich einfach ein nostalgischer Typ, der in der Vergangenheit lebt.” *“(…) Dem Kapitalist (Verkäufer) ist nur der Warenwert wichtig, den er in Geld verwandeln will. Der Konsument hat beim Kaufakt wirkliches Geld gegeben, aber dafür nur das Versprechen einer Bedürfnisbefriedigung erhalten, nicht die Befriedigung selbst.” Karl Marx: Angebot und Nachfrage einer Einzelware Text> Katrin Richter. Links: www.finalfrontier.it www.clone.nl www.peacefrog.com |