21.07.2005 RL ARCHIVE APR 03 +++ Dinky - Melodias Nostalgicas from the Grrl Robot |
Amapola In der verrauchten Lounge des Cosmotopia in Dortmund herrscht eine relaxte Atmosphäre. Seit einigen Stunden hängen zum Teil weitgereiste Afficionados in Cocktailsesselchen herum und unterhalten sich angeregt, während sie auf den Mainact warten. Lufth von Thinner und Sourcerecords bastelt aus sublimen Ambientflächen, dubbigen Klängen und housigen Loops den idealen Backdrop-Soundteppich für entspannte Gespräche. Schließlich ist es soweit: Dinky, nicht in einen Anzug gekleidet wie auf dem Cover von “Black Cabaret”, sondern mit ihrem kostümartigen Outfit streng wie eine Gouvernante, betritt die Bühne, ohne um sich zu schauen. Die nach sexueller Befreiung und Psychedelika-induzierter Selbstfindung schreiende Barbarella-Sixties-Optik des Raumes steht im starken Kontrast zu der streng und verschlossen wirkenden Frau, die hinter dem Equipment ihre Position eingenommen hat und fragend zur Seite blickt. Die Show beginnt mit einem Sample von Kraftwerk, acidige Synthlines fangen an zu pluckern und Einlagen aus ihrem Album wechseln sich mit extrem unterkühlten Elektro-Sequenzen und furztrockenen Techno-Loops ab. Ein Gefühl von Faszination und Irritation gleichermaßen steigt in mir auf, während ich Dinkys Liveact verfolge. Kühl, fast schon unterkühlt wirkt die Chilenin, die konzentriert und abwesend, erstarrt und entspannt zugleich an ihrem Laptop steht und durch ihr Programm führt, das schließlich mit dem bereits am Anfang zum Einsatz gekommenen Kraftwerk-Sample ausfadet. Dinky, die in Santiago, Chiles europäisch angehauchter Hauptstadt, aufwuchs, hatte schon von klein auf ein Faible für deutsche Maschinenmusik. Atacama Nicht unwesentlich daran beteiligt waren einige deutsch-chilenische Musiker, die jedes Jahr während der Wintermonate in Deutschland nach Chile reisten. DJs und Produzenten wie Ricardo Villalobos, Dandy Jack, Markus Nikolai, Atom Heart und Sun Electric beeinflussten Dinky bereits vor ihrer ersten Reise nach Deutschland wesentlich, wie ich am nächsten Tag erfahre, als ich Alejandra Iglesias aka Dinky in einer unstylisch anmutenden Hotellobby treffe. “Als ich 1996 meine zehn Jahre ältere Schwester in Berlin besuchte, bin ich direkt erst einmal durch alle Clubs wie den Tresor und das E-Werk gezogen. Und dann habe ich mir bei Hardwax meine ersten Platten gekauft!” Das von ihr hinterlassene Graffito findet sich heute noch an der Wand des Treppenhauses. Zurück in Chile fing Dinky, die dank eines Freundes schon mit den_Freuden des Beatmatchens vertraut gemacht wurde, direkt an, aufzulegen. 1997 verschlug es Dinky wegen eines Stipendiums nach New York City, um die Martha Graham School Of Dance zu besuchen und ihre Ausbildung als Tänzerin fortzusetzen. Nachdem sie bereits in Chile die Grundsteine für ihre DJ-Karriere gelegt hatte, fand sie in New York verhältnismäßig schnell Anschluss. “Ich hatte eigentlich keine Probleme, irgendwo reinzukommen”, sagt die umgängliche und fröhliche Dinky. Während der nächsten sechs Jahre zockte sie also in jeder Location, die den strengen Gesetzen des ehemaligen Bürgermeisters Guiliani widerstehen konnte. Im Limelight, dem Tunnel, Fun und Cooler, rockte auf avantgardistischen Szeneschickeria-Events die Schnabelschuhe und Herren-Handtaschen der Fashionistas und ravte gemeinsam mit Martha und Richie Hawtin die letzten Afterhour-Leichen in Grund und Boden. Agualuz “Angefangen zu produzieren habe ich erst vor dreieinhalb Jahren”, bekennt Dinky, die “einfach so mal vor sich hinprobierte” und so verzaubernde Melodien schaffte, die sogleich vom Kölner Traum-Label geschnappt und auf Vinyl gebannt wurden. Weitere Releases folgten, und auf Traum erschien auch Dinkys erstes Album namens “Melodias Venerosas”. Laut Dinky ist “Black Cabaret” aber das erste “richtige” Album mit einem Gesamtkonzept: Das etwas langatmige Album, zusammengeschraubt aus zart erklingender Mikroelektronik, vereint funkigen Billig-Charme und zaghaftem Gesang mit synthiegroovigem Klimper-Trash, funktioniert dank der schwermütigen Melancholie einer einsamen südamerikanischen Seele in einem suburbanen Umfeld voll unterkühlter, stylischer Schnelligkeit: “Black Cabaret” ist eine Hommage an Dinkys Wahlheimat New York, der die Chilenin soeben dauerhaft den Rücken zukehren musste, weil ihre Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängert wurde. Auf dem Album findet sich nicht nur der herzzerreißende deutsche Gesang – “Ich hätt’ es nie gedacht, nun hast du’s doch gemacht” – eines brasilianischen Freundes, der einige Jahre in Deutschland gelebt hat, womit Dinky erneut ihre Affinität zur teutonischen Kultur beweist, sondern auch starker Tobak: Ein Mann mit einem breiten Ami-Akzent bringt in “I Don’t Wanna Fuck An American Guy” seine Unlust zum Ausdruck, mit einem Landsmann Sex zu haben, was den Track durch die scherzhafte Ironie zu einer der stärksten Nummern macht. “Lustigerweise”, lacht Dinky, “sind die Leute in Amerika darauf überhaupt nicht klargekommen. Manche haben sogar vermutet, dass der Track der wahre Grund ist, warum mein Künstlervisum nicht erneuert worden ist.” Dass die US-Regierung systematisch die Grenzen abriegelt – “elektronische Musik wird automatisch mit Drogen gleichgesetzt” –, lässt Dinky nicht verzagen. Nachdem sie kurzerhand nach Berlin übergesiedelt ist, geht sie nun auf Europatournee mit Stop auf dem Sonár-Festival, im Gepäck ihren mit Ableton Live ausgestatteten Laptop. “Ich spiele erst seit vier Monaten live”, sagt Dinky, ”es kickt mich, musikalische Grenzen in Realtime verschmelzen zu lassen.” Text: Kat Richter. Thanks: Flow Links: www.dinkyland.net www.carparkrecords.com |