21.07.2005 RL NEW +++ Jamie Lidell - The Souldog Made Me Do It |
Anstatt Sound zu distorten, zu zerstören und zu manipulieren, zu samplen und zu loopen, konzentriert sich Jamie Lidell auf seine smoothe Sex-In-The-Basement-Stimme. Mit einer in der Electronica-Szene selten gekannten, rohen Leidenschaft stellt er sich selbst, ein Sänger aus Fleisch und Blut mit all seinen Schwächen und Stärken, in den Mittelpunkt und verbannt die oftmals viel zu sehr fetischisierten Maschinen an den Rand der Bühne. ‘Multiply’ ist ein Manifest für live zelebriertes Feeling – in harmonischer Eintracht mit crazy-krankem Technikfanatismus. "Ich liebe es, wenn ein Plan zustande kommt!" Bereits unmittelbar nach dem letzten Album, Super_Colliders viel gefeierten "Raw Digits" voller introvertiertem "Darkside-Wave"-Sound, wusste Jamie, was für ihn als nächstes auf dem Plan stand. Der "respektable Elektroniksound" verpasste ihm keine Gänsehaut mehr. Er wollte mit seiner Stimme experimentieren, die Möglichkeiten, die ihm sein eigener Körper bietet, endlich vollends ausschöpfen, und so fing er an, "Betten für seine Stimme zu bauen". Zum einen, weil ihm seit seinen frühesten Tagen zu jeder Gelegenheit ein paar Noten über die Lippen springen, zum anderen, weil ihm seit dem immer waghalsiger werdenden Einsatz seiner samtenen Soulstimme meterhohe Wellen der Sympathie entgegenschlagen, wie zum Beispiel beim legendären Auftritt auf dem Sonar-Festival 2003 in Barcelona, bei dem Jamie in Sekundenschnelle zum Publikumsliebling mutierte. Seitdem bastelte Jamie an einem Konzept, das ihm die Freiheit bot, hauptsächlich auf der Bühne stehend um die Welt zu touren. Das war ihm, ganz besonders in Reaktion zu den sublim-zarten Vocal-Chorälen, die er zuvor im Zusammenhang mit Matthew Herbert produziert hatte und die ob ihrer Fragilität kaum bühnentauglich waren, wichtig: "Jau. Es war genauso wie sie immer beim A-Team sagen: ‘I love it when a plan comes together!’" Es kam, wie es kommen musste: Jamie, der in der Vergangenheit wegen "des Erfolgsdrucks an produktionstechnischen Ladehemmungen" litt und sich in seinem Berliner Studio, das sich in dem Gebäudekomplex einer uralten ostdeutschen Radiostation befand, von einem spinnigen, alten Frickler von der Arbeit abgehalten fühlte, zog um. Er wandte sich auch aufgrund der positiven Reaktionen der Außenwelt von seinen introvertierten Selbstzweifeln ab und gab sich ganz dem Soul hin. Superfine 9999 "Ich fühl’ mich fein, frisch, superfein, megafein. Echt gut. Besser als gut, süßer als Sirup. Fingerlickin’ times 9999." Kein Wunder: ‘Multiply’ ist vielleicht weitaus weniger experimentell ausgefallen als Super_Collider-Liebhaber es sich erhofft hätten, aber auch sie werden Jamie angesichts der Lieblichkeit und herber Sweetness seiner voll ausgereiften, wenn auch nicht klassisch trainierten Sängerstimme, verzeihen. Der Engländer, der bereits in der Grundschule durch seine quirlig-verspielte Unangepasstheit auffiel und durch das unkonventionelle Malträtieren von Musikinstrumenten und Lehrernerven auf sich aufmerksam machte, zeigt sich hier von einer weichen Schokoladenseite, die auch die größten Skeptikerherzen zum Schmelzen bringen dürfte: "Ich liebe, nein, halt, ich LIEBE es, schöne Songs zu singen, also habe ich mir gedacht, yeah, ich werde der Welt mal zeigen, was für eine schöne Stimme ich habe. Woher ich die Zuversicht habe, dass die Leute meine Soulman-Stimme mögen werden? God, ich meine Dog, äh, ich meine Soulgod, Souldog gibt mir Stärke. Wuff!" Großen Einfluss auf seinen Comingout-Prozess als Sänger hatte auch Mocky. Jamie, so will es die Legende, traf das Multifreaktalent, das in ‘Multiply’ auch an der Bassgitarre zu hören ist, zufällig, vor einer Bäckerei singend: "Ich singe vor Bäckereien. Ich gröhle in der Dusche, ich trällere wie die Vögel in den Bäumen, und sie zwitschern die süßesten Melodien zurück. Die ganze Welt ist für mich eine Sphäre voller Schönheit, Freude und Melodie, also stell ich mich einfach hin, tune mich ein und reite auf der funky Welle, mache den Wurm, bis die ganze Seele aus mir herausgeflutet kommt. Für mich ist das ganz normal. Und so einfach wie Moonwalking für Babys, wie Hunde auf dem Catwalk. Wie der Sound einer applaudierenden Seele. Superbabyleicht." Bread’n’Butter Dooo-Wop So sang er also, vor der Bäckerei. "Ich machte ‘Dooo-Wop’, und Mocky ebenso." Um beide war es geschehen: "Ich bin das Brot, er ist die Butter." Mit Mocky im Schlepptau fiel ihm das Unausweichliche noch leichter. Es war für Jamie keineswegs überraschend, dass er nun wie ein alter Soulman auf der Bühne steht und kräht und damit Herzen bricht: "Nee, so ’ne richtige Überraschung war es nicht für mich, auch kein Comingout-Prozess. Es hat sich einfach so entwickelt. Wenn mir einer gesagt hätte: ‘Junge, du wirst jetzt Bäcker, dann hätte mich das auch nicht überrascht. Das Leben ist nichts weiter als ein Traum." Auch angesichts dieser Unausweichlichkeit seines Karmas gibt es mit Sicherheit auch noch andere Seiten von Jamie, die er noch nicht voll ausgeschöpft hat: "Niemand erreicht jemals das Ziel. Jeder ist ein Star. Rave on. Dennoch, es fühlt sich komisch an. Komisch, wenn man auf einmal als ‘Marvin Gaye des Techno’ verschrieen ist: Das ist einfach die Faulheit dieser Welt, die Leute wissen nicht, was sie sagen sollen, also sagen sie etwas Sensationelles. Ich mache es genauso, vielleicht habt ihr das schon bemerkt. Ich lerne langsam, dem Hype Glauben zu schenken. Mann, das fühlt sich so gut an. Liebe ist die Message. Mein Album ist für die Kinder und die Liebhaber und die Raucher und die Träumer und die Sofalovers und die Taugenichtse. Klopp das Teil in den iPod, direkt neben Marvin Gaye, und hör’ es dir selbst an." Ist es nach einer solchen Abfeierei als Publikumsliebling einfacher oder schwerer, wenn man die Bühne betritt? "Ich bin ein ravendes Kind" "Ich fühle mich wie ein Kind. Ich bin ein Kind. Ich bin ein ravendes Kind, das abgefeiert wird. Ich fühle mich null wie ein Professioneller. Werd’ ich auch nie. Ich lebe, um zu versagen. Ich versage und lebe gut davon. Perfektion ist der Tod. Es lebe das Chaos, Mann. Lebe und lerne, das Chaos zu lieben." Auf der Bühne wird Jamie, das röhrende Wunder, zu einer anderen Person… Eine? Was sag’ ich? Viele Personen! "Wir alle sind multiple Fiktion. Niemand ist echt. Ihr seid auch alle anders, wenn ihr statt mit eurer Familie mit euren Freunden zusammen seid. In vielen verschiedenen Situationen. Ich verändere mich, wenn ich nackt bin. Wenn ich Kleider anhabe, bin ich ganz anders. Es ist etwas anderes, wenn ich singe, anstatt zu reden. Diese Vielseitigkeit ist wunderschön. Ich lebe meinen Traum." Der Traum beinhaltet, dass der charismatische Jamie, das Amazing-Technicolour-Stagechameleon, der trullige Tausendsassa-Troubadour, der Wizard of Buzz, der Roaring-Groovezyklon (bitte Belabellung ankreuzen, die am besten gefällt. Read without prejudice, and please, do believe the hype), sein Album, das für ein wenig "loving and a little living" im trauten Heim, im Kreise der Lieben, zugeschnitten ist, in seiner Liveperformance in Realtime bearbeitet und modifiziert, seine Vocals loopt, übereinanderlappen lässt und zerstückelt, je nachdem, wie er sich gerade fühlt und wie die Zuschauer in dem Moment drauf sind. In dem Zusammenhang, auch in Verbindung mit den anderen Bandmitgliedern, gibt es noch viel zu lernen und zu erkunden, aber gerade mit diesen neuen Erfahrungen, mit seiner Echtheit und Originalität, eröffnet Jamie sich und dem oft viel zu technophilen Laptop-Publikum neue Horizonte. "Throw Your Buffalo Boots Away And Get Some Style On" Das ist und war vielleicht von Anfang an die wahre Herausforderung dieses Albums: Zu sehen, wie weit man es pushen kann, und damit in den tiefen Schoß gängiger Songstrukturen einzutauchen und somit zur Urquelle zurückzukehren, wenngleich auch nicht unbedingt zum Sofa. Aber immerhin weg vom puristischen "Bedroom-Electronica-Sound" für Hornbrillenträger, hin zum sexy Sound für Leute mit Schlafzimmeraugen: "Ich rave härter als alle Raveline-Leser zusammen. Auf der Bühne produziere ich die einzig wahre Liveshow in der gesamten elektronischen Musikszene. Andere Leute versuchen jetzt, mein Konzept zu kopieren, aber die können mir nicht wirklich das Wasser reichen. Kommt, wenn ihr euch traut. Dieses Album hier, ‘Modify’, ist eigentlich das härteste Album, das jemals produziert wurde. Es ist hart in der Seele. Hart und Soul. Reitet das Sofa, als sei es eine brechende Dreimeterwelle, eine Soundwelle. Rave-Alarm! Reitet auf dem Soul-Alarm, als wäre es ein Liebesvogel, der lauter Pillen frisst, schmeißt eure Buffalos weg und zieht euch ein wenig Style rein!" So stylisch wie die vom Medienkünstler Pablo Fiasco designten "Medienanzüge", die Jamie bei seinen Liveshows trägt? "Mindestens. Pablo ist ein Mann mit einer Kamera, der Sachen sieht, die andere nicht wahrnehmen können. Er weiß, wie man ein Display bis zu 110 Prozent hochtuned, wenn andere nur 50 Prozent hinkriegen. Er ist die Hyperbolix! Die Legende der Sphäre. Der Diamant im Dreck. Der Fänger im Roggen. Der Roggen des Tigers. Der Mund des lebenden Hundes, der die Gedanken des lebenden Gottes aussaugt." Die Nachricht, die sich hinter all dem verbirgt, ist klar und deutlich herauszulesen: "Raveline forever!". Ob mit oder ohne "Powerpillen und einem dicken roten Kopf", Jamie ist die Show, und die ist echt etwas Besonderes. Sing when you are bleeping. Text: Katrin Richter. Bilders: Various Sites, siehe Links Links: www.jamielidell.com www.warprecords.com www.no-future.com |