20.07.2005 RL ARCHIVE APR 04 +++ Derrick May: “Movement soll ein Zeichen setzen – für die nächste Generation.” |
“Technomusik war unsere Hoffnung” Am Memorial Day Weekend vom 29. bis 31. Mai findet das Festival zum zweiten Mal unter der Regie von Derrick May statt: Der “Innovator” und seine Firma High Tech Soul, die das Event aus den roten Zahlen boxen soll. Nachdem bereits Mays Vorgänger, sein “kleiner Bruder” Carl Craig 2001 an der Aufgabe scheiterte, als Kreativ-Direktor Sponsoren und Künstler gleichermaßen happy zu machen und deswegen von der ursprünglich mit der Organisation betrauten Firma Pop Culture Media gefeuert wurde, ist May nun der Hoffnungsträger von Detroit. Nachdem jahrelang Neid, Missgunst und Geldgier das Detroit Electronic Music Festival regierten, kam es 2002 zum Eklat und es sah zunächst so aus, als würde das DEMF überhaupt nicht mehr stattfinden. Doch es ging weiter. Man fand einen neuen Namen. Movement. Nun sucht man Sponsoren. Es muss weitergehen, irgendwie. Keine leichte Aufgabe. Denn es geht ums Ganze: Es gilt, die Ehre von Detroit zu retten, die Stadt, in der einst der Techno geboren wurde. Dass Techno in Detroit entstand, ist vielleicht kein Zufall: Techno entstand durch den Geist, der die Stadt ausmacht. Eine fast menschenleere Innenstadt, marodierende Wirtschaftzweige, Verfall, Verslummung und Rückzug der weißen Besserverdienenden in gepflegte Suburbs – Bilder wie geschaffen zur Umsetzung in Sound, kreiert durch den flächigen, bleepigen Urrhythmus von Maschinen. Die überwiegend schwarzen und in der amerikanischen Gesellschaft perspektivlosen Musiker und Promoter, Producer und Diskjockeys, die diese Atmosphäre zum ersten Mal einfingen, dachten nicht an einen neuen Trend, sondern fühlten etwas, das Handeln notwendig machte. “Wir kämpfen dafür, dass es für uns noch etwas anderes gibt als ein Leben im Untergrund.” Mit Sicherheit hatte die Perspektivlosigkeit der Menschen etwas mit einem solchen Empfinden zu tun, doch es folgte kein offener Kampf gegen den Inner-City-Alptraum, es wurden keine Waffen gegen die Verursacher der sozialen Ungerechtigkeit gerichtet, sondern pulsierende Maschinen-Rhythmen, die an das Urverständnis des Menschen appelliert, geschaffen – Musik als ein Triumph über die unmenschlichen Verhältnisse. Und mit dem Siegeszug von Techno um die Welt schienen Musiker wie Juan Atkins, Carl Craig, Mike Banks und Kevin Saunderson etwas bewirkt zu haben: Der euphorische Höhepunkt schien 2000 erreicht, als alle Künstler der Stadt – Norma Jean Bell und Drexciya, Recloose und Detroit Grand Pubahs – an einem Strang zogen und gemeinsam, mit Hilfe von Carol Marvin und der Firma Pop Culture Media (PCM), das Detroit Electronic Music Festival auf die Beine stellten: Unentgeltlich spielte jeder Künstler von Rang und Namen auf dem Hart Plaza im Zentrum der Stadt, eineinhalb Millionen Menschen kamen. 2001 holte Marvin Ford als Hauptsponsor ins Boot, und der Name des DEMF mutierte plötzlich zu Ford Electronic Music Festival. Craig, Ikone und Leitfigur zugleich, wurde rausgeschmissen, weil er wirtschaftlich nicht profitorientiert genug arbeitete: Detroits Underground lag in Scherben, wieder zerstörte der schnöde Mammon die Träume der Idealisten. Doch dann zog Ford sich zurück, und auch Marvin ging. ”Wir wollen, dass elektronische Musik wahrgenommen wird.” Seit der Entmachtung von Carol Marvin und Pop Culture Media sowie dem Rückzug von Ford als Hauptsponsor setzen die Detroiter Künstler und Musiker also auf Derrick May, den Innovator, der zugleich auch der medienfreundlichste der Bellville Three ist. Keiner schließt Allianzen so beherzt wie er, und keiner rührt die Werbetrommel für “sein” Festival so vehement: Laut May soll Movement Detroits Antwort auf Veranstaltungen wie das Sonar in Barcelona werden: “Wir müssen ein Zeichen für die jungen Generationen setzen, denn Detroit ist sonst tot. Hier gibt es nichts: keine Jobs, kein Kapital, keine Zukunftsaussichten. Deswegen kann ich mich nicht einfach vom Acker machen. Ich muss hierbleiben und den Menschen Hoffnung geben. Detroit ist eine schwarze Stadt. 95 Prozent der Population sind Afro-Amerikaner. 1967 kam es zu Rassenunruhen, weil weiße Polizisten einen kleinen schwarzen Jungen von einer Brücke geschmissen haben, die Armee rückte mit Panzern ein, über 10.000 Schwarze starben”, sagt Derrick, Sohn einer Botschafterin, der einst an der Universität Sport studierte, bevor er sich für Musik entschied – aber seit zehn Jahren keine nennenswerten Platten mehr produziert hat. 200.000 Euro zahlte May im letzten Jahr aus der eigenen Tasche, um Movement am Leben zu halten. Doch obwohl in diesem Jahr sechs Bühnen mit Live-Musik von Headlinern von Erykah Badu, Air, François K. und Brian Eno wie geplant sind, scheint er von seiner Vision weit entfernt. Die Stadt Detroit weiß das Engagement des Technomusikers der ersten Stunde nur bedingt zu schätzen. HipHop sei doch viel populärer. Der Bürgermeister weiß, wovon er spricht: der 32-jährige ist Eminems bester Kumpels. “Detroit, they sold everything. Germany, we sold everything.” Kraftwerk Words> Kat Richter. Pix> Sehr interessante Ansichten der Innenstadt findet man unter anderem auf der Website Forgotten Michigan, siehe Link. Auch für Leser von Jeffrey Eugenides' "Middlesex" sehr empfehlenswert. Links: www.derrickmay.com www.transmat.com http://forgottenmichigan.com |