14.07.2005 RL ARCHIVE AUG 02 TITLE +++ Green Velvet - Has Anybody Seen My Brain Today? |
Während des chaotischen, exzessiven Interviews mit dem Performer aus Chicago verschwammen die Grenzen zwischen Normalität und Skurrilität bis zu dem Grade, dass sich der vielfältige Verwandlungskünstler in einem völlig anderen Licht zeigte. Fazit: der Creator Curtis A. Jones, der sexy-sleazy-housige Cajmere und der überdimensional skurrile Techno-Freak-Performer Green Velvet mit seiner einzigartigen Post-Punk-Stageshow sind ein und die selbe Person, auch wenn zahlreiche Quellen ihm eine gespaltene Persönlichkeit konstatieren. Und, was euch jetzt am meisten schocken dürfte: Der Mensch, der sich all diese ausgeflippten Persönlichkeiten ersponnen hat, um seiner Kreativität freien Lauf zu lassen und dem Künstler in ihm einen Outlet zu bieten, ist letzten Endes ganz normal. Aber sind wir dafür nicht alle ein wenig La La? Land Of Misconstrued Facts I Love Techno: Eine gigantische Lawine aus zwanzigtausend Menschen schiebt sich unaufhaltsam vorwärts und ergießt sich unendlich langsam in eine Halle des Genter Messegeländes. Köpfe wippen wie Bojen auf einem Meer aus Körpern. Rollende Augen fixieren sich auf die Teilausschnitte der Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe, deren Glieder in Gesichter pressen, dessen Beine den Kontakt zum Boden verloren zu haben scheinen und dessen Arme funktionslos festgepresst worden sind. Jeder hier scheint mit einer Ernsthaftigkeit bei der Sache zu sein, die nicht recht nachvollziehbar ist. Millimeter für Millimeter geht es voran in Richtung Bühne. Rechts und links flattern riesige Folienwürste in der Luft, die leer und willenlos von der künstlichen Energie eines Gebläses gebeutelt werden. Die Mission ist jetzt, herauszufinden, worum es bei diesem Green Velvet geht, also analysiere ich das Geschehen, seziere jede Handlung mit mikroskopischer Genauigkeit. Alle scheinen einer seltsamen Sekte anzugehören. Sie huldigen dem stolz und unnahbar aussehenden Mann auf der laserüberfluteten Bühne und frönen dem Singen seiner Lieder. Die vordersten Reihen scheinen ausschließlich von mit Kameras bewaffneten Massenmenschen bevölkert. "Worum geht's?" frage ich einen Nebenstehenden, der mich verständnislos anguckt. "Answering Machine" kommt die gezischte Antwort mit einem Kopfschütteln. Keiner tanzt! Also lausche ich Green Velvet. Menschen hinterlassen Nachrichten auf seinem Anrufbeantworter – in verschiedenen Stimmen intoniert er ein Worst-Case-Szenario: Die Verlobte ist schwanger von einem anderen und macht Schluss, der Job gekündigt, ein Wahrsager rät, das Haus nie mehr zu verlassen. Dann der Ausbruch: "I don‘t need this shit". Alle grölen den Refrain. "I wanna be myself" singt der halbnackte Mann nun provokativ. Er ist sehr gestylt – er trägt eine knappe Weste, die Blick auf seinen durchtrainierten Oberkörper gestattet, schwarze enge Hosen und einen grünen Mohikaner aus Federn. Er wechselt öfter das Outfit, trägt auch mal einen schwarzen Ledermantel, springt durch ein imaginäres Lasso und schlackert später kraftlos mit den Armen wie ein Pinguin auf Drogen. Wer ist denn schon er selbst, überlege ich. Da wird man so explizit aufgefordert, von einem, der es gerade ganz extrem zur Schau stellt, und keiner folgt seinem guten Beispiel. Die Münder klappen einheitlich auf und zu wie bei einer Generalprobe der Muppet Show. Kein Körper bewegt sich. Alle glotzen. Die Initiative scheint beim Imitieren und dem Bedienen der Kameras aufzuhören. Die Vorstellung der fotografierenden Eltern im Club Bad voll von "crazy little kiddies doing crazy little things" wirkt doch gerade angesichts der Massen von zugedrogten Normalos, die während der Aufführung von "Flash" mit ihren Kameras den schwarzen Freak fotografieren, wie er von total ausgeflippten Dingen erzählt, sehr absurd. Ich flüchte beim Kollektivschlager "La La Land" – mit geweiteten Augen singen die Massen vom Zustand, in dem sie sich frei fühlen: pilleninduzierte Verblödung als Idealzustand?!? Balla-balla, bla-bla. This Is Not A Fucking Phase Der Green-Velvet-Mann liefert den an stromlinienförmige DJs gewöhnten Leuten einen Mindfuck sondergleichen. Er fordert nicht nur den längst sämtlicher Gehirnfunktionen entledigten Raverbody, sondern auch den Intellekt heraus. Denn: Was ist seine Absicht? Ist er selber so gaga, das er in seinem Psycho-Genius soeben die Hymnen der Lost Generation intoniert hat, der er selbst entsprungen ist? Aber macht er sich mit Hits wie "Flash" und "La La Land" nicht über die drogenfressenden Kaputten unter den Ravern lustig? Ist es gar Opportunismus – missbraucht er nicht vielmehr deren dumpfbackigen Konsum, um sich selbst zum Star zu pushen? Es kann aber auch schlichtweg die Metamorphose eines ehemaligen technischen Chemikers sein, der auf der Bühne sein wahres Ich zum Vorschein flashen lässt und sein Exempel statuiert, um sämtliche stumpf konsumierende Gutmenschen zu einer Selbstfindung aufzufordern, dessen Prozess gewissermaßen extrem, aber eben auch akzeptabel sein kann. Vielleicht von allem ein bisschen? Fest steht: Green Velvet hat eines der meistbejubelten Alben des Jahres 2001 herausgebracht: "Whatever", so der Name des auf Music Man erschienenen Longplayers, ist ein echter Erfolg, denn mit dem Eighties-lastigen Sound, kombiniert mit radikalen Texten und jackig-dreckigen Punk-Techno-Beats, spielt sich der 35-Jährige in das Bewusstsein einer neuen und unverbrauchten Raver-Generation. Aber er überrascht nicht nur die Jungen, sondern begeistert auch die alte Garde, denen Curtis seit 1992 ein Begriff ist. Damals erschien auf dem Label seines alten Schulfreundes Hula von den Outhere Brothers aus Chicago die erste Platte namens "Underground Goddies EP" von Curtis A. Jones aka Cajmere – dessen Künstlername sich aus seinen Initialen zusammensetzt. Tracks wie "Perculator" verschafften ihm automatisch den Durchbruch, denn die Windy City Chicago, die Geburtsstätte des trackig-zuckenden, repetetiven Housesounds, der der Vorläufer von Acid war, befand sich gerade in der ersten Krise. Nachdem er zwei Hits gelandet hatte, stimmte es auch in der Kasse, und Cajmere startete sein eigenes Label, Cajual, mit dem er in atemberaubend kurzer Zeit auch der internationale Durchbruch gelang. Neben seinen eigenen Songs etablierte er zahlreiche Nachwuchsartists aus Chicago, darunter heute so bekannte Namen wie DJ Sneak und Gemini. 1993 gründete er ein weiteres Label, Relief, auf dem außerdem Gene Farris und DJ Rush debütierten. Dort kam seine technoidere, abgedrehte Seite voll zum Tragen, die er Green Velvet nannte, nachdem ihm der Name vom Vater einer Freundin angehängt wurde. They Touched Me In Places I Didn‘t Know They Existed Schon bei den ersten Cajual-Platten, auf der er als schnulzender Herzschmerz-Cajmere in Erscheinung tritt, schwingt diese verspielte Doppeldeutigkeit, sein außerordentliches Talent für abgedrehte Vocals, bei Tracks wie "A Luv Song" und "Believe In Me" durch, so richtig zum Tragen kommt sein Talent für verspulte Lyrics allerdings erst in Form seines Alter Egos Green Velvet. Gleich auf der ersten Relief-Veröffentlichung ever, "Preacher Man", wird deutlich, dass der Mann nicht nur ein Talent für dreckig-repetitive Housebeats hat, die sich hart und schleppend in das Unterbewusstsein schleichen: Es ist schlichtweg genial, einen schwarzen Prediger nachzuahmen, der voll von Glauben und Spiritualität zu seiner Gemeinde betet, dabei sämtliche Kinderspiele von Mutter, Vater, Kind bis Versteckenspielen hinterfragt und schließlich die Gläubigen auffordert, die Spiele mit neuen Regeln zu spielen. Fazit: "Let me hide and let God seek". Genauso abgefahren waren dann auch die auf einem ähnlichen Konzept basierten Tracks, die ihn dann so richtig in das Bewusstsein der Feierleute katapultierten: "Flash", "The Stalker", in dem er über eine verkorkste Beziehung sinniert, die ihm die Sinne raubt, und "Answering Machine". Auch "Land Of The Lost" und das instrumentale "Destination Unknown" haben mittlerweile Kultstatus angenommen. Auf seinem ersten Album, dem 1999 erschienenen Constant Chaos, drehte er so richtig durch. Keine Story schien zu abwegig, sei es seine entrückte Bekenntnis, von Aliens an Stellen berührt worden zu sein, von deren Existenz er noch nicht einmal etwas geahnt hatte ("Abduction"), sei es seine Reise durch das Universum und das Körperinnere – aber keinesfalls den Verdauungstrakt! – sympathischer Menschen als Wassermolekül ("Water Molecule"), der Mensch machte auf "Whatever" weder vor der abgefuckten amerikanischen Society halt noch vor Rassismus – zwei Megatabus in seinem Heimatland. Cameras Ready, Prepare The Flash Juni 2002: Auftrag – Green Velvet vor seinem Auftritt in Münster abzupassen. Mittlerweile ist es kurz nach drei Uhr nachts. Da klopft es an der Tür des Backstagerooms und eine Gruppe Männer tritt ein: ein etwas älterer Typ mit Brille und Schnurrbart, Chris, der Keyboarder, Hugo, der Jungstar-DJ, der die Sequencer on Stage malträtiert, und Curtis A. Jones selbst. Noch scheint er zu keiner Schandtat bereit. Als die ersten nettgemeinten Fragen auf ihn niederhageln, reagiert er gar nicht, denn er ist gerade erst aufgewacht. Bis ich seinen Zustand mit "Whatever" kommentiere, da muss er lachen. Für die Fotosession zieht er sich extra seine knappe Weste an und ich begutachte unverhohlen seinen nackten Oberkörper. "Ich bin ein Sexist", entschuldige ich mich und Curtis lacht sein berühmtes Lachen. Noch guckt er ein wenig zu abwesend in die Kamera, aber langsam taut er auf. Oft genug habe ich gehört, er sei eigentlich schüchtern. Genauso oft wurde gesagt, er sei eine richtig launische Diva. Beides trifft bis jetzt zu, aber wer wäre das nicht, direkt nach dem Aufstehen? Nach der Fotosession versuchen wir uns zu unterhalten, eine Unternehmung, die sich wegen des ohrenbetäubenden Soundclashs der drei Dancefloors rundherum als nicht ganz einfach erweist – durch jede Ritze des Raumes dringt das Gezwirbel der 303s und das Hämmern straighter Beats. Alle zwei Minuten kommt oder geht jemand und lässt die Tür offen stehen, und das wirft nicht nur Curtis aus der Bahn. Schließlich müssen wir beide lachen. "Ich mache normalerweise vor meinen Auftritten gar keine Interviews. Da muss ich mich immer konzentrieren… aber die Raveline war mir natürlich ein Begriff, da habe ich dann doch eine Ausnahme gemacht…" Die Stunde ist schon so gut wie vorbei, es kann eigentlich nicht mehr viel draus werden. Bis jetzt hat er jede meiner Fragen missverstanden und so redeten wir bisher voller Elan aneinander vorbei. Sein Akzent, weich und schwingend, klingt ganz anders als das "like, totally"-Amerikanisch, das man aus Highschool-Komödien kennt… I Think I Want To Be A Rock Mittlerweile wird mehr als deutlich: Von dem auf der Bühne zur Schau gestellten Freak ist in Situationen wie dieser nicht viel zu bemerken. "Manchmal fühle ich mich wie ein Tier im Zoo", gibt Curtis zu, als ich ihn frage, ob er denn nicht von vielen Ravern auch total missverstanden wird, was sowohl seine Subversivität als auch sein Outfit angeht. Oft wird er auch darauf angesprochen, ob er schwul sei, was wohl daran liegt, dass er sich für seine Auftritte zurechtmacht und auch Schminke trägt. Das eine hat mit dem anderen tatsächlich herzlich wenig zu tun, so open up, people. Wir kommen auf den letzten Auftritt zu sprechen, der in der Nacht davor in Chicago stattgefunden hat. "Die meisten Leute fahren ja mittlerweile auf HipHop ab, aber Chicago ist immer noch ziemlich cool", meint Curtis, "obwohl es gerade in den letzten Jahren immer schwieriger geworden ist." Den Megatiefpunkt war vor einigen Jahren erreicht: Nach vier guten Jahren gingen 1996 nämlich die beiden A&R-Manager von Cajual und Relief, Rob Kouchoukos und Ivan Pavlovich, und gründeten ihr eigenes Label namens Guidance. Konsequenterweise ging es bei Cajual/Relief drunter und drüber. Die schnelllebige Musikwelt befand Curtis‘ Imprints als durch und Guidance avancierte zum heißen Tipp des Tages. Auch mit seinen Artists gab es Ärger: Die Produktionen reichten 1997 längst nicht an die hohen Standards heran, mit denen das Label angefangen hatte, und so manches herumliegende DAT mit zweitklassigen Produktionen wurde schnell mal meistbietend an europäische Labels verschachert. Auch das Gerücht, dass Jones sich nicht genügend um die Karriere seiner Artists kümmere und seine Leute nicht richtig zahle, hielt sich hartnäckig, obwohl heute von allen Seiten beteuert wird, dass alles bestens sei. Es scheint vielmehr eine alte, kultivierte Fehde unter Chicagoer Clubbheads: "Manche Leute machen sich über mich lustig, aber die kleinen Sticheleien sind mir eigentlich egal", gibt Curtis zu, als ich ihn nach einem Vorfall frage, wo ein ehemaliger Kollege ihm "La La Land" vorsang. "Quatsch, jeder singt diesen Song, wenn er mich sieht. Ständig krieg‘ ich das zu hören, egal, auf wen ich treffe." Curtis sah sich irgendwann wegen der andauernden Krise von Relief und Cajual gezwungen, seine Labels einzuschläfern, aber auch das ist Schnee von gestern: Seit über drei Jahren sind die beiden Labels mittlerweile reaktiviert. "Ich habe labeltechnisch eine Pause eingelegt, weil es einfach nichts mehr gebracht hat", erklärt Curtis. Seit der Wiederbelebung sind aber dennoch nur sporadisch Tracks herausgekommen. Pills For My Pills For My Pills "Insgesamt sieben", sagt er, "aber nächsten Monat erscheint wieder ein traditioneller Housesong von Lester Fitzpatrick auf Cajual. Auch auf Relief kommt demnächst wieder was, also, es passiert konstant was. Meine neue 12", ‚Genedefekt‘, ist auch jetzt gerade als Single erschienen." Stimmt, auf die neue Platte auf Relief, Music Man oder Superstar kommen wir als nächstes zu sprechen: "They gave me pills for my ills/ When I complained, they said: Chill/ My prescriptions they were billed/ For dollar bills/ Instead of asking me how, when and why/ It all began/ They acted as if they knew me/ Like my best friends/ It‘s unbelievable, it‘s inconceivable, incomprehensible/ Genedefekt, Genedefekt…." Curtis lässt es sich nicht nehmen, die recht eindeutige Message noch einmal zu erläutern: "Es geht dabei um die Arzte und die Pharmaindustrie, die dich glauben lassen, dass mit dir etwas nicht stimmt, sie dir aber helfen können. Dabei interessiert sie doch nur, dass sie fett Kohle machen – die Person ist ihnen eigentlich egal. Außerdem ist es auch eine Anklage gegen die Gesellschaft, die dem Wahn verfallen ist, dass alles perfekt sein muss. Wer aus dem Raster fällt, wird mit Pillen vollgestopft, nach dem Warum fragt keiner. Es ist also eine Anklage, dass man nicht akzeptiert wird, wenn man sich nicht anpasst. Stattdessen muss man noch dafür löhnen, damit man dem Schema entspricht." Das eindringliche Bleepen und der Refrain am Ende – "They gave me pills for my pills for pills for my pills for my pills for my pills…" – wird mit Sicherheit wieder einer der doppeldeutigen Mitgrölrefrains, die die Ravergemeinde immer wieder so wunderschön unhinterfragt aufgreift, wie schon bei "Flash" und "La La Land" geschehen. Six Packs And Pipes, I Think Not Auch Caj – wie man ihn auch nennt – ist kein Kind von Traurigkeit. Sein Einstieg in die Welt der Drogen erfolgte allerdings erst mit 28, was deutlich macht, dass er lange Jahre auch ohne gut gefahren ist und sich dabei auch wirklich Zeit genommen hat, sich und seine (dreigeteilte) Persönlichkeit gut kennenzulernen. Viele Kids sind seiner Meinung nach heutzutage viel zu krass unterwegs. "Besonders in Amerika sind die Leute wirklich überdurchschnittlich jung und knallen sich die Köppe voll. Viele gehen meiner Ansicht nach gar nicht wegen der Musik auf die Parties, sondern wegen der Drogen. Ich durfte in dem Alter noch gar nicht alleine weggehen, geschweige denn nächtelang durchfeiern." Die Zeit ist rum. Curtis tröstet mich. Also frage ich, ob er das Interview nach dem Auftritt fortführen wolle. Er verneint: "Nach der Show wollen wir feiern! Ich trinke nie vor den Auftritten, ich nehme vorher auch nichts. Aber danach geb‘ ich erst mal Gas!" Curtis grinst. Er will nämlich ein paar Mädchen aufreißen. Das gibt er unumwunden zu. Der Partyveranstalter stürmt in den Raum und die Band rappelt sich auf, um Curtis ins Büro zu schicken, wo ihm schon mal die Gage ausgezahlt wird. Hugo, der Prototyp eines erfolgshungrigen Jungstars, zeigt mir in der Zwischenzeit seine Aufzeichnungen. "So sieht das aus, was wir auf der Bühne zum besten geben", sagt er in dickstem Slang. Ein paar Keys sind dort gelistet, und die Reihenfolge der Tracks ist vorher festgelegt. Danach bleiben nur noch ein paar Minuten bis zum Auftritt – Curtis hat noch nicht einmal Zeit, in sich zu gehen und sich vollends in den durchgedrehten Green Velvet zu verwandeln, der nur am Anfang unseres Treffens unterschwellig zum Vorschein kam. Schnell überprüft er seine Schminke und schwingt sich in seine enge Hose. Dann verlässt die Band den Raum genauso schnell, wie sie ihn betreten hat. Irgendwie gelingt mir zu allem Überfluss noch das Unmögliche: Ich verpasse die Show. Aber wie das Schicksal so spielt, ergibt sich aber doch noch eine Gelegenheit, Curtis näher kennezulernen. Als ich mit einer Freundin die Lage auskundschafte – am Ende der Straße werden Polizeikontrollen durchgeführt – treffen wir auf die ins Hotel schleichende Band. Looking For The Afterparty Beim Anblick der Polizei kreischt Curtis und reißt sich seinen grünen Federmohikaner ab. Um die Zeit zu überbrücken, bis die Lage sich ein wenig entspannt hat, laden die Jungs uns kurzerhand ins Hotel ein. Dort zeigen die drei Bandmitglieder ihr wahres Gesicht: Chris geht schlafen, Hugo zündet sich eine Tüte an und Curtis geht sich waschen. "Ich habe jede Menge fette Schminke im Gesicht", erklärt er und kehrt wenige Minuten später frisch gewaschen zurück, öffnet die Champagnerflasche und schenkt uns vier Überlebenden ein dickes Zahnputzbecher-Glas voll ein. Die Show war ein voller Erfolg. Hugo schleppt eine digitale Videokamera an, die er während des Auftrittes einem Menschen auf der Bühne in die Hand gedrückt hat. Die Aufnahme erweist sich als Enthüllung für mich. Die Aufnahme zeigt nämlich fast ausschließlich das Publikum. "Oh man, das ist doch das, was wir immer zu sehen bekommen", stöhnt Hugo, "ich wollte doch wissen, wie wir rüberkommen." Aus der Reaktion der Feiernden zu schließen, sind alle Anwesenden restlos begeistert. Jeder Tänzer erlebt für sich seine ganz persönliche Freakshow, teils mit entrückten Gesichtsausdrücken und geschlossenen Augen, teils mit den extremsten Körperbewegungen, die eine Kamera jemals festgehalten hat. Für mich ist die Perspektive eine ganz Neue, schließlich ist man als Zuschauer immer auf seinen Platz als Betrachter gebannt und nur beim Tanzen selbst aktiv. Genau den Eindruck bekommt man hier nicht. Keiner scheint nur blöd auf Green Velvet zu starren, jeder macht sein eigenes Ding. Schließlich erbarmt sich der Kameramann und die Linse schwenkt auf die Bühne. Da tobt er schweißtriefend, der grüne Samtmann, und dreht am Mikro aufs Vorzüglichste ab. Noch nie hat man ihn dermaßen improvisieren sehen, noch nie war er ein solcher Star – und dabei ganz er selbst. I Wouldn‘t Confine Myself To This World Die Verwandlung des Curtis A. Jones in das durchdrehende Wesen namens Green Velvet, das er auf der Bühne verkörpert, fand langsam und graduell statt. Die Metamorphose von einer Persönlichkeit in eine andere ist ein langer, selbstfinderischer Prozess, der bis heute nicht abgeschlossen ist. "Ich habe einfach gemerkt, dass ich doch nicht meinen Doktor machen wollte. Deswegen habe ich ja mein Studium abgebrochen und mich stattdessen auf Housemusic verlegt, mein Hobby zum Beruf gemacht. Meine Eltern waren darüber nicht gerade glücklich. Wenn meine Mutter mich jetzt gerade sehen würde, würde sie für mich beten." Caj lacht. "Aber jetzt mache ich, was ich wirklich will, und ich bin damit zufrieden – man kann es nicht jedem recht machen. Man muss einfach man selbst sein, sich selbst vertrauen, loslassen und sich nicht tausend Gedanken machen… Alle fragen mich immer, was ich mir beim Schreiben meiner Texte gedacht habe. Ich weiß es nicht. Ich habe mir das nicht großartig vorher überlegt." Ähnliche Kommentare liest man in der Vita von Grace Jones, neben Sly Stone und David Bowie eines von Curtis großen Vorbildern: "I wasn‘t born this way", sagte sie, "one creates oneself. I believe whatever I dream. Whatever I dream, I want to do." Im Fahrstuhl singt Cajmere uns begeistert ein Lied vom Computerdasein und beim gemeinsamen Frühstück beschließen wir, Caj und Hugo auf den nebenan stattfindenden Flohmarkt zu schleppen. Dort kaufe ich Curtis/Caj/Cajmere/Green Velvet eine Grace Jones-Platte und merke erst nach dem Abschied, dass ich nicht mal weiß, wie ihn seine Freunde eigentlich nennen. Text: Katamin. Pics: The one and only Daniel Dinsing. "Dank" goes to: Curtis, Hugo, Karina, Alex, Chris, Frank, Pepzi, Steph, Olaf, Claudia, Palle und all die anderen Freaks da draußen… Links: www.green-velvet.com www.cajual.com |