22.06.2005 RL ARCHIVE JUL 05 +++ Global Afterhour mit Danny Howells: “German Music Exites Me.” |
Auch wenn er kaum eigene Produktionen vorweisen kann, hat es der gelernte Krankenpfleger, ehemals tätig in eines psychiatrischen Anstalt, innerhalb von wenigen Jahren bis ganz an die Spitze geschafft, wo er sich kontinuierlich hält. Wohl weil er seine Patienten, äh, Pappenheimer kennt. Nachdem er bereits zwei gigantische GU-Mixe vorlegt hat – zum einen den obligatorischen Nubreed-Mix und zum anderen seine eklektische 24/7-Compilation – folgt nun die Kür. Der Ritterschlag. Sein erster Global-Underground-Mix, die geschäftstüchtig “Miami” betitelte Edition, erschien zeitgleich zur Miami Music Winter Conference, doch hätte man ihn eigentlich auch “Berlin” nennen können. Denn Danny ist nicht mehr der Dark-Prog-DJ von 1997, sondern hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Und mutiert damit erneut zu einem tonangebenden Aushängeschild eines Paradigmen-Wechsels: Die globalen Clubland-Trends kommen nicht mehr unbedingt aus Amerika und England... “Ich möchte Sven Väth heiraten” “Hallo?” Eine warme, wenn auch nicht übermäßig frische Stimme erklingt am anderen Ende der Leitung. Der Tonfall liegt irgendwo zwischen relaxt und angespannt, eine schizophrene Mischung aus Vorsicht und Vorfreude. Aus dem Hintergrund wallt Musik in den Hörer, ein wenig Soul zum Weichwerden. Diese Interviews, körperlose Encounters im Cyberspace, geschäftsbedingte Zwecksallianzen, sind zwar nervende Alltäglichkeit für Superstars, aber irgendwie kann so eine zwischenmenschliche Monstrosität auch unglaublich nett sein, wie die darauffolgende Stunde beweist. Im Grunde genommen verfolgt Danny nur ein einfaches Ziel, wenn überhaupt. Nämlich möglichst viel Spaß an einem gepflegten Gespäch über Musik zu haben. Deutsche Musik zum Bleistift: “Das ist einfach zur Zeit einfach das Zeug, das mich am allermeisten anspricht. Ich suche vor allem nach Platten, die meiner Vorstellung einer leicht verdrehten, aber sehr relaxt intensiven Afterhour am nächsten kommen: Twisted Electro, Minimal Sound, runtergestrippter Techno. Die frischen funky Platten, die diese Kriterien erfüllen, kommen eben nun mal gerade alle aus Deutschland.” Die englische Superliga und Deutschland, die Techno-Trutzburg. Wie gehen diese zwei Welten zusammen? Das weiß auch der ratlose Danny nicht: “Ich würde gerne mehr in Deutschland auflegen. Leider kennen mich die Leute viel zu wenig.” Und so kam es bis jetzt nur zu vereinzelten Intermezzos. Vor einigen Monaten zum Beispiel, im Frankfurter Cocoon-Club. “Sven Väth hat einen großen Einfluss auf mich. Ich würde ihn gerne heiraten. Wirklich. Um seine Plattensammlung durchscannen zu dürfen, würde ich alles tun (Darf man bei Sven nur als Ehepartner an die Platten ran? Egal. Unseren Segen habt Ihr… Anm. d. Autorin). Bei Sven scheinen mindestens fünfundzwanzig Jahre DJ-Erfahrung durch, die er in seinen legendären Afterhour-Sets einfließen lässt. Das ist für mich jedes Mal ein echtes Highlight.” “Mein Mix hätte ruhig noch ein wenig kränker ausfallen können” “Die Afterhour ist mich die intensivste Zeit des Auflegens, denn hier kann man sein gesammeltes Wissen wirklich einbringen, um die Feiernden noch ein klitzekleines Stück weiter raus zu transportieren.” Das musikalische Universum unzähliger Menschen um ein paar Galaxien zu erweitern wird Danny mit dem zweiteiligen “Miami”-Mix, gepowert durch seinen smooth dahingleitenden, elegant unaufdringlichen Stil und seiner ureigenen Mischung aus groovy kickenden und funky treibenden Platten, unweigerlich gelingen. Er schafft es auch innerhalb des einengenden Formates einer Audio-CD, in zweimal fünfundsiebzig Minuten ein echtes Clubfeeling heraufzubeschwören. Vielleicht klingen beide CDs auch deshalb so authentisch und glücklich-gelungen, weil Danny zu Hause, unweit von seiner Heimatstadt Hastings, einfach nur seine Plattenkoffer ausgepackt hat, um zwei besonders gelungende Gigs durch erneutes Spielen gewisser Schlüsselmomente zu rekonstruieren. Stattgefunden haben diese beiden Gigs zu Halloween im letzten Herbst; wie jedes Jahr trat Danny auf dieser Party in Miami, die man zu Ehren des Super-DJs “Howellween” genannt hatte, auf. Hier spielte Danny also besagte Sets, eines draußen auf der Terasse, eines drinnen im Club zu späterer Stunde. Die besonders auf den den Amimarkt zugeschnittene Global Underground-Compilations sind allerdings mehr als ein cleverer Marketing-Move von John Digweed. Sie sind ein Manifest. So auch der “Miami”-Mix, der beweist: Große Trancehymnen und progressive Abfahrten sind bei Global Underground schon lang nicht mehr aktuell. “Es ist seltsam, dass viele meinen Namen immer noch mit dem dunklen Progressive Sound assoziieren, den ich 1997 gespielt habe. Aber spätestens seit letztem Jahr kommen die Leute, die sich nur auf diesen Style festgeschossen haben, nicht mehr zu meinen Gigs. Ich habe mich einfach kontinuierlich weiterentwickelt und will mich nicht auf etwas festnageln lassen, das ich vor acht Jahren gemacht habe.” “Wenn man erfahrener wird, geht es nicht mehr nur um Hits” Dass sich das Global-Underground-Stammklientel wegen der auf “Miami” allgegenwärtigen reduzierten Grooves entfremdet fühlen wird, ist indes nicht zu befürchten, denn wie immer steht der Markenname Global Underground für eine zeitgegenwärtige Clubsound-Auslese von äußerst hoher Qualität, für die Crème de la Crème. Was sind die genauen Kriterien? “Ich spiele ausschließlich Platten, die mir persönlich gefallen, Platten, die aus der Masse herausstehen. Manche Tracks werden von der Crowd erst nicht angenommen, obwohl sie gut sind. Man darf sich davon nicht abschrecken lassen. Das dauert dann etwas, aber irgendwann schlagen sie ein. Manchmal ist es wichtig, dass ein bekannter DJ wie John Digweed Tracks wie zum Beispiel ‘Kinda New’ spielt, sonst geht er unter, und das hat er nicht verdient. Nach solchen Nummern habe ich für den Mix gesucht. Es war mir außerdem wichtig, auch älteren Platten eine Chance zu geben, die ihre Halbwertszeit noch lange nicht überschritten haben – vor allem auch, wenn man in den Clubs fast gar nicht gehört hat, obwohl sie gut sind. Wenn man erfahrener wird, geht es nicht mehr um Hits. Was hilft es, irgendwelche schnelllebigen Chartserfolge draufzuklatschen, die einem irgendwann zu den Ohren rauskommen? Global Underground steht für Zeitlosigkeit.” Eine Momentaufnahme der Ewigkeit. Nur eines hat Danny zu bemängeln: “Mein Mix auf CD Nummer 2 hätte ruhig noch etwas kränker werden können. Ein oder zwei Sachen hätte ich heute anders gemacht. Ich bin außerdem super traurig, dass zwei Kompakt-Scheiben es nicht mehr drauf geschafft haben, obwohl ich die Tracks zum Teil im Studio verkürzt habe.” Doch wie werden die hiesigen Feiernasen den allumfassenden “Miami”-Mix bewerten, gerade weil viele der Tracks, zum Beispiel von den Wighnomy Brothers, Sid LeRock, Dennis De Santis, Drama Society und Unit 4 doch auch von der hiesigen Lege-Elite gezockt worden sind? “Tequila ist der Nagel zu meinem Sarg. Ich sollte es sein lassen.” Nun, sie sollten Danny eine Chance geben und den drolligen Engländer näher kennen lernen. Der ist nämlich neben seiner attestierten Liebe zum Vinyl – seine Plattensammlung reicht bis in weit in die Fünfziger zurück; gibt man ihm die Möglichkeit und einen 11-Stunden-Slot, spielt er alles, von “Tago Mago”, seltsamer Elektronik aus den 70s und 80s, Schätze wie Tantras “Kathmandu”, Disco, Jazz, Drum’n’Bass und Downtempo Minimal – auch für seine Liebe zum Feuerwasser bekannt. Doch: “Tequila ist der Nagel zu meinem Sarg. Ich sollte es sein lassen. Diese beschissenen Kater am nächsten Tag rauben mir den letzten Nerv. Aber es macht manchmal einfach Spaß, sich zum Aufwärmen einen Kurzen zu gönnen. Der führt dann zum nächsten und so kommt eins zum anderen.” Wer Arithmetik beherrscht, attestiert Danny eine stolze Flache pro Nacht – was ungefähr hinkommt, lacht Danny. “So bin ich so manches Mal platt auf dem Rücken gelandet und jemand anderes hat das Set zuende geführt – sehr zum Verdruss der Promoter. Die Crowd verzeiht einem arbeitsbedingte Aussetzer schon eher.” Vielleicht macht dieses allzu menschliche Laster den charmanten Engländer auch noch sympathischer. In einer leider oftmals viel zu stromlinienförmigen Partygesellschaft steht der eigentlich gar nicht so wahnsinnig individualistisch gepolte 34-jährige DJ – auch für seine Vorliebe für ein bisschen Eyeliner bekannt – heraus wie ein bunter Hund, ohne dieses Image großartig zu forcieren. “Viele Leute wagen heutzutage nichts mehr, weil sie Angst vor dem Urteil anderer haben. Mich hat mein Job als Krankenpfleger gelehrt, tolerant gegenüber den Marotten der Leute zu sein, denn oftmals versteckt sich hinter dem verstörenden Verhalten eines Individuums seine ganze Geschichte. Erst wenn man die Person als Ganzes kennt, sollte man urteilen.” Words und Interview: Katrin Richter. Fotos: GU/IMD. Cheers: Nikki! Pics: Courtesy of Space. Links: www.dannyhowells.com www.space-ibiza.es/ news/2004/howells.htm |