Sein kometenhafter Aufstieg endete allerdings unmittelbar danach, weil militante Tierschützer den Musiker kurzerhand niederknüppelten. Einen zweiten Anlauf nahm der in Kanada und Deutschland durch diverse Minimal-Outings auf Sub Static, Revolver, Background und Onitor zu zweifelhaftem Ruhm gekommene Sheldon del Monte LeBone dann aus seinem Exil heraus, einem Trinkerstübchen irgendwo in Köln, aus dem er die Technoszene durch seine sensationellen Rockno-Ansätze revolutionierte: „Written In Lipstick“, erschienen auf Mute/Ladomat 2000, dokumentiert den moralischen Verfall des umnachteten Genies Sid Le Rock.
“Ich hatte Heimweh nach Köln”
Nach einer sehr bewegten Kindheit in den Trinklöchern in und um Toronto und den anderen kanadischen Städten, in denen seine vagabundierenden Eltern sich niederließen, lernte der junge Sid das erste Mal ein diffuses Gefühl von Heimat kennen, als er sich in Köln wiederfand. “Die Leute, die Labels, die Clubs, all das ist überschaubar – man trifft sich immer wieder. Ich war nur für zwei Tage auf Tourstopp da, traf ich Falko und Mia von Sub Static, die Areal- und die Treibstoff-Leute – nette Menschen, die nicht völlig abheben. Und dann überall Trinkkioske, wo man einkehren und sich ein Bierchen zischen konnte, was ich mit Jake Failey und Metope auch gleich gemacht habe – da wusste ich, hier fühl’ ich mich wohl. Berlin ist mir zu viel von allem: zu viel Business, zu viel Party… Als ich zurückkehrte nach Kanada, um meine Tour durch die Staaten anzutreten, verweigerten die USA mir die Einreise, weil ich gestanden hatte, mich in meiner Jugend mal geprügelt zu haben. Und Kippen habe ich auch geklaut… Da bekam ich Heimweh nach Köln und beschloss, umzuziehen: In Nordamerika kann man vom Künstlersein nicht leben. Hier schon.” So ließ sich der einstmals in Toronto an Bassgitarren und Maschinen herumlaborierende Kanadier in der deutschen Minimalstadt nieder und sang fortan im Dunstkreis der Labels, die ihn großgezogen hatten, seine Lieder.
„Techno ist mir zu linear“
Seine mit Bass, Gitarre und Gesang verrocknofizierten Sid-Le-Rock-Tracks, die in ihrer Struktur und vom Feel her zart wie eine sprudelnde Aspirintablette, an einem verkaterten Herbstmorgen im Whiskeyglas aufgelöst, durch den Raum perlen, strotzen nur so vor Bandattitude. Eine neue Producerpersönlichkeit musste her und fand sich nebst neuem Label: “Ich finde es nicht schizophren, verschiedene Aliases zu haben. Man kann sich selbst im Frage stellen und gleichzeitig mit sich reden. Ist doch praktisch.” Man merkt gleich: Sid hat dieser Tapetenwechsel gut getan. Weil es ihm möglich ist, ohne braunes, um die Flasche gewickeltes Papier durch die Straßen zu torkeln, und weil ihm die Distanz zur Heimat auch eine gewisse Rückbesinnung möglich war: Und nicht nur ihm: “Toronto ist eine Rock-Stadt. Techno fand dort immer nur als totales Randgruppenphänomen statt – alle meine Freunde spielen in Bands. Ich höre eigentlich kaum Techno, das ist mir zu linear.” Und wenn dann Namen wie Fugazi, Ween und Violent Femmes fallen, dann leuchtet es ein, warum “Written In Lipstick” zwischen instrumentiertem Elektrorock, Minimal-Italodisco, Kraut-Ansätzen und Billy Idol hin- und herschwankt wie ein alkoholisierter Matrose. Und lustigerweise hat es nicht nur Sid erwischt: Auch Kanadier-Kollege Jake Fairley hat parallel zu Sids “Rockno”-Ansätzen den elektronifizierten Klampfengroove für sich entdeckt. So wundert es nicht, dass Fairley sich auch gleich für einen extrem minimalstampfigen Remix von “Lost In Gräser” hergab, nach “Bulldozer”, magically touched up by Metope featuring Ada und Falko Brocksieper, die zweite Singleauskopplung des Albums.
“Rockno ist ein Witz”
“Wir mögen Techno genauso gerne wie Rock, und es war ihm genauso genauso wichtig wie mir, seine Einflüsse in seine Musik einzubauen. Genau wie das Trinken ist das Rocken ein Toronto-Thing. Rockno eben." Was ist denn bitte schön Rockno, Herr Le Rock? “Rockno, das ist eigentlich ein Witz. Ich bin gerne witzig, ich nehme das alles nicht so ernst. Und weil die Leute gerne Namen hören, kriegen sie einen. Den kann man der endlosen Liste von Unterkategorien hinzufügen.” Auch witzig: Dass das soeben erschienene Bip-Hop-Album schon drei Jahre alt ist. “Jaja, das ist bloß altes Zeug. Jetzt mache ich elektronische Musik im Toronto City Rockstyle. Das kriegt man eben auch live zu hören, nicht so ein verklemmtes, ernsthaftes Laptop-Set.” Vergleicht man Sid Le Rocks Liveshow mit T.Raumschmieres Stadionrock-Allüren, dann “bin ich der Alkoholiker – Marco lebt dafür länger”, so Sid. “Ich liebe saufen. Es ist so viel erotischer, ein Glas in der Hand zu halten, als mit rollenden Augen und malmenden Lippen auf dem Dancefloor rumzustolpern.” Lieblingsdrink? “Ginger Ale und Whiskey. Oder jetzt, zur Herbstzeit, ein Godfather – Whiskey mit Amaretto. Damit kann man hervorragend allein an der Theke lehnen.” Auch zum neuen Album kann man hervorragend trinken: Echten Le Rock on the Rocks, den kriegt man mit “Written In Lipstick”.
Text> Katrin Richter. So geschrieben im Dezember 2004. Nach dem Genuss eines Bieres.
 |