02.05.2005

RL ARCHIVE FEB 05 +++ Donnacha Costello - “Auf den Begriff ‘minimal’ bin ich nicht mehr allzu scharf.”








“Ich wollte mich einfach nur selbst herausfordern”

Fast schien es, als ob Donnacha sich mit denen von ihm selbst auferlegten Limits und Beschränkungen, denen er sich vor ein paar Jahren im Rahmen seiner archetypischen runtergestrippten Clicksounds unterwarf und dessen Konzept er strikt folgte, in eine konzeptuelle Sackgasse manövrieren würde. Hinzu kam die Pleite von Force Inc., dem Outlet, das dem Iren ein Forum für sein 2001 erschienenes Debütalbum “Growing Up In Public” und dem auf dem Sublabel Mille Plateaux releasten Nachfolger “Together Is The New Alone” bot. Zum Glück war das noch nicht das Ende im Gelände. Mit seinem eigenen Label Minimise ging der Dubliner systematisch und befreit ans Werk und meldete sich 2004 mit einer Kaskade von Farben auf seinem eigenen Label zurück. Von Blue, Orange über Opal, Mustard, Pistacio und nun zu guterletzt die im Januar erscheinende Cocoa – Kakao –, reichte die Palette, die dem Fan jenseits der Spektralfarben auch soundtechnisch auf wenig ausgelatschten Faden wandelten, entgegenblitzten. Jeder Track schien wie ein anderer Teil von Donnacha Costello, fragmentartig zeigte er sich und sein Spektrum, jeder Teil nur ein Teil des Ganzen, jeder Sound rief andere Gefühle hervor, was sich schließlich zu einem großen Gesamtbild zusammensetzte. Das Konzept war denkbar einfach: “Der Grundgedanke hinter Minimise war, dass ich mir selbst ein Forum schaffe, in genau der Art und Weise, wie ich es für richtig halte. Also tat ich es. Ich wollte mich einfach nur selbst herausfordern und unterwarf mich einem sehr enggesteckten Releaseschedule, jeden Monat eine andere Farbe. Eine Platte nach der anderen, ohne Pause. Die Farben ordnete ich ganz einfach dem Sound der Platten zu. Manche Sounds passten einfach zu einer Farbe, andere nicht. Die Musik kam quasi aus dem Nirgendwo, ich arbeitete einfach spontan drauflos, ohne mir großartig Gedanken zu machen. So fühlt sich die Colourseries auch an, sehr positiv, mitreißend, lebensbejahend und sehr emotional.”

“Emotionen in Musik waren mir schon immer wichtig”

Er fährt fort: “Emotionen in Musik waren mir schon immer sehr wichtig, sei es als Hörer oder als Produzent. Mein Mille-Plateaux-Album “Together Is The New Alone” war bis jetzt mein ehrgeizigstes Projekt. Mir war er sehr wichtig, meine Gefühle zu kommunizieren, aber im Gegensatz zu der Colours waren es darke Emotionen. Es hat mich ehrlich gesagt total überrascht, wie erfolgreich ich dann mit der Coloursserie war.” Mit Tracks wie “Infinity” setzte Costello gleich noch einen drauf, was die Wärme und Lieblichkeit seiner Produktionen anging: “Die Platte habe ich mehr mit Herz und Seele produziert als mit dem Kopf. So produziert man die beste Musik.” Kann man von Nostalgie sprechen, wenn Costello bleepige Synthesizer-Melodien, inspiriert von alten Leeds-ravigen Warp-Platten, die zum Hände in die stroboverseuchte Luft recken animieren, mit groovigen Beats verschmelzen lässt? “Ein wenig vielleicht. Das war eine Reaktion auf die ganze Software-Musik, die zur Zeit alles dominiert. Ich ziehe es vor, das alte Equipment zu benutzen, in dessen Sounds ich mich einst so verliebt habe… Roland TB-303, Roland TR Drummachines und alte Synthesiser. Die lieblichen Sounds in meinen Tracks sind auf diese alten Schätzchen zurückzuführen, denn altes Equipment bringt viel schönere Sounds hervor als Software-Synthesizer. Ich beschäftige mich damit zur Zeit sehr intensiv und bin fasziniert von Formationen wie zum Beispiel Yazoo und OMD und deren Synthesizern und Produktionsmethoden. In den späten Siebzigern und frühen Achtzigern fand man eine gewisse Freiheit und einen Optimismus in der Musik, die man in modernen Produktionen irgendwie eingebüsst und durch dieses schon fast überhebliche technische Überlegenheitsdenken eingetauscht hat. Diese sehr selbstbewusste Coolness dominiert einen Großteil der heutigen Microhouse-, Techno- und Poptechno-Produktionen. Ich freue mich, wenn ich gute Musik finde, die sich so schmerzhaft hip zu klingen versucht.”

“Ich beschränke mich immer noch auf die eine oder andere Weise”

Schon lange hat es sich angekündigt, dass die dunkle und strenge Seite, die die manchmal schon fast zu präzisen Clicks und Cuts bisheriger Costello-Releases mit sich brachten, einer verspielten und weicheren Seite wichen. Zum Vorschein kam der weiche Costello unter anderem mit den wunderschönen 12”s auf D1, Dublins erstem reinen Techno- und Elektrolabels, ins Leben gerufen vom Originator Eamonn Doyle. “Ich beschränke mich immer noch auf die eine oder andere Weise, aber ich glaube schon, dass mein Style generell lockerer und freier geworden ist. Natürlich produziere ich immer auf eine sehr bestimmte Art und Weise und wende bei allem, was ich tue, meine eigenen Standards an. Ich mag es immer noch nicht, meine Tracks auf eine ganz bestimmte Weise zu überfrachten und an bestimmten Stellen Sounds zu platzieren, so gefällt es mir nun einmal nicht. Das Resultat ist, dass ich recht stromlinienförmige Tracks hervorbringe, in denen nicht zu viel passiert und hoffentlich alles genau dort ist, wo es hingehört, am rechten Platz. Ich bin halt ein wirtschaftlicher Reduzierer. Das ist nicht das Gleiche, wie ‘minimal’ sein. Um ehrlich zu sein, stehe ich auf den Begriff überhaupt nicht mehr. Ich vermeide ihn lieber. Mir ist schon klar, dass dann es nicht gerade clever ist, sein Label ‘Minimise’ zu nennen. Aber vor fünf Jahren habe ich halt noch anders gedacht. Als ich bei Kompakt unterkam, machte es keinen Sinn, mir dann noch einen neuen Labelnamen zuzulegen, denn überhaupt einen so einen Vertrieb wie Kompakt zu finden als Ire mit einem Label wie meinem ist schon kritisch genug. Ich habe mich auch menschlich total verändert und das spiegelt sich selbstverständlich auch in meiner Musik wider. Ich bin viel relaxter und fühle mich wohl in meiner Haut, und daher macht mir auch das Produzieren wieder viel mehr Spaß. Außerdem habe ich mir viel neues Equipment zugelegt, und so bastle ich an einem komplett neuen Sound fürs nächste Jahr.” Zusammen mit David Donahue, der gerade sein Enya-artiges Minimalambientfolk-Album namens “Statuesque” auf D1 veröffentlicht hat, plant Costello etwas Neues.

“Ich bin ein wirtschaftlicher Reduzierer”

“Davids Style und Produktionsansätze sind ganz anders als meine. Immer wieder schleichen sich bei ihm alte Trance-Referenzen ein, die fordernd-treibendes, analoges Feel haben. Das scheint auch unheimlich gut anzukommen. Bei unserem Projekt dreht sich alles um einen alten Sequencer. Er gehörte einstmals dem Produzenten Martin Rushent und fand in dem Human-League-Album ‘Dare’ Verwendung. Wir werden ihn in Verbindung mit einem speziellen Synthesizer, den ich selber bauen will, und einem von mir wieder instandgesetzen Synthie einsetzen. Der Sequencer wird zum Sequencen von allen Elementen wie Melodien und Rhythmen zum Einsatz kommen – wir wollen die Tracks nur daraus bauen. Abgesehen davon werde ich weiterhin im Fließbandverfahren Platten herausbringen. Es funktioniert gut, wenn ich viel zu tun habe, dann komme ich nicht auf dumme Gedanken. Kooperationen mit anderen Labels sind geplant, ich werde nicht nur Platten auf Minimise releasen. Ich kann zwar keine Namen nennen, aber es sind Labels, die mich sehr inspiriert haben.” Desweiteren geplant: Eine reine Hardware-Liveshow, die ganz im Gegensatz zu Donnachas Laptop-Live-Setup, das zur Zeit wie eine aufgevampte, mit Überraschungsmomenten gespickte Version der Colourseries klingt, nur auf analogem Equipment gespielt wird, wie man es auch in Donnachas Studio vorfindet. Für eine Show, die am 22. Januar in Paris stattfinden wird, musste Donnacha, der, vom Reisen mit verlorengegangenem oder beschädigtem Equipment geschädigt, keine reinen Hardwareshows mehr spielte, sich etwas Spezielles einfallen lassen, denn die Promoter lassen keine Laptops zu (interessantes Konzept!). Man einigte sich auf ein Mischpult, eine 909 und ein Effektgerät sowie einige Geheimwaffen, die in Donnachas Handgepäck reisen werden, und so arbeitet der Ire zur Zeit an einem komplett freestyligen Specialset, das ausschließlich auf neuem Material basiert” “Die Colourseries kann man auf diesen Maschinen nicht nachspielen, weil es keine Möglichkeit zu Samplen gibt.” Das Material wird sich auch in euren Ohren wiederfinden, denn das neue Liveset wird zugleich auch die Grundlage für die Releases im nächsten Jahr.

Traumstudiopartner
U2, Brian Eno, Daniel Lanois, Vince Clarke, Morrissey, Phil Collins (kein Witz), The Police (weil ich “Invisible sun” vom 1981 erschienene Album “ghost in the machine” so liebe, Peter Gabriel, Kate Bush.

Größtes Vorbild
Brian Eno und eine Menge anderer Leute.

Größter Einfluss
Richie Hawtin wegen seiner Plastikman-Produktionen. 1994 habe ich ein technisches Interview über sein Studio und seine Produktionsmethoden gelesen und das hat mein Interesse an Maschinen wie der 808/909 und 303 geweckt.

Meine Tugenden und Laster
Ehrlichkeit und gute Manieren auf der einen Seite, analoge Synthesizer und Alkohol auf der anderen.

Text> Katrin Richter. Fotos> Donnacha Costello. Thanks to Ron, Francois und Eamonn.

Link:
www.minimise.com




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