29.04.2005

RL ARCHIVE OCT 04 +++ Es gibt kein Entrinnen: Die spinnen, die Finnen. Im Studio mit Pepe Deluxé und Husky Rescue








Doch wie soll es nach solchen Karrierehighlights noch weitergehen? Es kann ja nur im Desaster enden: aufgeblasene Egos, Drogensucht und Sexabhängigkeit. Das Übliche eben. Doch nicht im hohen Norden. In Helsinki, der Stadt der immerwährenden Dunkelheit, macht allenfalls der Him-Sänger im Sexshop seines Vaters einen auf dicke Hose. Husky Rescue dagegen, die mit schimmernder Nordic-Coffeetable-Relaxation ins Ohr schmeicheln, releasten erfolgreich ihren ersten Longplayer “Country Falls”. Derweil stellt man sich bei Pepe Deluxé ganz andere Fragen: Wie kann man das Drittalbum-Dilemma lösen? Wie lebt man mit der Schmach, als Salami-Band gebrandet zu sein? Ertränkt man den Lederhosen-Frust mit Leberwurstsud...? Schließlich müssen die an Salamifieber erkrankten Jungs von Pepe Deluxé mal wieder Tantiemen ranschaffen, um die verhungernden Musiker im Studio zu füttern. Ohne Wurst keine Bassline… Raveline recherchierte.

"Greetings, my friends. We are all interested in the future, for that is where you and I are going to spend the rest of our lives. And remember, my friends, future events such as these will affect you in the future." Criswell in “Plan 9 from Outer Space” (Edward D. Wood jr.)

Jeans vs Sausages

“Du willst uns also zu einer Jeans-Band degradieren, oder noch schlimmer, zu einer Wurst-Band”, begrüßt uns ein hocherfreuter Jari Salo, Mastermind des ominösen Pepe-Deluxé-Outfits. “Danke für das Kompliment, aber ich fürchte, dass ‘Before You Leave’ immer noch unsere größter Hit ist (der es sogar genau bis auf die zwanzigste Position der Top-20 gebracht hat – Anm. d. Autorin). Dennoch, einmal Levis-Band, immer Levis-Band, verflixt und zugenäht, es ist ein echtes Stigmata, und dabei haben wir für den Freundschaftsdienst nicht ein Gratispaar Hosen gekriegt.” Und widerlegt mit seinen wasserfallartigen Wortkaskaden gleich seine eigene Theorie, als Finne könne man sich nicht auf komplexe Themen wie Smalltalk einlassen, weil man als Nordmann nur bedingt kommunikationsfähig sei: Wofür Franzosen fünfzig delikate Sätze brauchen, kläre man im Land der Rentiere mit einem Grunzen. “Außerdem bin ich ein Mann, auch wenn das jetzt überraschen mag. Das bedeutet, dass wir verborgene Botschaften sowieso nicht mitbekommen.” Okay, Jari. Lass’ uns mit einem Ja-Nein-Interview-Style fortfahren. “Pepe Deluxé hat mit ‘Beatitude’, eurem zweiten Album auf Catskills, das internationale Publikum völlig umgehauen und außerdem im Irrglauben gelassen, bei euch handele es sich um einen Haufen psychedelisch angehauchter Jazzmusiker auf Easy-Listening-Trip, der in einem Big-Beat-Discounter endet, wo hemmungslos alle Fastfood-Konserven geplündert werden, um sie bei einer wilden Orgie genüßlich auszuschlürfen.” – “Ja, nein, no habla ingles….” Bravissimo. Also, wenn das Klischee des stillen mysteriousen Nordmannes überhaupt auf irgendjemanden zutrifft, dann auf Marko Nyberg, der Kopf von Husky Rescue. Der lächelt nur still in sein Bier. Tiefe Wasser sind ja bekanntlich still.

“Manufactured by beautiful girls..."

Wir tauchen ein in die wunderbare Studiowelt von Pepe Deluxé. Jari ist gerade dabei, ein Mikrophon, das sein Großvater aus einem Telefon gebaut hat, “um kreativ zu sein”, vor dem klampfenden Gitarristen Miikka MacGyver – “ein Werkzeug für jedes Problem” – aufzubauen. Dabei schwatzt Jari ununterbrochen, ohne sich auch nur im geringsten zu schämen. Da ist unter anderem die Rede von Saunasessions und dem extensiven Bizeps-Training, dem er sich unterwirft, um den Pepe-Look zu konservieren: ”Natürlich, um den legendären ‘Schlecht gutaussehen’-Style unserem allgemeinen Vibe anzupassen. Es gibt doch nichts besseres als Männer, die auch wie Männer aussehen. Ansonsten bin ich gerade total damit ausgelastet, Musiker wie dem Stalagpipe-Orgelspieler und dem Matrixdrucker-Synth-Erfinder für mein neues Album zu gewinnen, aber bis jetzt hat auch die Aussicht auf immerwährenden Ruhm und nackte nubische Königinnen keine Reaktion hervorgerufen.” Er fährt fort: “Ich liebe meinen Job: Ich kann mich auf ‘positiv intellektuell motivierte’ Art und Weise prostituieren, auch wenn man sich über das ‘intellektuell’ streiten kann.” So überrascht es nicht, dass Amr und Khalid, die Macher von Catskills Records, Pepe Deluxés “Salami Fever” (Plattenaufschrift: “Hergestellt von wunderschönen Mädchen in einem angenehmen Ambiente”) fast an Wonderbra verschachert hätten – ohne mit der Wimper zu zucken. Doch dann schlug Levi’s zu. Die wunderbare Werbewelt.

Everything Begins At The Beginning…

Der Sounddesigner Marko Nyberg fabriziert als erfolgreicher Studiobetreiber gnadenlos Sounds und Jingles für Banken und Versicherungen. Solche Aufträge bezahlen die Mini Moog Voyager, die in der Lobby vom El-Camino-Studio stolz und blau vor sich hin leuchtet. Und die bis zu zwanzig Studiomusiker pro Album, die sich alle einen Wolf geigen. Viele Ideen und Sounds, aus denen ‘Country Falls’, eingängig-schnulzig und vielschichtig aufgetragen zugleich, erfolgreich zusammengefügt worden ist, stammen aus den zahlreichen Werbemusik-Sessions in El Camino. Mit dem Studio-Projekt Husky Rescue, das sich langsam zu einer Liveband wandelt, hat Marko endlich seinen eigenen Stil gefunden, leichtfüßig-poppiger Downbeat mit melancholisch-schönen Untertönen und voller zarter Instrumentierungen, mit Liebe eingespielt. Pepe-Member Jari – der zweite im Bunde ist der um Anonymität bemühte JA-Jazz – erzählt, wie alles zusammenhängt: “Man muss die Konkurrenz im Auge behalten, deswegen hat Marko für das zweite Pepe-Album einige Stücke abgemischt. Ich bin eigentlich ein bisschen eifersüchtig auf Marko, auf seine tollen Haarstyles und sein chices skandinavisches Studio-Interieur – und er schätzt meine Unabhängigkeit und kreativen Ansätze. Wir befruchten uns sozusagen gegenseitig.” Auch Paul, eine weitere Creative Force hinter Pepe Deluxé, verdingt sich für eine große Werbeagentur in New York, liefert aber mit seinen herzhaften, butterbergdicken Hooklines die zündende Ideen, die Jari dann gnadenlos in seinem musikalischen Freak-Kabinett verbrät.

Back In Time To Save The Future

Wenn einer, zumindest theoretisch, Rockstar-Potential hat, dann ist es Marko Nyberg. Der wasserstoffblonde Lederjackenträger hat den Style gepachtet und mit seiner langsam konkrete Gestalt annehmenden Livekombo, bestehend aus variablen Bandkomponenten – allesamt hochtalentierte Musiker mit professionellem Background – auch den nötigen Backup, um live vor einem kritischen Indie-Publikum bestehen zu können. Nicht mehr und nicht weniger als ein Augen- und Ohrenschmaus. Rockfaktor 10. Glamour nicht ausgeschlossen. Crossoverpotential 100 Prozent: Aufgrund der zahlreichen Elektronikelemente – DJ Shadow flirtet mit Röyksopp, die Unschuld vom Lande macht’s mit dem Country-Cowboy und skandinavische Schlichtheit poppt mit schmachtendem Bombast – finden sich auch Song-Muffel und Track-Liebhaber ohne Probleme in Nybergs einfach gestrickten Songstrukturen zurecht. Für Entspannung sorgen Eingängigkeit – hier scheint der Werbespezialist eindeutig durch – und positiven Vibrations. Die Band wird in Skandinavien als eines der nächsten Dinger gehandelt. Es geht Schlag auf Schlag. Gerade wurden sie in Amerika vom Minty Fresh gesigned, eine Tour folgt, das letzte Wochenende hat die Husky-Rescue-Meute in einem Parkhaus verbracht, wo ein Musikvideo von dem gleichen Guy gedreht wurde, der schon die Bomfunk MCs visuell ins rechte Licht gesetzt hat. Man kennt sich hier. Der Bomfunk macht übrigens gerade mal wieder ein Album.

How To Play

Genau wie Pepe Deluxé: Das nervenwrackendes Drittalbum! Wie überbietet man denn das Pepperoni-Spaghettiwestern-Autoverfolgungsjagd-Sex-Drungs’n’Roll’n’Roll-Inferno von “Beatitude”? Kann es noch krasser kommen? Oh yes: ”Ich installiere gerade Unterwasser-Mikrophone,” erzählt Jari, während Miikka eine kleine Kiste im Raum positioniert. Immer und überall diese Namen, die nur aus dreifach Vokalen und Konsonanten bestehen. Und obwohl Finnisch mehr wie Walgesang klingt, sind die Finnen den Deutschen gar nicht so unähnlich. Sie mögen Umweltschutz und sind sehr penibel. “Später kommt ein selbstgebautes Vibrato-Pedal zum Einsatz, und dafür brauche ich Marko: Wenn wir über Babes und Architektur – richtig gut gebaute Babes – reden, kommen uns immer die besten Ideen.” Hier werden die die absoluten Limits des technisch Machbaren in Verbindung mit maskuliner Männlichkeit, Gear und Girls ausgekundschaftet. Doch wo ist das Bier? Der Exzess? “Hey, ich bin Computer Consultant und kein Rockstar! Die arbeiten in den Sexshops ihrer Väter.” Spricht’s und nimmt mit fünf verschiedenen Mikros ein paar Gitarrenriffe auf Cassette auf, um ein “Original Sixties-Feel” zu simulieren. Dann vergreift sich Miikka armwedelnd an dem Kasten, einer Theremin. Ein Soprano-Geisterchor, der wie Huibuh auf Acid klingt, die geplagten Seelen der schaffenskrisengebeutelten Pepe-Deluxé-Kreatoren, füllt den Raum. Der Sound wird im Anschluss durch ein Wahwah-Pedal gejagt. Jimi Hendrix cry your heart out. Auch wenn dies zunächst das Equipment lahmlegt – die wahre Herausforderung liegt im Erschaffen von seltsamen Effekten, der Manipulierung von bereits bekannten Sounds. Die Welt ist voller Instrumente. Utilise them.

Text> Katrin Richter. Fotos> Katrin Richter.


Hotspots Helsinki

Jetzt gerade auf dem Brightoner Label Catskills erschienen: Husky Rescues silberig poppiges Coffeetablealbum "Country Falls", das mit zarten Folk- und Pornoanleihen besticht. Die driving Force hinter dem Bandensemble, Marko Nyberg, läd euch nach Helsinki ein...

Jeder weiß, wo ‘ne Party geht: "Obwohl die Stadt recht modern und clean rüberkommt, hat sie doch eine Seele. Helsinki ist nicht groß, und alles kann zu Fuß erreicht werden. So läuft man sich auch immer wieder über den Weg und irgendeiner weiß dadurch immer, wo die Party abgeht. Also, fragt einfach jemanden auf der Straße, der wird euch schon sagen, was geht. Anfang der Neunziger gab es hier an jeder Tankstelle eine Bedienung, die einem oben ohne das Frühstück serviert hat. Haferflocken um sieben Uhr morgens und dazu bare Brüste, was wollte man mehr? Leider ist das Geschichte. Vielleicht zum Glück. Kommt drauf an, wie man so drauf ist."

Wie man hier einen perfekten Tag verbringt: "Mit einer Flasche Wein vom Alko und einem Gourmetkorb von Stockmann sollte man sich Richtung Kauppatori aufmachen, einem Marktplatz direkt am Meer. Mit einem sexy Bikini bekleidet kann man hier schön picknicken und dann mit dem Boot nach Soumenlinna (Sveaborg) cruisen. Auch im Winter ist die Aussicht fantastisch und bei einem Lumumba im Walhalla äußerst spektakulär. In Helsinki kann man auch hervorragend shoppen. Finnische Worte, auf T-Shirts gedruckt, sind gerade total in, außerdem empfielt sich das Zeug von finnischen Designern wie Nanso und Annankatu und Uudenmaankat. Checkt Livana Helsinki oder den Myymälä2 Shop."

Und abends gut absteppt: "Abends sollte man sich die glitzernden Lichter der Stadt in einer gemütlichen Location wie der Atelier Bar oder dem Hotel Torni sitzend reinziehen. Frische Sounds aus East London findet man im Mocambo Club, der am Wochenende sehr überfüllt sein kann, weil mindestens bis vier Uhr nachts gefeiert wird. Betrunken und hungrig? Dann ab zu Carol’s, der Helsinki-Version von McDonald’s. Die guten Neuigkeiten? Am nächsten Tag geht alles wieder von vorne los!"



Newsletter PlanetFriends CONTACT